Hitlers engster militärischer Berater

Hitlers engster militärischer Berater: General Alfred Jodl führte im Zweiten Weltkrieg den Wehrmachtführungsstab. In dieser Funktion wirkte Jodl aber auch an völkerrechtswidrigen Befehlen, wie dem 1941 erlassenen „Kommissarbefehl“, mit. Noch nach dem Krieg vermochte der General sich nicht aus dem Banne des Diktators zu lösen. Wie groß war der Einfluss Jodls auf die Kriegführung des III. Reiches und wie weit reichte seine Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes?

 

Alfred Jodl und Adolf Hitler

Alfred Jodl rechts neben Adolf Hitler im „Führerhauptquartier“. Aufnahme aus dem Jahr 1940. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R99057 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Alfred Jodl kam am 10. Mai 1890 in Würzburg zur Welt. Sein Vater hatte als bayerischer Offizier den Abschied nehmen müssen, weil Jodls Mutter als nicht standesgemäß für eine Offiziersheirat galt. Alfred Jodl wurde als nicht eheliches Kind geboren und von seinem Vater erst später adoptiert. 1910 bestand er auf der Kadettenanstalt in München das Abitur. Danach entschied er sich für eine Laufbahn als Berufsoffizier. 1913 heiratete er die fünf Jahre ältere Irma Gräfin von Bullion. Die Ehe blieb kinderlos; 1944 starb seine Frau. 1945 vermählte sich Alfred Jodl mit Luise von Benda.

Im Ersten Weltkrieg wurde der junge Offizier mehrmals verwundet. Nach dem Ende des Krieges spielte Jodl mit dem Gedanken, seinen Abschied zu nehmen und Medizin zu studieren.  Er blieb jedoch Soldat und wurde 1920 in die Reichswehr übernommen. Er gehörte zur Spitzengruppe seines Berufes und durchlief die „Führergehilfenausbildung“, ein Tarnname für die im Versailler Vertrag verbotene Generalstabsausbildung. Die „Führergehilfen“ sollten als Stabsoffiziere die Kommandeure großer Truppenverbände beraten. Die Chance, General zu werden, war deutlich größer, wenn man dem Generalstab angehört hatte. Zwischen einzelnen Stabsverwendungen sollten die Generalstäbler auch Truppenkommandos erhalten, um den Kontakt zur Praxis nicht zu verlieren.

In den Zwanzigerjahren hielt das Truppenamt in Berlin – ebenfalls ein Tarnname für den im Versailler Vertrag verbotenen Generalstab – an der Vorstellung fest, Deutschland könne seine politischen Ziele, eben die Revision des Versailler Vertrages, durch operative Siege in einzelnen Kriegen gegen die ehemaligen Gegner aus dem Ersten Weltkrieg erreichen. Die zahlenmäßige und materielle Unterlegenheit sollte durch bessere Führung im Gefecht ausgeglichen werden. Selbstverständlich war dabei die Auffassung, dass die Wiedergewinnung der alten Machtposition aus der Zeit vor 1914 nur mit kriegerischen Mitteln möglich wäre. Die Offiziere, die später Hitlers Armeen führen sollten, waren meist virtuose Kriegstechniker ohne viel Verständnis für grundlegende Fragen der Außenpolitik und der großen Strategie (vgl. Megargee, 2006, S. 16).

Nach seiner Ausbildung zum „Führergehilfen“ diente er im Generalstab der 7. Division in München. Ein einjähriges Kommando als Batteriechef unterbrach seine Laufbahn. 1932 wurde Alfred Jodl als Major in das Truppenamt nach Berlin versetzt, wo er eine Gruppe in der Operationsabteilung leitete (vgl. Jodl, 1976, S. 109).

Vom Skeptiker zum Bewunderer Hitlers (1933 bis 1938)

1935 wechselte er in das Wehrmachtamt über, wo er die Leitung der Abteilung Landesverteidigung übernahm und zum Oberst befördert wurde. Die neue Verwendung war ebenfalls eine Schlüsselposition in einer Armee, die aufrüstete. Nach Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1935 sollte das Heer 36 Divisionen mit 550 000 Mann umfassen.

Zwischen dem Reichskriegsministerium, zu dem auch das Wehrmachtamt gehörte, und der Führungsspitze des Heeres begann eine Auseinandersetzung um die Führungsstrukturen der Streitkräfte im Kriegsfall. Der Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, und der Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck, plädierten für eine Wehrmachtführung, die dem Heer die Schlüsselrolle einräumte. Jodl hingegen, ursprünglich ein Vertrauter Becks, setzte sich jetzt für einen Wehrmachtgeneralstab ein, der über den drei Teilstreitkräften stand (vgl. Megargee, 2006, S. 43). Dieser Wehrmachtgeneralstab sollte aus der Abteilung Landesverteidigung hervorgehen. In einem modernen Krieg – so die Argumentation von Alfred Jodl – würden auch Marine und Luftwaffe eine wesentliche Rolle spielen. Die drei Teilstreitkräfte sollten eng zusammenarbeiten (vgl. Jodl, 1976, S. 110).

Zwischen Beck und Jodl kam es zu einer Entfremdung (vgl. Jodl, 1976, S. 110). Alfred Jodl wandelte sich unter dem Eindruck der „Erfolge“ Hitlers – die Rheinlandbesetzung 1936, der „Anschluss“ Österreichs 1938 und das Münchner Abkommen im gleichen Jahr – zu einem Anhänger des Diktators. Noch 1933 hatte er Hitler einen „Scharlatan“ genannt und ihm nur eine kurze Zeit als Reichskanzler gegeben (Scheurig, 1991, S. 22).

Bedeutete dies, dass Jodl von der nationalsozialistischen Ideologie überzeugt war? Jodl gehörte zu jenen Soldaten, die die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten begrüßten. Seine Herkunft als nicht eheliches Kind, seine Ablehnung der Kirche, ein für Offiziere seiner Generation typischer Antikommunismus, seine Erfahrungen im Schützengraben und die Bürgerkriegswirren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg machten ihn empfänglich für einen „nationalen Sozialismus“. 1918 war für ihn die Monarchie als Institution gescheitert. Den föderalen Reichsaufbau hielt er nicht mehr für zeitgemäß (vgl. Scheurig, 1991, S. 43 f.).

Alfred Jodl glaubte zudem an die Friedensrhetorik Hitlers, der immer wieder betonte, dass er keinen Krieg wolle. Aufzeichnungen, die er im Nürnberger Gefängnis machte, zeugen von einem eher konventionellen Antisemitismus, wie er im deutschen Offizierkorps weit verbreitet war. Diese Einstellung war mitverantwortlich dafür, dass Alfred Jodl den verbrecherischen Charakter der Ausnahmegesetze gegen Juden und die Verfolgung politischer Gegner ignorierte. Er hielt sich für einen unpolitischen Soldaten, der dem legalen Staatsoberhaupt diente und nicht der NSDAP. Bis zuletzt unterschied er zwischen Hitler und der Partei.

1938 bot man ihm zweimal den Posten eines Chefs des Generalstabes der Luftwaffe an – die meisten führenden Offiziere der neuen Teilstreitkraft kamen aus dem Heer (vgl. Jodl, 1976, S. 94). Alfred Jodl wünschte sich jedoch ein Truppenkommando. Er wurde nach Wien versetzt. Am 20. April 1939 erhielt er seine Beförderung zum Generalmajor. Im Herbst 1939 sollte er das Kommando über eine Gebirgsjägerdivision übernehmen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte, dass dieser lang gehegte Wunsch in Erfüllung ging. Alfred Jodl musste in Berlin die Leitung des Wehrmachtamtes übernehmen, das 1940 in Wehrmachtführungsstab umbenannt wurde.

Hitlers engster militärischer Berater

a.) 1939 bis 1942

Von Kriegsbeginn bis in den April 1945 hinein sah Jodl den Diktator fast täglich. Er nahm an ca. 5000 Besprechungen im „Führerhauptquartier“ teil (vgl. Zeugenaussage Jodls in Nürnberg, IMT, Band XV, S. 326). Der Offizier galt als der engste militärische Berater Hitlers. Wie groß war sein Einfluss in der Kommandostruktur des NS-Regimes?

Jodls Aufgabe bestand darin, nach Vorgaben Hitlers Weisungen für die Wehrmachtteile zu formulieren, die dann als Befehle des Diktators an die Teilstreitkräfte gingen. Die Operationspläne arbeiteten anschließend Heer, Marine und Luftwaffe aus (vgl. Aussage von Generaloberst Alfred Jodl vom 26. Juli 1946 beim Alliierten Militärtribunal in Nürnberg, in: Nachlass Helmuth Greiner, Bundesarchiv N 1033/25 Bl. 5). „Hitler bestimmte vorher, das und das habe zu geschehen“, erläuterte der Generaloberst nach dem Krieg die Arbeitsweise im „Führerhauptquartier“. Der Diktator habe sich vor einer Entscheidung Kartenmaterial geben lassen und dann „ein oder zwei Nächte“ darüber nachgedacht (vgl. N 1033/25 Bl. 5). Jodl reichte die Entwürfe an seinen Stab weiter, der sie ausarbeitete. Der Chef des Wehrmachtführungsstabes korrigierte sie notfalls, um sie dann dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht vorzulegen. Auf diese Weise gelang es Jodl, Hitler zu beeinflussen und auch den Interessen der Truppe entgegenzukommen (vgl. Schott, 1980, S. 106). Lediglich beim Überfall auf Dänemark und Norwegen im April 1940, dem Unternehmen „Weserübung“, übernahm das OKW die Operationsführung. Bei der Vorbereitung der Ardennenoffensive im Dezember 1944 wirkte Jodl an der Ausarbeitung der Operationspläne mit.

Der Chef WFSt war – wie alle Offiziere im „Führerhauptquartier“ – ein harter Arbeiter. „Ich hatte die gesamte Generalstabsarbeit für die strategische operative Kriegführung. Mir war daneben die militärische Propagandaabteilung unterstellt, der die Zusammenarbeit mit der Presse oblag, und ich hatte als Drittes eine Dienststelle, die, im großen gesprochen, die Nachrichtenmittel auf die einzelnen Wehrmachtteile zu verteilen hatte“, beschrieb der Generaloberst 1946 seinen Pflichtenkreis. „Dieses ganze Aufgabengebiet füllte mich derart aus, daß eine Durcharbeit Nacht für Nacht bis 3.00 Uhr morgens die Regel war.“ (Zeugenaussage Jodl in Nürnberg, IMT, Band XV, S. 342). Hinzu kamen Besprechungen mit den Verbindungsoffizieren der Verbündeten.

Adolf Hitler machte schnell klar, dass er sich auch als militärischer Führer des Deutschen Reiches betrachtete. Die Erfolge zwischen 1939 und 1941 – oft errungen gegen den Rat und die Bedenken der Militärs – bestärkten ihn in seiner Auffassung, dass die Generalität nichts von moderner Kriegsführung verstünde. In einer Befragung durch amerikanische Verhörexperten wenige Wochen nach der Kapitulation teilte Alfred Jodl die Sichtweise des Diktators: Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht wäre für eine Reihe von Entscheidungen verantwortlich, ohne die Deutschland den Krieg früher verloren hätte. Als größte Leistung betrachtete Jodl die Art und Weise, in der Hitler im Winter 1941/42 durch seine energischen Befehle die Front vor Moskau stabilisiert hätte. In der zweiten Hälfte des Krieges jedoch – so Jodl – hätte der Diktator den Fehler gemacht, die deutschen Kräfte zu überschätzen (vgl. Overy, 2005, S. 272 ff.).

Eine Wehrmachtführung, also ein Zusammenwirken von Heer, Marine und Luftwaffe, kam über Ansätze nicht hinaus. Jodl gehörte zu den wenigen Heeresoffizieren, die die Bedeutung dieser modernen Führungsstruktur erkannt hatten und umsetzen wollten. Der Wehrmachtführungsstab besaß jedoch bis 1941 keine Befehlsbefugnisse gegenüber Truppenteilen, sondern war ein Beratungsorgan. Er sollte den „Führer“ in Fragen der Gesamtkriegsführung unterstützen.

Die Stärken und Schwächen des Chefs des Wehrmachtführungsstabes zeigten sich im Jahr 1940. Beim Überfall auf Norwegen im Frühjahr 1940 sorgte Jodl dafür, dass das Unternehmen erfolgreich endete. Hitler wollte den in Narvik gelandeten Gebirgsjägern den Befehl zum Rückzug geben, was den strategisch wichtigen Feldzug gefährdet hätte. Jodl dagegen zeigte Nervenstärke und sorgte dafür, dass die Truppen ihre Stellungen hielten. Die Briten mussten schließlich aufgeben (vgl. Warlimont, Band 1, 1990, S. 93).

Am 30. Juni 1940 legte Alfred Jodl nach dem Sieg über Frankreich eine Denkschrift zur weiteren Kriegsführung vor. Der General glaubte, dass Luftwaffe und Marine England schwächen könnten. Das Heer würde bei einer Landung auf keinen ernsthaften Widerstand stoßen. Er überschätzte dabei zweifellos die Möglichkeiten von Marine und Luftwaffe. Die politischen Einflussgrößen, die Haltung der USA und der Sowjetunion, vernachlässigte er. Bodo Scheurig benannte in seiner Biografie die Grenzen Jodls, die im Zweiten Weltkrieg klar zutage traten: „Weiterhin Offizier des funktionalistischen Gehorsams, abgeneigt und unfähig, politisch zu denken, verkörperte er freiwillig Verzicht auf Pflichten des Feldherren … Jodls Mentalität wurde zur Gewähr purer Kriegstechniker, sein Einfluss zu einem Gesamtführungsstab unverantwortlich.“ (Scheurig, 1991, S. 75)

In der zweiten Jahreshälfte 1940 und den ersten Monaten des Jahres 1941 hätte die Wehrmacht ein strategisches Planungszentrum gebraucht. Deutschland beherrschte zwar große Teile des Kontinents, konnte aber England nicht zum Frieden zwingen. Der amerikanische Präsident machte deutlich, dass Washington an der Seite Londons stehen würde.

Berlin musste nun entscheiden, ob es einer politischen oder militärischen Lösung den Vorzug gab. Hitler kannte nur den Weg der Gewalt. Schon Ende August 1940 entwickelte er vor seinen Militärs den Plan, die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug zu besiegen und damit England zum Frieden zu zwingen. Machtpolitische und ideologische Gründe spielten bei der Entscheidung für den Ostfeldzug eine Rolle. Hitler glaubte, dass die Wehrmacht stark genug sei für einen Zweifrontenkrieg. Keiner der führenden Offiziere widersprach, auch Jodl nicht. Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.

Vor dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 übertrug Hitler die Operationsführung im Osten ausdrücklich dem Oberkommando des Heeres. Alle anderen Kriegsschauplätze (Nordafrika, Italien, Frankreich, Balkan, Norwegen und Finnland) unterstanden fortan dem Oberkommando der Wehrmacht (vgl. KTB OKW 1940/1941, S. 137 E). Jodl reiste selten an die Front. Er verbrachte den Krieg in der Umgebung Hitlers, hielt ihm täglich Vortrag über die Lage und formulierte die Befehle des Diktators (vgl. Görlitz, 1950, S. 627). Eine Sekretärin im Wehrmachtführungsstab, die handschriftliche Notizen Jodls auf der Schreibmaschine abschreiben sollte, fiel auf: „Ein Schreibtischgeneral, der in Plänen und Karten denkt, in großen Zahlen.“ (Feuersenger, 2000, S. 106).

Der Feldzug scheiterte, und ab der Jahreswende 1941/42 glaubte der mittlerweile zum General der Artillerie beförderte Jodl nicht mehr an einen vollständigen Sieg Deutschlands (vgl. Scheurig, 1991, S. 437). 1942 ging die deutsche Kriegführung zu einer Abnutzungsstrategie über mit dem Ziel, den Kontinent mit seinen kriegswirtschaftlichen Rohstoffvorkommen zu kontrollieren und die besetzten Länder auszubeuten. Hitler war davon überzeugt, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Westmächten und der Sowjetunion auf Dauer zu einem Auseinanderbrechen der antideutschen Koalition führen würde.

1942 wollte Hitler die Erdölvorkommen im Süden Russlands erobern. Die Offensive begann im Juni 1942 und scheiterte nach Anfangserfolgen drei Monate später. Zwischen Hitler und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes kam es im Herbst 1942 zu schweren Auseinandersetzungen über operative Fragen. Der Diktator wollte ihn ablösen lassen (vgl. Kotze, 1974, S. 126 ff.; IMT, Band XV, S. 331). Jodl bemühte sich im Herbst 1942 mehrmals vergeblich um ein Frontkommando (siehe: https://katharinakellmann-historikerin.de/die-deutsche-sommeroffensive-1942/). General Walter Warlimont, Jodls Stellvertreter, sprach in seinen Erinnerungen, von der „schwerste(n) Krise“, die das Hauptquartier bis dahin erlebt hatte (Warlimont, Band 1, 1990, S. 268).

Am 24. September 1942 entließ Hitler den Chef des Generalstab des Heeres, Generaloberst Franz Halder und ersetzte ihn durch Generalmajor Kurt Zeitzler, bis dahin Chef des Generalstabes beim OB West in Paris. Zeitzler wurde zum General der Infanterie befördert und sorgte dafür, dass fortan nur er dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht über die Lage an der Ostfront vortrug. Die Landkriegführung zerfiel „endgültig in zwei nebeneinander stehende Stäbe.“ (Warlimont, Band 1, 1990, S. 268)

b.) 1943 bis 1945

Die deutschen Kräfte reichten ab 1943 nicht mehr aus, um eine Entscheidung zu erzwingen. Die Situation hätte nahegelegt, die deutsche Kriegführung einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, die eigenen Kräfte und das gegnerische Potenzial realistisch zu bewerten und daraus die Schlussfolgerungen zu ziehen. Doch eine solche Lagebeurteilung hätte nur zu der Einsicht führen können, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Dazu konnte der Diktator sich nicht durchringen. In seiner sozialdarwinistisch geprägten Sicht des Krieges war ein Kompromiss nicht möglich. Folgerichtig war der Krieg für das NS-Regime ein Kampf um Sein oder Nichtsein. In Nürnberg sagte der Chef des Wehrmachtführungsstabes aus, daß im „Führerhauptquartier“ Politik und Militär „scharf getrennt worden“ wären und der Diktator keine Neigung gezeigt hätte, politische Fragen mit führenden Offizieren zu diskutieren (IMT, Band XV, S. 324). Der Generaloberst betrachtete sich nicht als Stratege, sondern als Führungsgehilfe eines Strategen (vgl. IMT, Band XV, S. 569). Unter Strategie verstand Jodl „höchste Führungstätigkeit im Kriege. Sie umfaßt Außen- und Innenpolitik, militärische Operationen und Kriegswirtschaft, Propaganda und Volksführung und muß all diese kriegswichtigen Elemente in Übereinstimmung bringen für die Zwecke und das politische Ziel des Krieges. Fängt man erst an, den Begriff von Strategie so zu begreifen, dann kann niemand mehr daran zweifeln, daß nicht ein General, sondern nur ein Staatsmann Stratege sein kann …“ (Jodl, KTB OKW Band 4, S. 1716). Für den Generaloberst gehörte es nicht zu den Aufgaben des Soldaten, das Ziel strategischen Handelns zu definieren. Er wollte „das glitschige Parkett der Politik“ meiden (KTB OKW, Band 4, S. 1556).

Über welche Einflussmöglichkeiten verfügte der Chef des Wehrmachtführungsstabes in den letzten Jahren des Krieges? Die Grenzen, die Hitler den Militärs setzte, die unübersichtliche Spitzengliederung und die Selbstbeschränkung des Generals führten dazu, dass er nicht als strategischer Ratgeber in Erscheinung trat. „Unterscheidet man zwischen großer und logistischer Strategie, war er lediglich Logistiker, General der taktischen, technischen und organisatorischen Truppenführung“, so Bodo Scheurig. „Am großen Überblick mangelte es. Unfähig, Konflikte des wirklichen Feldherren zu empfinden, hätte er die große Strategie stets anderen überlassen müssen. In höchster Stellung war er objektiv falsche Wahl. Niemand jedoch wäre über seine Kompetenzen hinaus gediehen.“ (Scheurig, S. 231). Walter Görlitz sprach in seiner Monografie über den Generalstab 1950 von einem Soldaten mit „großen fachlichen Qualitäten“, der als Offizier in „aller Schlichtheit“ mit politischen Fragen nichts zu tun haben wollte (vgl. Görlitz, 1950, S. 527). Der Historiker Bernd Wegner kam 2007 in Band 8 des Reihenwerkes „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ zu dem Schluss, dass man die Rolle von Alfred Jodl in der Spitzengliederung der Wehrmacht tragisch nennen könne. Der General wäre aufgrund seiner Professionalität der wohl wichtigste militärische Ratgeber des Diktators gewesen, hätte sich aber nicht von dessen Einfluss frei machen können (vgl. Wegner, 2007, S. 230).

Jodls wichtigste Aufgabe bestand jetzt darin, auf den „OKW-Kriegsschauplätzen“ den Frontkommandeuren den Rücken freizuhalten und in übergreifenden Wehrmachtfragen auf Bitten Hitlers eine Stellungnahme abzugeben (vgl. Megargee, 2006, S. 243). Sachlich zählte er Vor- und Nachteile der verschiedenen Lösungen auf. Die Entscheidung überließ er stets dem Diktator. Wenn es nicht um grundsätzliche Fragen ging, konnte der General hartnäckig sein. Generalmajor von Buttlar-Brandenfels, von 1942 bis 1945 ein enger Mitarbeiter des Generalobersten im OKW, erlebte während seiner Dienstzeit, dass „Jodl so ziemlich der einzige ist, der dem Führer seine Meinung sagt, und das oft mit bajuwarischer Grobheit. Er macht das aber sehr geschickt, versteift sich nicht, sondern wartet einen günstigen Moment ab, um seine Sache wieder anzubringen.“ (Jodl, 1976, S. 94). Großadmiral Erich Raeder, von 1928 bis 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, urteilt in seinen Memoiren: „Den vielen Auseinandersetzungen mit Hitler ist er nicht aus dem Wege gegangen und hat ihm gegenüber seine Ansichten ohne Rücksicht auf etwaige persönliche Nachteile vertreten.“ (Raeder, 1957, S. 320). Mag man Buttlar und Raeder noch zu Gute halten, dass sie nach dem Krieg aus kameradschaftlicher Verbundenheit positiv über den Chef des Wehrmachtführungsstabes urteilten, so kam Christian Hartmann aus der Warte des Historikers zu einem ähnlichen Urteil. Der „operativ ausgesprochen begabte Jodl“ sei wie kaum ein anderer Offizier bereit gewesen, „auf militärischem Gebiet Hitler auch mit abweichenden Meinungen zu konfrontieren …“ (Hartmann, 1991, S. 25).

Nach außen ließ der General keine Zweifel an einem erfolgreichen Ausgang des Krieges zu. In einem Brief aus dem Jahr 1943 an Luise von Benda hieß es: „Du mußt durch dick und dünn verfechten, daß wir diesen Krieg gewinnen. Wer daran nicht glaubt, tut am besten daran, sich gleich zu erschießen … Die Masse kämpft nur, solange sie an die Möglichkeit eines Erfolges glaubt. Sieht sie ihn nicht mehr, sucht sich jeder einen bequemen Ausweg, mit dem er dann seinen niedergebrochenen Willen oder seine Feigheit bemäntelt. Wer glaubt, daß man jetzt Frieden machen muß, der erfindet die Ausrede von der Erhaltung der Substanz und will damit nicht sehen, daß er alles der Vernichtung preisgibt.“ (Jodl, 1976, S. 70)

Wie Hitler ging Jodl davon aus, dass die Westmächte spätestens im Frühjahr 1944 im Westen eine Landung versuchen würden. Die vorhandenen Informationen ließen ab Herbst 1943 keinen Zweifel daran, dass sich in England mehrere Armeen auf einen Einsatz vorbereiteten.

Alfred Jodl betrachtete die Abwehr der drohenden Invasion als letzte Chance des Deutschen Reiches, die Niederlage abzuwenden. Im Januar 1944 schlug er eine Verkürzung der Ostfront auf die kürzeste Linie zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer vor und stellte sich damit gegen Hitlers Haltestrategie. Hier erwies sich der General noch einmal als scharfsinniger und kluger Analytiker. Es war Jodls letzte nennenswerte Initiative als strategischer Ratgeber. Der Vorschlag stellte innerhalb des geringen Handlungsspielraums, der Deutschland verblieben war, eine angemessene Lösung dar. Nur wenn es gelungen wäre, eine Landung im Westen zu verhindern, hätte dieser Abwehrsieg möglicherweise neue Chancen eröffnet (siehe auch: https://katharinakellmann-historikerin.de/6-juni-1944-invasion-in-der-normandie/). Doch Hitler lehnte Jodls Vorschlag ab. Die vom Chef des Wehrmachtführungsstabes geforderte Schwerpunktbildung im Westen gelang nicht so konsequent wie erwartet.

Der Juni 1944 brachte entscheidende Niederlagen. Die Alliierten hatten in der Normandie einen Brückenkopf errichtet. An der Ostfront vernichteten die Russen innerhalb weniger Tage eine deutsche Heeresgruppe. Engländer und Amerikaner beherrschten den Himmel über Deutschland. Die militärische Situation war aussichtslos.

Jodl verbreitete weiterhin Zuversicht. Gegenüber den Offizieren seines Stabes verwies er auf die immer noch steigende deutsche Rüstungsproduktion und den bevorstehenden Einsatz von technisch überlegenen Waffen wie neuen Düsenjägern oder modernen Unterseebooten. Für Alfred Jodl bedeutete dies, auf alle Fälle durchzuhalten. In seinen Augen gehörte es nicht zu den Aufgaben eines Soldaten, den Politikern an der Spitze eines Staates Empfehlungen zu geben. Entsprechende Erwartungen wies er im Sommer 1944 mit der Bemerkung zurück, für Politik hätte Hitler seinen Außenminister (vgl. Heusinger, 1957, S. 341). Ende Dezember 1944 jedoch soll Jodl versucht haben, „Hitler auf Umwegen und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einem – letztlich ergebnislosen – Vieraugengespräch zu einer politischen Beendigung des Krieges zu bewegen.“ (Wegner, 2000, S. 494) Erst als Hitler tot war, zeigte Jodl in den ersten Maitagen des Jahres 1945 mehr Entschlusskraft und trug mit dazu bei, dass der sinnlose deutsche Widerstand endlich eingestellt wurde (vgl. de Maiziere, 1989, S. 115 f.). Am 7. Mai 1945 unterschrieb der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Namen der deutschen Regierung die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten.

 

 

Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnet am 7. Mai 1945 in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Fotonachweis: Franklin Roosevelt Library. Das Foto ist gemeinfrei (Wikimedia Commons).

 

Offizier und Kriegsverbrecher

Alfred Jodl wirkte während des Krieges an der Ausarbeitung völkerrechtswidriger Befehle mit. Im Frühjahr 1941 gehörte zu den Offizieren, die den „Kommissarbefehl“ formulierten. Dieser Befehl ermächtigte die Truppe, Kommissare, also Offiziere, die in der Roten Armee für die ideologische Zuverlässigkeit der Soldaten verantwortlich waren, auf Verdacht hin zu erschießen.

Nach dem Krieg behaupteten viele höhere Kommandeure, die an der Ostfront eingesetzt waren, dass der Befehl gar nicht weitergegeben worden sei. Der Historiker Felix Römer legte 2008 ein Buch vor, in dem er nachwies, dass dies nicht den Tatsachen entsprach. Im Frühjahr 1942 konnte Jodl Hitler davon überzeugen, dass der „Kommissarbefehl“ nur den Widerstandsgeist der Roten Armee stärken würde. Aus pragmatischen Gründen hob der Diktator die Weisung 1942 auf (vgl. Scheurig, 1991, S. 205).

Im Herbst 1942 gab der Chef des Wehrmachtführungsstabes den völkerrechtswidrigen „Kommandobefehl“ an die Frontbefehlshaber weiter. Unter Kommandounternehmen verstand man Überfälle kleinerer Gruppen, die versuchten, in Norwegen, Italien oder Frankreich zu landen und dort militärisch wichtige Objekte zu zerstören. Diese Form der Kampfführung zwang die Deutschen dazu, in den besetzten Ländern West- und Nordeuropas Kräfte zu stationieren, die an der Ostfront dringend gebraucht worden wären. Trugen die Kommandotrupps Uniform, hätten sie wie Soldaten als Kriegsgefangene behandelt werden müssen. „Der Kommandobefehl“ ermächtigte die deutschen Streitkräfte, die Angehörigen von Kommandounternehmen zu erschießen oder an den Sicherheitsdienst (SD) zu übergeben. Der SD unterstand der SS und wurde 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als verbrecherische Organisation eingestuft.

Bedeutete dies, dass Jodl die verbrecherischen Ziele Hitlers teilte und unterstützte? Wusste er von den Verbrechen, die in Polen und der Sowjetunion verübt wurden? Von der genauen Tätigkeit der Einsatzgruppen des SD wollte er erst nach dem Krieg erfahren haben (vgl. IMT, Band XV, S. 365). So unwahrscheinlich sich dies anhören mag, der Nürnberger Prozess erbrachte keinen gegenteiligen Beweis (vgl. de Zayas, 2000, S. 472). Doch die vielen Gerüchte, die im Umlauf gewesen waren, können dem Chef des Wehrmachtführungstabes schwerlich entgangen sein. Die Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und SS im rückwärtigen Heeresgebiet war für Jodl eine rein operative Angelegenheit, dienten diese Aktionen doch der Partisanenbekämpfung, wie ihm der Diktator auf Nachfrage versicherte. Der General gab sich damit zufrieden (vgl. IMT, Band XV, S. 365 f.). Seine Mitverantwortung besteht (neben der Mitarbeit beim Kommissarbefehl und der Weitergabe des Kommandobefehls) im Wegschauen und Nichtwissenwollen, eine typische Reaktion vieler Offiziere. die mit Gerüchten über Massaker an den Juden oder Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten konfrontiert wurden. „Im OKH (Oberkommando des Heeres, die Verfasserin) waren Gespräche über dieses Thema verpönt“, erinnerte sich nach dem Krieg ein Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Heer (Hartmann, 1991, S. 252). Selbst wenn ihm einer seiner Offiziere die Augen geöffnet hätte, Jodl hätte das Ganze wahrscheinlich als Unsinn abgetan. Doch er gehörte nicht zu den Personen, mit denen man sich über solche Dinge aussprechen konnte. Nur wer als vertrauenswürdig galt, erhielt Informationen, die er entweder hütete oder lediglich an gute Bekannte weiter gab (vgl. Meyer, 2001, S. 219).

Im Rahmen seiner Kompetenzen bemühte sich Jodl, eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Schon 1941 unterstützte er die Militärbefehlshaber in den besetzten Ländern in ihren Bemühungen, Repressalien einzuschränken (vgl. Wagner, 1963, S. 211; Aussage von Generalfeldmarschall Kesselring, IMT, Band IX, S. 240). Am 6. Mai 1944 gab der Generaloberst aus eigener Initiative eine Vorschrift zur „Bandenbekämpfung“ heraus, in der angeordnet wurde, dass gefangengenommene Partisanen als Kriegsgefangene behandelt werden sollten. „Hier zeigte er Statur, verhinderte Schlimmeres“, urteilte Bodo Scheurig (Scheurig, 1991, S. 249). Außerdem legte er fest, dass Repressalien gegen ganze Dörfer die Ausnahme bilden sollten und fortan nur noch von Offizieren befohlen werden durften, die mindestens die Dienststellung eines Divisionskommandeurs innehatten (vgl. Seidler, 1999, S. 169).

Die Ankläger des internationalen Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg 1946 warfen Jodl auch Verschwörung gegen den Frieden und Vorbereitung eines Angriffskrieges vor. Der Offizier war im Truppenamt und im Wehrmachtamt mit der Ausarbeitung von Operationsentwürfen für mögliche Kriege gegen die Nachbarn Deutschlands beteiligt. Abgesehen von der Frage, ob die Anklagepunkte völkerrechtlich haltbar waren – die konzeptionellen Arbeiten gehörten zu seinen Dienstpflichten. Jodl hatte nicht zu entscheiden, ob Deutschland Krieg führen würde oder nicht. Unbestritten ist, dass der Offizier keine Bedenken gegen diese Pläne geltend machte.

Auch die Schuld Jodls bei Anklagepunkt 4, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, lässt sich nicht einwandfrei belegen. Der General war an der Vorbereitung und der Durchführung des Völkermordes an den europäischen Juden nicht beteiligt. Aber auch hier kam kein Widerspruch über seine Lippen. Als Ende Oktober 1944 Teile Nordnorwegens geräumt werden mussten, erließ der Chef des Wehrmachtführungsstabes einen Befehl, der die von der Wehrmacht praktizierte Politik der „verbrannten Erde“ billigte.

Unbestritten ist, dass Alfred Jodl im Zweiten Weltkrieg durch seine Mitarbeit am „Kommissarbefehl“ und die Weitergabe des „Kommandobefehls“ gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstieß.

Jodls Verhältnis zum Nationalsozialismus

Eine ideologische Nähe zu Hitler und zu den Zielen des Nationalsozialismus ist bei Jodl nicht zu leugnen. Aufschlüsse hierüber geben unter anderem Aufzeichnungen, die ein Generalstabsoffizier im Mai 1945 bei Lagebesprechungen in Flensburg anfertigte, wo Jodl immer noch als Chef des Wehrmachtführungsstabes amtierte. Am 17. Mai 1945 sagte er:

„Immer daran denken, dass Judentum nur darauf wartet, uns zu schikanieren und zu demütigen.“ (KTB OKW, 1944-45, Teilband 2, S. 1504)

Wie der General zu dieser Schlussfolgerung kam, ist für mich nicht nachvollziehbar. Alfred Jodl war Antisemit. Und dieser Antisemitismus machte ihn noch nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands blind für die Verbrechen des Regimes. Zwei Tage später äußerte der Generaloberst:

„Ich kann nur von mir sagen, in dem Augenblick, in welchem ich das Gefühl gehabt hätte, dass an der Spitze ein Verbrecher steht, so hätte ich im selben Moment die Konsequenzen gezogen … Ich habe unaufhörlich gesehen, dass es keinen Ausweg gab. Außerdem war ich Soldat wie jeder andere auch.“ (KTB OKW, 1944-1945, Teilband 2, S. 1507)

Dass Jodl in Hitler nur den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht sah und ihm nie in den Sinn gekommen wäre, dass der Diktator als Verbrecher gehandelt hätte, scheint eine Ausrede zu sein. Schon im Frühjahr 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert. Ab dem Sommer 1933 gab es in Deutschland nur noch eine legale Partei. Jodl wird nicht entgangen sein, dass Deutsche mosaischen Glaubens zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert wurden.

Alfred Jodl war wie viele Offiziere seiner Generation Antisemit und Antikommunist. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess äußerte er, dass er mit Juden verkehrt hätte, aber es wären Juden gewesen, die ein Vaterland kannten (vgl. IMT, Band XV, S. 315). Für den General waren Deutsche mosaischen Glaubens also erst gesellschaftsfähig, wenn sie sich zu Deutschland bekannten. Jodls Ressentiments waren durch die Räterepublik in München 1918/19 geprägt, in der Juden seiner Meinung nach eine verhängnisvolle Rolle gespielt hätten. Juden als Kriegsgewinnler, als vaterlandslose Subjekte, diese antisemitischen Stereotypen waren in Deutschland nach 1918 weit verbreitet. Sie mussten nicht automatisch nach Auschwitz führen, doch sie waren für mangelndes Mitgefühl, unterlassene Hilfeleistungen und fehlenden Protest im NS-Regime verantwortlich. Der Historiker Manfred Messerschmidt sprach von einer „Teilidentität der Ziele“, die das Verhältnis zwischen den Streitkräften und der NSDAP prägte (Messerschmidt, 1981, S. 476).

Die Aufzeichnungen aus dem Mai 1945 lassen darauf schließen, dass Jodl ein Mensch war, der anscheinend nicht begriff, welchem Verbrecher er gedient hatte. Wie kann man diese Verblendung erklären? Die Äußerungen des Generalobersten über die politische Situation – er glaubte, man könne den Westen gegen die Sowjetunion ausspielen – erscheinen grotesk und naiv. Mich überrascht, dass ein intelligenter Mensch mit der Fähigkeit zur sachlichen Analyse hier eine politische Allgemeinbildung offenbart, die einem General schon zur Peinlichkeit gereicht.

Seine abfälligen Bemerkungen über die Generalität hingen möglicherweise mit der Ablehnung seines Konzepts der Wehrmachtführung zusammen. Sein vernichtendes Urteil bezog sich vor allem auf seinen ehemaligen Förderer, den Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck. Das Heer, aus dessen Generalstab Jodl hervorgegangen war, erschien dem Oberst nun als „Feindseite“. Wie konnte eine Organisationsfrage jahrelange Loyalitäten beenden? Auch Beck war ein Mann, der nicht zu Kompromissen neigte. Aber nun stand er für Jodl auf der „Feindseite“ (Scheurig, S. 51). Vielleicht liefert ein Satz aus einer Beurteilung von Jodl durch den Chef des Truppenamtes, General Adam, eine Erklärung: „Ein klarer, nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“ (Scheurig, 1991, S. 20; Jodl, 1976, S. 109).

Jodl wird als nüchterner Mann beschrieben, ein Generalstabsoffizier, der auch realistisch denken muss. Doch gleichzeitig bescheinigt ihm der Beurteiler „ein heißes Herz“ und einen „eisernen Willen.“ Jodl scheint ein Mensch mit großen emotionalen Spannungen gewesen zu sein. Die kühle Ratio und eine Begeisterungsfähigkeit, die sich über die Grenzen der Vernunft hinweg setzt – dies vereinte er in sich. Hitler und seine „Erfolge“ zwischen 1935 und 1938 brachten genau diese Seite im Charakter des Offiziers zum Schwingen. Offiziere wie Jodl suchte Hitler: tüchtig, loyal, operativ befähigt und bereit, sich mit der Rolle des Beraters zufriedenzugeben.

Die Todesstrafe 1946 in Nürnberg gegen den Generalobersten mag ungerecht gewesen sein und gehört heute noch zu den umstrittensten Urteilen. Jodl war lediglich erbittert darüber, dass ihm nicht der Tod durch ein Erschießungskommando gewährt wurde. Mit der Hinrichtung durch den Strang wollten die Siegermächte demonstrieren, dass sie den Chef des Wehrmachtführungsstabes nicht als ‚ehrbaren Soldaten‘ betrachteten.

Alfred Jodl glaubte subjektiv seine Pflicht zu tun. Objektiv wurde er zum Erfüllungsgehilfen eines Diktators, der Deutschland ins Verderben stürzte.

 

Zur militärischen Situation Deutschlands in der zweiten Kriegshälfte:

Deutschland in der Defensive — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de)

 

Weiterführender Link:

Kriegsverbrecher: Wie schuldig war Hitlers Chefberater Alfred Jodl? – WELT

 

Gedruckte Quellen:

Walther Hubatsch (Hrsg.): Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939 – 1945, 2. Aufl., Bonn 1983

IMT: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg vom 14. 11 1945 – 01.10.1946, 42 Bände, Nürnberg 1947 – 1949 (Quellen zu Jodl finden sich in Band XV)

Hildegard von Kotze (Hrsg.): Heeresadjutant bei Hitler 1938 – 1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, Stuttgart 1974 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte)

Richard Overy, Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945, Berlin 2005

Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab), Band 1, 1940/41, Göttingen 1964

Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab), Band 4 1944/45, Göttingen 1961

Elisabeth Wagner (Hrsg.): Der Generalquartiermeister. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen des Generalquartiermeister des Heeres, General der Artillerie Eduard Wagner, München, Wien 1963

 

Literatur:

Karl-Heinz Frieser (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007 (dieser vom ehemaligen Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebene Band enthält mehrere Aufsätze von Bernd Wegner über Grundsatzentscheidungen der deutschen Kriegführung 1943/44)

Walter Görlitz, Der deutsche Generalstab. Geschichte und Gestalt 1657 – 1945, Frankfurt./M 1950

Walter Görlitz (Hrsg.), Generalfeldmarschall Keitel. Verbrecher oder Offizier? Erinnerungen, Briefe, Dokumente des Chefs OKW, Berlin, Frankfurt 1961

Luise Jodl, Jenseits des Endes, Leben und Streben des Generaloberst Alfred Jodl, Wien, München, Zürich, 1976

Christian Hartmann, Halder, Generalstabschef Hitlers 1938-1942, Paderborn 1991

Adolf Heusinger, Befehl im Widerstreit. Schicksalsstunden der deutschen Armee 1923 – 1945, Tübingen 1957

Axel Kellmann, Generaloberst Alfred Jodl – Chef des Wehrmachtführungsstabes: Ein Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis zwischen Wehrmacht und NS-Regime, Saarbrücken 2004

Bernhard von Loßberg, Im Wehrmachtführungsstab, Hamburg 1949

Ulrich de Maiziere, In der Pflicht,. Lebensbericht eines deutschen Soldaten im 20. Jahrhundert, Herford, Bonn 1989

Bernd Martin, Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg. Vom Angriff auf Pearl Harbour bis zur deutschen Kapitulation, Hamburg 2001

Geoffrey P. Megargee, Hitler und die Generale. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1939 – 1945, Paderborn, München, Wien, Zürich 2006

Manfred Messerschmidt, Die Wehrmacht im NS-Staat, in: Bracher, Karl-Dietrich,; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf: Nationalsozialistische Diktatur. Eine Bilanz, Düsseldorf 1981, S. 465-479, hier: S. 476

Georg Meyer, Adolf Heusinger. Dienst eines deutschen Soldaten 1915 – 1964, Hamburg, Berlin, Bonn 2001

Rolf-Dieter Müller, Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945, Stuttgart 2005

Erich Raeder, Mein Leben, Band 2: Von 1935 bis Spandau 1955, Tübingen 1957

Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biografie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Franz-Josef Schott, Der Wehrmachtführungsstab im Führerhauptquartier, phil. Diss. Bonn 1980

Franz W. Seidler, Die Wehrmacht im Partisanenkrieg. Militärische und völkerrechtliche Darlegungen zur Kriegführung im Osten, Selent 1999

Walter Warlimont, Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939 bis 1945. Grundlagen – Formen – Gestalten, Band 1 und 2, Augsburg 1990 (Nachdruck der Originalausgabe aus dem Jahr 1962)

Bernd Wegner, Hitler, der Zweite Weltkrieg und die Choreographie des Untergangs, in Geschichte und Gesellschaft, 26, 2000, Heft 3, S. 493 – 518

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Siegfried Westphal, Erinnerungen, 2. durchgesehene Auflage, Mainz 1975

Alan P. Wilt, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier in: Roland Smelser, Enrico Syring (Hrsg.): Die Militärelite des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, S. 236–250

Alfred de Zayas, Die Wehrmacht und die Nürnberger Prozesse, in: Preußen, Wilhelm Karl v.; Hase, Karl-Günter v.; Poeppel, Hans (Hrsg.): Die Soldaten der Wehrmacht, 6. Aufl., München 2000, S. 461 – 499

 

Der Beitrag wurde am 7. April 2021 überarbeitet.