Hitler und seine letzte „Trumpfkarte“

Hitler und seine letzte „Trumpfkarte“: Im Dezember 1944 gab Hitler den Befehl zur Ardennenoffensive. Die deutschen Truppen sollten Antwerpen – die wichtigste Nachschubbasis der Alliierten – erobern und eine englische Armee einkesseln.

Während die deutschen Fronten im Osten und Süden nur mit Mühe gehalten werden konnten, die Westmächte den deutschen Himmel und die See beherrschten, setzten Hitler und seine militärischen Berater alles auf eine Karte und opferten die letzten operativen Reserven, insgesamt drei Armeen.

Wie kam es zu diesem Unternehmen, das als Ardennenoffensive in die Geschichte einging? Hatte die Offensive Aussicht auf Erfolg und hätte sie den Verlauf des Zweiten Weltkriegs ändern können?

Amerikanische Infanteristen des 290. Regiments kämpfen in frischen Schneefällen in der Nähe von Amonines, Belgien (entnommen: Wikimedia Commons. Das Werk ist gemeinfrei.)

Hitler und seine Berater entscheiden sich für die Offensive

Die Ardennenoffensive ging auf eine Idee Hitlers zurück. Seine engsten militärischen Berater, Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes (WFSt) und der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht  (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, unterstützten ihn dabei.

Es gab vorher keine Stabsstudien oder militärische Planspiele, in denen die Erfolgsaussichten getestet wurden. Die Planungsstäbe der Marine oder Luftwaffe wurden nicht konsultiert. Generaloberst Heinz Guderian, seit dem 21. Juli 1944 mit der Wahrnehmung der Aufgaben des Chefs des Generalstabes des Heeres beauftragt, protestierte vergeblich.

Weder Jodl noch Keitel hatten in diesem Krieg ein Frontkommando innegehabt. DiePläne zu einer neuen Offensive im Westen folgten einem Wunschdenken, das mit nüchterner Generalstabsarbeit nichts mehr zu tun hatte.

Die einzige logische Schlussfolgerung aus dieser fehlerhaften Lagebeurteilung war die Annahme, dass nur ein schmaler Frontabschnitt im Westen Gelegenheit zu einer Offensive bot.

Eine Kapitulation schied für Hitler aus. Der Historiker Bernd Wegner vertritt die Ansicht, dass der Diktator nur noch gegenüber den Militärs vom „Endsieg“ sprach. In Wirklichkeit gab er den seit Ende 1942 Krieg verloren. Aber die Niederlage sollte nicht wie 1918 durch eine Kapitulation besiegelt werden. Hitler machte „die Gestaltung des eigenen Untergangs zunehmend zum Mittelpunkt seines Denkens und Handelns“, so Wegner.

Die Ardennenoffensive passte in diese „Choreografie des Untergangs“, zumal es militärische Gründe gab, mit denen Hitler das Unternehmen vordergründig rechtfertigen konnte. Auf jeden Fall wahrte er so die Illusion, die Initiative noch einmal zu übernehmen.

Am 19. August 1944 erteilte er Alfred Jodl den Auftrag für November eine Offensive im Westen zu planen 25 Divisionen sollten dafür zur Verfügung stehen. Im November rechnete die deutsche Führung mit schlechtem Wetter, sodass die Alliierten ihre Luftüberlegenheit nicht ausspielen konnten. Am 25. September 1944 und am 9. Oktober planten Hitler, Keitel und Jodl weitere Einzelheiten. Der Diktator legte schließlich Antwerpen als Ziel fest.

Die Frontstäbe werden informiert

Generalfeldmarschall von Rundstedt führte den Oberbefehl  im Westen. Er war der dienstälteste Offizier der Wehrmacht. Rundstedt galt als hervorragender Truppenführer. Er hatte immer den Kontakt zum Widerstand gemieden, stand dem Nationalsozialismus jedoch distanziert gegenüber. Sein Chef des Generalstabes, General Westphal, zählte zu den fähigsten deutschen Generalstabsoffizieren.

Die Offensive sollte von der Heeresgruppe B unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Model durchgeführt werde. Model hatte sich an der Ostfront in Krisensituationen bewährt. Er führte nicht vom Schreibtisch aus, sondern fuhr jeden Tag an die Front. Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B war Generalleutnant Krebs, ein fähiger Offizier, der sich den Umständen anzupassen wusste.

Am 22. Oktober 1944 wurden Westphal und Krebs im „Führerhauptquartier“ über die bevorstehende Offensive informiert. Sie waren über den Kraftzuwachs erfreut, doch es überraschte sie, dass Hitler glaubte, Antwerpen erobern zu können. Bis jetzt war es den Truppen im Westen gelungen, einen alliierten Durchbruch zu verhindern. In Oktober 1944 fielen Aachen  und das dortige Industriegebiet in die Hände der Alliierten. Im Elsass konnte ein amerikanischer Durchbruch verhindert werden. Unter diesen Umständen die gegnerische Front zu durchbrechen, hielten Westphal und Krebs für mehr als gewagt.

Die Führungsstäbe beim OB West und der Heeresgruppe B kamen in Planspielen unabhängig zu dem Ergebnis, dass die vorgesehenen Kräfte nicht ausreichten, um Antwerpen zu nehmen. Sie schlugen eine begrenzte Offensive gegen die amerikanischen Frontbögen bei Aachen vor. 10 bis 15 gegnerische Divisionen hätte man so vernichten können.

Das Foto zeigt von links Generalfeldmarschall Model, Generalfeldmarschall von Rundstedt und General Krebs bei einer Besprechung im November 1944. (Bild 146-1978-024-31)

Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 146-1978-024-31 / CC-BY-SA 3.0, entnommen aus : Wikimedia Commons

Diese „kleine Lösung“ wurde von Hitler jedoch abgelehnt. Mehrmals versuchten Rundstedt und Model den Diktator zu überzeugen, doch Hitler blieb bei seinen Plänen.

Gegenüber Rüstungsminister Albert Speer geriet er ins Schwärmen:

„Ein einziger Durchbruch an der Westfront! Sie werden sehen! Das führt zu einem Zusammenbruch und zur Panik bei den Amerikanern. Wir werden Antwerpen nehmen. Dann haben sie ihren Nachschubhafen verloren. Und ein ganzer Kessel um die ganze restliche Armee wird entstehen  mit hunderttausenden Gefangenen. Wie früher in Russland!“

16. Dezember: Die Offensive beginnt

Am 16. Dezember 1944 traten die 6. Panzerarmee, die 5. Panzerarmee und die 7. Armee aus der Linie Monschau – Echternach zur Offensive an. Die 7. Armee sollte die beiden Angriffsarmeen nach Süden abschirmen.

Die Überraschung gelang. Zudem begünstigte das Wetter die Angreifer. Auf amerikanischer Seite hatte niemand mit einem deutschen Großangriff gerechnet.

Unter den deutschen Soldaten breitet sich Optimismus aus. Dabei stieß die 6. Armee auf zähen Widerstand. Südlich davon erzielte die 5. Armee die größten Geländegewinne, aber auch sie blieben hinter den Erwartungen zurück.

Der Historiker Ian Kershaw hatte bemerkte zu der Motivation der deutschen Soldaten:

„In erster Linie galten ihre Gedanken wahrscheinlich dem Überleben, verbunden mit der kühnen Hoffnung, diese Offensive könne sich tatsächlich als Wendepunkt auf dem Weg zum Frieden erweisen. Briefe und Tagebuchnotizen von Soldaten, die in den Ardennen und an anderen Fronten eingesetzt waren, lassen darauf schließen, dass derartige Hoffnungen weit verbreitet waren.“

Rüstungsminister Albert Speer, der sich in Frontnähe aufhielt, schreibt in seinen Erinnerungen:

„Die vorwärtsstrebenden Truppen waren in guter Stimmung, denn tiefliegende Wolken verhinderten jede Flugtätigkeit. Dagegen war es schon am zweiten Tag zu einem Verkehrschaos gekommen, die Kraftfahrzeuge schoben sich auf der dreispurigen Hauptstraße nur noch meterweise vorwärts.“

Die Offensive scheitert

Generaloberst Jodl notierte am 19. Dezember 1944:

„Es hat sich aufgeklärt, unsere Truppe hat die Hölle durch die schweren Luftangriffe.“

Am 22. Dezember 1944 meldete der der OB West Hitler, die Offensive sei gescheitert. Doch erst am 29. Dezember brach der Diktator den Versuch ab, Antwerpen zu erreichen. Mitte Januar 1945 hatten sich die Angriffsgruppen wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurückgezogen.

Die Ardennenoffensive war keine Entscheidungsschlacht. Die deutschen Kräfte waren zu schwach, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Dennoch nahmen die Alliierten sie ernst. General Patton, einer der fähigsten alliierten Generäle, schrieb in jenen Dezembertagen:

„Wir können diesen Krieg noch verlieren … Die Deutschen hungern und frieren mehr als wir, aber sie kämpfen besser.“

Die Führung der Alliierten reagierte schneller, als Hitler es erwartet hatte. Der englische Feldmarschall Montgomery übernahm das Kommando an der nördlichen Flanke des deutschen Angriffs, während Patton vom Süden her seine Soldaten in Gewaltmärschen nach Norden hetzte. Aber auch die amerikanische Infanterie leistete nach dem ersten Schock verbissenen Widerstand. Als das Wetter besser wurde, konnte die alliierte Luftwaffe die Truppenbewegungen der Wehrmacht behindern.

Wenn man so will, dann stellt es eine Leistung der Wehrmacht dar, nach den verheerenden Niederlagen im Sommer 1944 noch einmal zwei neue Armeen aufzustellen, die zumindest für einige Tage die Westmächte in Bedrängnis brachten.

Aber Planung und Durchführung zeigten, dass das höhere deutsche Offizierkorps gegenüber Hitler jede Eigenständigkeit verloren hatte. Auch der Verweis auf das Prinzip von Befehl und Gehorsam reicht als Erklärung nicht aus. Hitlers militärische Berater im „Führerhauptquartier“ hatten jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Bereitwillig folgten sie der Devise des Diktators, Deutschland werde entweder siegen oder untergehen. Ideologische Verblendung und fachliche Inkompetenz machten sie zu Erfüllungsgehilfen eines Mannes, der Deutschland 1945 in die Katastrophe führte.

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