Thomas Karlauf und seine Mutmaßungen über den 20. Juli

Der in Berlin lebende Publizist Thomas Karlauf hat im Blessing-Verlag ein Buch über Claus Schenk Graf von Stauffenberg veröffentlicht: „Stauffenberg – Porträt eines Attentäters“. Stauffenberg, ein Berufsoffizier, versuchte am 20. Juli 1944 Hitler mit einer Bombe während einer Lagebsprechung im „Führerhauptquartier“ zu töten. Das Attentat misslang. In den frühen Morgenstunden des 21. Juli wurden Stauffenberg und drei Mitverschwörer in Berlin standrechtlich erschossen.

Der Verfasser will das in seinen Augen zu idealisierte Bild von Stauffenberg korrigieren. Stauffenberg hätte aus Verantwortung heraus gehandelt, nicht aus Gesinnung. Als Offizier wollte er mit dem Tyrannenmord für sein Land einen glimpflichen Frieden erreichen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus hätten ihn nicht zu der Tat motiviert. Er würdigt aber den Mut des Obersten.

Der 20. Juli – ein immer noch umstrittenes Thema

In der Presse gibt es neben verhaltener Kritik auch sehr positive Reaktionen. Der Historiker Ian Kershaw (ein weltweit angesehener Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus) spricht von einer „sehr eindrucksvolle(n) und überzeugende(n) Analyse“. (Rückseite des Schutzumschlags)

Wolfram Wette, ein renommierter Militärhistoriker, sekundiert Karlauf in seiner Rezension in der „Frankfurter Rundschau“ vom 08.03.2019 und behauptet, Stauffenberg hätte die völkerrechtswidrigen Befehle der Wehrmachtführung gebilligt (es gibt wohl keinen schriftlichen Protest von Stauffenberg, die Verfasserin, und in der Geschichte bedeutet Schweigen im Gegensatz zum Zivilrecht wohl Zustimmung). Am Schluss resümiert Wette, dass Stauffenberg am 20. Juli 1944 von seinen Kameraden im Stich gelassen worden sei. Als wohltuend empfindet er den Umgang des Autors mit dem Thema:

„Die Darstellung atmet nicht mehr die zittrige Luft geschichtspolitisch-weltanschaulicher Kontroversen, sondern zeichnet sich stattdessen durch historisierende Gelassenheit aus.“

https://www.fr.de/kultur/claus-schenk-graf-von-stauffenberg-vaterland-wehrmacht-11837468.html

Der 20. Juli gehört zu den Themen der Zeitgeschichte, an denen sich immer noch die Geister scheiden. Hinter vorgehaltener Hand wird Stauffenberg manchmal als ‚eidbrüchiger Offizier‘ bezeichnet. Die Bundeswehr ehrt ihn am 20. Juli, indem sie in Berlin Rekruten vereidigen lässt und an den Mann erinnert, der seinen Versuch, Hitler zu stürzen, mit dem Leben bezahlt hat.

Unmittelbar nach dem Krieg waren Stauffenberg und seine Mitstreiter für viele Deutsche „Verräter“. In den fünfziger Jahren änderte sich das Bild. Nun stand der Oberst für das „bessere Deutschland“. Zwei deutsche Spielfilme kamen in die Kinos, in denen die wenigen Militärs, die sich zum Widerstand entschlossen hatten, die „saubere Wehrmacht“ verkörperten. 1971 drehte das Fernsehen eine zweiteilige filmische Rekonstruktion, die von dem Journalisten Joachim C. Fest moderiert wurde. Als Fest Passanten auf der Straße nach Stauffenberg fragte, fielen die Antworten schon spärlich aus. Nicht jeder konnte mit dem Namen etwas anfangen.

Auch in der Geschichtswissenschaft hat sich das Bild von Stauffenberg geändert. Stand zunächst der Opfermut der Akteure im Vordergrund, so machte der Historiker Hans Mommsen in den sechziger Jahren darauf aufmerksam, dass die Ziele und Pläne der Männer des 20. Juli 1944 wenig mit unseren Vorstellungen von einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gemein haben. Aber auch Mommsen ließ noch am 15. November 2007 in der Tageszeitung „Welt“ keinen Zweifel daran, dass Stauffenberg militärische und ethische Motive verfolgte. Der Historiker Peter Steinbach schrieb 2005 in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte (B27/2004)“ :

„Heute ist unbestritten, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus nur als Produkt seiner Zeit zu deuten ist.“

Wie argumentiert Thomas Karlauf?

Ich möchte zu Beginn einem Missverständnis vorbeugen: Meine Kritik gilt einem Buch, nicht der Person des Autors. Der Autor hat als Lektor bei renommierten Verlagen gearbeitet und eine viel beachtete Biografie über den Dichter Stefan George vorgelegt.

Im ersten Kapitel mit dem Titel „Die Welt von gestern“ erläutert Karlauf die „Grundlagen einer Biografie“. Er beginnt mit einer schweren Breitseite gegen einige Standardwerke:

„Die drei maßgeblichen Stauffenberg-Biografien Joachim Kramarz (1965), Christian Müller (1970) und Peter Hoffmann (1992) gingen erstaunlich leichtfertig mit der Auswertung und Einordnung entsprechender Dokumente um. Aus Sorge, den Helden zu beschädigen, legten sie ihm lieber gleich den Dolch in die Wiege und griffen dankbar, ohne die Evidenz der Quellen zu problematisieren, alle Hinweise auf, die eine frühe und konstante Gegnerschaft Stauffenbergs zum Nationalsozialismus zu belegen schienen.“ (S. 27)

Eine Kritik des bisherigen Forschungsstandes ist auch in einem Sachbuch mit Anspruch üblich. Aber bloße Behauptungen reichen nicht aus. Karlauf begründet seine Vorwürfe nicht. Zeitzeugen sind als Quellen nicht immer unproblematisch, aber Historiker lernen, wie man damit umgeht. Sie einfach als unzuverlässig abzutun, halte ich für einen schweren Fehler.

Dann erklärt der Autor, was ein Biograf leisten muss:

„Noch immer fehlt das Verständnis dafür, dass eine Biographie umso spannender wird – und umso mehr Vorbildcharakter gewinnen kann -, je verführerischer die Versuchungen sind, denen der Protagonist ausgesetzt ist, je windungsreicher die Irrungen, je schärfer die Brüche.“ (S. 27)

Ja, das ist die Herausforderung bei einer Biografie über Stauffenberg! Warum kam bis 1942 kaum ein Wort der Kritik über seine Lippen? Warum glaubte er noch an das Regime, als ein anderer Offizier des Heeres, Hellmuth Stieff, bereits 1939 in einem Brief an seine Ehefrau seinen Ekel vor der braunen Gewaltherrschaft zum Ausdruck brachte? Wie will Thomas Karlauf diesen Bruch erklären?

Da der Autor der Forschungsliteratur kritisch gegenübersteht, stützt er sich auf die Kaltenbrunner-Berichte. Es handelt sich um Quellen, die zu den „Verfolgerakten“ gehören. Unmittelbar nach dem 20. Juli setzte das NS-Regime eine Kommission ein, die die Hintergründe des Attentats aufklären sollte. Der Erkenntniswert der Kaltenbunner-Berichte wird unterschiedlich eingeschätzt, sie gelten aber als unverzichtbar, wenn man über den 20. Juli schreibt.

Darüber hinaus hat Thomas Karlauf seine eigene Methode entwickelt:

„Ich konzentriere mich auf die wenigen authentischen Dokumente und versuche im Übrigen die Haltung Stauffenbergs über Analogien und Indizienketten zu erschließen. Stauffenberg dürfte so oder ähnlich gedacht haben, heißt es dann im Text oder auch: Vermutlich wäre Stauffenberg der gleichen Auffassung gewesen.“ (S. 35)

Fast schon einer Entschuldigung gleich verweist der Autor auf Historiker wie Bernard R. Kroener oder Johannes Hürter, die angeblich ebenso gearbeitet hätten.

Kroener und Hürter haben grundlegende Arbeiten über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges vorgelegt. Ob sie aber so spkulativ vorgingen, möchte ich bezweifeln.

Schon die Einleitung von Karlauf wirft Fragen auf.

Oberst i. G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Kamerad Oberst i. G. Mertz von Quirnhheim im Juni 1944. (Foto: Wikipedia Commons)

„Porträt eines Attentäters“

Das Wort Biografie vermeidet Karlauf. Trotzdem legt er einen biografischen Text vor, der in Stauffenbergs Leben nicht nur eine Vorgeschichte des 20. Juli sieht. Dem Attentat widmet er 12 Seiten. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Jahren 1933 bis 1944. Hier hätte Thomas Karlauf unseren Kenntnisstand erweitern können, aber wir erfahren wenig Neues. Es ist ein Text über einen aufstrebenden Offizier in einer Armee, die aufrüstet.

Stauffenberg wurde von George stark beeinflusst. Das alleine zeigt schon, dass der Offizier kein „Kommiskopp“ war, im Gegenteil. Stauffenberg wurde 1907 geboren, trat 1926 in die Reichswehr als Offizieranwärter ein und machte dann eine glänzende Karriere. Von 1936 bis 1938 besuchte er die Kriegsakademie in Berlin und wurde anschließend in den Generalstab des Heeres versetzt. Stauffenberg nahm am Feldzug gegen Polen teil und wurde im Frühjahr 1940 in die Organisationsabteilung im Oberkommando des Heeres berufen, eine Funktion, für die nur weit überdurchschnittliche Soldaten in Betracht kamen.

Im März 1943 wurde er als 1. Generalstabsoffizier zu einer Panzerdivision in Nordafrika versetzt. Auch hier bewährte sich der Graf. Am 7. April 1943 erlitt er bei einem Fliegerangriff schwere Verwundungen. Er verlor eine Hand, ein Auge und konnte nur noch zwei oder drei Finger bewegen. Anfang September 1943 trat er als Oberstleutnant im Generalstab eine Stelle in Berlin an und wurde Chef des Generalstabes im Allgemeinen Heeresamt, das von General Olbricht geleitet wurde. Am 1. Juli 1944 wurde Stauffenberg zum Oberst im Generalstab befördert und zum Ersatzheer versetzt, das unter dem Oberbefehl von Generaloberst Fromm stand.

Wie andere Autoren datiert auch Karlauf die Abwendung Stauffenbergs vom Regime auf das Jahr 1942. In den von ihm zitierten Quellen wird das soldatische Ethos von Stauffenberg deutlich. Karlauf würdigt das Risiko, das Stauffenberg 1943/44 eingegangen ist und beschreibt die Meinungsverschiedenheiten zwischen Militärs und Zivilisten. „Spannend“ ist das nicht, was für mich nur den Schluss zulässt, dass es eben keine besonderen Brüche gab. Wohl aber die Erkenntnis, dass die drohende Niederlage Stauffenberg zum Handeln veranlasste.

Der 20. Juli ist für Thomas Karlauf ein überbewertetes Datum. Wie viele Historiker vertritt er die These, dass „Stauffenbergs Doppelfunktion als Attentäter und Organisator des Putsches“ für das Scheitern verantwortlich sei. Karlauf beschreibt, wie schwierig es war, einen Attentäter zu finden, meint jedoch, als Chef des Generalstabes im Allgemeinen Heeresamt hätte der Oberstleutnant schon einen Termin bekommen können. War das wirklich so einfach? General Stieff, der Chef der Organisationsabteilung im Generalstab des Heeres, übrigens kein „Opportunist“, wie Karlauf schreibt (S. 313), sondern ein Zauderer, hatte abgelehnt, den Anschlag auszuführen. Im Sommer 1944 kam nur noch Stauffenberg als Attentäter infrage, der Mann, der schon in Berlin die treibende Kraft war. Am 1. Juli 1944 wurde Stauffenberg zum Oberst befördert und übernahm die Stelle eines Chefs des Generalstabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres in Berlin. In dieser Funktion musste er Hitler mehrmals Vortrag halten über die Aufstellung neuer Divisionen. Der Kreis der Offiziere, die in das „Führerhauptquartier“ befohlen wurden, war begrenzt.

Der Staatsstreich scheiterte an der entschiedenen Gegenwehr des Regimes und an Fehlern der Verschwörer. Es gelang nicht, das „Führerhauptquartier“ in Rastenburg nachrichtentechnisch zu isolieren. Hinzu kamen organisatorische Pannen.

Ein Militärputsch – mehr nicht?

Die These von Thomas Karlauf, die Verbrechen des Nationalsozialismus hätten bei Stauffenberg keine Rolle gespielt, halte ich für falsch.

„Nicht das Entsetzen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern die Entschlossenheit, den Krieg möglichst rasch zu einem für Deutschland einigermaßen glimpflichen Ende zu bringen,“ hätte Männer wie Stauffenberg motiviert. Und dann seziert Thomas Karlauf messerscharf:

„Auch wenn uns die militärische Disposition heute weitgehend fremd geworden ist, sollten wir die Trennlinie zwischen Regimegegnern, die ihrem Gewissen folgten, und Offizieren, die in Vorbereitung eines Staatsstreiches unter enormen Erwartungsdruck standen, nicht verwischen.“ (S. 226)

Dass die sich abzeichnende Niederlage Stauffenberg die Augen geöffnet hat, erscheint plausibel. Aber schließt dies aus, dass es noch andere Gründe gab, die den Offizier zum Handeln bewegten? Gibt es im Lebenslauf von Stauffenberg keine Irrungen und Brüche, die nach Thomas Karlauf der Biograf aufspüren soll?

Auf Seite 203 heißt es, Stauffenberg hätte möglicherweise bereits im Sommer 1941 Kenntnis von Gräueltaten der Einsatzgruppen gehabt, die hinter der Front wüteten. Als Quelle gibt Karlauf den Historiker Peter Hoffmann an, der sich auf einen Zeitzeugen beruft, ein Verfahren, das Karlauf sonst für wenig seriös hält. Im nächsten Satz bezieht Thomas Karlauf sich auf einen Bericht eines Frontoffiziers, der in der Ukraine Zeuge von Judenerschießungen wurde. In der Fußnote führt er die Memoiren des Diplomaten Hans von Herwarth aus dem Jahr 1983 als Beleg an. Geht es also ohne Zeitzeugen oder Memoiren doch nicht?

In einer „Regierungserklärung“, die Beck und Goerdeler zugeschrieben wird und im Sommer 1944 entstanden ist, kündigten die Verschwörer die Einstellung der Judenverfolgung an. Hier ein Auszug aus dem Dokument:

„Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Menschen. Die Judenverfolgung, die sich inden unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und garnicht wieder gut­ zumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort eingestellt.

Wer geglaubt hat, sich amjüdischen Vermögen bereichern zu können,wird erfahren, dass es eine Schande für jeden Deutschen ist, nach einem unredlichen Besitz zu streben. Mit solchen Marodeuren und Hyänen unter den von Gott geschaffenen Geschöpfen will das deutsche Volk in Wahrheit auch gar nichts zu tun haben.

Wir empfinden es als eine tiefe Entehrung des deutschen Namens, dass in den besetzten Gebieten hinter dem Rücken der kämpfenden Truppe und ihren Schutz missbrauchend, Verbrechen aller Art begangen [worden] sind. Die Ehre unserer Gefallenen ist damit besudelt.“

(https://www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/publikationen/begleitmaterialien/Faksimiles_PDFs_deutsch/FS_10.1_DE_2.Aufl-RZ-web.pdf)

Stauffenberg war an den Diskussionen über die Maßnahmen, die nach einem gelungenen Attentat zu erfolgen hatten, beteiligt. Zwischen Goerdeler und Stauffenberg gab es Meinungsverschiedenheiten in außenpolitischen Fragen. Außerdem fürchtete Goerdeler, dass Stauffenberg durch seine Kontakte zu Vertretern der Arbeiterschaft den Widerstand nach „links verrücken wolle“. Die Tatsache, dass der Offizier in den Gesprächen gerade mit Goerdeler zum Handeln drängte, bedeutet nicht, dass er die ethischen Ziele von Beck und Goerdeler nicht teilte.

Mag auch die Sprache, in der dieser Entwurf einer Regierungserklärung verfasst war, uns heute fremd vorkommen – hier wird deutlich, dass auch ein Soldat wie Stauffenberg nicht nur aus soldatischem Pflichtgefühl handelte. Wäre es ihm nur um die Beendigung des Krieges gegangen, dann hätte ein dem Militär gemäßer „markiger Tagesbefehl“ ausgereicht, der die Spitzengliederung der Wehrmacht neu regelte und eine Änderung der militärischen Strategie ankündigte.

Ein weiteres Argument von Karlauf, mit dem er begründen will, warum ethische Motive keine Rolle spielten, besteht darin, dass Stauffenbergs Bruder Berthold nach dem gescheiterten Attentat vor Beamten der Gestapo äußerte, er und sein Bruder hätten die Ideale des Nationalsozialismus im Kern bejaht – auch den Rassegedanken. Allerdings hätte das NS-Regime diese Prinzipien verraten.

Dass Claus Schenk Graf von Stauffenberg Antisemit war, steht außer Frage. Für uns ist es heute unvorstellbar, dass ein Berufsoffizier im NS-Regime die Sondergesetze gegen Juden hinnahm oder begrüßte, ihre Ermordung aber ablehnte.

Der Antisemitismus vieler Militärs äußerte sich darin, dass Juden als „Fremdkörper“ wahrgenommen wurden. Diese Form der Entrechtung von Menschen stieß bei Ihnen nicht auf Kritik. Die systematische Ermordung von Juden hingegen betrachteten sie als „Schweinerei“ oder Verbrechen. Der Historiker Manfred Messerschmidt hat von „Teilidentitäten“ gesprochen, die es zwischen der Wehrmacht und dem Regime gab: Antidemokratismus, Antisemitismus und Antikommunismus. Diese ideologischen Schnittmengen ermöglichten eine Zusammenarbeit, doch der Antisemitismus im Offizierkorps war nicht so radikal wie der des Nationalsozialismus.

Die Leistung von Stauffenberg besteht darin, gerade nicht mehr den Versuchungen einer Diktatur zu erliegen, die mit Orden und Beförderungen winkte. Mag auch erst die drohende Niederlage Stauffenberg die Augen geöffnet haben für „Ereignismeldungen“, für Gewaltakte, die er vorher übersehen hatte – er stellte sich der Herausforderung, die das Attentat bedeutete. Die scharfe Trennlinie zwischen reinen Gewissenstätern und Militärs, die ihrem soldatischem Ethos folgten, aber ansonsten gleichgültig blieben gegenüber den braunen Gräueltaten, mag in der Fantasie von Herrn Karlauf existieren – die historische Wirklichkeit kann man nicht mit simplen Schwarz-Weiß-Kategorien erfassen.

Das Foto wurde von Miriam Guterland aufgenommen. Es zeigt den Gedenkstein für die Attentäter vom 20. Juli 1944 auf dem St. Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg, Berlin (Deutschland). Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert. (Wikimedia Commons).

Fazit: Ein misslungenes Buch

Der biografische Teil des Buches ist flüssig geschrieben, bringt aber wenig Neues.

Die These, Stauffenberg wäre es nur um einen erträglichen Frieden gegangen, ist diskutabel. Doch die Bewertung der Motive von Stauffenberg (übrigens eine Frage, die schon 2008 der britische Historiker Richard Evans aufgeworfen hat) überzeugt mich nicht. Die undifferenzierte Kritik an der Forschungsliteratur und seine „spekulative Empathie“ („Vermutlich wäre Stauffenberg der gleichen Meinung gewesen“) zeigen, dass Thomas Karlauf das Handwerkszeug eines Historikers nicht beherrscht. Wenn man Thomas Karlauf an seinen Maßstäben misst, gibt es für mich nur eine Schlussfolgerung: Das Buch ist misslungen.

 

Thomas Karlauf, Stauffenberg. Porträt eines Attentäters, München 2019 (Blessing)

 

Literatur zum 20. Juli und anderen Widerstandsgruppen (eine Auswahl):

Sophie Freifrau von Bechtolsheim, Mein Großvater war kein Attentäter, Freiburg 2019.

Wolfgang Benz, Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler, München 2018

Peter Hoffmann, Widerstand, Staatsstreich, Attentat – Der Kampf der Opposition gegen Hitler. 4. neubearbeitete und ergänzte Ausgabe. Piper, München 1985

Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biografie, 4. Aufl., München 2017

Peter Steinbach, Der 20. Juli 1944. Die Gesichter des Widerstands, München 2004