Führungschaos in der Luftwaffe?

Führungschaos in der Luftwaffe? Diese Formulierung mag bei einer autoritären Diktatur wie dem NS-Regime überraschen. Charakteristisch für dieses verbrecherische Regime war der Zerfall staatlicher Strukturen. In der Landkriegsführung gab es zwei Führungsstäbe: den Wehrmachtführungsstab und den Generalstab des Heeres. Die deutsche Luftabwehr zwischen 1943 und 1945 ist ein Beispiel dafür, wie unkoordiniert Entscheidungsprozesse im Dritten Reich zu diesem Zeitpunkt abliefen. Wie kam es dazu, dass die Luftwaffe – bei Kriegsbeginn die stärkste in Europa – die Luftschlacht über Deutschland verlor?
 

Führungschaos in der Luftwaffe

 
Ab 1943 wurden Ziele im Reichsgebiet systematisch von den Alliierten angegriffen. Während die Amerikaner am Tage einflogen, bombardierten die Engländer in der Nacht Rüstungsbetriebe und Wohnviertel der Bevölkerung. In England und in den USA hatte man viermotorige Bomber entwickelt, die auch in der Dunkelheit oder bei schlechtem Wetter ihr Ziel finden konnten. Nach ersten Angriffen im Jahr 1942 wollten die Alliierten mit dieser Luftoffensive Deutschland 1943 zur Kapitulation zwingen.
Führende Offiziere der Luftwaffe

Reichsmarschall Göring (in der Mitte) und Adolf Galland, ab 1941 General der Jagdflieger (rechts). Galland kritisierte ab 1943 immer häufiger das „Führungschaos in der Luftwaffe“. (Aufnahme aus dem September 1940. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-343-0674-16 / Boger / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

 

Deutschland war auf diese Herausforderung schlecht vorbereitet. Das Gros der Luftwaffe wurde an der Ostfront und im Mittelmeerraum eingesetzt. Als fliegende Artillerie bekämpfte sie gegnerische Bodentruppen oder transportierte Nachschub. Von norwegischen Stützpunkten aus griffen Torpedoflieger die alliierten Geleitzüge nach Russland an. „Die Luftwaffe ist weder eine Hure, die sich nach den Wünschen des Heeres richtet, noch eine Feuerwehrmannschaft, die jedes Feuer, ganz gleich, ob es groß oder klein ist, sofort löscht“, kommentierte Generalfeldmarschall Wolfram von Richthofen, ein hoher Luftwaffenoffizier, sarkastisch die Lage. Zur Luftabwehr im Reich standen 1943 wenige Staffeln mit Jagdflugzeugen und 22 Brigaden mit Flugabwehrgeschützen zur Verfügung. Diese Schwerpunktbildung war die logische Konsequenz der deutschen Strategie. Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wollten den Krieg soweit wie möglich von den deutschen Grenzen entfernt führen. Die überdehnten Linien des Heeres in Russland waren aber nur mit Luftunterstützung zu halten. Dazu benötigte die Luftwaffe Bomber und Jagdflugzeuge. Eine Produktionsverlagerung zugunsten der Jagdwaffe hätte Folgen für die gesamte Wehrmacht gehabt.

Reichsmarschall Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, hatte an Ansehen und Einfluss in der Wehrmachtführung verloren. Er nahm selten an den Lagebesprechungen im „Führerhauptquartier“ teil, da er wusste, dass Adolf Hitler schwere Kritik an der Fliegertruppe äußerte und zu einer sachlichen Diskussion nicht in der Lage war. Für Offiziere der Luftwaffe war Göring selten zu sprechen.

Der Aufbau der Reichsverteidigung wurde von Generalfeldmarschall Milch und Generalmajor (ab 1944 Generalleutnant) Galland organisiert. Milch hatte die Ämter eines Staatssekretärs im Reichsluftfahrtministerium und des Generalluftzeugmeisters inne. Generalmajor Adolf Galland, ein hochdekorierter Fliegeroffizier, zeichnete seit 1941 als General der Jagdflieger für die Tag- und Nachtjagd verantwortlich.

Mit ihren Angriffen eröffneten Engländer und Amerikaner eine neue Front, die die Luftwaffe zu einer weiteren Zersplitterung ihrer Kräfte zwang. Die wenigen Jäger im Westen hatten einen schweren Stand. Mit ihren leichten Bordwaffen vermochten sie gegen einen Bomberverband, der im Pulk flog und in dem jedes Flugzeug über mehrere Maschinengewehre oder leichte Bordkanonen verfügte, wenig auszurichten. Hinzu kam, dass die amerikanischen Motoren in größeren Höhen leistungsfähiger waren als die Kolbentriebwerke der deutschen Jäger.

Die Luftwaffe musste über neue Angriffstaktiken nachdenken. Als erfolgreich erwies sich ein riskantes Angriffsverfahren. Die deutschen Jäger gingen zuerst auf Parallelkurs zu den Bombern und flogen dann eine Wende, sodass beide Gruppen mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasten. Im Bug des Bombers saß der Pilot; hier war das Flugzeug am schwächsten gepanzert. Mit ihrer einzigen Bordkanone konnten die deutschen Jäger den Gegner abschießen – vorausgesetzt, sie behielten die Nerven und hielten lange genug Kollisionskurs.

Generalmajor Adolf Galland, der General der Jagdflieger, berichtet in seinen Erinnerungen die „Ersten und die Letzten“, das jeder Jagdverband in der ersten Jahreshälfte 1943 mit eigenen Angriffstechniken experimentierte. Schwer bewaffnete Bomber hatte es bis dahin nicht gegeben. Ein Ziel der deutschen Jagdabwehr bestand darin, den gegnerischen Bomberverband aufzulösen. Auf sich alleine gestellt half den viermotorigen Riesen auch ihre schwere Bewaffnung wenig. Ein erbeuteter alliierter Bomber diente als Übungsobjekt für deutsche Piloten. Außerdem wurde die Bordbewaffnung der deutschen Jäger verstärkt. Das allerdings wirkte sich negativ auf die Geschwindigkeit aus.

Im zweiten Quartal 1943 war der erste Schock über die „Fliegenden Festungen“ überwunden. Die Abschusserfolge stiegen langsam. Sie waren nicht so hoch, dass die Alliierten ihre Luftoffensive hätten abbrechen müssen. Aber die Reichsverteidigung stabilisierte sich.

Reichsmarschall Göring warf den Jägern dennoch mangelnden Kampfgeist vor. General Galland und Generalfeldmarschall Milch forderten dagegen mehr Flugzeuge mit besseren technischen Eigenschaften und bemängelten, dass der Treibstoff für die Ausbildung gekürzt worden sei. Das Niveau bei den Nachwuchspiloten sank und konnte – wenn überhaupt –  nur durch mehr und bessere Flugzeuge ausgeglichen werden. Milch unterstützte Galland, hielt aber auch an der Notwendigkeit einer starken Bomberflotte fest. Erst am 1. Oktober 1943 erließ er ein neues Flugzeugbauprogramm, das den Vorrang der Verteidigungsflugzeuge festlegte, aber keine radikale Wende einleitete.

Ein Hoffnungsschimmer für die Luftwaffe?

Da schien sich 1943 ein Hoffnungsschimmer aufzutun. Im Mai 1943 flog Galland zum ersten Mal einen Prototyp des Düsenjägers Messerschmitt BF 262. Mit einer Geschwindigkeit von ca. 800 Kilometern in der Stunde war der Prototyp jedem Flugzeug mit Kolbentriebwerk überlegen.

 

 

Ein Foto der Messerschmitt ME 262. Das Foto mit der Nummer CH 15714 stammt aus der Sammlung des Imperial War Museums (Wikimedia Commons).

 

Der Gedanke, mit einer geringen Zahl von Strahljägern die Luftherrschaft über Deutschland zurückerobern zu können, faszinierte den General der Jagdflieger. Er überzeugte Göring davon, die als neues Jagdflugzeug vorgesehene ME 209 von der Produktionsliste zu streichen. Ab sofort sollte dem Düsenjäger Vorrang eingeräumt werden.

Da starteten die Alliierten eine neue Luftoffensive. Vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 zerstörten die englische und amerikanische Luftwaffe große Teile Hamburgs. Die Brandbomben führten zu Feuerstürmen, denen nach Schätzungen 34 000 Menschen zum Opfer fielen. Die Angriffe lösten innerhalb der Führung der Luftwaffe vorübergehend ein Umdenken aus. Auch Göring vertrat für wenige Tage die Auffassung, nun müsse der Schwerpunkt auf die Reichsverteidigung gelegt werden.

Nach den Memoiren Gallands versammelten sich die wichtigsten Offiziere der Luftwaffe Anfang August im ostpreußischen Rominten, wo Reichsmarschall Göring sein Feldhauptquartier aufgeschlagen  hatte. Die Offiziere, auch der General der Kampfflieger, wären sich darüber einig gewesen , dass vorübergehend den Jägern Vorrang einzuräumen sei. Zuerst müsse der Luftraum über Deutschland freigekämpft werden, um die Bevölkerung und die Rüstungsindustrie zu schützen. Danach sollte das Reich wieder zur Offensive übergehen.

Hamburg 1943 – verpasster Wendepunkt für die Luftabwehr?

Göring suchte nach der Besprechung Hitler auf, um die entsprechenden Sondervollmachten unterzeichnen zu lassen. Nach einigen Stunden kehrte der Reichsmarschall wortlos zurück und befahl Galland und Oberst Peltz, einen Bomberpiloten, zu sich. Folgt man der Schilderung Gallands, dann erlitt der Oberbefehlshaber der Luftwaffe einen Nervenzusammenbruch. Der Diktator – so Göring – hätte alle Vorschläge abgelehnt. Er sähe ein, dass er im Unrecht gewesen sei. Die Engländer könne man nur besiegen, wenn man den Krieg in ihr Land trüge. Dann hätte der Reichsmarschall Peltz zum „Angriffsführer England“ ernannt. Die neue Offensive hätte Vorrang.

Für Adolf Galland war diese Besprechung eine „Schicksalsstunde“ für die Luftwaffe, in der die Möglichkeit vertan wurde, das Ruder herum zu reißen. Der Militärhistoriker Horst Boog beurteilt das Treffen realistischer. Was spricht für und was gegen die These Gallands?

Als General der Jagdflieger war er für die Reichsverteidigung verantwortlich. Die ständigen Auseinandersetzungen mit Göring belasteten ihn. Galland stellte sich vor seine Piloten, auch wenn er insgeheim Göring manchmal recht gab. Möglicherweise überschätzte der General die ME 262 im Rückblick aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. Anfang 1945 wurde er wegen seiner Kritik an Göring seines Amtes enthoben. Der Reichsmarschall gestattete ihm, eine Staffel mit Düsenjägern – die mittlerweile frontreif waren – aufzustellen. Galland konnte sich die Piloten aussuchen. Es handelte sich um die Elite der deutschen Jagdflieger. Dieser Jagdverband 44 operierte von Süddeutschland aus und erreichte hohe Abschusszahlen. Ob ein durchschnittlicher Pilot so erfolgreich gewesen wäre, ist fraglich.

Im August 1943 hätte man die an den anderen Fronten eingesetzten Jäger in das Reich verlegen müssen. Ob sie in der Lage gewesen wären, die alliierten Bombenangriffe zu stoppen, erscheint fraglich. Immerhin hätten sie den Amerikanern und Engländern höhere Verluste zufügen können. Von daher scheint die Skepsis von Horst Boog über die Auswirkungen der geplanten Schwerpunktbildung nachvollziehbar. 1943 war es zu spät, um eine kriegsentscheidende Wende im Luftkrieg zu erzwingen. Zwar gelangen der Luftwaffe noch Einzelerfolge, aber auf Dauer konnte sie der technischen und materialmäßigen Überlegenheit der Alliierten nichts entgegensetzen. Mitte 1944 hatten die Westmächte die Luftherrschaft errungen.

Gründe für die deutsche Niederlage

Für die deutsche Niederlage gibt es mehrere Gründe.

Zu lange hatten Hitler und die deutsche Luftwaffenführung den Schwerpunkt auf die Bomberwaffe gelegt. Schon im Herbst 1941 hatte der damalige Generalluftzeugmeister Ernst Udet gefordert, in Zukunft den Jägern Vorrang einzuräumen. Als die Luftwaffenführung 1943/44 den Bau und die Entwicklung von Jägern stärker förderte, war es zu spät. Hinzu kam eine ineffiziente Führungsstruktur. Der Generalstab der Luftwaffe konzentrierte sich auf die Einsatzorganisation und die Operationsführung. Für die technische Planung war das Reichsluftfahrtministerium zuständig. Allerdings gab es in diesem Bereich keine klaren Prioritäten. Deutschland verfügte über mehrere hervorragende Flugzeugkonstrukteure, die sich auch als Unternehmer betätigten. Männer wie Messerschmidt, Heinkel, Junkers oder Dornier entwickelten Prototypen, als gäbe es keinen Krieg. Für den veralteten Jäger ME 109 gab es mehrere hochwertige Nachfolgemodelle von Heinkel, Dornier oder der Firma Focke-Wulf. Allerdings konnte das Reich sich diesen „Luxus“ nicht mehr leisten, denn es fehlte an Facharbeitern und Rohstoffen.

Die Luftwaffe war – wie Heer und Marine – für einen längeren Krieg nicht gerüstet. Zwischen 1935 und 1939 waren in kurzer Zeit hervorragende Aufbauleistungen vollbracht worden. Die Luftwaffe ging mit einem technischen Vorsprung in den Krieg. Ihre Offizierausbildung galt als vorbildlich. Nicht nur die taktische Schulung erreichte ein hohes Niveau; die Generäle der deutschen Luftwaffe hatten auch Pläne für einen strategischen Luftkrieg entworfen.

Ab 1942/43 konnte von einer ordnungsgemäßen Führung der Luftwaffe nicht mehr die Rede sein. Schwere Fehlentscheidungen Hitlers, ein überforderter Oberbefehlshaber, der die Dinge laufen ließ, eine ineffiziente Führungsstruktur, fehlende Rohstoffe und ungenügende Produktionskapazitäten führten bei einem überlegenen Gegner zwangsläufig zur Niederlage.

 

 

Beiträge auf dieser Homepage, die mit dem Thema zu tun haben:

Hitlers engster militärischer Berater — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de

Ein Beitrag über Generaloberst Alfred Jodl, von 1939 bis 1945 Chef des Wehrmachtführungsstabes.

 

Weiterführende Informationen:

Luftkrieg – DER SPIEGEL

Der Historiker Rolf-Dieter Müller über den strategischen Bombenkrieg der Alliierten und die deutsche Erinnerungskultur.

 

Literatur:

Werner Baumbach, Zu spät? Aufstieg und Untergang der deutschen Luftwaffe, 4. Aufl., Stuttgart 1978

Adolf Galland, Die Ersten und die Letzten, 3. Aufl., München 1974

David Irving, Die Tragödie der deutschen Luftwaffe. Aus den Akten und Erinnerungen von Feldmarschall Erhard Milch, Frankfurt/M, Berlin 1990

John Keegan, Der Zweite Weltkrieg, Berlin 2004

Andrew Roberts, Feuersturm. Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs, München 2019

 

Der Beitrag wurde am 31. März 2021 überarbeitet.