Ein „kühner“ Reformer

Ein „kühner“Reformer: So nannte der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz den General Johann Georg David von Scharnhorst. Scharnhorst gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Militärgeschichte. Worin besteht seine Bedeutung?

File:Scharnhorst (Hannover).jpg

Das Foto des Gemäldes von Friedrich Bury stammt aus dem Jahr 1810. Ich habe es Wikimedia Commons entnommen.

Anfänge in der Armee des Kurfürstentums Hannover

1801, im Alter von 46 Jahren, trat Scharnhorst in die preußische Armee ein. Geboren wurde er am 12. November 1755 im niedersächsischen Bordenau. Sein Vater hatte es bis zum Wachtmeister in einem Regiment des Kurfürsten von Hannover gebracht. Dann heiratete er die Tochter eines Gutsbesitzers in Bordenau. Das Gut war in Wirklichkeit nicht mehr als ein großer Bauernhof.

Scharnhorst wollte wie sein Vater Soldat werden. 1773 bestand er die Aufnahmeprüfung an der Militärschule Wilhelmstein, die auf einer künstlichen Insel im Steinhuder Meer lag. Der Reichsgraf von Schaumburg-Lippe hatte sie gegründet. Die Kadetten wurden schwerpunktmäßig im Artillerie – und Pionierwesen ausgebildet. Als Scharnhorst die Schule besuchte, gehörten von 24 Hörern nur vier dem Adel an.

Zu den wichtigsten Fächern gehörten Mathematik, Physik, Festungsbau und Kriegsgeschichte. Allerdings wurde auch auf eine gute Allgemeinbildung Wert gelegt. Privilegien für Adlige gab es nicht. Der Reichsgraf bestand auf dem Leistungsprinzip.

Während im Herbst und im Winter der theoretische Unterricht im Vordergrund stand, mussten die Kadetten im Frühjahr und Sommer in praktischen Übungen ihr Können unter Beweis stellen. Zielschießübungen oder das Anlegen eines befestigten Lagers gehörten zu den Aufgaben. Im Unterricht sollten die Anwärter zu eigenständigem Denken erzogen werden.

1777 beendete Scharnhorst als Lehrgangsbester die Ausbildung. Ab 1779 diente er in verschiedenen Funktionen in der Armee des Kurfürstentums Hannover. Scharnhorst wurde Lehrer an der Artillerieschule in Hannover. Er verfolgte das militärische Schrifttum, veröffentlichte dort Aufsätze und kümmerte sich auch um die Bibliothek der Schule.

Zum einschneidenden Erlebnis wurde für Scharnhorst die Teilnahme am Krieg gegen Frankreich zwischen 1793 und 1795. Hannover stellte 6000 Soldaten für ein Korps, das in den österreichischen Niederlanden den Franzosen entgegentrat. Scharnhorst bewies in der Schlacht bei Hondschoote, dass er nicht nur ein Theoretiker war. Der Verlauf der Kämpfe bestärkte ihn jedoch in der Ansicht, dass die stehenden Heere der europäischen Fürsten einer Reform bedurften. Noch Jahre später bemerkte Scharnhorst im Rückblick, dass die Armee des Kurfürstentums noch nicht einmal über Karten des Gebietes verfügte, in dem sie operieren musste.

Scharnhorst war kein Anhänger der Französischen Revolution. Aber er verschloss auch nicht die Augen vor den Mängeln der vorrevolutionären Ordnung. Seiner Meinung nach musste das Offizierkorps besser ausgebildet werden. Nicht ständiger Drill und eine exakte Parade standen für ihn im Vordergrund, sondern eine Truppe, die im Frieden auf den Ernstfall vorbereitet wurde. In seinen Veröffentlichungen warnte er davor, die Siege der französischen Armeen einfach auf ihre meist zahlenmäßige Überlegenheit zurückzuführen.

In Hannover konnte er sich mit seinen Ideen nicht durchsetzen. In Berlin zeigte man Interesse an dem ungewöhnlichen Offizier. Scharnhorst bat 1800, in die preußische Armee eingestellt zu werden. Dabei stellte er drei Bedingungen: Beförderung zum Oberstleutnant, Verleihung des erblichen Adels sowie die Erlaubnis, eine Militärreform durchführen zu dürfen.

Am 1. Mai 1801 wurde Scharnhorst in preußische Dienste übernommen. 1802 erhielt er den erbetenen Adelsbrief.

Preußen – Großmacht auf schwachem Fundament

Als Scharnhorst seinen Dienst antrat, gab es in der preußischen Armee bereits eine Diskussion um die Reform der Armee. König Friedrich Wilhelm III. (1797 bis 1840) hatte das Heer als kranken Körper bezeichnet. Viele preußische Offiziere dagegen glaubten immer noch, den Franzosen überlegen zu sein. Einige zumindest sahen ein, dass Veränderungen notwendig waren. Zu ihnen stieß Scharnhorst, der zum stellvertretenden Direktor der „Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere in den militärischen Wissenschaften“ ernannt wurde.

1804/1805 legte Scharnhorst dem König einen erweiterten Lehrplan vor, der die Professionalisierung des Offizierkorps beschleunigen sollte. Dabei ließ er sich von seinen Erfahrungen auf dem Wilhelmstein leiten. Die Veränderungen im Kriegswesen seit 1792, das Auftreten von Massenheeren und die Vergrößerung der Operationsgebiete erforderte für Scharnhorst einen militärischen Führer, der über eine gewisse Allgemeinbildung und über militärische Kenntnisse verfügte.

Der Krieg war kein Handwerk mehr, das dem Adel vorbehalten war. Allerdings forderte Scharnhorst noch nicht die Abschaffung des Adelsprivilegs. Wer Leutnant werden wollte, hatte eine Prüfung abzulegen, in denen der Kandidat Grundkenntnisse nachweisen musste. Die Subalternoffiziere (Leutnants und Hauptleute) sollten dagegen schon eine Einführung in operatives Denken erhalten.

Die höchsten Anforderungen stellte Scharnhorst an Offiziere, die zumindest Major waren und in Stäben Dienst taten. Für den Militärreformer war es unabdingbar, dass die Armee in Divisionen gegliedert würde. Diese, von einem General geführten Großverbände, benötigten einen Stab, in dem besonders qualifizierte Offiziere Dienst taten. Dabei dachte Scharnhorst nicht an spezielles Korps von Generalstabsoffizieren. Großen Wert legte Scharnhorst darauf, dass sie in der Lage waren, eine nüchterne Lagebeurteilung vorzunehmen. Dies bedeutete nicht, bewährte Theorien in Befehlsform zu bringen, sondern dem Divisionskommandeur Entscheidungsvorschläge zu machen, die sich an der Praxis orientierten.

1804 war ihm eine weitere Aufgabe übertragen worden, die darauf hindeutete, dass der König die militärische Spitzengliederung reformieren wollte. Scharnhorst übernahm die 3. Abteilung des ein Jahr zuvor geschaffenen Generalquartiermeisterstabes. In seine Zuständigkeit fielen die Planungen für mögliche Feldzüge im Westen des Königreiches Preußen. Als Chef der Abteilung führte er die erste „Generalstabsreise“ durch. Angehende Stabsoffiziere sollten das Gebiet kennen lernen, in dem möglicherweise einmal Krieg geführt werden müsse. Dabei hatten sie ihre Fähigkeiten in der Praxis unter Beweis zu stellen.

Zumindest die ersten Schritte in Richtung auf eine moderne Armee hin waren getan. Doch die politische Situation entwickelte sich immer kritischer.

Von Jena nach Tilsit

1795 hatte Preußen mit Frankreich in Basel einen Sonderfrieden geschlossen. Der damalige König, Friedrich Wilhelm II. (1786 bis 1797), hatte mehr Interesse an Gebietserweiterungen im Osten. Sein Nachfolger betrieb eine strikte Neutralitätspolitik, die allerdings sein Land immer mehr in die Abhängigkeit Frankreichs brachte.

1805 plädierte Scharnhorst dafür, sich an der Seite von Österreich und Russland am Krieg gegen Frankreich zu beteiligen. 1806 machte Friedrich Wilhelm III. Scharnhorst zum Gouverneur der Provinz Hannover, die Frankreich Preußen nahezu aufgedrängt hatte. Napoleon wollte bewusst einen Keil zwischen Berlin und London schieben.

Immer deutlicher wurde, dass man in Frankreich zum Krieg gegen Preußen rüstete. Im Frühjahr 1806 richtete Scharnhorst eine Denkschrift an den König und vertrat die Ansicht, dass ein bewaffneter Konflikt unvermeidlich sei. Die Armee sollte um 30 000 Mann verstärkt werden. Zusätzlich sollte eine gleich starke Miliz entstehen. Anscheinend war Scharnhorst davon überzeugt, dass diese Demonstration der militärischen Stärke Eindruck auf Paris machen würde.

Doch der Oberst irrte hier. Außerdem überschätzte er wohl die Schlagkraft der Armee und die Kriegsbereitschaft der preußischen Bevölkerung.

Im Sommer eskalierten die Spannungen. Friedrich Wilhelm III. ließ sich dazu hinreißen, Napoleon am 26. September 1806 ein Ultimatum zu stellen. Am 17. September hatte er Scharnhorst zum Stabschef einer Armee ernannt, die bei Naumburg stand. Den Oberbefehl hatte der greise Herzog von Braunschschweig inne. Eine zweite Armee unter dem Kommando des Fürsten Hohenlohe marschierte ebenfalls in Sachsen auf.

Im preußischen Oberkommando fehlte eine klare Führung. Scharnhorst hatte den Vorschlag gemacht, Napoleon anzugreifen, aber die Mehrzahl der Generäle riet dem König davon ab.

Am 14. Oktober 1806 kam es bei Jena und Auerstedt zu einer „Doppelschlacht“, die mit einer schweren Niederlage der Preußen endete. Scharnhorst konnte sich mit General von Blücher und einem Teil seiner Armee nach Norddeutschland durchschlagen. Bei Lübeck geriet er in Gefangenschaft, wurde aber am nächsten Tag gegen einen französischen Oberst ausgetauscht. Der König war mittlerweile nach Ostpreußen geflohen. In Königsberg hoffte er auf eine russische Armee, die den Preußen zur Hilfe kommen sollte.

Die Niederlage bei Jena und Auerstedt war schon eine Katastrophe. Weitaus schlimmer wog, dass Teile der preußischen Armee den Mut verloren hatten. Festungen kapitulierten vor einer Handvoll französischer Soldaten, ohne dass ein Schuss abgegeben wurde.

Im Februar 1807 schien sich das Blatt noch einmal zu wenden. Bei Preußisch-Eylau trafen die nun vereinten Preußen und Russen auf das kaiserliche Heer. Scharnhorst zeichnete sich an diesem Tag aus, indem er mit seinen Truppen eine Flanke der französischen Armee umging. Die russische Hauptmacht unterstützte ihn aber nicht.

Im Juni 1807 besiegte Napoleon die Russen und Preußen endgültig. Friedrich Wilhelm III. musste am 9. Juli 1807 den Frieden von Tilsit unterschreiben. Preußen hatte alle Gebiete westlich der Elbe abtreten, eine hohe Kriegsentschädigung zu zahlen und sein Heer auf 42 000 Mann zu reduzieren.

Arbeit an der Heeresreform und letzter Feldzug

Am 25. Juli 1807 wurde Scharnhorst zum Generalmajor befördert. Gleichzeitig übernahm er den Vorsitz der „Militärischen Reformkommission (MRK)“. Ihr gehörten die Oberstleutnants von Gneisenau und von Bronikowsky sowie Oberst von Massenbach an. Später kamen Hermann von Boyen, Graf Friedrich Wilhelm von Götzen und Major von Grolmann hinzu.

Die Mitglieder waren in einzelnen Punkten unterschiedlicher Meinung, aber eines einte sie: die Überzeugung, dass das Heer grundlegend reformiert werden müsse.

Die Heeresreformgesetze von 1808 schafften die Prügelstrafe ab. Außerdem fiel das Adelsprivileg in der Offizierlaufbahn. Das Abitur wurde nicht verlangt. Allerdings konnte Scharnhorst durchsetzen, dass fortan jeder Offizieranwärter eine Prüfung ablegen musste, um Leutnant werden zu können. Auch die Ausbildung der Generalstabsoffiziere trug seine Handschrift.

Dem neuen Kriegsministerium wurde auch der neu gebildete Generalstab unterstellt.

1812 ließ sich Scharnhorst beurlauben. Als Ende des Jahres die geschlagenen Reste der französischen Armee Ostpreußen erreichten, gehörte Scharnhorst zu jenen Persönlichkeiten, die den Befreiungskrieg wagen wollten. Teile der preußischen Armee unter den Generälen von Yorck und Bülow marschierten schon gegen die Franzosen. Friedrich Wilhelm III. begab sich nach Schlesien, das nicht mehr von französischen Truppen besetzt war. Am 27. Februar 1813 schloss Staatskanzler Hardenberg mit den Russen ein Bündnis. Am nächsten Tag einigten sich Scharnhorst und der russische Oberbefehlshaber Kutusow. Am 27. März 1813 erklärte Preußen Frankreich den Krieg.

Napoleon hatte mittlerweile 200 000 Mann mobil gemacht. Allerdings waren die meisten Soldaten schlecht ausgebildet. Es fehlte an Artillerie und Kavallerie.

Preußen konnte 110 000 Mann aufbieten. Die „Schlesische Armee“ stand unter dem Kommando von Feldmarschall Blücher. Scharnhorst wurde Chef des Generalstabes der Armee. Die Russen unter ihrem neuen Oberbefehlshaber Wittgenstein führten ebenfalls ein Heer ins Feld.

Bei Großgörschen in Sachsen trafen am 2. Mai 1813 die zahlenmäßig leicht überlegenen Franzosen auf die Preußen. Als die Lage gegen Abend hin immer kritischer wurde, führte Scharnhorst persönlich die Kavallerie noch einmal in den Kampf. Historiker wie Adam Zamoyski werten das Ergebnis der Schlacht als französischen Sieg, während Klaus Hornung in seiner Biografie über Scharnhorst davon spricht, das preußische Heer hätte sich auf dem Schlachtfeld behauptet.

Dennoch erlitten es einen schweren Verlust. Scharnhorst wurde tödlich verletzt. Am 3. Mai 1813 starb er.

Was macht die Bedeutung von Scharnhorst aus?

Scharnhorst hatte keine Schlacht gewonnen. Zwar bewies er mehrmals im Gefecht Mut und Übersicht, doch einen großen Sieg konnte er nicht an seine Fahnen heften.

Auch als Militärtheoretiker von Rang wird man ihn nicht bezeichnen können. Seine größte Leistung war wohl die Führung der MRK. Hier stand er auf der Seite der Reformer, erteilte aber allzu radikalen Vorschlägen eine Absage. So setzte er sich – zum Beispiel – für die Abschaffung der Vorrechte des Adels ein. Die Wahl der Offiziere lehnte er jedoch ab.

Was macht also die Bedeutung von Scharnhorst aus? Zeitzeugen wie Clausewitz beschrieben ihn als „Fremdling im Lande und im Heere“, dem es aber mit seiner ruhigen Energie gelang, eine Reform durchzuführen, die Clausewitz als „kühn“ bezeichnete. Der General verkörperte den Typ des gebildeten Offiziers, der in erster Linie Soldat war, aber gleichzeitig wusste, dass Mut und Schneidigkeit nicht mehr ausreichten. Vielleicht war es gerade die von Clausewitz beschriebene „Fremdheit“, die jene Distanz schuf, die es Scharnhorst ermöglichte, die Gebrechen seines neuen Vaterlandes zu erkennen und Abhilfe zu schaffen.

So ist es kein Zufall, dass die ersten Freiwilligen der Bundeswehr am 12. November 1955 ihren Fahneneid ablegten. Es war der 200. Geburtstag von Johann David Georg Scharnhorst.

 

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