Die deutsche Luftabwehr von 1943 bis 1944

Die deutsche Luftabwehr zwischen 1943 und 1944 ist ein Beispiel dafür, wie unkoordiniert Entscheidungsprozesse im Dritten Reich zu diesem Zeitpunkt abliefen. Wie kam es dazu, dass die deutsche Luftwaffe – bei Kriegsbeginn die stärkste in Europa – die Luftschlacht über Deutschland verlor?

Beginn der alliierten Bomberoffensive

Ab 1943 wurden Ziele im Reichsgebiet systematisch von den Alliierten angegriffen. Während die Amerikaner bei Tage einflogen, bombardierten die Engländer in der Nacht Rüstungsbetriebe und Wohnviertel der Bevölkerung. In England und in den USA hatte man viermotorige Bomber entwickelt, die auch bei Nacht oder schlechtem Wetter ihr Ziel finden konnten. Nach ersten Angriffen im Jahr 1942 wollten die Alliierten mit dieser Luftoffensive Deutschland 1943 zur Kapitulation zwingen.

Die deutsche Luftwaffe war auf diese Herausforderung schlecht vorbereitet. Als die Bombardements begannen, wurde das Gros der deutschen Luftwaffe an der Ostfront und im Mittelmeerraum eingesetzt. Als fliegende Artillerie bekämpfte sie gegenerische Bodentruppen oder transportierte Nachschub. Von norwegischen Stützpunkten aus griffen Torpedoflieger die alliierten Geleitzüge nach Russland an. „Die Luftwaffe ist weder eine Hure, die sich nach den Wünschen des Heeres richtet, noch eine Feuerwehrmannschaft, die jedes Feuer, ganz gleich, ob es groß oder klein ist, sofort löscht,“ kommentierte Generalfeldmarschall Wolfram von Richthofen, ein hoher Luftwaffenoffizier, sarkastisch die Lage.

Die deutsche Luftrüstung war auf Offensive ausgerichtet. Zur Luftabwehr im Reich standen 1943 wenige Staffeln mit Jagdflugzeugen und 22 Brigaden mit Flugabwehrgeschützen zur Verfügung. Das Gros der Geschwader war an der Ostfront und im Mittelmeerraum stationiert.

Diese Schwerpunktbildung war die logische Konsequenz der deutschen Strategie. Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wollte den Krieg soweit wie möglich von den deutschen Grenzen entfernt führen. Die überdehnten Linien des Heeres in Russland waren aber nur mit Luftunterstützung zu halten. Dazu benötigte die Luftwaffe Bomber und Jagdflugzeuge.

Mit ihren Angriffen eröffneten Engländer und Amerikaner eine neue Front, die die Luftwaffe zu einer weiteren Zersplitterung ihrer Kräfte zwang. Die wenigen Jäger im Westen hatten einen schweren Stand. Mit ihren leichten Bordwaffen vermochten sie gegen einen Bomberverband, der im Pulk flog und in dem jedes Flugzeug über mehrere Maschinengewehre oder leichte Bordkanonen verfügte, wenig auszurichten. Hinzu kam, dass die amerikanischen Motoren in größeren Höhen leistungsfähiger waren als die Kolbentriebwerke der deutschen Jäger.

Zeit der Improvisationen

Die deutsche Luftwaffe musste über neue Angriffstaktiken nachdenken. Als erfolgreich erwies sich ein riskantes Angriffsverfahren, bei der die deutschen Jäger zuerst auf Parallelkurs zu den Bombern gingen, dann eine Wende flogen, so dass beide Gruppen mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasten. Im Bomber saßen im Bug der Pilot und sein Stellvertreter; hier war das Flugzeug am schwächsten gepanzert. Mit ihrer einzigen Bordkanone konnten die deutschen Jäger den Gegner abschießen – vorausgesetzt, sie behielten die Nerven und hielten lange genug Kollisionskurs.

Generalmajor Adolf Galland, der General der Jagdflieger, berichtet in seinen Erinnerungen die „Ersten und die Letzten“, das jeder Jagdverband in der esrsten Jahreshälfte 1943 mit eigenen Angriffstechniken experimentierte. Schwer bewaffnete Bomber hatte es bis dahin nicht gegeben. Ein Ziel der deutschen Jagdabwehr bestand darin, den gegnerischen Bomberverband aufzulösen. Auf sich alleine gestellt half den viermotorigen Riesen auch ihre schwere Bewaffnung wenig. Ein erbeuteter alliierter Bomber diente als Übungsobjekt für deutsche Piloten. Außerdem wurde die Bordbewaffnung der deutschen Jäger verstärkt. Das allerdings wirkte sich negativ auf die Geschwindigkeit aus.

Laut Galland war im zweiten Quartal 1943 der erste Schock über die „Fliegenden Festungen“ überwunden. Die Abschusserfolge stiegen langsam. Zwar waren sie nicht so hoch, dass die Alliierten ihre Luftoffensive hätten abbrechen müssen. Aber die Reichsverteidigung fing an, sich zu stabilisieren.

Reichsmarschall Göring warf den Jägern dennoch mangelnden Kampfgeist vor. General Galland und Generalfeldmarschall Milch, der für die Planung und Produktion in der Luftwaffe verantwortlich war, forderten dagegen mehr Flugzeuge mit besseren technischen Eigenschaften und bemängelten, dass der Treibstoff für die Ausbildung gekürzt worden sei. Das sinkende Niveau bei den Nachwuchspiloten konnte – wenn überhaupt –  nur durch mehr und bessere Flugzeuge ausgeglichen werden. Milch unterstützte Galland, hielt aber auch an der Notwendigkeit einer starken Bomberflotte fest. Erst am 1. Oktober 1943 erließ er ein neues Flugzeugbauprogramm, das den Vorrang der Verteidigungsflugzeuge festlegte, aber keine radikale Wende einleitete.

Ein Hoffnungsschimmer für die Luftwaffe?

Da schien sich 1943 ein Hoffnungsschimmer aufzutun. Im Mai 1943 flog Galland zum ersten Mal einen Prototyp des Düsenjägers Messerschmidt BF 262. Mit 800 Kilometern in der Stunde war es jedem Flugzeug mit Kolbentriebwerk auf der Welt überlegen.

Der Gedanke, mit einer relativ geringen Zahl von Strahljägern die Luftherrschaft über Deutschland zurückerobern zu können, faszinierte den General der Jagdflieger. Er überzeugte Göring davon, die als neues Jagdflugzeug vorgesehene ME 209 von der Produktionsliste zu streichen. Ab sofort sollte den Düsenjäger Vorrang eingeräumt werden.

Da starteten die Alliierten eine neue Luftoffensive. Vom 25. Juli 1943 bis zum 3. August zerstörten die englische und amerikanische Luftwaffe große Teile Hamburgs. Die Brandbomben führten bei dem heißen Wetter zu Feuerstürmen, denen nach Schätzungen 34 000 Menschen zum Opfer fielen.

Die Angriffe lösten innerhalb der Führung der Luftwaffe vorübergehend Umdenken aus. Auch Göring vertrat wenige Tage die Auffassung, nun müsse der Schwerpunkt auf die Reichsverteidigung gelegt werden.

Nach den Memoiren Gallands versammelten sich die wichtigsten Offiziere der Luftwaffe Anfang August im ostpreußischen Rominten, wo der Oberbefehlshaber der Luftwaffe sein Feldhauptquartier aufgeschlagen hatte, um notfalls Hitler schneller zu erreichen. Die Offiziere, auch der General der Kampffliger, wären sich darüber einig, dass vorübergehend den Jägern Vorrang einzuräumen sei. Zuerst müsse der Luftraum über Deutschland freigekämpft werden, um die Bevölkerung und die Rüstungsindustrie zu schützen. Danach solle das Reich wieder zur Offensive übergehen.

Hamburg 1943 – verpasster Wendepunkt für die Luftabwehr?

Göring suchte nach der Besprechung Hitler auf, um die entsprechenden Sondervollmachten unterzeichnen zu lassen. Nach einigen Stunden kehrte der Reichsmarschall wortlos zurück und befahl Galland und Oberst Peltz, einen Bomberpiloten, zu sich. Folgt man der Schilderung Gallands, dann erlitt der Oberbefehlshaber der Luftwaffe einen Nervenzusammenbruch.

Der Diktator – so Göring – hätte alle Vorschläge abgelehnt. Er – Göring – sähe ein, dass er im Unrecht gewesen sei. Die Engländer könne man nur besiegen, wenn man den Krieg in ihr Land trüge. Dann hätte der Reichsmarschall Oberst Peltz zum „Angriffsführer England“ ernannt. Die neue Offensive hätte Vorrang.

Für Adolf Galland war diese Besprechung eine „Schicksalsstunde“ für die Luftwaffe, in der die Möglichkeit vertan wurde, das Ruder herum zu reißen. Der Militärhistoriker Horst Boog sieht das Treffen realistischer. Was spricht für und was gegen die These Gallands?

Als General der Jagdflieger war er für die Reichsverteidigung verantwortlich. Die ständigen Auseinandersetzungen mit Göring belasteten ihn. Galland stellte sich vor seine Truppe, auch wenn er insgeheim Göring manchmal Recht gab. Aber er wusste auch, wie chancenlos ein junger Nachwuchspilot in einer nur bedingt konkurrenzfähigen Maschine gegen die schweren Bomber war. Hinzu kam, dass die Verluste unter erfahrenen Verbandsführern immer höher wurden. Die kurze Aufbauzeit der Luftwaffe zwischen 1935 und 1939 hatte nicht ausgereicht, um Reserven im Offizierkorps auszubilden.

Möglicherweise überschätzte der General die ME 262 im Rückblick aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. Anfang 1945 wurde er wegen seiner Kritik an Göring seines Amtes enthoben. Der Reichsmarschall gestattete ihm, eine Staffel mit Düsenjägern – die mittlerweile frontreif waren – aufzustellen. Galland konnte sich die Piloten aussuchen. Es handelte sich um die Elite der deutschen Jagdflieger. Dieser Jagdverband 44 operierte von Süddeutschland aus und erreichte hohe Abschusszahlen. Ob ein durchschnittlicher Pilot so erfolgreich gewesen wäre, ist fraglich.

Im August 1943 hätte man die an den anderen Fronten eingesetzten Jäger in das Reich verlegen müssen. Diese Maschinen waren veraltet. Von daher scheint die Skepsis von Horst Boog über die Auswirkungen der geplanten Schwerpunktbildung berechtigt. 1943 war es zu spät, um eine kriegsentscheidende Wende im Luftkrieg zu erzwingen. Zwar gelangen der Luftwaffe noch Einzelerfolge, aber auf Dauer konnte sie der technischen und materialmäßigen Überlegenheit der Alliierten nichts entgegensetzen. Mitte 1944 hatten die Alliierten die Luftherrschaft errungen.

Gründe für die deutsche Niederlage

Für die deutsche Niederlage gibt es mehrere Gründe.

Zu lange hatten Hitler und die deutsche Luftwaffenführung den Schwerpunkt auf die Bomberwaffe gelegt. Schon im Herbst 1941 hatte der damalige Generalluftzeugmeister Ernst Udet gefordert, in Zukunft den Jägern Vorrang einzuräumen.

Als die Luftwaffenführung 1943/44 den Bau und die Entwicklung von Jägern stärker förderte, war es zu spät. Hinzu kam eine ineffiziente Führungsstruktur. Der Generalstab der Luftwaffe konzentrierte sich auf die Einsatzorganisation und die Operationsführung. Für die technische Planung war das Reichsluftfahrtministerium zuständig. Allerdings gab es auch in diesem Bereich keine klaren Prioritäten. Deutschland verfügte über mehrere hervorragende Flugzeugkonstrukteure, die sich auch als Unternehmer betätigten. Männer wie Messerschmidt, Heinkel, Junkers oder Dornier entwickelten Prototypen, als gäbe es keinen Krieg. Für den veralteten Jäger ME 109 gab es mehrere hochwertige Nachfolgemodelle von Heinkel, Dornier oder der Firma Focke-Wulf. Allerdings konnte das Reich sich diesen „Luxus“ nicht mehr leisten, denn es fehlte an Facharbeitern und Rohstoffen.

Hinzu kam, dass der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Göring, sich der Verantwortung entzog. Er nahm selten an den Lagebesprechungen mit Hitler teil, da er wusste, dass der Diktator schwere Kritik an der Fliegertruppe äußerte, zu einer sachlichen Dislussion aber nicht in der Lage war. Für führende Offiziere der Luftwaffe war Göring selten zu sprechen. Der Aufbau der Reichsverteidigung wurde von Milch und Galland organisiert. Der Reichsmarschall ließ sie gewähren, unterstützte ihre Forderungen im „Führerhauptquartier“ aber nicht.

Der Luftwaffe fehlten – wie dem Heer oder der Marine – die Kräfte für einen längeren Krieg. Zwischen 1935 und 1939 waren in kurzer Zeit hervorragende Aufbauleistungen vollbracht worden. Die Luftwaffe ging mit einem technischen Vorsprung in den Krieg. Ihre Offizierausbildung galt als vorbildlich. Nicht nur die taktische Schulung erreichte ein hohes Niveau; die Generäle der deutschen Luftwaffe hatten auch Pläne für einen strategischen Luftkrieg entworfen.

Ab 1942/43 konnte von einer ordnungsgemäßen Führung der Luftwaffe nicht mehr die Rede sein. Schwere Fehlentscheidungen Hitlers, ein überforderter Oberbefehlshaber, der die Dinge laufen ließ, fehlende Rohstoffe und ungenügende Produktionskapazitäten führten bei einem überlegenen Gegner zwangslaüfig zur Niederlage.

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