Die Gründung des Kaiserreiches

Die Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 wurde in Europa als einschneidende Veränderung der Machtverhältnisse aufgefasst. Bis 1806 existierte ein Heiliges Römisches Reich deutscher Nation. Es bildete ein lose Verbindung zwischen den deutschen Fürstentümern und den freien Reichsstädten. Der Kaiser, von den Kurfürsten gewählt, zu denen auch Preußen und Österreich gehörten, besaß nur wenig Einfluss. Zwischen 1815 und 1866 gab es einen Deutschen Bund. Der Versuch, 1848/49 einen freiheitlichen Nationalstaat zu schaffen, scheiterte auch am Widerstand der europäischen Großmächte.

Aber ein deutsche Nationalbewegung wuchs. Sie hatte einen liberalen und demokratischen Flügel. Konservative fühlten sich eher ihren Dynastien verbunden.

Zu Beginn der sechziger Jahre wurde ein Mann preußischer Ministerpräsident, der als überzeugter Konservativer nur ein Ziel kannte: die Vorherrschaft Preußens in Deutschland. Und für diesen Zweck war er bereit, die Dynamik der Nationalbewegung zu nutzen.

Die Folgen des Sieges über Österreich

1866 besiegte Preußen das Kaiserreich Österreich und den Deutschen Bund. Im Frieden von Prag schied Habsburg aus der deutschen Politik aus (https://katharinakellmann-historikerin.de/die-schlacht-von-koeniggraetz/).

Zusammen mit 21 Staaten gründete Preußen 1867 den Norddeutschen Bund. Der König von Preußen führte den Vorsitz im Bundespräsidium und den Oberbefehl über das Bundesheer. Der preußische Ministerpräsident war der einzige verantwortliche Minister im Norddeutschen Bund.

Die 1867 verabschiedete Verfassung schrieb die Vormacht Preußens fest. Der Bundestag wurde nach dem gleichen Männerwahlrecht gewählt. Im Bundesrat hatten die Vertreter der Länder Stimmrechte.

Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik förderte der Norddeutsche Bund das Zusammenwachsen Deutschlands. Doch es gab auch Widerstände. In süddeutschen Staaten wie den Königreichen Württemberg oder Bayern hegten Teile der Bevölkerung Vorbehalte gegen eine Reichseinigung unter preußischer Führung.

Auch im Großherzogtum Baden setzten sich bei den Wahlen zum sogenannten Zollparlament 1868 die Gegner Preußens durch. Nur in Hessen-Darmstadt, das lediglich zum Teil dem Norddeutschen Bund angehörte, ansonsten aber souverän geblieben war, gab es eine Mehrheit für die Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Bund.

Die Vorbehalte gegen Berlin waren unterschiedlicher Natur. Katholische Bevölkerungsteile fürchteten religiöse Nachteile. Einzelne Arbeitergruppen kritisierten die autoritäre Politik Bismarcks.

1866 hatten die vier Staaten mit Berlin Militärbündnisse abgeschlossen. Sie reformierten ihre Armeen teilweise nach preußischem Vorbild.

Hätte es nicht bei diesem Zustand bleiben können? Der Historiker Lothar Gall hat in seiner grundlegenden Biografie über Bismarck die These vertreten, dass der preußische Ministerpräsident seit 1866 die Einheit des Reiches unter preußischer Führung anstrebte. Die Gründe waren in erster Linie außenpolitischer Natur.

Frankreich wehrt sich gegen eine Vergrößerung Preußens

Die europäische Politik ging von einem System des Gleichgewichts aus. Seit 1748 zählten Frankreich, Habsburg, England, Russland und Preußen zu den Großmächten, die die Politik bestimmten.

Der preußische Sieg bei Königgrätz zerstörte dieses Gleichgewicht. Russland war nach seiner Niederlage 1856 im Krieg um die Krim immer noch geschwächt. Österreich orientierte sich nach 1866 stärker in Richtung Balkan. England nahm zumindest eine neutrale Rolle ein.

Bismarck musste also nur mit dem Widerstand Frankreichs rechnen. Seit 1852 herrschte dort Kaiser Napoleon III. In den ersten Jahren auf dem Thron hatte er die Stellung seines Landes festigen können. Aber seit Mitte der sechziger Jahre machten ihm außenpolitische Rückschläge und innenpolitische Probleme zu schaffen.

Napoleon III. stand stets im Schatten seines großen Vorfahren. Er hatte nie eine neue französische Hegemonie angestrebt. Aber die Stärkung Preußens schadete dem Ansehen Frankreichs. Bismarck hatte sich noch 1866 mit dem französischen Botschafter in Berlin darauf geeinigt, keine Politik zu treiben, die Paris provozieren sollte.

Napoleon verlangte Kompensationen. Durch die Auflösung des Deutschen Bundes war ein Teil des Herzogtums Luxemburg selbständig geworden. Luxemburg, bis 1890 in Personalunion mit dem Königreich Holland verbunden, war eine Bundesfestung gewesen. Noch standen preußische Truppen dort, die Bismarck abziehen wollte. Der Ministerpräsident signalisierte Napoleon, dass Preußen keine Einwände gegen den Verkauf Luxemburgs an Frankreich hätte. Doch die Verhandlungen zwischen Den Haag und Paris scheiterten.

Hinzu kam eine erregte Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit, die Bismarck zumindest duldete. Im Mai 1867 einigte sich eine Konferenz in London auf die Neutralität des Herzogtums. Frankreich hatte eine diplomatische Niederlage erlitten.

Auch im Innern musste Napoleon Rückschläge hinnehmen. Zwischen 1867 und 1869 hatte er eine vorsichtige Liberalisierung eingeleitet. Der Kaiser saß zwischen allen Stühlen. Seine Arbeiterschutzpolitik reichte nicht aus, um seinem Regime eine Massenbasis zu verschaffen. Die Liberalen hingegen kritisierten die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten. Die Konservativen verlangten energische Schritte gegen Preußen.

Aber auch Bismarck stand unter Druck. Die Stimmung in den süddeutschen Staaten bereitete ihm Probleme.

Beide Seiten warteten auf die Gelegenheit, der anderen Seite eine diplomatische Niederlage beibringen zu können.

Die spanische Thronkandidatur

1868 hatte Militärs in Spanien Königin Isabella gestürzt. Der neue König sollte aus einem regierenden europäischen Fürstenhaus kommen und sich zu den Grundsätzen der parlamentarischen Monarchie bekennen.

Hier verwoben sich dynastische mit machtpolitischen Interessen. Die katholische Nebenlinie des Hauses Hohenzollern hatte 1849 Berlin ihre Herrschaftsrechte übertragen. In den Augen von Madrid war Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen ein geeigneter Kandidat. König Wilhelm I. musste als Chef des Hauses Hohenzollern seine Zustimmung geben.

Der Monarch soll dies nur widerstrebend getan haben. Bismarck hatte die außenpolitischen Schwierigkeiten erkannt, forcierte aber geschickt die Kandidatur des Prinzen Leopold. Seine Strategie bestand darin, die Angelegenheit offiziell als Sache des Hauses Hohenzollern zu behandeln. Gleichzeitig stand er mit Madrid in Kontakt, sodass man dort glaubte, Berlin hätte als Staat Interesse.

In Frankreich hatte Napoleon im Frühjahr 1870 eine weitere innenpolitische Niederlage erlitten. Er ließ eine Volksabstimmung über Verfassungsreformen ansetzen. Auf dem Land gewann er die meisten Stimmen. In den Großstädten wuchs jedoch die Opposition.

Napoleon bildete sein Kabinett um. Außenminister wurde der Herzog von Gramont. Er wollte die immer noch offene Frage der Thronkandidatur zu einer Machtprobe nutzen. Anfang Juli erklärte Gramont in der Pariser Kammer, dass ein Verzicht der Hohenzollern nicht mehr ausreichen würde. Preußen müsse definitiv auf eine weitere Kandidatur verzichten.

Bismarck hielt sich zu diesem Zeitpunkt auf seinem Gut Varzin auf. König Wilhelm I. fuhr nach Bad Ems zur Kur.

Die Emser Depesche

Wilhelm I. wurde am 13. Juli 1870 bei seinem Morgenspaziergang auf der Kurpromenade von Graf Benedetti, dem französischen Botschafter in Berlin, angesprochen. Der König erwiderte nur, er stehe der der Thronkandidatur misstrauisch gegenüber.

In der Forschung wird die These geäußert, Bismarck hätte seinen Monarchen bewusst nicht darüber informiert, dass Prinz Leopold bereits am 12. Juli auf den spanischen Thron verzichtet hatte. In Paris hatte man Benedetti aufgetragen, den preußischen Monarchen zu einer politischen Stellungnahme zu drängen. Doch Wilhelm I. sah sich nur als Chef des Hauses Hohenzollern angesprochen. Noch zweimal ersuchte Benedetti um eine Audienz, wurde aber abgewiesen. Schließlich gab der König einem Vertreter des Auswärtigen Amtes, der ihn begleitete, die Erlaubnis, Bismarck in Kenntnis zu setzen.

Das Telegramm erreichte den preußischen Ministerpräsidenten, als dieser mit Kriegsminister Roon und Generalstabschef Moltke speiste. Bismarck soll über den defensiven Ton empört gewesen sein. Er fragte die Militärs, ob das Heer kriegsbereit sei. Beide bejahten die Frage.

Der Ministerpräsident kürzte das Telegramm, erwähnte den Thronverzicht und betonte, dass der preußische König den Botschafter durch den Adjutanten vom Dienst hätte mitteilen lassen, dass er nicht zu weiteren Gesprächen bereit sei.

Noch Anfang Juli hatten sich auch England und Russland vorsichtig gegen einen Hohenzollern als spanischen König ausgesprochen. In Württemberg und Bayern soll es zu antipreußischen Kundgebungen gekommen sein. Nun hatte Bismarck aus der drohenden diplomatischen Niederlage einen diplomatischen Erfolg gemacht. In ganz Europa konnte man lesen, dass der französische Botschafter wie ein Hausierer abgewiesen worden sei. England und Russland zeigten keine Bereitschaft, Paris zu unterstützen. Auch Wien verhielt sich neutral.

Der Krieg bricht aus und ein neues Reich entsteht

Napoleon versuchte noch, einen bewaffneten Konflikt zu vermeiden, aber die französische Öffentlichkeit kannte nur ein Ziel: Berlin. In den süddeutschen Staaten schlug die Stimmung um.

Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich dem Norddeutschen Bund den Krieg. Am 4. August 1870 überschritten drei deutsche Armeen – darunter auch Truppen aus den süddeutschen Staaten – die französische Grenze.

Von Anfang an zwang Moltke seinem Gegner das Gesetz des Handelns auf. Am 2. September 1870 musste sich Kaiser Napoleon in Sedan mit mehr als hunderttausend Mann in Gefangenschaft begeben.

Am 4. September 1870 riefen die Franzosen die Republik aus. Die preußischen Armeen marschierten nun auf Paris. Die Hauptstadt konnte zwar nicht eingenommen werden, aber die Bevölkerung litt unter der Belagerung.

Während sich Moltke um die Leitung der militärischen Operationen kümmerte, führte Bismarck die Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten. Sie traten schließlich einem Bund deutscher Fürsten bei, dem der König von Preußen als Kaiser vorsaß. Württemberg und Bayern konnten im Bereich der Postverwaltung und des Militärs bestimmte Sonderrechte durchsetzen. Wilhelm wäre lieber König von Preußen geblieben, wenn er schon nicht Kaiser von Deutschland sein konnte. Aber Bismarck überzeugte ihn davon, dass die Fürsten des Reiches nur einen „Deutschen Kaiser“ akzeptieren würden.

Widerwillig bat König Ludwig II. von Bayern als mächtigster Reichsfürst den Hohenzollern in einem Brief um die Annahme des Kaisertitels. Bismarck entschädigte den Wittelsbacher mit hohen Geldzahlungen. Der Kaiserkrönung blieb Ludwig fern.

Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles zum Kaiser proklamiert.

Der Friedensschluss und seine Auswirkungen

Der französische Außenminister musste am 10. Mai 1871 in Frankfurt einen harten Frieden unterzeichnen. Die Republik hatte 5 Milliarden Goldmark als Kriegsentschädigung zu zahlen und Elsass und Deutsch-Lothringen abzutreten. Die Annexionen sollten das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland in Zukunft stark belasten.

In Deutschland überwog dagegen die Freudenstimmung. Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Hans Viktor von Unruh stellte bei einer Reise nach Süddeutschland 1871 fest, dass sich die Stimmung stark gewandelt hätte. Die Wiederaufrichtung eines deutschen Kaisertums würde vor allem in der Bevölkerung begrüßt.

Im Ausland äußerte man Skepsis. Der englische Politiker Benjamin Disraeli, 1868 und 1874 bis 1880 Premierminister, sprach im Unterhaus von einer „deutschen Revolution“, die das Gleichgewicht der Kräfte zerstört hätte.

Es wäre unzulässig, in der Annexion von Elsass-Lothringen schon den entscheidenden Fehler zu sehen, der schließlich zum Zusammenbruch des Kaiserreiches am 9. November 1918 führte. Die Entwicklung hin zu einem deutschen Nationalstaat war aufgrund der politischen Ereignisse und der wirtschaftlichen Entwicklung notwendig gewesen. Das Problem des neu geschaffenen Reiches bestand darin, dass es in der Mitte Europas lag. Russland und England wollten nicht eingreifen. Deutschland verfügte 1870 über die beste Armee Europas. Diese Umstände ermöglichten Bismarck die Reichsgründung. Der preußische Ministerpräsident verfügte über keinen „Masterplan“, nutzte aber die Fehler der Gegenseite aus.

Lothar Gall hat die Vermutung geäußert, dass Bismarck sich über die schwierige Lage des Reiches trotz des Sieges bewusst war. Leider fehlten seinen Nachfolgern ab 1900 diese Einsicht.