Die Wende vor Moskau

Die Wende vor Moskau: Im Dezember 1941 kamen die deutschen Truppen vor der russischen Hauptstadt zum Stehen und mussten um ihre Existenz kämpfen. Der Versuch, in einem kurzen Feldzug die Sowjetunion zu besiegen, war endgültig gescheitert. Wie reagierte die Spitze des NS-Regimes auf den Umschwung? Wie versuchten Militärs die sich zuspitzende Lage zu bewältigen?

Hitler mit führenden Offizieren der Wehrmacht im Herbst 1941. Noch war man optimistisch, Moskau einzuschließen. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-771-0366-02A / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Das Unternehmen „Taifun“ beginnt

Auf der Gegenseite sah es anders aus. Am 16. Oktober 1941 brach in Moskau Panik aus; am 19. Oktober 1941 wurde der Belagerungszustand verkündet (vgl. Hoffmann, 1991, S. 906). Stalin entschloss sich dazu, in der russischen Hauptstadt zu bleiben und die Verteidigung zu organisieren. Der Historiker Richard Overy spricht von einer historischen Entscheidung des Diktators (vgl. Overy, 2011, S. 158). Am 10. Oktober 1941 hatte er General Georgi Schukow den Oberbefehl über die Truppen übertragen, die vor Moskau standen (vgl. Overy, 2011, S. 182).

Am 2. Oktober 1941 begann das Unternehmen „Taifun“. Anderthalb Millionen deutsche Soldaten traten zum Angriff in Richtung Moskau an (vgl. Beevor, 2014, S. 267). Doch die Wehrmacht startete mit „reduzierter Kraft“ die Offensive, mit der sie das Gros der sowjetischen Streitkräfte vernichtend schlagen wollte (Fest, 2006/2007, S. 988). Statt die Truppen auf „Taifun“ zu konzentrieren, setzte das deutsche Oberkommando starke Kräfte im Nord- und im Südabschnitt der Ostfront ein.

Die Offensive begann mit Anfangserfolgen. Im Generalstab des Heeres breitete sich Optimismus aus. General Eduard Wagner, Generalquartiermeister und für den Nachschub verantwortlich, schrieb am 5. Oktober 1941 an seine Frau: „Wir haben den Eindruck, daß der letzte große Zusammenbruch unmittelbar bevorsteht … Operative Ziele werden gesteckt, daß einem früher die Haare zu Berge gestanden hätten. Ostwärts von Moskau!“ (Wagner, 1963, S. 204). In Berlin plante man den Bau einer Autobahn zur Krim (vgl. Hill, 1974, S. 269).

Der sowjetische Widerstand versteifte sich. Hellmuth Stieff, 1. Generalstabsoffizier der 4. Armee, die maßgeblich an der Offensive beteiligt war, schrieb am 13. Oktober 1941 an seine Frau: „Ich bin heute nachmittag mit dem Storch in 5 – 10 m Höhe darüber rumgeflogen (der Fieseler Storch war ein Flugzeug der Luftwaffe, die Verfasserin). Zum Teil wurde noch gekämpft. Ich habe entsetzliche Bilder gesehen. Teilweise türmen sich die gefallenen Russen übereinander.“ (Mühleisen, 1991, S. 129). Regenfälle behinderten den Vormarsch zusätzlich. Stieff hoffte auf eine Frostperiode (vgl. Mühleisen, 1991, S. 131). Anfang November fiel Schnee, und es war kaum noch möglich, Nachschub nach vorn zu bringen. General Wagner zeigte sich dennoch verhalten optimistisch: „Wie die Truppe aussieht, das kann sich gar kein Mensch vorstellen … Aber die Stimmung ist gut, und nur das Wie-lange und vor allem der Winter beschäftigt die Leute … Im nächsten Jahr werden wir im Osten noch zu tun kriegen … nur ist vor Mai nichts zu machen …“ (Wagner, 1963, S. 212).

Im Herbst 1941 erschwerte der Schlamm den Vormarsch der Truppen. Die Aufnahme habe ich Wikipedia unverändert entnommen: https://it.wikipedia.org/wiki/File:Schlamm1941.jpg

Der Angriff stockt

Am 15. November 1941 konnte die Heeresgruppe Mitte ihren Angriff wieder aufnehmen. Im „Führerhauptquartier“ gab es immer noch Meinungsverschiedenheiten. Die Differenzen zwischen Hitler und den Führungsspitzen des Heeres nahmen zu. Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht mischte sich ständig in die Operationsführung ein. Sein Heeresadjutant, Major Engel, notierte nach dem Krieg: „Über allem steht die vernichtende Erkenntnis, daß F. (Hitler, die Verfasserin) nicht klar genug zum Ausdruck bringt und begründet, was er will. Erfolg ist, daß ObdH (Generalfeldmarschall von Brauchitsch, die Verfasserin) und Chef Gen.Stb. resignieren und aus den unklaren Stellungnahmen von F. machen, was sie für richtig halten.“ (Kotze, 1974, S. 114, 12.11.1941).

Der Diktator hatte nur widerstrebend einer Offensive in Richtung der russischen Hauptstadt zugestimmt. Hitler war an einer Eroberung nicht interessiert – die Stadt sollte zerstört werden (vgl. Vogt, 1997, S. 651). Seine Strategie zielte darauf ab, dem Gegner die rüstungswirtschaftliche Basis zu entziehen und für eigene Zwecke zu nutzen. Im Oberkommando des Heeres ging man davon aus, dass sich das Gros der Roten Armee vor Moskau zur Schlacht stellen würde. So hätte man die Möglichkeit, den gegnerischen Streitkräften den entscheidenden Schlag zu versetzen.

Am 13. November 1941 startete die Führung der Sowjetunion einen Angriff auf die rechte Flanke der 4. Armee (vgl. Klink, 1991, S. 685). Sechs Tage später notierte deren 1. Generalstabsoffizier: „Aber es geht für uns hier um die nackte Existenz. Ein großer Teil unserer seit 5 Monaten im Kampf stehenden Truppen ist eben am Ende der physischen Leistungskraft angekommen.“ (Stieff, 1991, S. 135).

Während man im „Führerhauptquartier“ noch glaubte, die Offensive fortsetzen zu können, wuchsen in der Wehrmacht und in den Berliner Ministerien die Zweifel an einem erfolgreichen Ausgang des Krieges. Die deutsche Rüstungsproduktion stieß im Herbst 1941 an ihre Grenzen. Der zuständige Minister, Fritz Todt, soll Hitler im November 1941 zum Frieden geraten haben. Generaloberst Friedrich Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres, plädierte ebenfalls für eine politische Beendigung des Krieges (vgl. Roberts, 2019, S. 266). Im Reichsaußenministerium notierte Staatssekretär von Weizsäcker am 9. November 1941, die deutschen Kräfte wären zu schwach, um sich in Europa zu behaupten (vgl. Hill, 1974, S. 275).

Hitler dachte im Herbst 1941 nicht daran, seine expansiven Ziele zu mäßigen. Er wollte im Osten ein Kolonialreich errichten. Fünf Millionen deutsche Reichsbauern sollten in den nächsten 50 Jahren dort angesiedelt werden (vgl. Vogt, 1997, S. 648). Ein Kompromissfrieden – wenn er überhaupt möglich gewesen wäre – hätte diesem Ziel im Wege gestanden. Gegenüber Propagandaminister Goebbels bekräftigte der Diktator am 22. November 1941 seine Absicht, Moskau und Leningrad zu zerstören (vgl. Reuth, 2003, S. 1707).

In der NS-Führung war mittlerweile bekannt, dass es an der Ostfront Nachschubprobleme gibt, aber den Ernst der Lage schien man im „Führerhauptquartier“ nicht begriffen zu haben (vgl. Reuth, 2003, S. 1708). Am 30. November 1941 beurteilte der Diktator gegenüber Goebbels die militärische Situation „positiv“ (Reuth, 2003, S. 1714). Der Propagandaminister räumte ein, dass es Nachschubprobleme gab. Deshalb wäre es nötig, einen „Stillstand der Operationen“ herbeizuführen (Reuth, 2003, S. 1717).

In Wirklichkeit hatte die Wehrmacht vor Moskau die Initiative bereits verloren. Von einem planmäßigen Übergang zur Defensive konnte keine Rede mehr sein. Am 5. Dezember begann die Rote Armee mit einer groß angelegten Gegenoffensive. Die deutschen Invasoren mussten um ihr Leben kämpfen.

Krise bei der Heeresgruppe Mitte

Die Temperaturen lagen mittlerweile weit unter dem Gefrierpunkt – auf bis zu 20 Grad minus sank das Barometer. Viele deutsche Soldaten waren nicht mit Winterkleidung ausgestattet. Flugzeuge konnten nicht starten. Die wenigen motorisierten Einheiten des Heeres blieben in den Schneemassen liegen.

Wendepunkt Moskau: Im Dezember 1941 fehlte es vielen Soldaten an passender Winterkleidung. Quelle: Zeitgenössische Aufnahme von Wilhelm Giese. Für Wikipedia zur Verfügung gestellt von einem Verwandten: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Soldiers_on_guard_in_December_1941_to_the_west_of_Moscow.jpg?uselang=de

Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, notierte am 7. Dezember 1941, drei Gründe hätten „zu der gegenwärtigen schweren Krise geführt“: das Einsetzen der Schlammperiode im Herbst, Transportprobleme und die von den Deutschen unterschätzte Widerstandskraft der Russen, die über nicht erwartete Reserven verfügten (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 423). Die hohen Verluste bei den Offizieren und Unteroffizieren könnten nicht mehr ausgeglichen werden (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 424). Am Schluss musste von Bock einräumen, dass die Fortsetzung der Angriffe in den letzten Tagen ein Fehler gewesen wäre. Nun wäre die Heeresgruppe gezwungen, „unter schwierigsten Verhältnissen zur Abwehr überzugehen.“ (Ursachen und Folgen, Band 17, S. 424). Hellmuth Stieff schrieb am selben Tag an seine Frau: „Im kleinsten Kreise haben wir heute Überlegungen über die Zurücknahme der ganzen Armee um 250 – 300 km angestellt. Wenn kein Wunder eintritt, wird sie notwendig werden. Sie ist aber unter den obwaltenden Umständen der Untergang!“ (Mühleisen 1991, S. 139).

War die Situation so hoffnungslos? Das Zitat macht deutlich, dass nicht nur die Soldaten physisch und psychisch am Ende waren. Auch viele Offiziere in den Stäben sahen keinen Ausweg mehr. Im „Führerhauptquartier“ kam es am 8. Dezember 1941 zu Diskussionen. General Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, sah zwei Möglichkeiten: Moskau enger zu umschließen oder die Armeen weiträumig zurückzunehmen. Hitler hielt die pessimistischen Meldungen von der Front für überzogen. Sein Heeresadjutant beschrieb die Reaktion des Diktators nach dem Krieg mit folgenden Worten: „Glaubt nicht an frische russische Kräfte, hält alles für Bluff, vermutet, daß dies die letzten Reserven aus Moskau sind … Das Wort ‚zurücknehmen‘ wolle er nicht mehr hören.“ (vgl. Kotze, 1974, S. 118).

Am gleichen Tag erließ Hitler als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht die Weisung Nr. 39 für die deutschen Streitkräfte. Der überraschende Wintereinbruch hätte zu Nachschubproblemen geführt. Die Angriffsoperationen müssten daher eingestellt werden (vgl. Hubatsch, 1983, S. 171). Das Heer sollte „sobald wie möglich“ auf rückwärtige Stellungen zurückgehen (Hubatsch, 1983, S. 171). Die Führung der deutschen Streitkräfte versuchte, die Krise herunterzuspielen. Man tat so, als ob der Übergang zur Defensive planmäßig verlief. Gleichzeitig sollte das Heer sich auf neue Angriffsoperationen im Frühjahr 1942 einstellen.

Auch eine Weisung des Oberbefehlshabers des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, versuchte die Probleme zu verharmlosen. Im ersten Teil des Befehls kam er zu dem Ergebnis, dass die Erwartungen für 1941 „in weitgehendem Maße erfüllt“ wären (KTB OKW, 1964, S. 1077). Allerdings musste er einräumen, dass die Rote Armee noch nicht besiegt sei (vgl. KTB OKW, 1964, S. 1077). Brauchitsch befahl dem Heer, sich auf eine kräftesparende Verteidigung einzustellen. Er übersandte den Heeresgruppen eine Karte mit dem vorgesehenen Frontverlauf. „Andererseits muß dem Gegner durch möglichst bewegliche Kampfführung vorwärts der eigenen Stellung die Tatsache, daß wir zur Abwehr übergegangen sind, möglichst lange verschleiert werden.“ (KTB, OKW, 1964, S. 1079). Hier wird deutlich, dass der Oberbefehlshaber des Heeres die Situation völlig verkannte. Die deutschen Truppen vor Moskau waren überhaupt nicht mehr in der Lage, einen geordneten Rückzug durchzuführen.

Generalfeldmarschall von Brauchitsch war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Oberbefehlshaber auf Abruf (vgl. Hoffmann, 1992, S. 230). Im Umkreis Hitlers wurde schon im November 1941 offen über seine Absetzung spekuliert (vgl. Kotze, 1974, S. 115). Am 6. Dezember 1941 schien der Bruch unvermeidlich: „Vertrauen zwischen F. und OB nicht mehr zu kitten. Jede Lage ist unerfreulich.“ (Kotze, 1974, S. 117). Brauchitsch war nicht mehr in der Lage, die Interessen der Front bei Hitler wirksam zu vertreten. Gesundheitliche Probleme machten ihm zusätzlich zu schaffen. Der Diktator begann über den Kopf des Generalstabes hinweg in die Führung vor Ort einzugreifen.

Die Frage war nun, wie das deutsche Heer die russischen Angriffe abwehren sollte. Die Weisung Hitlers ließ grundsätzlich die Möglichkeit offen, sich auf rückwärtige Positionen abzusetzen. Generalfeldmarschall von Brauchitsch hatte eine Rückzugslinie vorgegeben. Bei der 4. Armee kam man zu dem Schluss, dass die vom Oberbefehlshaber des Heeres vorgeschlagene Möglichkeit die Probleme nicht lösen würde. Es gab nur die Alternative, entweder stehen zu bleiben oder einen größeren Rückzug anzutreten (vgl. Klink, 1991, S. 691).

Am 13. Dezember 1941 befürwortete Generalfeldmarschall von Kluge, der Oberbefehlshaber der 4. Armee, ein großräumiges Absetzen, aber Hitler genehmigte lediglich örtliche Korrekturen (vgl. Klink, 1991, S. 692). Die Reserven, die man nach vorn bringen konnte, reichten nicht aus, um die Verluste zu ersetzen.

Am 16. Dezember 1941 erließ Hitler einen Befehl, in dem er der 4. Armee jeden Rückzug untersagte: „Ein weiträumiges Absetzen großer Teile (des) Heeres, mitten im Winter, bei nur beschränkter Beweglichkeit und Winterausrüstung und ohne vorbereitete rückwärtige Stellungen muß zu den schwersten Folgen führen.“ (KTB OKW, 1964, S. 1083). Zwei Tage später begründete der Diktator sein Handeln: „Größere Ausweichbewegungen können nicht durchgeführt werden. Sie führen zum völligen Verlust von schweren Waffen und Gerät. Unter persönlichem Einsatz der Befehlshaber, Kommandeure und Offiziere ist die Truppe zum fanatischen Widerstand in ihren Stellungen zu zwingen, ohne Rücksicht auf durchgebrochenen Feind in Flanke und Rücken.“ (KTB OKW, Band 1, S. 1084).

Hitlers Argumenten kann eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden. Ein planmäßiges Ausweichen war nicht möglich. Das Wetter und der Feinddruck machten einen Ausbau rückwärtiger Stellungen unmöglich. Im „Führerhauptquartier“ neigte General Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, der Ansicht des Diktators zu, weil seiner Meinung nach ein Rückzug hohe Verluste mit sich brächte. Einer seiner engsten Mitarbeiter, Oberstleutnant von Loßberg, trat hingegen für eine deutliche Verkürzung der Ostfront ein und hielt Hitlers Befehle für falsch (vgl. Megargee, 2006, S. 177).

Hitler übernimmt den Oberbefehl

Am 19, Dezember 1941 übernahm der Diktator den Oberbefehl über das Heer. Generalfeldmarschall von Brauchitsch sagte nach dem Krieg in Nürnberg im Zeugenstand aus, dass er Hitler bereits am 7. Dezember 1941 seinen Rücktritt angeboten hätte. 10 Tage später hätte der Diktator ihm mitgeteilt, dass er das Heer persönlich führen wolle (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 436). Der Generalfeldmarschall besaß zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Rückhalt in der Armee. „Es ist nur recht, daß er gegangen wurde, weil er nicht den Mut fand, die Dinge so zu melden, wie sie sind“, schrieb Hellmuth Stieff am 22. Dezember 1941 an seine Frau (vgl. Mühleisen, 1991, S. 146). Claus Schenk Graf von Stauffenberg, zu diesem Zeitpunkt Generalstabsoffizier in der Organisationsabteilung des Generalstabes, vertrat im Frühjahr 1942 die Meinung, die Übernahme des Oberbefehls durch Hitler wäre richtig gewesen (vgl. Hoffmann, 1992, S. 237).

In den Generalstäben der vor Moskau operierenden Armeen lehnte man Hitlers Haltebefehle entschieden ab (vgl. Mühleisen, 1991, S. 145). Am 20. Dezember 1941 flog Generaloberst Heinz Guderian, Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee, in das „Führerhauptquartier“ nach Ostpreußen. Beim Lagevortrag erwähnte der General, dass Absetzbewegungen im Gange wären. Hitler untersagte dies (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 446). Guderian wies den Diktator daraufhin, dass jede Verzögerung Verluste mit sich brächte, die nicht mehr ausgeglichen werden könnten (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 447). Außerdem verwies er auf die unmenschlichen Anstrengungen, denen die Soldaten ausgesetzt wären und forderte, mehr Offiziere mit Fronterfahrung in das „Führerhauptquartier“ zu versetzen. Am 26. Dezember wurde er seines Kommandos enthoben.

Der ehemalige Heeresadjutant Hitlers schilderte nach dem Krieg seine Eindrücke von dem Treffen, dass er irrtümlich auf den 18. Dezember 1941 datierte: „Guderian war bei F., sein psychischer Zustand war erschreckend und verfehlte auf F. seinen Eindruck nicht. Sprach ganz gegen seine Art über Unmöglichkeit, Front zu halten … Gab erschütternde Schilderungen vom Zustand der Truppe. F ist sich im klaren, daß Guderian unmöglich noch führen kann.“ (Kotze, 1974, S. 118).

Generaloberst Guderian war kein Einzelfall. Oberstleutnant Hellmuth Stieff notierte am 22. Dezember: „Meine Nerven sind jetzt auch fertig, heute abend heule ich still in mich hinein … Aber ich muß ja stark sein, nicht für mich, sondern für meine armen, armen Männer. Wenigsten für den Rest muß eine Führung bleiben. Der Chef sucht vorne den Tod, er ist nicht zu halten, denn seine Nerven sind völlig fertig, das ist jedenfalls mein Eindruck.“ (Mühleisen, 1991, S. 145).

Die Gefahr, getötet oder verwundet zu werden, war in einem Armeeoberkommando nicht so hoch wie im Schützengraben. Die Belastungen waren anderer Art. Mehrmals am Tag mussten grundlegende Entscheidungen getroffen werden. Die Lage an der Front schien auf eine Katastrophe hinauszulaufen. Gleichzeitig trafen aus dem „Führerhauptquartier“ Befehle ein, die nur Unverständnis hervorriefen. Zum ersten Mal in diesem Krieg schien das deutsche Heer eine schwere Niederlage zu erleiden. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, hatte am 18. Dezember aus gesundheitlichen Gründen um seine Abberufung gebeten. Generalfeldmarschall von Rundstedt, der die seit Beginn des Feldzuges die Heeresgruppe Süd geführt hatte, war Anfang Dezember von seinem Kommando entbunden worden, weil er Hitlers Führung für falsch hielt.

Der Diktator war davon überzeugt, dass viele höhere Offiziere nach dem sechsmonatigen Feldzug gesundheitlich stark angeschlagen waren (vgl. Ursachen und Folgen, Band 17, S. 458). Das NS-Regime nutzte diese Situation, um einen Elitenwandel in den deutschen Streitkräften voranzutreiben (vgl. Reuth, 2003, S. 1721). Militärische Führung hing für Hitler eng mit dem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie zusammen. Nur der weltanschaulich gefestigte Kämpfer konnte in Hitlers Augen Soldaten führen. Eine Generalstabsausbildung oder Erfahrung in der Führung großer Truppenverbände reichten nicht mehr aus. Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Reichsaußenministerium, notierte am 6. Januar 1942: „Sowohl Minister Goebbels wie Min v. Ribbentrop äußern, daß die Generale ihre Unfähigkeit bewiesen haben, militärisch und organisatorisch. Dr. Goebbels ist der Ansicht, daß die Partei Nutzen davon haben werde.“ (Hill, 1974, S. 284). In den nächsten Wochen verlor eine Reihe von hohen Offizieren ihren Posten – einige wurden später wieder verwendet (vgl. Fest 2006/2007, S. 996).

Die Wende vor Moskau und ihre Auswirkungen

Ab Ende Januar 1942 gelang es der Wehrmacht, die Front vor Moskau zu stabilisieren (vgl. Kotze, 1974, S. 119, Eintrag vom 27.1.1942). Zwar hatten die deutschen Truppen Gelände preisgeben müssen, aber die Rote Armee konnte keinen entscheidenden Durchbruch erzielen.

Warum überstanden die Deutschen die Krise? Einen wichtigen Fingerzeig gibt ein Auszug aus einem Brief von Hellmuth Stieff an seine Frau vom 6. Februar 1942: „Der Russe macht uns doch zu schaffen. Und das wird ja noch bis Ende März so anhalten. Aber kriegen tut er uns jetzt nicht mehr. Und unsere Truppe hat nun endlich auch den Winterkrieg gelernt. Wir machen es jetzt so wie er und damit geht es. Außerdem hat die Truppe den ersten Schock der Rückschläge überwunden und sich wieder gefangen. Das war anfangs teilweise schlimm.“ (Mühleisen, 1991, S. 151).

Hitlers Haltebefehle wurden auch nach dem Krieg kontrovers diskutiert. Walter Görlitz kam 1950 in seiner Geschichte des deutschen Generalstabes zu einem sehr kritischen Urteil: „Alle maßgebenden Militärs sahen den entscheidenden Fehler Hitlers bei der Defensive des Winters 1941/42 in der Methode der starren Verteidigung.“ (Görlitz, 1950, S. 580). Görlitz, dessen Sympathie für die operative Führungskunst des Generalstabes unverkennbar ist, übersieht jedoch, dass zumindest einige höhere Offiziere wie General Jodl dem Standpunkt des Diktators aus militärischen Gründen zuneigten. Außerdem war man sich auch in den Frontstäben nicht sicher, ob ein großräumiges Absetzen möglich war.

Zu einer etwas anderen Sicht kam mehr als vierzig Jahre später Heinz Magenheimer: „Der umstrittene ‚Haltebefehl‘ Hitlers vom 16.12.1941 war aus heutiger Sicht nach Abwägung des Für und Wider in Anbetracht der höchst kritischen Lage im wesentlichen gerechtfertigt, auch wenn die Art und Weise, wie dieser Befehl ausgeführt wurde, große Nachteile mit sich brachte.“ (Magenheimer, 1997, S. 139). Da es keine ausgebauten Stellungen gab, auf die sich die Heeresgruppe hätte zurückziehen können, wäre es richtig gewesen, stehen zu bleiben.

„Unternehmen Barbarossa“, der Versuch, die Sowjetunion in acht bis zehn Wochen zu besiegen, war bereits im Hochsommer 1941 gescheitert. Vor allem das Oberkommando des Heeres drängte auf einen Angriff in Richtung Moskau. Die Militärs unterschätzten wie der Diktator die Widerstandskraft der Roten Armee. Sträflich vernachlässigt wurden auch Probleme der Logistik. Der fehlende Nachschub, der frühe Temperatureinbruch und das unerwartete „Comeback“ der sowjetischen Streitkräfte führten dazu, dass die abgekämpften deutschen Truppen nicht die Ziele von „Taifun“ erreichten.

Die Winterschlacht selber endete mit einem Unentschieden. Es gelang der Wehrmacht, sich zu behaupten. Nach den ersten Anfangserfolgen hatte man im Hauptquartier der Roten Armee geglaubt, die Heeresgruppe Mitte vernichten zu können. Dieses Ziel konnten die Russen nicht erreichen (vgl. Overy, 2011, S. 194). Taktisch und operativ waren sie nach wie vor unterlegen.

Eine schwere Niederlage erlitt vor Moskau der deutsche Generalstab. Planungsfehler aus der Vorbereitungsphase des Feldzuges gegen die Sowjetunion rächten sich nun. In den schwierigen Dezembertagen zeigten sich bewährte Truppenführer überfordert. Hitler vermochte mit seiner fanatischen Energie dem deutschen Oberkommando den Stempel aufzudrücken.

Die Soldaten der Roten Armee, die in den ersten drei Monaten des Jahres 1942 vor Moskau die gegnerischen Linien um 150 Kilometer zurückdrängten, konnten sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass die Wehrmacht einen verbrecherischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung führte. Die deutschen Soldaten zerstörten Dörfer und raubten den Menschen warme Bekleidungsstücke. „Es ist schon besser, die Bevölkerung verhungert und erfriert als wir“, notierte am 19. November 1941 Hellmuth Stieff (Mühleisen, 1991, S. 135).

Es sollte noch etwas mehr als zweieinhalb Jahre dauern, bis am 21. Oktober 1944 russische Soldaten in Ostpreußen deutschen Boden betraten. Die Stunde der Rache war gekommen.

 

Ein weiterführender Link:

Zweiter Weltkrieg: „Unternehmen Taifun“ – Hitlers Blitzkrieg-Desaster – WELT

 

Gedruckte Quellen:

Leonidas Hill (Hrsg.): Die Weizsäcker-Papiere 1933-1950, Frankfurt/M, Berlin, Wien 1974

Walther Hubatsch (Hrsg.): Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939 – 1945, 2. Aufl., Bonn 1983

Hildegard von Kotze (Hrsg.): Heeresadjutant bei Hitler 1938 – 1943. Aufzeichnungen des Majors Engel, Stuttgart 1974 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte)

Ernst Michaelis, Ernst Schraepler, Ursachen und Folgen, Band 17: Das Dritte Reich, Berlin 1970

Horst Mühleisen (Hrsg.): Hellmuth Stieff. Briefe, Berlin 1991 (Deutscher Widerstand 1933 – 1945)

Hans-Georg Reuth (Hrsg.): Joseph Goebbels Tagebücher 1924 – 1945, Band 4, 3. Aufl., München 2003

Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab), Band 1, 1940/41, Göttingen 1964

Elisabeth Wagner (Hrsg.): Der Generalquartiermeister. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen des Generalquartiermeister des Heeres, General der Artillerie Eduard Wagner, München, Wien 1963

 

Literatur:

Antony Beevor, Der Zweite Weltkrieg, München 2012

Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie, Hamburg 2006/2007

Basil H. Liddel Hart, Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Düsseldorf, Wien 1972

Joachim Hoffmann, Die Kriegführung aus der Sicht der Sowjetunion, in: MGFA (Hrsg.): Der Angriff auf die Sowjetunion, 1991, S. 848 – 964

Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 2004

John Keegan, Der Zweite Weltkrieg, Berlin 2004

Ernst Klink, Der Krieg gegen die Sowjetunion bis zur Jahreswende 1941/42, in: MGFA (Hrsg.): Der Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt/M. 1991, S. 541 – 735

Heinz Magenheimer, Die Militärstrategie Deutschlands 1940 – 1945. Führungsentschlüsse, Hintergründe, Alternativen, 2. überarbeitete Aufl., München 1997

Geoffrey P. Megargee, Hitler und die Generäle. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933-1945, Paderborn 2006

Richard Overy, Russlands Krieg 1941 – 1945, Hamburg 2011

Andrew Roberts, Feuersturm. Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs, München 2019

Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biografie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Albert Speer, Erinnerungen, 3. Aufl., Berlin 1969

Hans-Ulrich Thamer, Verführung und Gewalt, Berlin 1986

Martin Vogt, Selbstbespiegelung in Erwartung des Sieges. Bemerkungen zu den Tischgesprächen Hitlers im Herbst 1941, in: Wolfgang Michalka (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg. Analysen – Grundzüge – Forschungsbilanz, Weyarn 1997, S. 641 – 651

 

Siehe auch: Die deutsche Sommeroffensive 1942 — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de)