Sozialliberalismus im Kaiserreich

Sozialliberalismus im Kaiserreich: Theodor Barth (1849 bis 1909) und Friedrich Naumann (1860 bis 1919) traten vor dem Ersten Weltkrieg für eine Erneuerung des Liberalismus ein. Zu diesem Zeitpunkt schien sich der Linksliberalismus, auch Freisinn genannt, in einer Krise zu befinden. 1898 äußerte der Nationalliberale Ludwig Bamberger gegenüber dem liberalen Nationalökonom Lujo Brentano die Ansicht, „es werde den Liberalen nichts übrig bleiben, als mit den Sozialdemokraten sich zu verbünden.“ (Brentano, 1931, S. 207). Der Historiker Theodor Mommsen dachte 1902 in der Zeitschrift „Nation“ über ein Zusammengehen von Sozialdemokraten und Liberalen nach (vgl. Gilg, 1965, S. 222). In diesem Aufsatz möchte ich mich auf Theodor Barth und Friedrich Naumann konzentrieren. Beide versuchten mit unterschiedlichen Argumenten dem Liberalismus neue programmatische Perspektiven zu eröffnen. Zuvor möchte ich jedoch kurz den den Begriff Sozialliberalismus skizzieren.

 

Franz Duncker

Franz Duncker (1822 bis 1888). Duncker war ein linksliberaler Politiker und engagierte sich auch in der Sozialpolitik. 1868 gründete er zusammen mit Max Hirsch die nach ihnen benannten Gewerkvereine. Quelle: Wikimedia Commons.

 

Begriffe wie Sozialliberalismus, sozialer Liberalismus oder sozialliberal werden oft mit der sozialliberalen Koalition zwischen 1969 und 1982 in Verbindung gebracht. Der Sozialliberalismus war (und ist) eine wichtige Strömung innerhalb der liberalen Ideenfamilie. Sozialliberale gingen ebenfalls vom Vorrang des Individuums aus. Angesichts der sozialen Ungleichheit glaubten sie aber nicht mehr, dass sozialer Aufstieg nur eine Sache des einzelnen Menschen ist. Von daher bejahten sie eine kollektive Vertretung von Interessen, beispielsweise durch Genossenschaften, Konsumvereine oder Gewerkschaften. Ein Beispiel für diese Form der genossenschaftlichen Selbsthilfe waren die 1868 gegründeten Hirsch-Dunckerschen-Gewerkvereine, benannt nach ihren Gründern Max Hirsch (1832 bis 1905) und Franz Duncker (1822 bis 1888). Um die Jahrhundertwende war die liberale Arbeiterbewegung schon eindeutig hinter die sozialdemokratischen und die katholischen Richtungsgewerkschaften zurückgefallen. Aber auch im organisierten Linksliberalismus gab es nur wenige sozialliberale Politiker.

Der Linksliberalismus um 1900

Zeitweise konkurrierten vier politische Gruppierungen um den Einfluss linksliberaler Wähler: die Freisinnige Volkspartei, die Freisinnige Vereinigung, von 1896 bis 1903 der National-soziale Verein und in Süddeutschland die Demokratische Volkspartei. 1893 erreichten diese Parteien bei den Reichstagswahlen 14,8 % der Stimmen, 1898 waren es noch 11,1 %, 1903 9,3 %, 1907 kam es zu einem leichten Anstieg auf 10,9 % und bei der letzten Reichstagswahl 1912 erreichten die Linksliberalen 12, 3 % der Stimmen (vgl. Milatz, 1963, S. 39). Während sich die Freisinnige Volkspartei nur widerstrebend mit der staatlichen Sozialpolitik abfand, versuchte die Freisinnige Vereinigung seit den neunziger Jahren, die Sozialgesetzgebung von einem liberalen Standpunkt aus mitzugestalten (vgl. Wegner, 1968, S. 21).

Die Abgeordneten des Reichstages wurden nach dem absoluten Mehrheitswahlrecht gewählt. Erreichte ein Kandidat im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit, so traten in einer Stichwahl die beiden erfolgreichsten Bewerber der ersten Runde gegeneinander an. Linksliberale Kandidaten wurden dabei oft von anderen bürgerlichen Parteien unterstützt, um die Wahl eines Sozialdemokraten zu verhindern.  Ein Problem der Linksliberalen bestand darin, dass sie kein Programm hatten, mit dem sie sich deutlich von anderen Parteien unterschieden. „Wohl war ein Bestand von Gesinnungen und Gesinnungsfetzen vorhanden, die die Marke ‚liberal‘ trugen, aber sie waren nur locker verbunden, mehr sentimentale Traditionswerte als Bekenntnisse eines bewegenden Glaubens“, charakterisierte Theodor Heuss als Zeitzeuge die geistige Situation der Linksliberalen um 1900 (Heuss, 1949, S. 171). Und James Sheehan kommt aus der Warte des Historikers zu dem Schluss: „Wenn Liberale einmal darlegen sollten, wofür und nicht wogegen sie waren, zogen sie sich häufig auf allgemeine oder vieldeutige Schlagworte wie ‚Nation‘, ‚Toleranz‘ und ‚Freiheit‘ zurück.“ (Sheehan, 1983, S. 276).

Barth und Naumann strebten innenpolitische Reformen an, die der Tatsache Rechnung trugen, dass Deutschland dabei war, sich zu einem Industriestaat zu entwickeln (Barth, 1904, S.). Der Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Staat sollte überwunden und im Gegenzug der Einfluss der konservativ agrarischen Kräfte zurückgedrängt werden. Außerdem wollten sie die Position des Parlaments stärken und dem Reichstag mehr Einfluss auf die Regierungspolitik einräumen (vgl. Naumann, 1911, S.8). Dieses – hier in seinen Grundzügen –  skizzierte Programm des Sozialliberalismus war mit den Konservativen nicht durchzuführen (vgl. Barth, 1905, S. 4).

Sozialliberalismus im Kaiserreich: Theodor Barth und Friedrich Naumann

Theodor Barth (1849 bis 1909) hatte 1881 das erste Mal ein Reichstagsmandat für die Nationalliberalen errungen. Er wechselte zu den Linksliberalen und trat zuerst als Kritiker der staatlichen Sozialpolitik hervor. In den neunziger Jahren änderte er seinen Standpunkt und machte sich zum Fürsprecher einer sozialpolitischen Erneuerung des Liberalismus (vgl. Wegner, 1968, S. 16). 1908 verließ er die Freisinnige Vereinigung und gründete die sozialliberale Demokratische Vereinigung.

 

Theodor Barth (1849 bis 1909)

Theodor Barth. Quelle: Wikimedia Commons.

 

Barth forderte 1905, die Linksliberalen müssten sich „wieder an selbständiges politisches Nachdenken gewöhnen … “ (Barth, 1905, S. 4). Er wusste aber auch, dass eine programmatische Erneuerung alleine nicht ausreichen würde. Die Liberalen benötigten einen Bündnispartner, und das konnte nur eine reformistische Sozialdemokratie sein. Er machte aber auch deutlich, dass es zwischen Linksliberalen und Sozialdemokraten Unterschiede gab. „Ohne die monarchistischen Institutionen an sich für rationaler zu halten als die republikanischen, hält sie an der monarchischen als an der für das gegenwärtige Deutschland zweckmäßigeren Staatsverfassung fest“, zog er 1906 einen Trennungsstrich (Barth, 1906, S. 7).

Ein sozialliberales Bündnis stieß in beiden Parteien auf Widerstand. Zum einen hatte die Führung der Sozialdemokraten angesichts der Unterdrückungsmaßnahmen des Staates und vieler Unternehmer kaum eine andere Möglichkeit, als mit einer radikalen Rhetorik den Zusammenhalt der Partei zu beschwören. Diese Rhetorik zog eine unsichtbare Mauer zwischen Linksliberalen und Sozialdemokraten. Die linksliberale Wählerschaft war in der Regel protestantischen Glaubens und gehörte der städtischen Mittelschicht an. Freie Berufe, aber auch mittlere Beamte und Handwerker zählten zu den Stammwählern der Linksliberalen. Der Stadtsekretär, der zum Leutnant der Reserve aufstieg, empfand wenig Sympathie für eine Partei, die jenen Staat grundlegend verändern wollte, dem er sich verpflichtet fühlte. Außerdem kritisierte eine große Mehrheit im liberalen Bürgertum die Ablehnung der wilhelminischen Flottenpolitik durch die SPD. Im liberalen Lager stand lediglich die Freisinnige Volkspartei unter Eugen Richter stand den maritimen Plänen der Reichsführung kritisch gegenüber. Hinzu kam die Befürchtung, dass die Arbeiterpartei immer noch eine Revolution anstrebte. Dass in der SPD die meisten Mitglieder einer pragmatischen Reformpolitik den Vorzug gaben, dass sie an besseren Arbeitsbedingungen, höheren Löhnen und der Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft interessiert waren, wurde in der Öffentlichkeit nicht deutlich.

Friedrich Naumann gehörte neben Theodor Barth zu den entschiedensten Wortführern einer Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Liberalen. Naumann war ein facettenreicher Politiker, der nicht so einfach in ein sozialliberales Schema passte. Der Theologe stieß auf Umwegen zu den Linksliberalen. In seinem politischen Denken vermischten sich am Anfang christliche, nationalistische und sozialistische Motive. Der Historiker James Sheehan spricht von „eine(r) eigentümliche(n) ideologische(n) Mixtur aus Nationalismus, sozialem Reform- und politischem Demokratisierungswillen.“ (Sheehan, 1983, S. 313). Als überzeugter Anhänger wilhelminischer Großmachtpolitik befürwortete er ein Bündnis zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, weil in seinen Augen sonst keine Großmachtpolitik möglich war. Allerdings war der Theologe keineswegs nur auf eine Koalition mit den Sozialdemokraten festgelegt, sondern hielt auch Fühlung zu den Konservativen.

 

Friedrich Naumann

Friedrich Naumann. Aufnahme aus dem Jahr 1911. Quelle: Wikimedia Commons

 

In seinem Essay „Der Niedergang des Liberalismus“ warf Naumann seinen Parteifreunden vor, sie hätten allzu lange in der Vorstellung gelebt, das ‚ganze Volk‘ gegenüber dem Staat zu vertreten. Liberale sollten in seinen Augen Bevölkerungsgruppen ansprechen, deren soziale Stellung mit dem Schicksal Deutschlands als Industriestaat verbunden war: Unternehmer, Kaufleute, Bauern, Handwerker, Beamte, Angestellte und Kleinbauern. Sie zählte er zum bürgerlichen Liberalismus. Da diese Bevölkerungsteile einer liberalen Partei keine Mehrheit einbringen könnten, benötigte sie einen Koalitionspartner: den proletarischen Liberalismus, repräsentiert durch eine reformistische SPD. Sie sollte die Masse der Arbeiter, Kleinhandwerkern, Landarbeiter, Hausindustrieller und Unterbeamten vertreten. Naumann entwickelte hier die Vorstellung von einer antiagrarischen Reformkoalition für das Kaiserreich, die auf der Überzeugung beruhte, dass Liberale und Sozialdemokraten mehr Gemeinsamkeiten hätten, als sie einräumen wollten. Naumann hoffte darauf, dass sich in der SPD die Revisionisten um Eduard Bernstein durchsetzen würden: „Die sozialdemokratische Bewegung gehört, insofern sie demokratisch ist, zum politisch liberalen Gedanken.“ (Naumann, Werke, 1964, Band 4, S. 217).

Sozialliberalismus in der Praxis

Wie sehr konnte der Sozialliberalismus in den linksliberalen Parteien Fuß fassen?

1910 schlossen sich die Freisinnige Volkspartei, die Freisinnige Vereinigung und die Demokratische Volkspartei zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammen. Im wirtschafts- und sozialpolitischen Teil des Parteiprogramms forderten die Linksliberalen nun ein Zusammenwirken von staatlicher Sozialpolitik und genossenschaftlicher und individueller Selbsthilfe (vgl. Fenske, 1982, S. 293). Das war eine vorsichtige Öffnung zu sozialliberalen Positionen. In den lokalen und regionalen Parteiorganisationen der Fortschrittlichen Volkspartei dominierte weiter das Bürgertum. Sozialpolitische Fragen spielten für die Honoratioren nicht die entscheidende Rolle. Ein Parteisekretär aus Pommern fasste seine Beobachtungen wie folgt zusammen: „Meiner Meinung nach haben die liberalen Leute stets das Streben, nur nicht mit den Arbeitern in Berührung zu kommen. Die Arbeiter können ja bei den Sozialdemokraten gehen. Hier tut noch sehr viel Aufklärung not.“ (Hettling, 1999, S. 125)

1912 kam es bei den Reichstagswahlen zu einem Stichwahlabkommen zwischen der SPD und den Linksliberalen. Die Führung der Fortschrittlichen Volkspartei legte aber Wert darauf, dass die Abmachung nicht veröffentlicht wurde (vgl. Mommsen, 1995, S. 411). Nur ein Teil der freisinnigen Parteimitglieder folgte den Empfehlungen des Parteivorstandes. Die Sozialdemokratie vertrat marxistische Überzeugungen, die auf dem Begriff des Klassenkampfes beruhten. Für fortschrittliche Bürger war dies unannehmbar. In der wilhelminischen Gesellschaft verlief eine unsichtbare Grenze zwischen dem bürgerlichen Lager und den Sozialdemokraten. Zwar kritisierten die Liberalen Äußerungen des Kaisers und beklagten die Dominanz des Militärs in der Öffentlichkeit. Aber es war eine systemimmanente Kritik; Anhänger einer republikanischen Staatsform gab es unter den Linksliberalen kaum.

Hinzu kamen Vorbehalte der Freisinnigen gegen eine vollständige Demokratisierung des Wahlrechts. Von der Parlamentarisierung des Reiches hätten die Linksliberalen wahrscheinlich nicht profitiert (vgl. Sheehan, S. 317). In den Kommunen gab es undemokratische Zensuswahlrechte, die die Arbeiterschaft benachteiligten. Doch gerade auf lokaler Ebene stellten Liberale oft Bürgermeister. Die Einführung des gleichen Männerwahlrechts in den Gemeinden hätte dem Linksliberalismus viele Machtpositionen gekostet. Und so blieben die Freisinnigen eine bürgerliche Partei, in der bei aller Kritik die Loyalität zur konstitutionellen Monarchie überwog. Hätten die Sozialdemokraten sich zu einer klar reformistischen Kraft entwickelt, so hätten sie den Linksliberalismus zu einer Entscheidung zwingen können. Politiker wie Friedrich Naumann oder mehr noch Theodor Barth versuchten, Brücken zu schlagen, aber auf beiden Seiten gab es nur Wenige, die ihnen folgen wollten. Erst im November 1918 sollte sich – angesichts der Niederlage des Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg – die Gelegenheit zu einer Zusammenarbeit ergeben. Doch sie war der Not geschuldet und endete schon 1920.

1969 sollten Sozialdemokraten und Liberale in der Bundesrepublik eine Koalition schließen. Die Zeit war endlich reif für ein Bündnis zwischen beiden Parteien.

 

 

Beiträge auf dieser Homepage, die mit dem Thema zu tun haben:

katharinakellmann-historikerin.de/anton-erkelenz-ein-unbequemer-liberaler

Anton Erkelenz war ein liberaler Arbeiterpolitiker, der im Kaiserreich einer Zusammenarbeit zwischen Linksliberalen und Sozialdemokraten ablehnend gegenüber stand.

Zu Friedrich Naumann:

Friedrich Naumanns „nationalsoziale“ Neubelebung des Liberalismus (udo-leuschner.de)

 

Gedruckte Quellen:

Hans Fenske (Hrsg.): Unter Wilhelm II. 1890 – 1918, Darmstadt 1982

 

Literatur:

Theodor Barth, Die Politik des Fortwurzelns, in: Die Hilfe, Nr. 26 vom 26. Juni 1904

Theodor Barth, Was ist Liberalismus? Eine Gegenwartsfrage, Berlin 1905

Theodor Barth, Friedrich Naumann, Die Erneuerung des Liberalismus. Ein politischer Weckruf, Berlin 1906

Lujo Brentano, Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung Deutschlands, Jena 1931

Peter Gilg, Die Erneuerung des demokratischen Denkens im wilhelminischen Deutschland. Eine ideengeschichtliche Studie vom 19. zum 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1965

Manfred Hettling, Partei ohne Parteibeamte. Parteisekretäre im Linksliberalismus von 1900 bis 1933, in: Dieter Dowe, Jürgen Kocka, Heinrich August Winkler (Hrsg.): Parteien im Wandel. Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Rekrutierung – Qualifizierung – Karrieren, München 1999, S. 109 – 134

Theodor Heuss, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, 2. neubearbeitete Aufl., Tübingen 1949

Karl Holl, Günter Trautmann, Hans Vorländer (Hrsg.): Sozialer Liberalismus, Göttingen 1986

Alfred Milatz, Wahlrecht, Wahlergebnisse und Parteien des Reichstags, in: Ernst Deuerlein (Hrsg.): Der Reichstag. Aufsätze, Protokolle und Darstellungen zur Geschichte der parlamentarischen Vertretung 1871 – 1933, Bonn 1963

Wolfgang J. Mommsen, Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm II. 1890 – 1918, Frankfurt/M., Berlin 1995

Friedrich Naumann, Der Niedergang des Liberalismus, in: Friedrich Naumann, Werke, Band 4: Schriften zum Parteiwesen und zum Mitteleuropaproblem. Bearbeitet von Thomas Nipperdey und Wolfgang Schieder, Köln, Opladen 1964, S. 215 – 236

Friedrich Naumann, Freiheitskämpfe, Berlin 1911

James J. Sheehan, Der deutsche Liberalismus. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, München 1983

Konstanze Wegner, Theodor Barth und die Freisinnige Vereinigung. Studien zur Geschichte des Linksliberalismus im wilhelminischen Deutschland (1893 – 1910), Tübingen 1968

 

Der Beitrag wurde am 8. Januar 2021 grundlegend überarbeitet.