Führungschaos in der Luftwaffe

Das Führungschaos in der deutschen Luftwaffe ist einer der Gründe für die Niederlage des Reiches im Luftkrieg. Ein Oberbefehlshaber, der seine Aufgaben kaum noch wahrnahm, Eingriffe Hitlers in die Luftwaffenführung, unklare Zuständigkeiten und Rivalitäten zwischen Bombern und Jägern erschwerten den Aufbau einer effizienten Verteidigung des deutschen Luftraums. Wie kam es dazu?

Die deutsche Luftwaffe vor neuen Herausforderungen

Während die Amerikaner bei Tage angriffen, bombardierten die Engländer in der Nacht Rüstungsbetriebe und Wohnviertel der Bevölkerung. Im Frühjahr 1943 wollte die Royal Air Force das Ruhrgebiet, ein wichtiges deutsches Industriezentrum, zerstören.

Die deutsche Luftwaffe war auf diese Angriffe schlecht vorbereitet. Zwar hatte sie 1940/41 auch englische Städte bombardiert und dabei zum Teil verheerende Schäden hervorgerufen, aber für einen strategischen Bombenkrieg fehlten den Deutschen die Flugzeuge und die Ausbildung.

In England und den USA hatten die Oberkommandos der Luftwaffe seit Jahren viermotorige Bomber entwickelt, die auch bei Nacht oder schlechtem Wetter ihr Ziel finden konnten. Nach ersten Angriffen im Jahr 1942 wollten die Alliierten mit dieser Luftoffensive Deutschland 1943 zur Kapitulation zwingen. In England gab es auch moralische Bedenken gegen diese Angriffe, aber in den Augen der meisten Militärs blieb keine andere Wahl, wenn man die Sowjetunion wirksam unterstützten wollte.

Als die Bombardements begannen, wurde das Gros der deutschen Luftwaffe im Ausland eingesetzt. Die deutsche Luftrüstung war auf Offensive ausgerichtet. Hitler, Göring und die meisten Generäle glaubten, dass der Krieg nur im Angriff gewonnen werden kann. Zur Luftabwehr setzten sie auf 22 Brigaden mit Flugabwehrgeschützen. Das dafür eingesetzte Material und die verschossene Munition standen in keinem Verhältnis zu den Abschusserfolgen. Nicht nur Bomber, auch Jäger, mussten an der Ostfront die Bodentruppen unterstützen.

Eine Schwerpunktbildung der Jäger im Reich hätte also Konsequenzen für die deutsche Strategie gehabt. Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wollte den Krieg soweit wie möglich von den deutschen Grenzen entfernt führen. Die überdehnten Linien des Heeres waren aber nur mit Luftunterstützung zu halten. 1943 reichten die deutschen Geschwader kaum noch aus, um die ihnen gestellten Aufgaben zu bewältigen. An der Ostfront konnten sich die mittlerweile veralteten Mittelstreckenbomber und die deutschen Jagdeinsitzer noch gegen die sowjetische Luftwaffe behaupten.

Mit ihren Angriffen eröffneten Engländer und Amerikaner eine neue Front, die die Luftwaffe zu einer weiteren Zersplitterung ihrer Kräfte zwang. Zwei Jagdgeschwader waren den schweren Bombern kaum gewachsen. Mit ihren leichten Bordwaffen aus der Anfangszeit des Krieges vermochten sie gegen einen Bomberverband, der im Pulk flog und in dem jedes Flugzeug über mehrere Maschinengewehre oder leichte Bordkanonen verfügte, wenig auszurichten. Hinzu kam, dass die amerikanischen Motoren in größeren Höhen leistungsfähiger waren als die Kolbentriebwerke derdeutscher Jäger.

Führungschaos in der Luftwaffe

Die deutsche Luftwaffe musste über neue Angriffstaktiken nachdenken, obwohl der Mangel an Flugbenzin dazu geführt hatte, dass die deutschen Jäger nur noch eine verkürzte Ausbildung erhielten. Als erfolgreich erwies sich ein riskantes Angriffsverfahren, bei der die deutschen Jäger zuerst auf Parallelkurs zu den Bombern gingen, dann eine Wende flogen, so dass beide Gruppen mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasten. Vorn am Bug saßen im Bomber der Pilot und sein Stellvertreter; hier war das Flugzeug am schwächsten gepanzert. Mit ihrer einzigen Bordkanone konnten die deutschen Jäger den Gegner abschießen – vorausgesetzt, sie behielten die Nerven und hielten lange genug Kollisionskurs.

Generalmajor Adolf Galland, General der Jagdflieger, berichtet in seinen Erinnerungen die „Ersten und die Letzten“, das jeder Jagdverband mit eigenen Angriffstechniken experimentierte.

Schwer bewaffnete Bomber hatte es bis dahin nicht gegeben. Ein Ziel der deutschen Jagdabwehr bestand darin, den gegnerischen Bomberverband aufzulösen. Auf sich alleine gestellt half den viermotorigen Riesen auch ihre schwere Bewaffnung wenig. Ein erbeuteter alliierter Bomber diente als Übungsobjekt für deutsche Piloten. Außerdem wurde die Bordbewaffnung der deutschen Jäger verstärkt. Das allerdings wirkte sich negativ auf die Geschwindigkeit aus.

Laut Galland war im zweiten Quartal der erste Schock über die „Fliegenden Festungen“ überwunden. Die Abschusserfolge stiegen langsam. Zwar waren sie nicht so hoch, dass die Alliierten ihre Luftoffensive hätten abbrechen müssen, aber die Reichsverteidigung fing an, sich zu stabilisieren. Dabei war ihm Generalfeldmarschall Milch behilflich, der die Flugzeugproduktion steigerte und auch mehr Jäger produzieren ließ. Nur ein Teil wurde allerding zum Schutz der Heimat eingesetzt.

Hitler zeigte wenig Interesse an der Reichsverteidigung. Reichsmarschall Göring machte die Jäger persönlich für die geringen Abschusserfolge verantwortlich. Galland und teilweise auch Milch forderten mehr Flugzeuge mit besseren technischen Eigenschaften und bemängelten, dass der Treibstoff für die Ausbildung gekürzt worden sei. Das sinkende Niveau bei den Nachwuchspiloten konnte – wenn überhaupt –  nur durch mehr Flugzeuge ausgeglichen werden. Milch unterstützte Galland, hielt aber auch an der Notwendigkeit einer starken Bomberflotte fest. Erst am 1. Oktober 1943 erließ er ein neues Flugzeugbauprogramm, das den Vorrang der Verteidigungsflugzeuge festlegte, aber keine radikale Wende einleitete. Der Anteil an Bombern war relativ hoch.

Da schien sich 1943 ein Hoffnungsschimmer aufzutun. Im Mai 1943 flog Galland zum ersten Mal einen Prototyp des Düsenjägers Messerschmidt BF 262. Mit 800 Kilometern in der Stunde war es jedem Flugzeug mit Kolbentriebwerk auf der Welt überlegen. Und bald würden auch die von Göring geleugneten schnellen Begleitjäger die Bomber abschirmen.

Der Gedanke, mit einer relativ geringen Zahl von Strahljägern die Luftherrschaft über Deutschland zurückerobern zu können, faszinierte den General der Jagdflieger. Er überzeugte Göring davon, die ME 209 von der Produktionsliste zu streichen und ab sofort dem Düsenjäger höchsten Vorrang einzuräumen. Da holten die Alliierten zum vernichtenden Schlag aus.

Vom 25. Juli 1943 bis zum 3. August zerstörte die englische Luftwaffe große Teile Hamburgs. Die Brandbomben führten bei dem heißen Wetter zu Feuerstürmen, denen die meisten Menschen zum Opfer fielen. Die deutschen Radargeräte wurden mit einfachen Staniolstreifen blockiert.

Die Angriffe führten innerhalb der Führung der Luftwaffe vorübergehend zu einem Umdenken. Auch Göring vertrat wenige Tage die Auffassung, nun müsse der Schwerpunkt auf die Reichsverteidigung gelegt werden.

This is photograph C 4713 from the collections of the Imperial War Museums. Dieses von der Regierung des Vereinigten Königreichs erstellte Werk ist gemeinfrei. (wikimedia commons)

Nach den Memoiren Gallands versammelten sich die wichtigsten Offiziere der Luftwaffe im ostpreußischen Rominten Anfang August. In der Nähe von Hitlers Hauptquartier wurde zum ersten Mal die Situation offen diskutiert. Am Schluss fasste Göring das Ergebnis zusammen: Zuerst müsse der Luftraum freigekämpft werden, um die Bevölkerung und die Rüstungsindustrie zu schützen. Danach solle das Reich wieder zur Offensive übergehen. Konkrete Maßnahmen nannte Galland nicht, aber es steht außer Zweifel, dass er eine Neuorientierung der Flugzeugproduktion anstrebte. Auch die Bomberpiloten waren einverstanden.

Hamburg 1943 – verpasster Wendepunkt?

Göring suchte Hitler auf, um sich die entsprechenden Sondervollmachten unterzeichnen zu lassen. Nach längerer Zeit kehrte der Reichsmarschall wortlos zurück und befahl Galland und Peltz zu sich. Folgt man der Schilderung Gallands, dann sank der Oberbefehlshaber der Luftwaffe förmlich zusammen.

Der Diktator hätte alle Vorschläge abgelehnt. Er – Göring – sähe ein, dass er im Unrecht gewesen sei. Die Engländer könne man nur besiegen, wenn man den Krieg in ihr Land trüge. Dann hätte der Reichsmarschall Oberst Peltz zum „Angriffsführer England“ ernannt. Die neue Offensive hätte Vorrang.

Der Historiker Horst Boog bestätigt das Treffen und vertritt die Auffassung, dass auch Rüstungsminister Speer die Bombenangriffe unterschätzte.

Für Adolf Galland war diese Besprechung eine „Schicksalsstunde“ für die Luftwaffe, in der die Möglichkeit vertan wurde, das Ruder herum zu reißen. Boog sieht das Treffen realistischer.

Was spricht für und was gegen die These Gallands?

Als General der Jagdflieger war er für die Reichsverteidigung verantwortlich. Die ständigen Auseinandersetzungen mit Göring belasteten ihn. Galland stellte sich vor seine Truppe, auch wenn er insgeheim Göring manchmal Recht gab. Aber er wusste auch, wie chancenlos ein junger Nachwuchspilot in einer nur bedingt konkurrenzfähigen Maschine war. Hinzu kam, dass die Verluste unter erfahrenen Verbandsführern immer höher wurden. Die kurze Aufbauzeit der Luftwaffe zwischen 1935 und 1939 hatte nicht ausgereicht, um Reserven im Offizierkorps auszubilden. Wahrscheinlich setzte Galland seine Hoffnungen schon auf den neuen Düsenjäger, der noch gar nicht technisch ausgereift war.

Ansonsten hätte man durch eine Schwerpunktbildung die veralteten Jäger zum Gegenangriff nutzen müssen. Die ME 209, die Nachfolgerin für die ME 109, war eine Fehlkonstruktion. Der Mittelstreckenbomber JU 88 konnte noch als Nachtjäger eingesetzt werden. Die meisten der Flugzeuge, die den bewährten, aber veralteten Flugzeugmustern folgen sollten, bereiteten technische Probleme wie die Zerstörer ME 310 oder die ME 410. Der schwere Bomber HE 177, für 1939 vorgesehen, schien endlich frontreif zu sein, war aber nur noch bedingt konkurrenzfähig. Im Dezember 1944 wurde der wohl schnellste Kolbentriebsjägerder damaligen Zeit, konstruiert von Professor Kurt Tank, in Dienst gestellt. Die Maschine war 750 Kilometer schnell. Galland konzentrierte sich aber auf den Düsenjäger.

Möglicherweise überschätzte der General die ME 262 aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. 1945 wurde er wegen seiner Kritik an Göring seines Amtes enthoben. Der Reichsmarschall gestattete ihm, eine Staffel mit Düsenjägern aufzustellen. Galland konnte sich die Piloten aussuchen. Es handelte sich um die Elite der deutschen Jagdflieger. Dieser Jagdverband 44 operierte von Süddeutschland aus und erreichte hohe Abschusszahlen. Ob ein durchschnittlicher Pilot so erfolgreich gewesen wäre, ist fraglich.

Hinzu kommt, dass auch eine radikale Kurswende im Herbst 1943 die militärische Niederlage nicht mehr hätte abwenden konnte. Die Luftwaffe wurde gebraucht, um in Russland und Süditalien die Fronten zu stützen. Vieles spricht dafür, dass ein Rückzug im Osten, auf dem Balkan und in Italien strategisch die Situation des Reiches eher verschlechtert hätte.

Im Sommer 1944 hatten Engländer und Amerikaner die Luftherrschaft über Westeuropa errungen. Die deutsche Luftwaffe konnte nichts tun, um die alliierte Invasion aus der Luft zu bekämpfen. Anfang September war auch Frankreich als strategisches Vorfeld verloren gegangen. Neu aufgestellte Jagdgeschwader wurden im August nach Frankreich befohlen und gingen im zum Teil fluchtartigen Rückzug des Heeres unter.

Nicht nur der Krieg – auch der Luftkrieg war verloren.

 

War der Düsenjäger einsatzbereit?

Fortsetzung de Schlusskapitels folgt.