Die italienische Kapitulation – Verrat?

Die italienische Kapitulation trug dazu bei, die militärische Lage des Deutschen Reiches weiter zu verschlechtern. Noch nach 1945 war in Deutschland lange Zeit von „Verrat“ des ehemaligen Verbündeten die Rede gewesen.

Wie kam es zum Zusammenbruch des italienischen Faschismus? Und wer verriet wen? Und kann man hier überhaupt von Verrat sprechen?

Italien tritt in den Krieg ein

1940 trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein. Die nächsten Monate zeigten, dass die italienische Armee nicht ausreichend vorbereitet war. Auf dem Balkan, im Mittelmeer und in Nordafrika erlitt sie schwere Niederlagen. Deutschland musste Truppen nach Nordafrika entsenden, um Rom zu unterstützen. Mussolini bestand 1941 darauf, dass italienische Divisionen am Krieg gegen die Sowjetunion teilnahmen. Italien sollte nicht zum Juniorpartner der Deutschen werden.

1942 entwickelte sich die Situation für Rom immer schwieriger. Die 8. Armee, zur Unterstützung der Deutschen auf dem Südflügel der Ostfront eingesetzt, erlitt im Winter 1942/43 schwere Verluste.

In Nordafrika scheiterte der Versuch der italienischen und deutschen Truppen, Agypten zu erobern. Im Gegenteil: Nach der Niederlage bei El-Alamein im November 1942 mussten die Verbündeten sich in Richtung Tunesien zurückziehen. Lybien, bis dahin italienische Kolonie, war verloren.

Im Frühjahr 1943 trat immer deutlicher zutage, dass es zwischen Berlin und Rom keine gemeinsame Strategie gab. Für Hitler hatte der Krieg gegen Russland militärisch und politisch Vorrang. Für Mussolini stand der Kampf im Mittelmeerraum im Vordergrund.

Anfang Mai 1943 mussten die deutsch-italienischen Streitkräfte in Tunesien kapitulieren. Hohe italienische Offiziere hielten den Krieg für verloren. Sie drängten Mussolini, das Bündnis mit dem NS-Regime aufzukündigen und einen Sonderfrieden mit den Engländern und Amerikanern abzuschließen. Einen Angriff auf das italienische Festland könne die eigene Wehrmacht nicht mehr abwehren. Die besten Truppen wären in Russland und Nordafrika vernichtet worden. Die Reste der Armee bestünden aus älteren Jahrgängen und frisch eingezogenen Rekruten. Sie verfügten über veraltete Waffen. Hinzu käm eine große Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung.

Aber wie sollte man sich des mächtigen Verbündeten entledigen? Und wie konnte der Machtwechsel gelingen, ohne das autoritäre politische Regime zu zerstören?

Die Krise der Diktatur

Der Faschismus hatte das öffentliche Leben nie so bestimmen können wie in Deutschland. Die traditionellen Eliten, der König und das Militär hatten die Errichtung einer Diktatur in den zwanziger Jahren unterstützt. 1940 hatte Mussolini zusätzlich den Oberbefehl über die Streitkräfte übernommen.

Zu Beginn des Jahres 1943 bildete Mussolini seine Regierung um. Neben dem Amt des Ministerpräsidenten übernahm er auch die Leitung der Außenpolitik. Zum Chef des Oberkommandos der Streitkräfte ernannte er Generaloberst Ambrosio, einen Offizier, der den Deutschen ablehnend gegenüberstand.

Auch der König bereitete sich darauf vor, wieder in die Politik einzugreifen. Ihm war klar, dass eine militärische Niederlage ihm den Thron kosten könne. Viktor Emmanuel beriet sich mit Faschisten wie Dino Grandi, die zum gemäßigten Flügel der Partei gehörten.

Der Monarch ahnte, dass eine militärische Niederlage zum Sturz er Dynastie führen könne. Innerhalb der Faschistischen Partei wollte der gemäßigte Flügel Mussolini entmachten und das Land aus dem Krieg herausführen.

Anfang Januar 1943 soll der König zum ersten Mal an die Entmachtung Mussolinis gedacht haben. Generaloberst Ambrosio bestärkte ihn in den nächsten Monaten. Aber der „Duce“ (so wurde Mussolini auch genannt) war immer noch ein gewichtiger Machtfaktor. Der Putsch konnte nur aus der Partei heraus Erfolg haben.

Dazu bot sich der Faschistische Großrat an. Mussolini hatte ihn lange nicht mehr einberufen. In der Regel segnete das Gremium die Entscheidungen des Diktators ab. Angesichts des Machtvakuums, das im Frühjahr 1943 immer offensichtlicher wurde, konnte der Großrat Mussolini entmachten, ohne dass der König sich kompromittieren musste.

Viktor Emmanuel notierte am 15. Mai 1943, dass man sich mit faschistischer Propaganda zurückhalten solle. Außerdem sollten die italienischen von den deutschen Truppen getrennt werden, denn die deutsche Wehrmacht könne unvermutet wie 1918 zusammenbrechen (1).

Wie der König zu dieser Schlussfolgerung kam, ist unklar. Mussolini hatte in seinen wöchentlichen Audienzen Rommel für die Niederlagen in Afrika verantwortlich gemacht. Möglicherweise unterschätzte der Monarch daher die Leistungsfähigkeit der Wehrmacht.

Im Juni und im Juli fanden hinter den Kulissen Gespräche zwischen dem König, hohen Politikern der faschistischen Partei und den Militärs statt. Mussolini unterschätzte die sich bildende Opposition. Seit 1922 hatte der König bei Machtproben stets einen Rückzieher gemacht. Außerdem unterschätzte der „Duce“ die Bereitschaft der Westmächte, mit den Italienern einen Sonderfrieden zu schließen.

Als im Juni 1943 Engländer und Amerikaner auf Sizilien landeten, musste Grandi die Initiative ergreifen. Die italienischen Soldaten leisteten kaum noch Wiederstand. Das deutsche Oberkommando der Wehrmacht beschloss die Räumung der Insel. Auch ein Treffen zwischen Hitler und Mussolini in Feltre am 17. Juli 1943 vermochte die Krise im Bündnis nicht mehr lösen. Einen Tag vorher hatte Mussolini den Großrat einberufen. Grandi wollte den Antrag stellen, den König wieder mit dem Oberbefehl über das Militär zu betrauen.

Die Sitzung des Großrates

Die Sitzung begann am 24. Juli 1943 bereits um 17. 00 Uhr. Mussolini schien keine Gefahr zu wittern. In seinem Eröffnungsreferat rechtfertigte er seine Politik. Darauf kam es zu einer heftigen Diskussion, in der sich der „Duce“ mit dem Argument verteidigte, er hätte den Oberbefehl 1940 nur widerwillig übernommen.

Grandi verschärfte daraufhin seine Kritik; der Ministerpräsident hätte aus dem Faschismus eine Einpersonenherrschaft gemacht. Andere Redner plädierten ebenfalls für die Wiedereinsetzung des Monarchen als Oberbefehlshaber, sprachen sich aber für eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland aus.

Gegen Mitternacht unterbrach Mussolini die Sitzung. Vertraute bedrängten ihn, Grandi und seine Unterstützer verhaften zu lassen. Mussolini soll abgewunken haben. Gegen 2.00 Uhr ließ er abstimmen. Die Mehrheit sprach sich für den Antrag von Grandi aus. Mussolini verließ kurz angebunden die Sitzung. Um acht Uhr – wenige Stunden später –  betrat er wie gewohnt sein Dienstzimmer.

Seine Gegner hatten noch in der Nacht gehandelt. Grandi traf sich mit Ambrosio und dem Minister des königlichen Hauses. Der Monarch hatte sich einige Tage zuvor für eine Übergangsregierung ausgesprochen, der nur Soldaten angehören sollten. Die Faschistische Partei wollte er ausschalten.

Benito Mussolini schien am Vormittag des 25. Juli 1943 die Situation immer noch falsch einzuschätzen. Er ging seinen normalen Amtsgeschäften nach. Für den Sonntagnachmittag ersuchte er um eine Privataudienz beim König. Gegen 17.00 Uhr erschien Mussolini im königlichen Palast. Viktor Emanuel dankte ihm für seine Verdienste und teilte ihm mit, dass er sich entschlossen hätte, Marschall Badoglio zum neuen Ministerpräsidenten zu ernennen. Als Mussolini das Gebäude verlassen wollte, wurde er verhaftet und in eine römische Kaserne gebracht.

Italien erklärt Deutschland den Krieg

Das Regime brach zusammen, als die Verhaftung Mussolinis bekannt wurde. Grandi und seine Mitstreiter hatten sich verschätzt. Der Historiker Jonathan Steinberg meinte, der „Faschismus löste sich in einer Rauchwolke auf“ (2). Die Politiker des alten Regimes wurden nicht mehr gebraucht. Grandi – um nur ein Beipiel zu nennen – lebte lange Jahre im Exil, kehrte in den sechziger Jahren nach Italien zurück, wo er zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, die er aber nur teilweise verbüßte. Er starb 1988 in Bologna.

Die Regierung Badoglio schloss am 8. September 1943 einen Waffenstillstand mit den Westmächten ab. Ende September unterzeichnete Badoglio die bedingungslose Kapitulation des Königreiches Italien. Am 13. Oktober 1943 erklärte Rom dem NS-Regime den Krieg.

In Berlin hatte man mit dem Abfall Italiens gerechnet. Seit Juli verlegte die Wehrmacht Truppen auf die Halbinsel. Ursprünglich wollte der Wehrmachtführungsstab Teile Italiens räumen und nördlich von Rom eine Verteidigungslinie aufbauen.

Generalfeldmarschall Albert Kesselring, mit dem Oberbefehl in Mittel- und Süditalien betraut, überzeugte Hitler davon, südlich von Rom die Alliierten aufzuhalten. Würde man sich – wie vom Wehrmachtführungsstab vorgesehen – nach Norden zurückziehen, könnten die Alliierten von Flugplätzen in Mittelitalien aus Ziele in Deutschland bombardieren. Außerdem begünstige das Gelände die Verteidiger. Nicht zuletzt zählte für Hitler, dass eine Preisgabe Süditaliens den Engländern und Amerikanern eine Invasion auf dem Balkan erleichtert hätte. Dort gab es Rohstoffe, die das Reich für seine Rüstungsindustrie benötigte.

Kesselring gelang es, im September 1943 südlich von Rom den Vormarsch der Westmächte vorerst aufzuhalten. Im November 1943 wurde er offiziell zum Oberbefehlshaber in ganz Italien ernannt.

Die Deutschen als Besatzer

Benito Mussolini wurde im September 1943 von den Deutschen aus seiner Haft befreit. In Salo residierte er als Diktator von Hitlers Gnaden, ehe ihn italienische Partisanen kurz vor Kriegsende erschossen.

Der Bruch des Bündnisses machte Italien zum Kriegsschauplatz. Generalfeldmarschall Kesselring konnte die Alliierten nicht stoppen. Aber die von ihm geführte Heeresgruppe C verzögerte den Vormarsch der Westmächte.

Die italienischen Truppen in Italien und auf dem Balkan wurden im September 1943 entwaffnet. Die Soldaten wurde nicht wie Kriegsgefangene behandelt. Als sogenannte Militärinternierte mussten sie in Deutschland in der Rüstungsindustrie unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Mussolini setzte sich mehrfach für sie ein, aber erst im Juli 1944 erklärte sich Hitler bereit, sie in Zivilarbeitsverhältnisse zu überführen. Deutschland durften sie jedoch nicht verlassen.

In Italien kam es hinter der Front zu einem blutigen Partisanenkrieg, auf den die Deutschen mit Repressalien reagierten, die teilweise völkerrechtswidrig waren. Albert Kesselring wurde nach dem Krieg in Venedig vor Gericht gestelllt und zum Tode verurteilt. Kurz darauf wurde er begnadigt. In Deutschland saß Kesselring bis 1952 im Zuchthaus. Nach seiner Entlassung engagierte er sich in soldatischen Traditionsverbänden.

Der Versuch, Mussolini zu entmachten und Italien die Fortführung des Krieges zu ersparen, scheiterte völlig. Aus deutscher Sicht wurde nach dem Krieg lange vom „italienischen Verrat“ gesprochen. 1982 veröffentlichte der Publizist Erich Kuby ein Buch mit dem Titel „Verrat auf deutsch“. Kuby beschreibt die Brutalität, mit der die Deutschen nach dem 8. September 1943 ihre ehemaligen Verbündeten behandelt hätten. Ca. 45 000 Militärinternierte wären bis Ende des Krieges umgekommen.

Der Militärhistoriker Gerhard Schreiber legte 1989 eine grundlegende Untersuchung über das Schicksal der Militärinternierten vor. Während Deutschland bis heute eine Entschädigung im Einzelfall verweigert, änderte die italienische Justiz 2008 ihre Einschätzung. In beiden Ländern wurde über dieses Thema lange Zeit nicht gesprochen.

Die italienische Kapitulation – ein Verrat?

Juristen können einen solchen Sachverhalt nach dem geltenden Recht beurteilen. Wie geht ein Historiker damit um?

Tatache ist, dass sich zwei rechtsradikale Diktaturen verbündeten, um ihre Großmachtpläne zu verwirklichen. Italien wurde von Deutschland nicht gezwungen, am Krieg teilzunehmen.

Nach der Niederlage von Stalingrad drängten höhere italienische Offiziere Mussolini, das Bündnis mit Deutschland aufzukündigen. Man hatte erkannt, dass das Reich den Krieg verlieren würde.

Doch der „Duce“ fand nicht den Mut, offen mit Hitler zu reden. Er wusste, dass sein Land zum Juniorpartner geworden war und deshalb keine Forderungen stellen konnte. Auf italienischer Seite bildeten sich innerhalb des Regimes mehrere Gruppen, die die Aufassung vertraten, dass die Fortsetzung des Krieges an der Seite Deutschlands das größere Übel wäre. Nach dem Sturz Mussolinis knüpften sie sofort Kontakte zu den Westmächten, auch wenn Badoglio den Deutschen versicherte, man werde im Bündnis bleiben. Man kann das als „Verrat“ bezeichnen. Aber wäre es nicht auch „Verrat“ am eigenen Lande gewesen, den Deutschen auf dem Weg in die Katastrophe zu folgen?

Auf der anderen Seite musste die Wehrmachtführung zumindest den Versuch unternehmen, die miitärischen Folgen einer italienischen Kapitulation abzumildern. Warum forderte das italienische Oberkommando immer wieder deutsche Hilfe an, während die eigenen Soldaten nicht mehr bereit waren, eine alliierte Invasion zu bekämpfen? Und warum sollte man noch an das Ehrenwort eines italienischen Feldmarschalls glauben, obwohl es fast schon die Spatzen von den Dächern pfiffen, dass ein italienischer General in Portugal über einen Sonderfrieden verhandelt?

Der Bruch war unvermeidbar. Für einen königstreuen italienischen General war die Kapitulation bitter, aber notwendig. Für einen deutschen General handelte es sich um einen feigen Akt, ausgeführt von einem vermeintlichen Verbündeten. Die Vorstellung, die Italiener hätten formvollendet dem höchsten deutschen General einen Brief übergeben, in dem die Kapitulation angekündigt wird, und der hätte dankend salutiert, ist etwas naiv.

Ja, man kann von einem italienischen Verrat im September 1943 sprechen. Aber dann muss man auch erwähnen, wie schändlich die Deutschen ihre ehemaligen Verbündeten behandelt haben. Das Oberkommando der Wehrmacht hatte das Recht, zu verhindern, dass sich italienische Soldaten dem Feind anschließen würden. Aber es hätte die moralische Pflicht gehabt, sie wie Kriegsgefangene zu behandeln.

Es waren zwei menschenverachtende Diktaturen, die sich verbündet hatten. Und so endete auch das Bündnis. Die Zeit, in der man auf Ehrenwort entlassen wurde und seinen Degen behalten konnte, die waren vorbei.

Fußnoten:

(1) vgl. Frederick W. Deakin, Die brutale Freundschaft. Hitler, Mussolinin und der Untergang des itakienischen Faschimus, Stuttgart, Hamburg 1962, S. 394

(2) Jonathan Steinberg; Deutsche, Italiener und Juden. Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, Göttingen 1997, S. 200