Ein zweites Cannae

Ein zweites Cannae fand im August 1914 in Ostpreußen statt. Cannae – dieser Begriff steht in der Militärgeschichte für einen glänzenden Sieg, den der karthargische Feldherr Hannibal 216 v. Chr. in Appulien über eine zahlenmäßig stärkeres römisches Heer errungen hatte. Im preußischen Generalstab galt Hannibals Führung als vorbildlich. Im August 1914 sollte eine deutsche Armeeführung beweisen, dass man aus der Kriegsgeschichte lernen konnte.

Die russische Invasion

Am 1. August 1914 überreichte der deutsche Botschafter in Sankt Petersburg die Kriegserklärung und erhielt seine Pässe.

Schon vor 1914 hatte der Generalstab in Berlin Pläne für einen Zweifrontenkrieg ausgearbeitet. Zuerst sollte Frankreich in einem schnellen Feldzug niedergeworfen werden. Dann wollte man das Gros der Armee an die Ostfront werfen.

Ostpreußen sollte vorerst von einer deutschen Armee verteidigt werden. Doch von der Ostfront trafen nur alarmierende Nachrichten ein.

Vom Osten her näherte sich die 1. Armee (Njemenarmee) unter General Rennenkampf, die am 15. August die deutsch-russische Grenze überschritten hatte. Vom Süden aus drang die 2. Armee (Weichselarmee), befehligt von General Samsonow, seit dem 20. August in Ostpreußen ein.

Ihnen stand die deutsche 8. Armee unter General von Prittwitz gegenüber. Sie lief Gefahr, in die Zange genommen zu werden: Rennenkampf sollte die deutschen Truppen zur Schlacht stellen und so lange binden, bis Samsonow sie im Rücken fassen konnte. Bei Allenstein wollten die Russen sich vereinigen.

Doch nicht nur die militärische Lage gab Anlass zur Sorge. Das Verhalten der russischen Truppen löste eine Fluchtwelle in der deutschen Bevölkerung aus. Die Zeitungen berichteten von Plünderungen, Vergewaltigungen und willkürlichen Zerstörungen.

Die Führung der 8. Armee stellte sich mit dem Gros ihrer Kräfte zuerst den Truppen von General Rennenkampf entgegen. Drei Armeekorps (ein Armeekorps zählte ungefähr 40 000 Mann) sollten die Njemenarmee aufhalten. Bei Stallupönen trafen am 17. August 1914 Deutschen und Russen zum ersten Mal aufeinander. Ein deutscher Korpskommandeur, General von Francois, griff entgegen einer Weisung des Oberkommandos sofort an. Erst am Abend zogen sich seine Soldaten auf Befehl des Armeeoberkommandos zurück.

Drei Tage später folgte die Schlacht von Gumbinnen. Francois sah eine Chance, die 1. russische Armee zu stoppen. Prittwitz erteilte ihm am Morgen des 20. August dazu die Erlaubnis. Aber durch sein eigenmächtiges Vorgehen am 17. August war Francois zu weit vorgestoßen. Die beiden anderen deutschen Armeekorps konnten erst im Laufe des Tages das Schlachtfeld erreichen. Die russische Artillerie setzte den deutschen Truppen schwer zu. Ein deutsches Regiment verließ in Panik seine Stellungen. Am Abend des 20. August hatte General Rennenkampf das Treffen für sich entschieden.

Im Oberkommando der 8. Armee glaubte General von Prittwitz mittlerweile, dass Samsonow bald vom Süden her im Rücken auftauchen könnte und gab den Befehl, die Schlacht abzubrechen. Der Chef des deutschen Generalstabes, von Moltke, hatte ihm vor Beginn des Krieges eingeschärft, er solle in erster Linie die 8. Armee erhalten und sich nicht auf eine Schlacht gegen überlegene russische Kräfte einlassen. Prittwitz glaubte am Abend des 20. August, dass seinen Truppen die Einkesselung drohen würde, und ordnete den Rückzug hinter die Weichsel an. In einem Telefonat mit dem deutschen Hauptquartier äußerte er die Befürchtung, die Russen auch dort nicht aufhalten zu können.

Der Generalstab fürchtet um Ostpreußen

Der Oberbefehlshaber der 8. Armee hatte – wahrscheinlich ohne es zu wollen – auf einen Fehler in den strategischen Planungen der Vorkriegszeit aufmerksam gemacht. Im Generalstab gab es keine Vorkehrungen für den Fall, dass die Weichsellinie nicht gehalten werden könne. Nun drohte die Gefahr eines russischen Vormarsches auf Berlin. Moltke und der Kaiser waren sich nun einig, dass man die östlichste Provinz des Reiches nicht einfach aufgeben dürfte. Prittwitz und dessen Chef des Stabes trauten sie diese Aufgabe nicht mehr zu. Er konnte sich gegenüber seinen Offizieren nicht durchsetzen. Man brauchte jetzt einen General mit Erfahrung und Nerven.

Prittwitz wurde seines Kommandos enthoben. Zum neuen Oberbefehlshaber ernannte der Kaiser einen General, der seit 1911 im Ruhestand lebte: Paul von Hindenburg. Chef des Generalstabes der 8. Armee wurde Generalmajor Erich Ludendorff, der sich zu Beginn des Krieges bereits an der Westfront ausgezeichnet hatte.

Hindenburg und Ludendorff hätten gegensätzlicher nicht sein können. Der neue Oberbefehlshaber war ein ruhiger, gelassener Mann, der auch in Krisensituationen seine Nerven nicht verlor. Als Oberbefehlshaber ließ er seinem Chef des Generalstabes viel Freiraum. Ludendorff war ein Energiebündel, ein ideenreicher Mensch voller Initiative, dessen Tatendrang zuweilen in nervöse Unrast ausarten konnte. Beide Offiziere gehörten dem Generalstab an und brachten die Voraussetzung mit, um eine Armee führen zu können.

Als die beiden Offiziere am 23. August 1914 im Hauptquartier der 8. Armee eintrafen, das nun in Rastenburg lag, sah die Lage schon besser aus. Die Armee hatte am 21. August 1914 den Rückzug hinter die Weichsel gestoppt. Prittwitz hatte noch vor seiner Ablösung zwei Armeekorps Richtung Süden geschickt, wo sie sich der Narewarmee entgegenstellen sollten.

Die neue Armeeführung um Hindenburg und Ludendorff verfolgten ähnliche Pläne. Als am 25. August ein russischer Funkspruch aufgefangen wurde, aus dem hervorging, dass General Rennenkampf nicht nachsetzen würde, sondern die Festung Königsberg belagern wollte, wo er die geschlagenen deutschen Truppen vermutete, entschlossen sich Hindenburg und Ludendorff endgültig zum Angriff auf die Narewarmee. Die Deutschen nutzten den Vorteil der sogenannten „inneren Linie“. Ihre Front war kürzer und mit der Eisenbahn verlegten sie Truppenteile, um sich ganz auf die Truppen Samsonows konzentrieren zu können.

Zwischen dem 26. und dem 29. August 1914 gelang es den Deutschen, den linken und den rechten Flügel der 2. russischen Armee zu zerschlagen. Das russische Zentrum der 2. Armee hatte davon keine Kenntnis und setzte seinen Vormarsch fort. Am 27. August nahmen die Russen Allenstein. Doch es war ein „Scheinsieg“. Man war den Deutschen in die Falle gelaufen. Zwei Tage später trafen sich die beiden deutschen Angriffsflügel am 29. August 1914 bei Willenberg an der Südgrenze Ostpreußens. Die Russen waren eingekesselt. Ihnen drohte ein zweites Cannae.

Die 2. Armee löste sich auf. In einzelnen Gruppen versuchten die russischen Soldaten, sich im Schutz der Wälder nach Russland durchzuschlagen. Am 31. August 1914 nahm sich General Samsonow das Leben. Knapp 100 000 russische Soldaten gingen in Gefangenschaft; 30 000 Russen waren gefallen. Auf deutscher Seite gab es 4000 Tote.

Tannenberg 1914 – keine kriegsentscheidende Schlacht

Der russische Einbruch in Ostpreußen wurde von den Deutschen auch propagandistisch ausgeschlachtet.

Die Deutschen gaben nun der Schlacht gegen die Armee Samsonow den Namen Tannenberg. Der Krieg wurde zu einer Auseinandersetzung zwischen Germanen und Slawen hochstilisiert. Während der Schlacht hatte ein deutscher General in einem Tagesbefehl den Gegner mit „asiatischen Horden“ gleichgesetzt.

Benahmen die russischen Soldaten sich wirklich wie Barbaren? Der Historiker Markus Pöhlmann kommt zu dem Urteil, dass sich die russischen Truppen in Ostpreußen nicht anders verhalten hätten als die deutschen in Belgien und Nordfrankreich.

Sein Kollege Jörg Friedrich zieht ein kritischeres Fazit. In Belgien erschossen seinen Angaben zufolge die deutschen Truppen bei ihrem Einmarsch ca. 1101 Zivilpersonen. Für Ostpreußen nennt Friedrich die Zahl von 1620 getöteten Deutschen; zehntausend Zivilisten wären verschleppt worden, jeder dritte Einwohner wäre auf der Flucht gewesen.

Auf deutscher Seite wurden 1914 die Russen nicht nur als Invasoren und Gegner, sondern als minderwertige Feinde wahrgenommen. Die deutsche Zivilbevölkerung floh, als die russischen Armeen die Grenze überschritten hatten. Diese Menschen hatten noch gar keine Gewalt durch zaristische Soldaten erlebt. Dem russischen Soldaten wurden aber grundsätzlich Kriegsverbrechen zugetraut.

Der Sieg von Tannenberg entschied – wie Cannae – nicht den Krieg, gehört aber zu den größten Erfolgen der deutschen Militärgeschichte. Prittwitz und der Generalstab der 8. Armee hatten den Grundstein dazu gelegt. Hindenburg und Ludendorff setzten die Pläne um. Bei Tannenberg zeigten die Deutschen, dass sie den Russen taktisch und operativ überlegen waren.

Fehler der russischen Führung

Auf russischer Seite gab es gravierende Mängel bei der Feindaufklärung. Weder Samsonow noch Rennenkampf besaßen genaue Informationen über den Standort ihrer Gegner. Außerdem hatten die Russen sehr schnell mobilgemacht, um Frankreich zu unterstützen. Der Nachschub funktionierte nicht richtig. Die Narewarmee hatte sich immer weiter nach Westen hin orientiert, weil Samsonow glaubte, die Deutschen würden sich nach Gumbinnen aus Ostpreußen zurückziehen. So bot er der 8. Armee ein leichtes Ziel zum Angriff. Außerdem wurde der Vormarsch der 1. und 2. Armee nicht koordiniert. Die Russen kämpfen tapfer, aber gegen die überlegene deutsche Führung und die Mängel, die aufgrund der überhasteten Mobilmachung aufgetreten waren, hatten sie kaum eine Chance.

Es war Frankreich, das von der russischen Niederlage profitierte. Ende August fürchtete man auch in Paris eine miltärische Katsatrophe. Hätte das Zarenreich nicht so schnell mobil gemacht, so wären die ersten Wochen des Ersten Weltkriegs möglicherweise anders verlaufen.

Doch am 1. September 1914 läuteten in Deutschland die Glocken. Das Kaiserreich schien herrlichen Zeiten entgegen zu gehen.