Preußens riskanter Weg zur Großmacht

Das Titelbild zeigt die Schlacht von Kunersdorf 1759. Friedrich der Große machte schwere Fehler und wurde geschlagen. Seine Armee war kaum noch einsatzfähig. Den Österreichern und Russen stand der Weg nach Berlin frei.

Nach wenigen Tagen sah die Lage für die preußische Krone schon günstiger aus. Die Sieger konnten ihre vorteilhafte Lage nicht ausnutzen. Der preußische König sammelte die Reste seines Heeres und setzte den Krieg fort. Aber nie stand Friedrich der Große so nahe am Abgrund (vgl. Johannes Kunisch, Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004, S. 409).

Preußen steigt in den Kreis der Großmächte auf

Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte das Königreich den Aufstieg in den Kreis der europäischen Großmächte geschaft. Im Ersten Schlesischen Krieg von 1740 bis 1742 nahm es den Habsburgern die wertvolle Provinz Schlesien ab, und konnte sie auch im Zweiten Schlesischen Krieg (1744/45) behaupten (vgl. Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947, 13. Aufl., München 2018, S. 222).

Aber das Haus Habsburg war nicht bereit, sich mit dem Verlust abzufinden. Die Niederlage hatte der Stellung Wiens in Europa geschadet (vgl. Theodor Schieder, Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1983, S. 173).

Zwischen 1748 und 1756 gelang es den Diplomaten des Hauses Habsburg, die Bündnisverhältnisse auf dem Kontinent zu verändern. Die jahrhundertealten Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und dem Erzherzogtum Österreich wurden beigelegt. Historiker sprechen hier von einer „diplomatischen Revolution“.

Polen, Schweden, Russland und Sachsen schlossen sich der Achse Paris-Wien an. Dresden fürchtete einen preußischen Einmarsch.

Berlin stand auf dem Kontinent ohne Verbündeten da. Immerhin kam es zu einem Vertrag zwischen Preußen und England. In Westminster bediente man sich einer europäischen Kontinentalmacht als „Festlandsdegen“. Da die Engländer vor allem mit ihrer Flotte Krieg führten und nicht über ein stehendes Heer verfügten, unterstützten sie meistens eine europäische Großmacht finanziell. Dieser Staat sollte damit Truppen anwerben und mit seinen militärischen Aktionen die Gegner Londons auf dem Kontinent in Schach halten.

Hatte der Preußenkönig noch 1745 bekräftigt, er würde keinen weiteren Krieg mehr führen, so spitzte sich die Situation im Hochsommer 1756 zu. In Berlin rechnete man mit einem Angriff der gegnerischen Koalition. Schließlich gab Friedrich der Große den Befehl zum Einmarsch in Sachsen. Der Siebenjährige Krieg, der endgültig Friedrichs Ruhm begründen sollte, hatte begonnen. Ein militärisches Ringen hob an, in dem die Existenz Preußens mehrmals auf dem Spiel stand.

1756 bis 1757: Friedrich sucht die Entscheidung

Friedrich der Große wusste, dass sein Land keinen langen Krieg durchhalten konnte . Er suchte eine schnelle Entscheidung auf dem Schlachtfeld (Vgl. Christian Graf von Krockow, Die preußischen Brüder. Prinz Heinrich und Friedrich der Große. Ein Doppelportät, 3. Aufl., Stuttgart 1998, S. 81). Normalerweise vermieden Generäle im 18. Jahrhundert ein direktes Aufeinandertreffen. Der Gegner sollte durch geschickte Marschbewegungen ausmanövriert werden. Nur unter günstigen Umständen riskierte man einen Waffengang, denn die Verluste waren nur schwer zu ersetzen.

Die Preußen besetzten 1756 Sachsen. Das sächsische Heer kapitulierte, und ein großer Teil der Truppen wurde in die preußische Armee eingegliedert. Ein habsburgisches Heer, das die Verbündeten unterstützen sollte, erlitt 1756 bei Lobositz in der ersten Schlacht des Krieges eine Niederlage. Die Preußen mussten aber trotz des Sieges einräumen, dass der Gegner aus seinen Niederlagen in den beiden Schlesischen Kriegen gelernt hatte.

Friedrich blieb bei seiner Offensivstrategie. Im Frühjahr 1757 marschierte er in Böhmen ein und schlug eine habsburgische Armee bei Prag. Die Österreicher retteten sich in die Festung.

Während der preußische König noch die Belagerung organisierte, stellte Maria Theresia ein Entsatzheer auf, dessen Kommando Graf Daun übernahm. Daun hatte seit 1748 die habsburgischen Streitkräfte reformiert. Er war ein Truppenführer der alten Schule, vermied nach Möglichkeit eine Schlacht und versuchte, den Gegner mit einer ausgeklügelten Marschstrategie zu bezwingen.

Doch Maria Theresia drängte Daun, sich Friedrich entgegenzustellen. Der General bezog eine Stellung bei Kolin in der Nähe von Prag und verleitete damit den Preußenkönig, seine Truppen zu teilen. Am 16. Juni 1757 entschloss sich Friedrich, die Entscheidung zu suchen.

Am 18. Juni 1757 begann die Schlacht. Der König wollte die zahlenmäßige Unterlegenheit mit der „Schiefen Schlachtordnung“ ausgleichen. Der verstärkte Angriffsflügel sollte attackieren, während der schwächere Flügel den Gegner abzulenken hatte. Nur eine gut ausgebildete Armee konnte dieses Manöver ausführen.

Daun hatte sich geschickt verschanzt und wartete den preußischen Angriff ab. Er wusste, dass seine Grenadiere im freien Feld dem Gegner unterlegen waren und behielt die Nerven, auch nachdem der Feind erste Einbrüche in die habsburgische Linie erzielt hatte. Geschickt setzte Daun seine Reserven ein und ging am späten Nachmittag zum Gegenangriff über. Die preußischen Grenadiere mussten den Rückzug antreten.

Friedrich der Große erkannte gegen 17.30 Uhr seine Niederlage. Am nächsten Tag hob er die Belagerung von Prag auf und räumte Böhmen. Der preußische König hatte nicht nur eine Schlacht verloren. Sein Plan, angesichts der übermächtigen Feinde eine schnelle Entscheidung zu erzwingen, war gescheitert (vgl. Klaus-Jürgen Bremm, Preußen bewegt die Welt. Der Siebenjährige Krieg, Darmstadt 2017, S. 217).

Die preußische Armee musste sich aus Böhmen zurückziehen. Friedrich teilte sie in zwei Kolonnen und übergab das Kommando über eine Marschgruppe seinem ältesten Bruder, Prinz August Wilhelm.

Der Prinz war der Aufgabe nicht gewachsen. Als sich die beiden Heeresteile vereinigten, konnte er dem König nur eine abgekämpfte Truppe übergeben. Die Österreicher hatten mit einer Art Kleinkrieg den Rückzug der Preußen erschwert. Friedrich der Große enthob seinen Bruder unter entwürdigenden Umständen des Kommandos; ein Jahr darauf starb August Wilhelm.

Die restlichen Monate des Jahres 1757 brachten den Preußen zwei Siege ein, die das Ansehen Friedrich des Großen stärkten, aber nicht den Krieg entschieden. Bei Roßbach besiegte er ein Heer, das aus Truppen der Reichsarmee und der Franzosen bestand, und bei Leuthen in Schlesien bezwang er im Dezember 1757 die doppelt so starken Österreicher. Diese Schlacht sollte seinen Feldherrenruhm besiegeln.

1758 bis 1762: am Rande der Niederlage

Beide Erfolge konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass Preußen in die strategische Defensive gedrängt war. Sein Glück bestand darin, dass seine Feinde sich nicht auf einen gemeinsamen Feldzugsplan einigen konnten. Einem konzentrierten Angriff an mehreren Fronten hätte Friedrich nicht standhalten können.

Auf Nebenkriegsschauplätzen wie Ostpreußen erlitt die preußische Armee Niederlagen. Friedrich führte die Hauptarmee und Prinz Heinrich, sein jüngerer Bruder, hielt ihm mit einem eigenen Korps den Rücken frei. Während der König nach Möglichkeit die Entscheidung in der Schlacht suchte, setzte Prinz Heinrich mit seinen Truppen auf eine Ermattungsstrategie, die eine offene Konfrontation vermied.

Und immer wieder war es Graf Daun, der Friedrich unangenehme Überraschungen bereitete. 1758 überfiel eine habsburgische Armee unter seinem Kommando bei Hochkirch in den frühen Morgenstunden das preußische Heerlager. Der König hatte Warnungen nicht ernst genommen.

1759 sah es so aus, als ob das Ende Preußens gekommen sei. Ein habsburgisches und ein russisches Heer rückten auf Berlin zu. Friedrich stellte sich bei Kunersdorf zur Schlacht. Nach anfänglichen Erfolgen setzte er die Kampfhandlungen fort, obwohl seine Offiziere ihm rieten, die Schlacht abzubrechen. Dieser Entschluss sollte sich als schwerer Fehler erweisen.

Am Abend der Niederlage schrieb er einen verzweifelten Brief an seinen Bruder, Prinz Heinrich, und bat ihn, als Reichsverweser die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Doch Russen und Österreicher ließen die Chance zum Marsch auf Berlin ungenutzt verstreichen. Friedrich konnte sein Heer reorganisieren und den Krieg fortsetzen.

1760 schien Preußen dennoch vor der Kapitulation zu stehen. Zwar gelang Friedrich bei Torgau ein knapper Sieg über Daun, aber Schlesien, Ostpreußen und Teile Sachsens befanden sich in der Hand der Gegner. Doch auch in Österreich und Russland machte sich Kriegsmüdigkeit breit. Frankreich hatte außerdem in Übersee gegen England schwere Kämpfe zu bestehen.

1761 sah sich Friedrich der Große nicht mehr zu einer offensiven Kriegführung in der Lage. Die preußischen Reserven waren erschöpft. In Bunzelwitz bei Niederschlesien verschanzte sich der König an einem strategisch wichtigen Punkt gegen eine Übermacht aus Österreichern und Russen. Es gelang den Verbündeten nicht, die Preußen zur Schlacht zu stellen. Schweden zeigte ebenfalls keine große Initiative.

1762 kam es in Russland zu einem Thronwechsel. Der junge Zar Peter, ein Bewunderer des Preußenkönigs, verließ die Koalition und wollte sogar gemeinsam mit Berlin kämpfen. Sein Sturz noch im Jahr 1762 verhinderte diese Pläne, aber seine Nachfolgerin, die Zarin Katharina, wollte sich am Krieg gegen Preußen nicht mehr beteiligen.

Ohne Russland vermochte auch Habsburg nicht weiterzukämpfen. Als Prinz Heinrich 1762 in Freiberg ein österreichisches Heer besiegte, waren die europäischen Mächte zu Friedensverhandlungen bereit. Wien musste sich endgültig mit dem Verlust Schlesiens abfinden. Preußen hingegen zog aus Sachsen ab. In Übersee überließ Frankreich Kanada den Engländern.

1763: Preußen etabliert sich als Großmacht

Der Friede von Hubertusburg 1763 bestätigte, dass es fortan zwei Großmächte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab: Habsburg und Preußen. Das Erzherzogtum Österreich galt aufgrund seiner Landmasse als der mächtigere Staat. Der deutsche Dualismus war geschaffen und erst 1866 sollte er mit der Niederlage Österreichs gegen die Preußen bei Königgrätz enden (zur Schlacht von Königgrätz: http://katharinakellmann-historikerin.de/koeniggraetz-eine-schlacht-veraenderte-europa/).

Dass Friedrich der Große bis zum Frieden von Hubertusburg durchhielt, hatte er dem Ausscheiden Russlands zu verdanken. Hinzu kamen seine Qualitäten als Truppenführer. Dabei unterliefen ihm auch Fehler. Der König trug an den Niederlagen von Kolin, Hochkirch und Kunersdorf eine Mitverantwortung. Bei Leuthen, Torgau und Liegnitz hingegen gelangen ihm große Siege. Friedrich der Große erwies sich als energischer Monarch, der trotz mancher Zweifel nie daran dachte, den Krieg durch die Rückgabe Schlesiens zu beenden. Prinz Heinrich wäre dazu möglicherweise bereit gewesen. Der Historiker Tim Blaning urteilt über die Rolle Friedrich des Großen:

„Mit einem Wort: Er war ein mittelmäßiger General, aber ein glänzender Kriegsherr“.

(Tim Blaning, Friedrich der Große. König von Preußen. Eine Biographie, München 2018, S. 343).

Der Siebenjährige Krieg wurde aber nicht nur in Europa ausgetragen. Frankreich, England und Spanien bekämpften einander in Übersee. Berlin profitierte davon, dass Paris sein militärisches Potenzial nicht nur an einer Front einsetzen musste.

Mit dem Siebenjährigen Krieg hatte sich Friedrich endgültig unsterblich gemacht. Aber der Weg zu historischer Größe führte nahe am Abgrund vorbei. Der Monarch war sich der Tatsache bewusst, dass Preußen im Vergleich zu den anderen Großmächten (England, Frankreich, Habsburg, Russland) eine relativ schwache Position hatte. Fortan legte er Wert auf ein gutes Verhältnis zu Russland (vgl. G .P. Gooch, Friedrich der Große. Herrscher – Schriftsteller – Mensch, Göttingen 1986, S. 86).

Bis zu seinem Tode widmete sich Friedrich der Große dem Aufbau und der Modernisierung des Staates. Er war nicht nur ein großer Soldat, sondern auch ein hervorragender Verwaltungsfachmann, der Reformen im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus durchsetzte.

1806 führte Preußen Krieg gegen Frankreich. Bei Jena und Auerstedt erlitt das preußische Heer eine schwere Niederlage. Kurz darauf zogen die Franzosen in Berlin ein. Kaiser Napoleon stattete dem Grab Friedrichs des Großen einen Besuch ab und soll dabei geäußert haben, dass er nicht hier stünde, wenn Friedrich noch lebte.

Vielleicht war dies eine rhetorische Verbeugung vor dem letzten europäischen Monarchen, der den Beinamen „der Große“ trug. Friedrichs Größe bestand auch darin, dass er spätestens im Siebenjährigen Krieg seine Grenzen erkannt hatte. Preußen gehörte endlich zum Kreis der europäischen Großmächte, aber der Monarch hatte erkannt, dass sein Land sich keine weiteren Kriege leisten konnte. Napoleon, der ihm seine Referenz erwies, überschätzte sich hingegen und endete im Exil.

Informative Weblinks:

https://www.welt.de/kultur/article4307490/Bei-der-Schlacht-in-Kunersdorf-ging-Preussen-unter.html

Literatur:

Tim Blaning, Friedrich der Große. König von Preußen. Eine Biographie, München 2018

Klaus-Jürgen Bremm, Preußen bewegt die Welt. Der Siebenjährige Krieg, Darmstadt 2017

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947, 15. Aufl., München 2018

G .P. Gooch, Friedrich der Große. Herrscher – Schriftsteller – Mensch, Göttingen 1986

Christian Graf von Krockow, Die preußischen Brüder. Prinz Heinrich und Friedrich der Große. Ein Doppelportät, 3. Aufl., Stuttgart 1998

Johannes Kunisch, Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004

Theodor Schieder, Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1983