Ein Kämpfer für die Freiheit

Ein Kämpfer für die Freiheit: Hermann Kriege. Wenn von 48er Demokraten die Rede ist, dann fallen oft Namen wie Friedrich Hecker, Johann Jacoby oder Robert Blum, um nur einige Persönlichkeiten zu nennen.
 
Nicht so bekannt ist Hermann Kriege, dessen politische Biografie Alfred Wesselmann nun vorlegt. Entstanden ist ein Buch, das den Schwerpunkt auf die vierziger Jahre 19. Jahrhunderts legt und Einblicke in ein Jahrzehnt vermittelt, das von tief greifenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umbrüchen geprägt war. Wesselmann stellt uns einen Politiker vor, der heute fremdartig wirken mag: Ein Mann, der für politische Ziele persönliche Opfer brachte, der sein Heimatland verließ, in die Vereinigten Staaten emigrierte und 1848 zurückkehrte, als in Deutschland eine demokratische und soziale Republik möglich schien.
 
Hermann Kriege wurde am 25. Juli 1820 im westfälischen Lienen geboren. Nach dem Abitur begann er im Sommersemester 1840 das Studium der Medizin in Bonn. Zu einem einschneidenden Erlebnis wurde sein Studienaufenthalt in Leipzig. Im Wintersemester 1840 hatte er sich an der sächsischen Universität eingeschrieben. Er trat der Burschenschaft bei und knüpfte Kontakte zu demokratisch gesonnenen Kommilitonen und Intellektuellen. Zu seinen Briefpartnern gehörten unter anderem Ludwig Börne, Johann Jacoby, Hoffmann von Fallersleben und Friedrich von Sallet. In Berlin schloss er Freundschaft mit Bettina von Arnim und dem Junghegelianer Bruno Bauer, in München begegnete er Ludwig Feuerbach.
Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Hermann Kriege und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874): Fallersleben engagierte sich ebenfalls für mehr Freiheitsrechte und dichtete das „Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe unsere Nationalhymne ist. Stich von Chr. Hoffmeister nach einem Bild von E. Fröhlich, spätestens 1874 (Wikimedia Commons)

 

Verhaftung und Militärdienst

 
Der Radikalisierungsprozess, den Hermann Kriege seit 1841 durchlief, blieb nicht ohne Folgen. Am 9. März 1843 wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten in der bayerischen Landeshauptstadt verhaftet. Seine Inhaftierung löste eine Verfolgungswelle innerhalb der Studentenschaft aus. Herrmann Kriege wurde am härtesten von den Strafmaßnahmen betroffen. Die akademischen Behörden belegten ihn mit einer Dimission, die drei Jahre währen sollte, was den weiteren Fortgang seiner akademischen Ausbildung ernsthaft gefährdete. Außerdem bestanden die preußischen Behörden darauf, dass er seiner militärischen Dienstpflicht genügte. Kriege konnte seine Garnison frei wählen; die Stationierung in einem Universitätsort blieb ihm jedoch verwehrt. So zerschlugen sich seine Versuche, an preußischen Universitäten während seines Wehrdienstes in Abwesenheit zu promovieren. Im Oktober 1843 musste Hermann Kriege Soldat werden. Als Abiturient war er nur verpflichtet, eine einjährige freiwillige Dienstzeit zu absolvieren. Er setzte seine politischen Aktivitäten auch nach seiner Einberufung fort und schrieb für demokratische Zeitschriften. Am 16. Juli 1844 wurde er wegen nächtlicher Ruhestörung verhaftet und blieb bis zu seiner Entlassung aus dem Wehrdienst am 30. September 1844, im Gefängnis. Dennoch konnte er als „Vice-Unteroffizier“ die Uniform an den Nagel hängen.
 

Exil und vorübergehende Rückkehr nach Deutschland

 
Die weitere Zukunft für Hermann Kriege in Deutschland sah jedoch schlecht aus. An eine Fortsetzung des Studiums war nicht zu denken. Im März 1845 verließ er Deutschland und ging nach Brüssel, wo er mit Karl Marx zusammentraf. Die belgische Hauptstadt war jedoch nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach London. Dort trat er dem „Bund der Gerechten“ bei. Sein Weg führte schließlich am 1. September 1845 nach New York.
 
In den Vereinigten Staaten stieß Kriege zum politischen Journalismus. Er wurde von den Ideen der Bodenreformer beeinflusst und arbeitete als Redakteur beim Volkstribun, einer deutschsprachigen Zeitschrift für Arbeiter. Nachdem diese Publikation 1846 gescheitert war, versuchte er, als Publizist die Gründungsväter der amerikanischen Demokratie in pädagogisch-publizistischer Art der Bevölkerung nahezubringen. Als im Frühjahr 1848 die Kunde von revolutionären Volkserhebungen über den Atlantik drang, kehrte Hermann Kriege nach Deutschland zurück. Frau und Kind musste er zurücklassen.
 
Kriege engagierte sich in der demokratischen Bewegung zwischen Juni und Oktober 1848 für den Zentralausschuss der deutschen demokratischen Vereine.
 
Nach dem Scheitern der Revolution im Frühjahr 1849 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück. In Chicago wagte er einen beruflichen Neuanfang als Journalist. Doch schon bald erkrankte er an einem psychischen Leiden, das 1850 eine Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus erforderlich machte. Dort ist Hermann Kriege am 31. Dezember 1850 gestorben.
 

Ein Demokrat mit Realitätssinn

 
Kriege zählte zu den Demokraten. (https://katharinakellmann-historikerin.de/die-demokraten-eine-vergessene-partei/) Im deutschen Parteiensystem, das sich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts herausbildete, verstand man darunter den Teil der bürgerlichen Opposition, der ein anderes Verständnis von Freiheitsrechten hatte als die Liberalen. Den Demokraten ging es nicht nur um die Stärkung des Individuums gegen den Staat. Die Freiheitsrechte von ärmeren Schichten sollten notfalls durch den Staat gesichert werden. Wo ein ungebremster Frühkapitalismus zu sozialen Ungleichheiten führte, die dem Einzelnen nicht die Chance ließen, seine Situation zu verbessern, sollte der Staat eingreifen und für mehr Chancengerechtigkeit sorgen. Außerdem plädierten die Demokraten für das gleiche Männerwahlrecht. Die Staatsgewalt sollte vom Volke ausgehen. An die Stelle der Monarchen und Fürsten sollte ein von der Bevölkerung gewähltes Staatsoberhaupt treten.
 
Die Grenzen zwischen Liberalen und Demokraten waren fließend. Ebenso gab es Grenzgänger zwischen der demokratischen Bewegung und dem Frühsozialismus. 1845 kam es zu einer kurzfristigen Annäherung von Hermann Kriege an Karl Marx. Doch selbst in seiner frühsozialistischen Phase, so Alfred Wesselmann, habe Kriege den Theoretiker des wissenschaftlichen Sozialismus nur „oberflächlich und kurzfristig“ rezipiert (S. 71).
 
Als er 1848 nach Deutschland zurückkehrte, war Hermann Kriege davon überzeugt, dass zuerst demokratische Institutionen geschaffen werden müssten, ehe man sich der sozialen Frage annehmen könnte. Der Verlauf der Revolution bestärkte ihn in dieser Ansicht. Kriege davon überzeugt, dass nur ein Bündnis zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum die demokratische Republik schaffen könne. Dem Proletariat allein traute er dies nicht zu. Revolutionäre Gewalt lehnte er ab.
 
Demokratische Revolutionäre oder auch 48er wie Hermann Kriege wurden von frühsozialistischer Seite heftig kritisiert. Schon 1846 hatte Marx seinen Bannstrahl gegen den Journalisten gerichtet. Alfred Wesselmann kommt dann auch zu dem Schluss, dass die marxistische Analyse des Kapitalismus Kriege in seiner praktischen Arbeit wenig beeinflusste:
 
„Sein Engagement für die Arbeiter war schlicht und einfach humanitärer Art und speiste sich nicht aus Einsicht in ökonomische Theorien“ (S. 271 f.).
 
Dies bedeutet aber nicht, dass Krieges politisches Handeln von den Eindrücken des Augenblicks abhing oder lediglich sozialer Anteilnahme entsprang. Herrmann Kriege setzte sich mit Zeitströmungen auseinander. Er wusste, dass es einer festen Organisation bedurfte, um politisch handlungsfähig zu sein und dass zu einer Demokratie Kompromisse gehörten. Nur so wäre eine Zusammenarbeit zwischen Liberalen und Demokraten möglich gewesen.
 
Alfred Wesselmann hat mit dieser biografischen Studie über einen engagierten Kämpfer für die Freiheit die Literatur zur Geschichte des Vormärz und der Revolution von 1848 um ein lesenswertes Buch bereichert.

 

 

Literatur:

Alfred Wesselmann, Burschenschafter, Revolutionär, Demokrat. Hermann Kriege und die Freiheitsbewegung 1840-1850, Osnabrück 2002, 311 S., kart., 19,90 EUR.