Guten Tag,

auf der ersten Seite der Homepage sehen Sie einen Ausschnitt eines Gemäldes des französischen Malers Eugène Delacroix mit dem Titel: „Die Freiheit führt das Volk“. Es entstand 1830, als in Paris der letzte Bourbone, Karl X., gestürzt wurde.

Das Bild fasziniert mich seit 40 Jahren, auch wenn ich es heute mit anderen Augen betrachte. Damals war eine Revolution etwas uneingeschränkt Postives für mich; heute urteile ich vorsichtiger. Revolutionen könen den Menschen die Freiheit bescheren, ihnen aber auch große Opfer zumuten.

Die französische „Nationalheilige“, die Marianne, führt dieses Volk wie eine Göttin einer neuen Zeit entgegen. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung revolutionärer Gewalt – die Anführerin verkörpert mit ihrer Jugend, Natürlichkeit und ihrer Schönheit die revolutionäre Romantik, die Hoffnung auf eine bessere Welt.

Neben der Marianne gibt es einen jungen Mann, anscheinend ein Gassenjunge, der sich mit kleinen Verbrechen über Wasser hält und den Barrikadenkampf als Abenteuer erlebt. Er hält zwei Pistolen in der Hand und fühlt sich sichtbar wohl in seiner Rolle als Revolutionär.

Der Marianne folgt eine Menschenmenge, wobei Delacroix die Verbundenheit des demokratischen Bürgertums mit den vorproletarischen Unterschichten betont. Der Mann links neben ihr im Zylinder ist ein Bürger; an seiner Seite stürmt offenbar ein Tagelöhner mit einem Säbel vorwärts, einer Waffe, die er wahrscheinlich einem toten Soldaten abgenommen hat. Die revolutionäre Masse drängt voran; die alte Ordnung ist zusammengebrochen.

Geschichte ist ein offener Prozess, ein Feld der Möglichkeiten, das zum Guten und zum Bösen genutzt werden kann. Historiker versuchen, anhand von Quellen diese Prozesse zu verstehen und zu erklären. Für sie gibt es keine imaginären Heldinnen wie die Marianne, die das Volk zum Guten führt (wer hofft, hier auf Geschlechtergeschichte oder Genderforschung zu stoßen, wird enttäuscht sein). Was einem Künstler wie Delacroix erlaubt ist – seiner Fantasie freien Lauf zu lassen – bleibt einem Historiker versagt.

Der Schwerpunkt meiner Aufsätze liegt auf der europäischen Geschichte seit 1789. Geschichte auf wissenschaftlicher Grundlage verständlich zu erzählen, ja vielleicht „Lust“ auf Geschichte zu machen, das ist mein Anliegen.

Zu meiner Person: Ich habe Geschichte mit den Nebenfächern Jura und Soziologie studiert und wurde mit einer Arbeit zum Thema Sozialliberalismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zum Dr. phil. promoviert.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.

Dr. Katharina Kellmann