Hitlers engster militärischer Berater

Hitlers engster militärischer Berater: General Alfred Jodl führte im Zweiten Weltkrieg den Wehrmachtführungsstab. In dieser Funktion wirkte Jodl aber auch an völkerrechtswidrigen Befehlen, wie dem 1941 erlassenen „Kommissarbefehl“, mit. Noch nach dem Krieg vermochte der General sich nicht aus dem Banne des Diktators zu lösen. Wie groß war der Einfluss Jodls auf die Kriegführung des III. Reiches und wie weit reichte seine Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes?
Alfred Jodl und Adolf Hitler

Alfred Jodl rechts neben Adolf Hitler im „Führerhauptquartier“. Aufnahme aus dem Jahr 1940. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R99057 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ein Mann auf dem Weg nach oben

Alfred Jodl kam am 10. Mai 1890 in Würzburg zur Welt. Sein Vater, ein bayerischer Offizier, hatte den Abschied nehmen müssen, weil er Jodls Mutter erst nach seinem Ausscheiden heiraten konnte. Alfred Jodl wurde als nicht eheliches Kind geboren und von seinem Vater adoptiert. 1910 bestand er auf der Kadettenanstalt in München das Abitur. Danach entschied er sich für eine Laufbahn als Berufsoffizier. 1913 heiratete er die fünf Jahre ältere Irma Gräfin von Bullion. Die Ehe blieb kinderlos; 1944 starb seine Frau. 1945 vermählte sich Alfred Jodl mit Luise von Benda.
 
Im Ersten Weltkrieg war der junge Offizier mehrmals verwundet worden. Alfred Jodl wurde 1920 in die Reichswehr übernommen. Er gehörte zur Spitzengruppe seines Berufes und durchlief die „Führergehilfenausbildung“, ein Tarnname für die im Versailler Vertrag verbotene Generalstabsausbildung. Die „Führergehilfen“ sollten als Stabsoffiziere die Kommandeure großer Truppenverbände beraten.
 
1932 wurde Jodl in das Truppenamt (die Planungszentrale der Reichswehr) nach Berlin versetzt und übernahm den Posten eines Gruppenleiters in der Operationsabteilung. Der Offizier konnte hier seine Qualitäten ausspielen. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, analytisch befähigt, sorgfältig und stets belastbar. Mit diesen Eigenschaften empfahl er sich für höhere Aufgaben: „Ein klarer nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“, so schrieb ein Vorgesetzter in einer Beurteilung (Scheurig 1991, S. 20).
 
1935 wechselte er in das Wehrmachtamt über, wo er die Leitung der Abteilung Landesverteidigung übernahm und zum Oberst befördert wurde. Die neue Verwendung war ebenfalls eine Schlüsselposition in einer Armee, die aufrüstete. Nach Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1935 sollte das Heer 36 Divisionen mit 550 000 Mann umfassen. Zwischen dem Reichskriegsministerium, zu dem auch das Wehrmachtamt gehörte, und der Führungsspitze des Heeres begann eine Auseinandersetzung um die Führungsstrukturen der Streitkräfte im Krieg. Der Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, und der Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck, plädierten für eine Wehrmachtführung, die dem Heer die Schlüsselrolle einräumte. Jodl hingegen, ursprünglich ein Vertrauter Becks, setzte sich für einen Wehrmachtgeneralstab ein, der über den drei Teilstreitkräften stand (vgl. Scheurig, 1991, S. 35). Dieser Wehrmachtgeneralstab sollte aus der Abteilung Landesverteidigung hervorgehen. In einem modernen Krieg – so die Argumentation von Alfred Jodl – würden auch Marine und Luftwaffe eine wesentliche Rolle spielen. Die drei Teilstreitkräfte sollten eng zusammenarbeiten.
 
Im Heer wurde Jodl daher als eine Art Verräter betrachtet. General Beck untersagte seinen Offizieren den Umgang mit ihren Kameraden aus dem Wehrmachtamt. Jodl seinerseits sprach 1939 vom Oberkommando des Heeres als der „Feindseite“. Der Offizier wandelte sich unter dem Eindruck der „Erfolge“ Hitlers (Rheinlandbesetzung 1936, der „Anschluss“ Österreichs 1938 und das Münchner Abkommen im gleichen Jahr) zu einem Anhänger des Diktators. Noch 1933 hatte er Hitler einen „Scharlatan“ genannt und ihm nur eine kurze Zeit als Reichskanzler gegeben. Doch spätestens 1938 war er ein überzeugter Anhänger des „Führers“ (vgl. Jodl, 1976, S. 110).
 
Bedeutete dies, dass Jodl vom Nationalsozialismus überzeugt war? Jodl gehörte zu jenen Soldaten, die die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten begrüßten. Seine Herkunft als nicht eheliches Kind, seine Ablehnung der Kirche, ein für Offiziere seiner Generation typischer Antikommunismus, seine Erfahrungen im Schützengraben und die Bürgerkriegswirren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg machten ihn empfänglich für einen „nationalen Sozialismus“. 1918 war für ihn die Monarchie als Institution gescheitert. Den föderalen Reichsaufbau hielt er nicht mehr für zeitgemäß (vgl. Scheurig, 1991, S. 44).
 
Alfred Jodl glaubte zudem an die Friedensrhetorik Hitlers, der immer wieder betonte, dass er keinen Krieg wolle. Aufzeichnungen, die er im Nürnberger Gefängnis machte, zeugen von einem eher konventionellen Antisemitismus, wie er im deutschen Offizierkorps weit verbreitet war. Diese Einstellung war mitverantwortlich dafür, dass Alfred Jodl den verbrecherischen Charakter der Ausnahmegesetze gegen Juden und die Verfolgung politischer Gegner ignorierte. Er hielt sich für einen unpolitischen Soldaten, der dem legalen Staatsoberhaupt diente und nicht der NSDAP. Bis zuletzt unterschied er zwischen Hitler und der Partei.
 
1938 wurde er nach Wien versetzt, wo er wieder ein Truppenkommando übernahm. Am 20. April 1939 erhielt er seine Beförderung zum Generalmajor. Im Herbst 1939 sollte er das Kommando über eine Gebirgsjägerdivision übernehmen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte, dass dieser lang gehegte Wunsch in Erfüllung ging. Alfred Jodl musste in Berlin die Leitung des Wehrmachtamtes übernehmen, das 1940 in Wehrmachtführungsstab umbenannt wurde.
 

Hitlers engster militärischer Berater

 
Von 1939 bis 1945 sah Jodl den Diktator fast täglich. Er nahm an ca. 5000 Besprechungen im „Führerhauptquartier“ teil (vgl. Scheurig, 1991, S. 369). Der Offizier galt als der engste militärische Berater Hitlers. Wie groß war sein Einfluss in der Kommandostruktur des NS-Regimes?
 
Adolf Hitler machte schnell klar, dass er sich auch als militärischer Führer des Deutschen Reiches betrachtete. (vgl. Overy, 2005, S. 272). Die Erfolge zwischen 1939 und 1941 – oft errungen gegen den Rat und die Bedenken der Militärs – bestärkten ihn in seiner Auffassung, dass die Generalität nichts von moderner Kriegsführung verstünde. In einer Befragung durch amerikanische Verhörexperten wenige Wochen nach der Kapitulation teilte Alfred Jodl die Sichtweise des Diktators. Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht wäre für eine Reihe von Entscheidungen verantwortlich, ohne die Deutschland den Krieg früher verloren hätte. Als größte Leistung betrachtete Jodl die Art und Weise, in der Hitler im Winter 1941/42 durch seine energischen Befehle die Front vor Moskau stabilisiert hätte. In der zweiten Hälfte des Krieges jedoch – so Jodl –  hätte der Diktator den Fehler gemacht, die deutschen Kräfte zu überschätzen (vgl. Overy, 2005, S. 272).
 
Eine Wehrmachtführung, also ein Zusammenwirken von Heer, Marine und Luftwaffe, kam über Ansätze nicht hinaus. Großadmiral Erich Raeder, von 1928 bis 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, zählte Jodl zu den wenigen Heeresoffizieren, die die Bedeutung dieser modernen Führungsstruktur erkannt hatten und umsetzen wollten (vgl. Raeder, 1957, S. 320). Der Wehrmachtführungsstab besaß jedoch keine Befehlsbefugnisse. Er sollte den „Führer“ in Fragen der Gesamtkriegsführung unterstützen.
 
Die Stärken und Schwächen des Chefs des Wehrmachtführungsstabes zeigten sich im Jahr 1940. Beim Überfall auf Norwegen im Frühjahr 1940 sorgte Jodl dafür, dass das Unternehmen erfolgreich endete. Hitler wollte den in Narvik gelandeten Gebirgsjägern den Befehl zum Rückzug geben, was den strategisch wichtigen Feldzug gefährdet hätte. Jodl dagegen zeigte Nervenstärke und sorgte dafür, dass die Truppen ihre Stellungen hielten. Die Briten mussten schließlich aufgeben (vgl. Warlimont, 1990, S. 93).
 
Am 30. Juni 1940 legte Alfred Jodl nach dem Sieg über Frankreich eine Denkschrift zur weiteren Kriegführung vor. Der General glaubte, dass Luftwaffe und Marine England schwächen könnten. Das Heer würde bei einer Landung auf keinen ernsthaften Widerstand stoßen. Der General überschätzte die Möglichkeiten von Marine und Luftwaffe. Politische Einflussgrößen wie die Haltung der USA und der Sowjetunion, vernachlässigte er. Der General war ein Spezialist für Fragen der operativen Kriegsführung, aber ihm fehlte das Verständnis für Probleme der großen Strategie.
 

Bodo Scheurig benennt in seiner Biografie die Grenzen Jodls, die im Zweiten Weltkrieg klar zutage traten: „Weiterhin Offizier des funktionalistischen Gehorsams, abgeneigt und unfähig, politisch zu denken, verkörperte er freiwillig Verzicht auf Pflichten des Feldherren … Jodls Mentalität wurde zur Gewähr purer Kriegstechniker, sein Einfluss zu einem Gesamtführungsstab unverantwortlich.“ (Scheurig, 1991, S. 75) Generalmajor von Buttlar-Brandenfels, ab 1942 1. Generalstabsoffizier Heer im Wehrmachtführungsstab, bestätigte dieses Urteil aus der Sicht eines Zeitzeugen. Jodl hätte sich „wohl in klarer Erkenntnis seiner eigenen Grenzen, in einer für seinen Posten falschen Weise von den großen Fragen der Gesamtkriegführung abgekapselt und sich mehr auf die operative Kriegführung beschränkt.“ (Jodl, 1976, S. 94). Wenn es nicht um grundsätzliche Fragen ging, konnte Jodl hartnäckig sein. Buttlar-Brandenfels erlebte während seiner Dienstzeit im Oberkommando der Wehrmacht, dass „Jodl so ziemlich der einzige ist, der dem Führer seine Meinung sagt, und das oft mit bajuwarischer Grobheit. Er macht das aber sehr geschickt, versteift sich nicht, sondern wartet einen günstigen Augenblick ab, um eine Sache wieder anzubringen.“ (Jodl, 1976, S. 94; ähnlich Raeder, 1957, S. 320). Christian Hartmann kommt aus der Warte des Historikers zu einem ähnlichen Urteil. Der „operativ ausgesprochen begabte Jodl“ sei wie kaum ein anderer Offizier bereit gewesen, „auf militärischem Gebiet Hitler auch mit abweichenden Meinungen zu konfrontieren … “ (Hartmann, 1991, S. 86).

Ab 1942 glaubte auch Alfred Jodl nicht mehr an einen deutschen Sieg (vgl. Schramm, 1961, S. 1501, KTB OKW 1944/45)). Die deutsche Kriegführung ging zu einer Abnutzungsstrategie über mit dem Ziel, den Kontinent mit seinen kriegswirtschaftlichen Rohstoffvorkommen zu kontrollieren und die besetzten Länder auszubeuten. Hitler war davon überzeugt, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Westmächten und der Sowjetunion auf Dauer zu einem Auseinanderbrechen der antideutschen Koalition führen würde. Zwischen dem Diktator und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes kam es im Herbst 1942 zu schweren Auseinandersetzungen über operative Fragen (vgl. Overy, 2005, S. 273). Hitler wollte ihn ablösen lassen. Jodl bemühte sich vergeblich um ein Frontkommando.
 
Die deutschen Kräfte reichten ab 1943 nicht mehr aus, um eine Entscheidung zu erzwingen. Jodls wichtigste Aufgabe bestand jetzt darin, auf den „OKW-Kriegsschauplätzen“ (dazu gehörten alle besetzten Länder außer der Sowjetunion) den Frontkommandeuren den Rücken freizuhalten und in übergreifenden Wehrmachtfragen auf Bitten Hitlers eine Stellungnahme abzugeben. Sachlich zählte er Vor- und Nachteile der verschiedenen Lösungen auf. Die Entscheidung überließ er stets dem Diktator. Wie Hitler ging Jodl davon aus, dass die Westmächte spätestens im Frühjahr 1944 im Westen eine Landung versuchen würden. Die vorhandenen Informationen ließen ab Herbst 1943 keinen Zweifel daran, dass sich in England mehrere Armeen auf einen Einsatz vorbereiteten. Alfred Jodl betrachtete die Abwehr der drohenden Invasion als letzte Chance des Deutschen Reiches, die Niederlage abzuwenden. Im Januar 1944 schlug er eine Verkürzung der Ostfront auf die kürzeste Linie zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer vor und stellte sich damit gegen Hitlers Haltestrategie. Hier erwies sich der General noch einmal als scharfsinniger und kluger Analytiker. Es war Jodls letzte nennenswerte Initiative als strategischer Ratgeber. Der Vorschlag stellte innerhalb des geringen Handlungsspielraums, der Deutschland verblieben war, eine angemessene Lösung dar. Nur wenn es gelungen wäre, eine Landung im Westen zu verhindern, hätte dieser Abwehrsieg möglicherweise neue Chancen eröffnet. Doch Hitler lehnte Jodls Vorschlag ab. Die vom Chef des Wehrmachtführungsstabes geforderte Schwerpunktbildung im Westen gelang nicht so konsequent wie erwartet.
 
Der Juni 1944 brachte entscheidende Niederlagen. Die Alliierten hatten in der Normandie einen Brückenkopf errichtet. An der Ostfront vernichteten die Russen innerhalb von wenigen Tagen eine deutsche Heeresgruppe. Engländer und Amerikaner beherrschten den Himmel über Deutschland. Die militärische Situation war aussichtslos. Jodl verbreitete nach außen hin Zuversicht. Gegenüber den Offizieren seines Stabes verwies er auf die immer noch steigende deutsche Rüstungsproduktion und den bevorstehenden Einsatz von technisch überlegenen Waffen wie neuen Düsenjägern oder modernen Unterseebooten. Für Alfred Jodl bedeutete dies, auf alle Fälle durchzuhalten. In seinen Augen gehörte es nicht zu den Aufgaben eines Soldaten, den Politikern an der Spitze eines Staates Empfehlungen zu geben. Entsprechende Erwartungen wies er im Sommer 1944 mit der Bemerkung zurück, für Politik hätte Hitler seinen Außenminister (vgl. Kellmann. 2004, S. 41).
 
Erst als Hitler tot war, zeigte Jodl in den ersten Maitagen des Jahres 1945 mehr Entschlusskraft und trug mit dazu bei, dass der sinnlose deutsche Widerstand endlich eingestellt wurde (vgl. Maiziere, 1989, S. 115). Am 7. Mai 1945 unterschrieb der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Namen der deutschen Regierung die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten.
 
Generaloberst Jodl unterschreibt die bedingungslose Kapitulation

Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation in Reims.

Fotonachweis: Franklin Roosevelt Library. Das Foto ist gemeinfrei (Wikimedia Commons)
 

Mitwirkung an Kriegsverbrechen

 
Alfred Jodl wirkte während des Krieges an der Ausarbeitung völkerrechtswidriger Befehle mit. Im Frühjahr 1941 gehörte zu den Offizieren, die den „Kommissarbefehl“ formulierten. Dieser Befehl ermächtigte die Truppe, Kommissare, also Offiziere, die in der Roten Armee für die ideologische Zuverlässigkeit der Soldaten verantwortlich waren, auf Verdacht hin zu erschießen.
 
Nach dem Krieg behaupteten viele höhere Kommandeure, die an der Ostfront eingesetzt waren, dass der Befehl gar nicht weitergegeben worden sei. Der Historiker Felix Römer legte 2008 ein Buch vor, in dem er nachwies, dass dies nicht den Tatsachen entsprach. Im Frühjahr 1942 konnte Jodl Hitler davon überzeugen, dass der „Kommissarbefehl“ nur den Widerstandsgeist der Roten Armee stärken würde. Aus pragmatischen Gründen hob der Diktator die Weisung auf.
 
Im Herbst 1942 gab der Chef des Wehrmachtführungsstabes den völkerrechtswidrigen „Kommandobefehl“ an die Frontbefehlshaber weiter. Unter Kommandounternehmen verstand man Überfälle kleinerer Gruppen, die versuchten, in Norwegen, Italien oder Frankreich zu landen und dort militärisch wichtige Objekte zu zerstören. Diese Form der Kampfführung zwang die Deutschen dazu, in den besetzten Ländern West- und Nordeuropas Kräfte zu stationieren, die an der Ostfront dringend gebraucht worden wären. Trugen die Kommandotrupps Uniform, hätten sie wie Soldaten als Kriegsgefangene behandelt werden müssen. „Der Kommandobefehl“ ermächtigte die deutschen Streitkräfte, die Angehörigen von Kommandounternehmen zu erschießen oder an den Sicherheitsdienst (SD) zu übergeben. Der SD unterstand der SS und wurde 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als verbrecherische Organisation eingestuft.
 
Die Ankläger des internationalen Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg 1946 warfen Jodl auch Verschwörung gegen den Frieden und Vorbereitung eines Angriffskrieges vor. Der Offizier war im Truppenamt und im Wehrmachtamt mit der Ausarbeitung von Operationsentwürfen für mögliche Kriege gegen die Nachbarn Deutschlands beteiligt. Abgesehen von der Frage, ob die Anklagepunkte völkerrechtlich haltbar waren – die konzeptionellen Arbeiten gehörten zu seinen Dienstpflichten. Jodl hatte nicht zu entscheiden, ob Deutschland Krieg führen würde oder nicht. Unbestritten ist, dass der Offizier keine Bedenken gegen diese Pläne geltend machte.
 
Auch die Schuld Jodls bei Anklagepunkt 4, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, lässt sich nicht einwandfrei belegen. Der General war an der Vorbereitung und der Durchführung des Völkermordes an den europäischen Juden nicht beteiligt. Aber auch hier kam kein Widerspruch über seine Lippen. Als Ende Oktober 1944 Teile Nordnorwegens geräumt werden mussten, erließ der Chef des Wehrmachtführungsstabes einen Befehl, der die von der Wehrmacht praktizierte Politik der „verbrannten Erde“ billigte.
 
Unbestritten ist, dass Alfred Jodl im Zweiten Weltkrieg durch seine Mitarbeit am „Kommissarbefehl“ und die Weitergabe des „Kommandobefehls“ gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstieß.
 
Jodl und der Nationalsozialismus
 
Eine ideologische Nähe zu Hitler und zu den Zielen des Nationalsozialismus ist bei Jodl nicht zu leugnen. Aufschlüsse hierüber geben unter anderem Aufzeichnungen, die ein Generalstabsoffizier im Mai 1945 bei Lagebesprechungen in Flensburg anfertigte, wo Jodl immer noch als Chef des Wehrmachtführungsstabes amtierte. Am 17. Mai 1945 sagte er: „Immer daran denken, dass Judentum nur darauf wartet, uns zu schikanieren und zu demütigen.“ (Schramm, 1961, S. 1504, KTB OKW 1944/45) Zwei Tage später äußerte der Generaloberst: „Ich kann nur von mir sagen, in dem Augenblick, in welchem ich das Gefühl gehabt hätte, dass an der Spitze ein Verbrecher steht, so hätte ich im selben Moment die Konsequenzen gezogen … Ich habe unaufhörlich gesehen, dass es keinen Ausweg gab. Außerdem war ich Soldat wie jeder andere auch.“ (Schramm, 1961, S. 1507, KTB OKW 1944/45)
Alfred Jodl geht in Gefangenschaft

Alfred Jodl begibt sich am 23. Mai 1945 in Gefangenschaft. Quelle: http://media.iwm.org.uk/iwm/mediaLib//48/media-48190/large.jpg via Wikimedia Commons

 
Dass Jodl in Hitler nur den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht sah und ihm nie in den Sinn gekommen wäre, dass der Diktator als Verbrecher gehandelt hätte, scheint eine Ausrede zu sein. Schon im Frühjahr 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert. Ab dem Sommer 1933 gab es in Deutschland nur noch eine legale Partei. Jodl wird nicht entgangen sein, dass Deutsche mosaischen Glaubens zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert wurden.
 
Alfred Jodl war wie viele Offiziere seiner Generation Antisemit und Antikommunist. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess äußerte er, dass er mit Juden verkehrt hätte, aber es wären Juden gewesen, die ein Vaterland kannten. Für den General waren Deutsche mosaischen Glaubens also erst gesellschaftsfähig, wenn sie sich zu Deutschland bekannten. Jodls Ressentiments waren durch die Räterepublik in München 1918/19 geprägt, in der Juden seiner Meinung nach eine verhängnisvolle Rolle gespielt hätten (vgl. Scheurig, 1991, S. 367). Auch die aggressive deutsche Außenpolitik betrachtete Jodl nicht als Verbrechen. Die völkerrechtswidrigen Befehle im Krieg gegen die Sowjetunion relativierte er als angemessene Reaktion auf die in seinen Augen barbarische Kampfweise der Roten Armee.
 
Die Aufzeichnungen aus dem Mai 1945 lassen darauf schließen, dass Jodl ein Mensch war, der anscheinend nicht begriff, welchem Verbrecher er gedient hatte. Die Äußerungen des Generalobersten über die politische Situation – er glaubte, man könne den Westen gegen die Sowjetunion ausspielen – erscheinen grotesk und naiv. Mich überrascht, dass ein intelligenter Mensch mit der Fähigkeit zur sachlichen Analyse hier eine politische Allgemeinbildung offenbart, die einem General schon zur Peinlichkeit gereicht. Das Todesurteil gegen den Generalobersten mag ungerecht gewesen sein und gehört heute noch zu den umstrittensten Urteilen (vgl. Heydecker, Leeb, 2015, S. 621 f.). Jodl war lediglich erbittert darüber, dass ihm nicht der Tod durch ein Erschießungskommando gewährt wurde. Mit der Hinrichtung durch den Strang wollten die Siegermächte demonstrieren, dass sie den Chef des Wehrmachtführungsstabes nicht als ‚ehrbaren Soldaten‘ betrachteten.
 
Alfred Jodl glaubte subjektiv seine Pflicht zu tun. Objektiv wurde er zum Erfüllungsgehilfen eines Diktators, der Deutschland ins Verderben stürzte.

 

 

Zur Invasion in der Normandie:

katharinakellmann-historikerin.de/6-juni-1944-invasion-in-der-normandie

Ein Aufsatz über die Invasion in der Normandie.

 

Zu General Walter Warlimont, von 1939 bis 1944 Stellvertreter von Alfred Jodl:

Walter Warlimont – Hitlers elegantester General — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de)

 

 

Weiterführende Informationen:

Kriegsverbrecher: Wie schuldig war Hitlers Chefberater Alfred Jodl? – WELT

Ein Beitrag über die Verstrickung Jodls in Kriegsverbrechen

 

Literatur:

Christian Hartmann, Halder. Generalstabschef Hitlers 1938 – 1942, Paderborn 1991

Joe J. Heydecker, Johannes Leeb, Der Nürnberger Prozess, Köln 2015

Walther Hubatsch (Hrsg.): Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939 – 1945, 2. Aufl., Bonn 1983

Luise Jodl, Jenseits des Endes. Leben und Sterben des Generaloberst Alfred Jodl, Wien, München, Zürich 1976

Axel Kellmann, Generaloberst Alfred Jodl – Chef des Wehrmachtführungsstabes: Ein Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis zwischen Wehrmacht und NS-Regime, Saarbrücken 2004

Basil Henry Liddell Hart, Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Düsseldorf 1972

Hildegard von Kotze (Hrsg.): Heeresadjutant bei Hitler 1938 – 1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, Stuttgart 1974 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte)

Richard Overy. Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945, Berlin 2005

Heinz Magenheimer, Die deutsche militärische Kriegführung im II. Weltkrieg. Feldzüge – Schlachten – Entscheidungen, Bielefeld, Garmisch – Partenkirchen 2019

Ulrich de Maiziere, In der Pflicht. Lebensbericht eines deutschen Soldaten im 20. Jahrhundert, Herford, Bonn 1989

Geoffrey P. Megargee, Hitler und die Generale. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1939 – 1945, Paderborn, München, Wien, Zürich 2006

Horst Mühleisen (Hrsg.): Hellmuth Stieff. Briefe, Berlin 1991 (Deutscher Widerstand 1933 – 1945)

Rolf – Dieter Müller, Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945, Stuttgart 2005

Erich Raeder, Mein Leben, Band 2: Von 1935 bis Spandau 1955, Tübingen 1957

Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biografie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Bonn 1961

Telford Taylor, The Anatomy oft the of the Nuremberg Trials. A Personal Memoir, London, New Yorck 1993

Walter Warlimont, Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939 bis 1945. Grundlagen – Formen – Gestalten, Band 1 und 2, Augsburg 1990 (Nachdruck der Originalausgabe aus dem Jahr 1962)

Siegfried Westphal, Erinnerungen, 2. durchgesehene Auflage, Mainz 1975

Alan P. Wilt, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier in: Roland Smelser, Enrico Syring (Hrsg.): Die Militärelite des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, S. 236–250

 

Der Beitrag wurde am 10. Januar 2021 überarbeitet.