Die Schlacht von Königgrätz

Die Schlacht von Königgrätz zwischen Preußen und Österreich am 3. Juli 1866 stellte einen Einschnitt in der europäischen Militärgeschichte dar (vgl. Becker, 2002, S. 218). Die politischen Folgen waren ebenfalls bedeutend. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Preußen nahm in Deutschland fortan eine Vormachtstellung ein. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Bismarck fordert Österreich heraus

1866 rangen Wien und Berlin um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Noch zu Beginn der Fünfzigerjahre galt Österreich als Vormacht in Deutschland. 1864 hatten Preußen und Österreich im Auftrag des Deutschen Bundes Krieg gegen Dänemark geführt. Nach dem Sieg annektierten sie die Provinzen Schleswig, Holstein und Lauenburg und verwalteten sie zuerst gemeinsam. Am 14. August 1865 einigten sich Berlin und Wien im Vertrag von Gastein darauf, diesen Zustand zu beenden. Preußen übernahm die Verantwortung in Schleswig, Preußen in Holstein. Der preußische Ministerpräsident, Otto von Bismarck, wollte Österreich als Führungsmacht in Deutschland ablösen. Am 28. Februar 1866 plädierte er im preußischen Kronrat für eine militärische Lösung (vgl. Lutz, 1998, S. 453).

Im Frühling überschlugen sich die Ereignisse. Am 8. April 1866 schloss Bismarck mit Italien ein Bündnis, das sich gegen Wien richtete. Einen Tag später präsentierten der preußische Vertreter in Frankfurt einen „Bundesreformplan“, der vorsah, die Bundesversammlung solle in Zukunft aus direkten Wahlen nach dem gleichen Stimmrecht hervorgehen. Bismarck wollte damit Österreich herausfordern. In Wien gewann die Kriegspartei die Oberhand. Nun stimmte auch der preußische König einer Mobilmachung zu, die am 10. Mai abgeschlossen war.

Wien führte die Auseinandersetzung in Frankfurt weiter und warf die Frage nach der Zukunft einer gemeinsamen Verwaltung der 1864 erworbenen norddeutschen Herzogtümer auf. Berlin ließ als Reaktion seine Truppen in das von Österreich verwaltete Holstein einmarschieren. Damit war endgültig eine friedliche Klärung unmöglich. Die österreichische Regierung betrachtete das preußische Vorgehen in Norddeutschland als Vertragsbruch und beantragte am 11. Juni 1866 die Mobilisierung des Bundesheeres. Drei Tage später stimmte die Bundesversammlung zu. In Berlin hielt man den Deutschen Bund für erloschen, während die Bundesratsmehrheit darauf bestand, dass Preußen an den Verhandlungstisch zurückkehren sollte. Doch Bismarck war nicht mehr zu diplomatischen Schritten bereit. Es kam zum Krieg.

 

Die Schlacht von Königgrätz

Der preußische Aufmarsch. Die Elbarmee, die 1. Armee und die 2. Armee treffen sich erst auf dem Schlachtfeld. Die Karte wurde dem Buch von Hellmut Andicks „Das österreichische Jahrhundert“ entnommen. Die Rechte liegen bei Julien Then. Das Werk ist gemeinfrei und wurde Wikimedia Commons entnommen.

 

Der Krieg beginnt

Am 24. Juni 1866 besiegten die habsburgischen Truppen die Italiener bei Custozza. In Deutschland mussten die preußischen Grenadiere bei Langensalza eine Schlappe hinnehmen. In der letzten Schlacht in der Geschichte der hannöverschen Armee konnten die Welfen den Sieg an ihre Fahnen heften. Doch alle Tapferkeit der Hannoveraner half nichts. Der König des mittelgroßen Flächenstaates musste sein Land verlassen und starb im Wiener Exil. Strategisch gesehen hatte Preußen einen Erfolg errungen und Hannover in Besitz genommen.

Die Entscheidung musste in Böhmen fallen. Drei preußische Armeen marschierten getrennt auf. Sie nutzten die Eisenbahn als Transportmittel. Der Feldzugsplan, den der Chef des Generalstabes, Hellmuth von Moltke, entworfen hatte, war nicht ohne Risiken. Getrennt marschieren, vereint schlagen setzte voraus, dass der Transport der Truppen ohne Verzögerung geschah. Moltke als Chef des Generalstabes war der führende Kopf der preußischen Operationsführung. Er ließ den unterstellten Feldkommandeuren viel Freiraum. Die Generalstabsoffiziere hatten gelernt, größere Truppenbewegungen mithilfe des neuen Transportmittels zu organisieren.

Die österreichischen Truppen standen unter dem Oberkommando von Generalfeldzeugmeister Ludwig Ritter von Benedek. Der gebürtige Ungar hatte sich in Italien einen Namen gemacht.  Während seiner Karriere bewährte er sich als tüchtiger und tapferer Offizier. Zu seiner Überraschung wurde er nach Kriegsbeginn aus Italien abberufen und nach Böhmen versetzt, wo er den Oberbefehl über die Nordarmee übernehmen sollte. Benedek machte keinen Hehl daraus, dass er diesen Kriegsschauplatz nicht kannte und ihm die Zeit fehlte, sich mit dem neuen Operationsgebiet vertraut zu machen. Außerdem befand sich das Heer in keinem guten Zustand. Im Gegensatz zur preußischen Seite fehlte im habsburgischen Oberkommando ein Feldzugsplan. Auf beiden Seiten standen sich etwas mehr als 200 000 Soldaten gegenüber. Die Preußen waren leicht überlegen.

 

Ludwig von Benedek

Feldzeugmeister Ludwig Benedek, der österreichische Oberbefehlshaber bei Königgrätz. Lithographie von Josef Kriehuber aus dem Jahr 1866. Quelle Wikimedia Commons

 

Als Nachteil erwies sich, dass die habsburgischen Truppen nicht über ausreichendes und gutes Kartenmaterial verfügten. Benedek fehlte es an geschulten Beratern. Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig berichtete die Anekdote, dass das „Kriegsspiel“, also eine Planübung, in der Offiziere am „grünen Tisch“ ihre Führungsfähigkeiten unter Beweis stellen sollten, als lächerlich abgetan wurde: Im Gegensatz zum Kartenspiel könne man doch nichts gewinnen. Ein Offizier, der für aktuelle Geländekarten außerhalb Österreichs sorgen sollte, verbrachte seine Zeit lieber im Spielcasino; Kartenmaterial gäbe es in jeder guten Buchhandlung, und eine Karte lesen, das lerne jeder Leutnant. Als oberste Tugend eines Offiziers und eines Soldaten in der habsburgischen Armee galten Mut und Tapferkeit. Die Österreicher sollten in diesem Punkt ihren Gegnern bei Königgrätz um nichts nachstehen.

Die Schlacht von Königgrätz

Benedek hatte am 3. Juli 1866 bei Königgrätz mit seinen Truppen eine Verteidigungsstellung bezogen. Seine Aufklärung meldete ihm, dass er es mit zwei gegnerischen Armeen zu tun hätte. Eine dritte Armee schien zu weit entfernt zu sein. Benedek ging damit das Risiko ein, sich einer Umfassung auszusetzen. Der österreichische General wollte erst eine Offensive abwarten, um dann mit der eigenen Reserve den Gegenstoß zu führen (vgl. Becker, 2002, S. 223).

Am Vormittag des 3. Juli schien es für kurze Zeit so auszusehen, als ob sein Plan Aussicht auf Erfolg hätte. Die Österreicher kämpften tapfer und gingen an einigen Stellen zum Gegenangriff über. Doch gerade damit machten sie Fehler, die sich rächen sollten. Benedek hatte – wegen des überlegenen preußischen Infanteriegewehrs – Stellungen beziehen lassen, in denen die habsburgische Infanterie in guter Deckung die preußischen Angriffe erwartete. Die auf Anordnung österreichischer Unterführer eingeleiteten Konterattacken verspielten diesen Vorteil.

Die Schlacht war entschieden, als der preußische Kronprinz mit seiner Armee auf dem Schlachtfeld erschien und sie geistesgegenwärtig in den Kampf warf. Schnell gelang es den Preußen, eine Schlüsselstellung der Österreicher zu erobern (vgl. Becker, 2002, S. 225). Benedek setzte seine Reserven zum Gegenangriff ein, aber die Preußen konnten sich behaupten.

Seit dem frühen Nachmittag ging es für das österreichische Oberkommando nur noch darum, eine Katastrophe zu verhindern. In diesen Stunden bewies Benedek seine Qualitäten und leitete den Rückzug meisterhaft. Aber er konnte nicht mehr tun, als die Niederlage zu begrenzen.

Fasst man die Ursachen für den Verlust der Schlacht zusammen, dann wird der Einfluss des preußischen Zündnadelgewehrs nicht mehr so hoch eingeschätzt wie früher. Die Österreicher verloren die Schlacht, weil sie schlecht ausgerüstet und schlecht vorbereitet waren. Teile des Offizierkorps ließen es es an taktischer Disziplin fehlen. In Wien hatten die Verantwortlichen nicht die Bedeutung eines gut funktionierenden Stabssystems erkannt.

Königgrätz und die Begründung der preußischen Vormacht in Deutschland

Benedek gehört zu jenen unglücklichen Führungspersönlichkeiten, deren Ruf trotz einer vorbildlichen Laufbahn durch eine Niederlage verdunkelt wird. Moltkes genialer Aufmarsch, das sprichwörtliche Glück des Tüchtigen und Fehler der mittleren habsburgischen Truppenführer entschieden den Tag für Berlin. Die Schlacht von Königgrätz beendete eine Epoche. Am 26. Juli 1866 kam es zu einem Vorfrieden, dem später der Frieden von Prag folgte. Bismarck musste seine ganze Energie aufwenden, um den preußischen König davon abzuhalten, als Sieger in Wien einzumarschieren (vgl. Gall, 1981, S. 373).

Der preußische Ministerpräsident wollte in erster Linie den Deutschen Bund auflösen, Preußen als Vormacht in Deutschland etablieren und Frankreich keinen Grund zum Eingreifen geben (vgl. Gall, 1981, S. 367). Ihm schwebte die Reichseinheit ohne Österreich vor. Seit dem Mittelalter hatte Habsburg eine zentrale Rolle in Deutschland gespielt, aber Bismarck war kein politischer Romantiker. Bei der Neugestaltung der politischen Landkarte kannte er als Konservativer keine dynastischen Skrupel. Das Königreich Hannover verschwand von der Landkarte, und auch andere deutsche Fürstentümer wie Nassau, Hessen-Kassel und die Freie Stadt Frankfurt am Main wurden zu preußische Provinzen. Walter Görlitz resümierte aus der Warte des Historikers: „Die kombinatorische Kraft und willensstarke Beharrlichkeit eines glänzend geschulten, wissenschaftlich genau arbeitenden Generalstabes vereinte sich jetzt mit der genialen Politik eines machiavellistischen Staatsmannes von größten diplomatischen Fähigkeiten.“ (Görlitz, 1950, S. 112)

Österreich verpflichtete sich, in Zukunft keinen Einfluss mehr auf innerdeutsche Angelegenheiten zu nehmen. Ein Jahr später kam es zum Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867. Kaiser Franz-Joseph wurde zum ungarischen König gekrönt; in Budapest trat ein ungarischer Reichstag zusammen. Wien orientierte sich in Richtung Balkan und blieb als Vielvölkerstaat bis 1918 erhalten. Darin liegt die Bedeutung von Königgrätz, einer blutigen Schlacht, die die politischen Verhältnisse in Europa grundlegend verändern sollte.

 

Zum Krieg gegen Dänemark siehe auch:

Dänemarks letzter Krieg — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de)

Ein Beitrag über den preußisch-österreichischen Krieg gegen Dänemark 1864.

Weiterführende Informationen:

Königgrätz 1866: Warum Frankreich „Rache für Sadowa“ wollte – WELT

Der Historiker Michael Stürmer über die Folgen des preußischen Sieges für die europäische Politik.

 

Literatur:

Frank Becker, „Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Königgrätz, 3. Juli 1866, in: Stig Förster, Markus Pöhlmann, Dierk Walter (Hrsg.): Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai, 2. durchgesehene Aufl., München 2002, S. 216 – 292

Gordon A. Craig, Königgrätz : 1866 – eine Schlacht macht Weltgeschichte, 4. Aufl., Wien 1997

Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, 5. Aufl., Frankfurt/M., Berlin, Wien 1981

Walter Görlitz, Der deutsche Generalstab. Geschichte und Gestalt 1657 – 1945, Frankfurt/M. 1950

Heinrich Lutz, Zwischen Habsburg und Preußen. Deutschland 1815 – 1866, Berlin 1998

 

Der Beitrag wurde am 10. Januar 2021 überarbeitet.