Die Ardennenoffensive

Im Dezember 1944 befand sich das Reich in einer ausweglosen militärischen Situation. Die Wehrmacht hatte seit dem Sommer schwere Niederlagen an allen Fronten erlitten. Der Zusammenbruch schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Da entschloss sich Hitler, eine letzte Trumpfkarte auszuspielen: eine Offensive im Westen.

In den Morgenstunden des 16. Dezember griffen deutsche Truppen im Raum Monschau-Echternach die alliierten Stellungen an. Nach kurzer Zeit war klar, dass es sich nicht um einen örtlichen Vorstoß, sondern um eine Großoffensive handelte. In den nächsten Tagen herrschte in den britischen und amerikanischen Stäben Alarmstimmung. Der vermeintlich geschlagene Gegner wollte noch einmal die Wende erzwingen. Die Ardennenoffensive hatte begonnen.

 

Die Ardennenoffensive

Amerikanische Infanteristen im Dezember 1944 bei der Ardennenoffensive. Quelle: http://www.defenseimagery.mil/imagery.html#guid=fe6910069e4c1d100416a394ee12e793e624aeca; via Wikimedia Commons

 

Wie sah die militärische Lage des Reiches im Herbst 1944 aus?

Im Westen war es den Engländern und Amerikanern im August gelungen, große Teile Frankreichs zu befreien. Unter schweren Verlusten zog sich die Wehrmacht auf die Reichsgrenze zurück. Am 13. September 1944 durchbrachen die Alliierten südlich von Aachen den Westwall. Trier wurde beschossen (vgl. KTB OKW, 1944-45, Teilband 1, S. 462).

An der Ostfront mussten die deutschen Truppen entscheidende Niederlagen hinnehmen. Die Heeresgruppen Mitte und Südukraine wurden vernichtet. Die Heeresgruppe Nord im Baltikum wurde von der Ostfront abgeschnitten und konnte nur noch über See und aus der Luft versorgt werden. Zwar gelang es noch einmal, den Vormarsch der Roten Armee im Hochsommer zu stoppen, aber das deutsche Heer hatte damit nur eine Atempause gewonnen (vgl. Magenheimer, 2019, S. 263). In Italien konnte nördlich von Rom eine Verteidigungslinie aufgebaut werden – ein kleiner Erfolg, der nichts an der katastrophalen Gesamtlage änderte.

Die deutsche Kriegsmarine vermochte dem Gegner nur noch Nadelstiche zuzufügen. Mit dem Rückzug aus Frankreich büßten die U-Boote wichtige Stützpunkte ein, von denen sie aus in relativ kurzer Zeit den Atlantik erreichen konnten. Zwischen dem 1. Juni 1944 und dem 31. Dezember 1944 verloren die Alliierten 113 Schiffe. 138 deutsche Unterseeboote blieben auf See (vgl. Peillard, 1976, S. 366). Die Seekriegsleitung, der Planungsstab der Kriegsmarine, zeichnete in einer Denkschrift vom 11. November 1944 ein kritisches Bild von der Lage der Seestreitkräfte (vgl. KTB OKW 1944/45, Teilband 2, Seite 1579). Einen Tag später kenterte das in Norwegen stationierte Schlachtschiff „Tirpitz“ nach britischen Luftangriffen. Großadmiral Dönitz ließ die wenigen noch einsatzfähigen Einheiten in die Ostsee verlegen (vgl. Bekker, 1971, S. 355).

Die Luftwaffe hatte bei der Abwehr der Invasion schwere Verluste erlitten. Um das Blatt zu wenden, ordnete Hitler an, die Jägerreserve in den Kampf zu werfen. Von den 800 Maschinen gingen viele beim ungeordneten Rückzug verloren. Da Flugplätze überhastet geräumt werden mussten, löste sich die Bodenorganisation auf, ohne die fliegende Verbände nicht operieren können (vgl. Galland, 1974, S. 259). Hitler entschloss sich im Sommer, den Schwerpunkt auf die Jagdwaffe zu legen (vgl. Irving, 1990, S. 365). Im November 1944 verfügte Generalleutnant Adolf Galland, in der Luftwaffe für die Jäger zuständig, über 18 Geschwader mit 3700 Maschinen (vgl. Galland, 1974, S. 272). Das Material war zum großen Teil veraltet; die Ausbildung der Piloten litt unter dem Mangel an Treibstoff. Dennoch hatte sich die Luftwaffe erstaunlich schnell erholt. Galland wollte sie zu einer großen Luftschlacht gegen angreifende Bomber einsetzen. Hitler jedoch dachte an die bevorstehende Offensive.

Im sechsten Kriegsjahr fehlte es in allen Teilstreitkräften an erfahrenen Offizieren und Unteroffizieren. Die Verluste konnten nicht mehr ausgeglichen werden. Treibstoff und Munition wurden knapp. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli vertiefte sich das Misstrauen Hitlers gegen die Streitkräfte (vgl. Westphal, 1975, S. 293).

Wichtige Verbündete des Reiches wie Finnland und Rumänien schieden aus dem Krieg aus. In Norditalien herrschte Mussolini als Diktator. Sein Regime hing von der Unterstützung Deutschlands ab. In Ungarn wurde Reichsverweser Horthy im Oktober entmachtet und durch eine faschistische Regierung ersetzt, die noch enger mit Berlin zusammenarbeitete.

Hitler hoffte auf ein Ende der Koalition zwischen England, den USA und der Sowjetunion. Das Reich müsse weiter kämpfen, bis neue Waffensysteme wie Düsenjäger und moderne Unterseeboote einsatzbereit wären. Der Diktator fasste immer häufiger Entschlüsse, die nichts mehr mit der Realität zu tun hatten (vgl. Keegan, 2004, S. 646). Im August 1944 unterbreitete ihm Generaloberst Jodl den Vorschlag, durch strategische Rückzüge an mehreren Fronten neue Reserven freizumachen. In Nordeuropa sollten Finnland und Teile Norwegens geräumt werden. In Italien wollte er am Südrand der Alpen eine Stellung beziehen. Außerdem sollten sich die deutschen Truppen aus großen Teilen des Balkans zurückziehen. Am 20. August 1944 erhielt Rüstungsminister Speer den Auftrag, die Auswirkungen auf die Rüstungswirtschaft zu prüfen. Bevor der Minister seine Stellungnahme abgeben konnte, lehnte der Diktator die Pläne des Wehrmachtführungsstabes ab (vgl. Speer, 1969, S. 414). Bis zum Ende des Krieges widersetzte er sich jedem Rückzug, auch wenn er militärisch geboten war.

Den Zustand des Heeres machen zwei Quellen aus dem Herbst 1944 deutlich. Am 10. Oktober 1944 richtete General Balck, der Befehlshaber einer an der Westfront eingesetzten Heeresgruppe, einen Privatbrief an Generaloberst Jodl. Darin schildert er seine Eindrücke von der Verfassung, in der sich ein Teil der Soldaten befand. „Ich habe noch nie so zusammengewürfelte und schlecht ausgerüstete Truppen geführt … Was hier von General und Mann, die heute vielfach in vorderster Linie gegen stärkste personelle und materielle Übermacht kämpfen, geleistet wurden, ist unglaublich.“ (KTB OKW 1944/45, Teilband 1, S. 30). Einen ähnlichen Bericht legte ein Nationalsozialistischer Führungsoffizier (NSFO) im November vor (ein NSFO war ein Offizier, der die Truppe ideologisch im Sinne des Nationalsozialismus beeinflussen sollte). Auch hier wird deutlich, dass die Soldaten trotz Mangel an Schlaf und ständiger Überforderung immer noch eine hohe Kampfmoral zeigten (vgl. KTB OKW 1944/45, Teilband 1, S. 30).

Planungen für die Ardennenoffensive

Am 19. August 1944 erwähnte Generaloberst Alfred Jodl in seinem Tagebuch zum ersten Mal, dass Hitler im November eine Offensive im Westen starten wollte. Ca. 25 Divisionen sollten zu diesem Zweck bereitgestellt werden (vgl. Warlimont, 1990, S. 487). Der Diktator spekulierte darauf, dass die Alliierten bei schlechtem Wetter ihre Luftüberlegenheit nicht ausspielen konnten.

Seit dem 4. September 1944 führte wieder Generalfeldmarschall von Rundstedt den Oberbefehl im Westen. Er übernahm eine schwere Aufgabe. Bis Anfang Oktober konnte von einer festen Front keine Rede sein. Der Westwall, die 1938/39 errichteten Verteidigungsstellungen an der deutschen Westgrenze, hatte „im 6. Kriegsjahr im wesentlichen nur symbolischen Wert“ (Westphal, 1975, S. 288). Die deutschen Verbände waren abgekämpft und fochten gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner (vgl. Westphal, 1975, S. 286). Wenn die Alliierten entschiedener vorgegangen wären, hätten sie möglicherweise den Krieg 1944 beenden können.

 

Vorbereitungen auf die Ardennenoffensive

Vorbesprechungen für die Ardennenoffensive. Von links nach rechts. Generalfeldmarschall Model (Oberbefehlshaber Heeresgruppe B), Generalfeldmarschall von Rundstedt (OB West) und General Krebs (Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B) im November 1944. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1978-024-31 / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Am 24. Oktober 1944 wurden General Westphal, der Chef des Generalstabes beim OB West und General Hans Krebs, der Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B, in das „Führerhauptquartier“ in Ostpreußen befohlen. Hitler teilte den Offizieren mit, dass die Westfront bis Anfang Dezember 1944 zahlreiche Verstärkungen erhalten würde. Die Rede war u. a. von 20 Infanterie- und 10 Panzerdivisionen. Die neuen Verbände sollten nur für offensive Zwecke eingesetzt werden. Dann erläuterte der Diktator seine Pläne. Die Lage im Westen und an der Ostfront hätte sich gefestigt. Allerdings könnte das Reich den Krieg nicht gewinnen, wenn es sich auf die Defensive beschränkte. Die Wehrmacht sollte an der Westfront in einem Abschnitt der Eifel mit dem Ziel Antwerpen zum Angriff antreten. Dort hätten die Alliierten den Hafen noch nicht in Betrieb nehmen können. Sobald dies gelänge, könnten Engländer und Amerikaner ihre Nachschubprobleme lösen. Die Wehrmacht müsse ihnen zuvorkommen (vgl. Westphal, 1975, S. 291). Mehr noch als die Entscheidung zum Angriff überraschte die beiden Offiziere, dass Hitler ihnen einen ausgearbeiteten Operationsplan vorlegte. Drei Armeen sollten aus der Linie Monschau-Echternach zum Angriff antreten. Auf die Frage des Diktators, wie sie die Erfolgsaussichten einschätzten, verwiesen sie auf die Luftüberlegenheit des Gegners (vgl. Westphal, 1975, S. 293).

Im „Führerhauptquartier“ hatte Generaloberst Jodl seit dem 16. September 1944 Pläne ausgearbeitet. Der Chef des Generalstabes der Luftwaffe, General Kreipe, unterstützte ihn dabei (vgl. Magenheimer, 2019, S. 273). Am 25. September und am 9. Oktober 1944 erörterten Hitler, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Keitel und Jodl die Lage (vgl. Megargee, S. 265). Der Chef des Wehrmachtführungsstabes tat „sein Bestes, um der Offensive realistischere Ziele zu setzen“ (Megargee, 2006, S. 266). Vom Nutzen eines Angriffs war er aber wie Hitler überzeugt (vgl. Scheurig, 1991, S. 301). Im Hauptquartier des OB West und bei der Heeresgruppe B war man hingegen skeptisch, ob mit den vorhandenen Kräften das Ziel – Antwerpen – erreicht werden könnte. Beide Stäbe entwickelten eine Alternative. Sie schlugen eine begrenzte Offensive im Raum Aachen vor, um dort die alliierten Kräfte zu zerschlagen (vgl. Magenheimer, 2019, S. 274). „Nirgendwo anders konnte man unter derart günstigen Voraussetzungen und ohne großes Risiko den amerikanischen Streitkräften eine schwere Schlappe beibringen,“ erinnerte sich nach dem Krieg Siegfried Westphal (Westphal, 1975, S. 295).

Hitler lehnte alle Vorschläge für eine „Kleine Lösung“ ab (vgl. Scheurig, 1991, S. 304). Mitte November unterbreitete Generalfeldmarschall Model vergeblich einen Plan, der zuerst eine begrenzte Offensive vorsah, der sich dann ein Angriff auf Antwerpen anschließen sollte (vgl. Magenheimer, 2019, S. 276). Generaloberst Guderian, seit dem 20. Juli 1944 mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des Generalstabes beauftragt, lehnte das geplante Unternehmen ab und drängte auf eine Verstärkung der Ostfront (vgl. Roberts, 2019, S. 657). Am 2. Dezember 1944 fand in Berlin eine letzte große Besprechung vor der Offensive statt. Generalfeldmarschall Model setzte sich noch einmal für die „Kleine Lösung“ ein. Doch Hitler blieb bei seiner Entscheidung.

Welche Motive leiteten den Diktator, sich über den Rat der meisten Fachleute hinwegzusetzen? Im Rahmen der politischen Ziele Hitlers – eine Vorherrschaft auf dem Kontinent – steckte in dem Entschluss zur Ardennenoffensive eine gewisse Logik. Deutschland war zu schwach, um sich auf Dauer in der Defensive zu behaupten. Die Vorräte an kriegswichtigen Rohstoffen reichten nur noch bis Ende Dezember 1945 (vgl. Speer, 1973, S. 414). Unter diesen Umständen musste eine Offensive da erfolgen, wo sie den größten militärischen und politischen Erfolg versprach. Dafür kam nur die Westfront in Betracht. Die „Kleine Lösung“ hätte lediglich einen Zeitaufschub gebracht. Im Frühjahr 1945 hätte das NS-Regime einer starken englischen und amerikanischen Übermacht gegenüber gestanden. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel sagte dazu in einem Verhör nach der Kapitulation: „Es nutzt ja nichts, seine Soldaten töten zu lassen und sich dennoch Kilometer für Kilometer zurückzuziehen“ (Overy, 2005, S. 352). Hitlers Grundauffassung, dass es in einem Krieg nur um Sieg oder Untergang ginge, ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Das Reich musste alles auf eine Karte setzen (vgl. Magenheimer, 2019, S. 273).

Am 11. und 12. Dezember 1944 sprach Hitler im Hauptquartier des OB West vor Generälen und erläuterte ihnen das Ziel der Operation. Mit der Eroberung Antwerpens, so der Diktator, würde man dem Gegner klar machen, dass er den Krieg nicht gewinnen könne. Dann würde die „künstlich aufrechterhaltene gemeinsame Front plötzlich mit einem riesigen Donnerschlag“ auseinanderfallen (Keegan, 2004, S. 649). In der Führung des NS-Regimes glaubte man, dass die Westmächte nach einem schweren Rückschlag kriegsmüde wären. General Hasso von Manteuffel, ein Armeekommandeur, schrieb später, die Rede hätte bei den Offizieren einen positiven Eindruck hinterlassen und sie wären optimistisch in die Offensive gegangen (vgl. Kershaw, 2011, S. 198).

In den nächsten Tagen rückten die deutschen Truppen in ihre Bereitschaftsräume ein. Der Aufmarsch blieb der gegnerischen Aufklärung nicht verborgen. Man rechnete aber nicht mit einem größeren Angriff. Der für die Ardennen zuständige amerikanische Kommandeur, General Middleton, verfügte nur über vier Divisionen. Seine Warnungen vor einer gegnerischen Offensive wurden nicht ernst genommen (Beevor, 2012, S. 750).

Hitlers letzte Trumpfkarte sticht nicht

In den frühen Morgenstunden des 16. Dezember eröffneten 1900 deutsche Geschütze das Feuer auf die gegnerischen Linien. Die Überraschung war geglückt. Dann tauchten Scheinwerfer das Schlachtfeld in künstliches Licht und deutsche Infanteristen gingen zum Angriff über. Drei Armeen hatte die Wehrmacht aufgeboten: die 6. SS-Panzerarmee unter Obergruppenführer Sepp Dietrich, die 5. Panzerarmee unter General Hasso von Manteuffel und die 7. Armee unter General Brandenberger. Während die 6. und die 5. Armee offensiv vorgehen sollten, fiel der 7. Armee die Aufgabe zu, nach Süden hin die Flanke des Angriffskeils zu sichern.

Nicht nur die Überraschung glückte. Das schlechte Wetter verhinderte, dass die alliierte Luftwaffe eingriff (vgl. Megargee, 2006, S. 266). Die zahlenmäßig unterlegenen Truppen von General Middleton leisteten zähen Widerstand, aber gegen die deutsche Übermacht vermochten sie wenig auszurichten (vgl. Keegan, 2004, S. 650). Am erfolgreichsten war die 5. Panzerarmee. Sie konnte die amerikanischen Linien durchbrechen und fast 10 00 Gefangene machen (vgl. Kershaw, 2011, S. 228). Unter den deutschen Soldaten breitete sich Optimismus aus. Zum ersten Mal seit Monaten griff die Wehrmacht wieder an. Lange Kolonnen mit amerikanischen Soldaten zogen in die Gefangenschaft. Ein Offizier schrieb an seine Frau: „Unsere Soldaten haben immer noch den gleichen alten Schneid. Immer vorrücken und alles zerschlagen. Der Schnee muss sich rot färben von amerikanischem Blut. Der Sieg war noch nie so nahe wie jetzt. Die Entscheidung wird bald fallen.“ (Kershaw, 2011, S. 230). Es gab aber auch kritische Stimmen. Ein Soldat notierte in seinem Tagebuch: „Warum sollte ich kämpfen? Es geht nur um die Existenz der Nazis. Die Überlegenheit unseres Gegners ist so groß, daß es sinnlos ist, dagegen anzukämpfen.“ (Kershaw, 2011, S. 230).

 

Lagebesprechung während der Offensive

Lagebesprechung während der Ardennenoffensive im Dezember 1944. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-J28477 / Göttert / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Auf amerikanischer Seite gab es zuerst unterschiedliche Beurteilungen der Lage. Am 19. Dezember gab Eisenhower Befehl, alle Angriffsoperationen an anderen Frontabschnitten einzustellen. Die deutschen Verbände kamen allerdings langsamer voran als erhofft. Das Gelände machte ihnen ebenso zu schaffen wie der Treibstoffmangel. Ihre Gegner wehrten sich hartnäckig (vgl. Magenheimer, 1997, S. 304 f.). Bei der 6. SS-Panzerarmee machte sich der Mangel an fähigen Generalstabsoffizieren bemerkbar (vgl. Westphal, 1975, S. 310). Am 22. Dezember 1944 erließ General Eisenhower einen Aufruf, der erkennen ließ, wie ernst er die Situation einschätzte (vgl. KTB OKW 1944/45, Teilband 2, S. 1344).

Der Oberbefehlshaber West dagegen war am 22. Dezember 1944 davon überzeugt, dass die Offensive gescheitert wäre. Zwei Tage später schlug er Hitler erneut vor, die Angriffe einzustellen (vgl. Westphal, 1975, S. 313; Magenheimer, 1997, S. 305). Generalfeldmarschall von Rundstedt beurteilte die Lage zutreffend. Vom Süden her griffen amerikanische Panzerverbände an. Das Wetter schlug um und ermöglichte den Einsatz der alliierten Luftwaffe. Auf deutscher Seite fehlte es an Infanterie und Artillerie (vgl. Kershaw, 2011, S. 233). Munitionstransporte konnten nicht mehr in ausreichendem Maße an die Front gebracht werden (vgl. Speer, 1969, S. 425).

Im Generalstab des Heeres war man davon überzeugt, dass Hitlers Plan gescheitert wäre. Generaloberst Guderian plädierte dafür, im Westen zur Defensive überzugehen und endlich die Ostfront zu verstärken, ehe die für Januar 1945 erwartete russische Offensive losbrechen würde (vgl. Magenheimer, 1997, S. 305). Der Chef des Wehrmachtführungstabes, Generaloberst Jodl, legte Hitler hingegen am 26. Dezember eine Lagebeurteilung vor, die optimistischer klang. Zwar räumte man im OKW ein, dass die Alliierten zum Gegenangriff übergegangen wären. Wenn es gelänge, die Krise zu lösen, sei „der vorgesehene Stoß über die Maas nach Nordwest“ noch möglich. Angeblich soll von Rundstedt sich dieser Einschätzung angeschlossen haben (vgl. KTB OKW 1944/45, Teilband 2, S. 1344).

Die deutschen Truppen hatten eine „Beule“ von bis zu 60 Kilometern Tiefe in die gegnerische Front getrieben, an dessen Flanke die Alliierten angriffen. Der Oberbefehlshaber West schlug vor, die Verbände hinter den Westwall zurückzunehmen (vgl. Westphal, 1975, S. 314). Am 28. Dezember 1944 bekräftigte Hitler noch einmal vor hohen Offizieren, dass es für ihn keine Kapitulation gäbe (vgl. Thamer, 1986, S. 755). Einen Tag später soll der Diktator das Scheitern der Offensive eingeräumt haben. Eine Verkürzung der deutschen Front lehnte er ab. In der Nacht zum 1. Januar 1945 befahl das OKW eine Entlastungsoffensive im Elsass, die jedoch ebenfalls scheiterte (vgl. Westphal, 1975, S. 316). Wie realitätsfern Hitler und Jodl mittlerweile geworden waren, zeigt ein Blick in das Kriegstagebuch des Wehrmachtführungstabes. Am 4. Januar 1945 wies das deutsche Oberkommando den OB West an, „durch schnell aufeinanderfolgende Angriffsschläge, deren Abschnitte sich der Führer vorbehält, die anglo-amerikanischen Armeen nacheinander zu zerschlagen und so die Initiative unter allen Umständen in der Hand zu behalten.“ (KTB, OKW, 1944/45, Teilband 2, S. 1346). Die deutschen Truppen wurden von den Alliierten zum Rückzug gezwungen und erreichten mit Januar 1945 unter großen Verlusten den Westwall. (vgl. Westphal, 1975, 1975, S. 314).

Die Ardennenoffensive war gescheitert.

Strategie der Niederlage

Die Ardennenoffensive beleuchtet beispielhaft die deutsche Kriegführung in der Schlussphase des Krieges. Hitler folgte seinem sozialdarwinistischem Kriegsbild, das nur Sieg oder Untergang kannte, und nahm das Risiko einer geschwächten Ostfront in Kauf, um im Westen die Alliierten zu schlagen. Seine Berater im Oberkommando der Wehrmacht, Keitel und Jodl, mochten zwar Bedenken haben, fügten sich jedoch dem Wunsch des Diktators. Sie planten eine Großoffensive ohne ausreichende Kräfte. Eine verantwortungsbewusste Führung kalkuliert mit den Kräften, die zur Verfügung stehen und legt danach die Ziele fest. Hitler handelte in der zweiten Hälfte des Krieges umgekehrt: Er orientierte sich an zum Teil durchaus sinnvollen Zielen und ließ entsprechende Operationspläne ausarbeiten, ohne zu fragen, ob die vorhandenen Mittel ausreichten. Bei der Umsetzung der realitätsfernen Weisungen bewies die Wehrmacht bis zum Schluss des Krieges erstaunliche Kompetenz. Diese sachliche Feststellung hat nichts mit der Stammtisch-Parole „vom besten Soldaten der Welt“ zu tun.
Während die Heeresgruppe B sich im Westen auf den Westwall zurückzog, begann am 12. Januar 1945 die Schlussoffensive der Roten Armee an der Ostfront. Die letzten Monate des III. Reiches hatten begonnen.

 

Zu Generaloberst Alfred Jodl:

Hitlers engster militärischer Berater — Dr. Katharina Kellmann (katharinakellmann-historikerin.de)

 

Weiterführende Informationen:

LeMO Kapitel – Der Zweite Weltkrieg – Kriegsverlauf – Ardennenoffensive 1944 (dhm.de)

Ein kurzer Beitrag des LeMO (Lebendiges Museum online) mit weiteren wertvollen Informationen zum Zweiten Weltkrieg.

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article204487292/Ardennenoffensive-US-Truppen-von-starken-deutschen-Panzerverbaenden-eingekesselt.html

Sven Kellerhoff in der „WELT“ über die Ardennenoffensive.

 

 

Gedruckte Quellen:

Richard Overy, Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945, Berlin 2005

Percy R. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommando der Wehrmacht 1944-1945, Bonn 1961

 

Literatur:

Antony Beevor, Der Zweite Weltkrieg, München 2012

Adolf Galland, Die Ersten und die Letzten, 3. Aufl., München 1974

David Irving, Die Tragödie der deutschen Luftwaffe. Aus den Akten und Erinnerungen von Feldmarschall Erhard Milch, Frankfurt/M, Berlin 1990

John Keegan, Der Zweite Weltkrieg, Berlin 2004

Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang NS-Deutschland 1944/45, München 2011

Heinz Magenheimer, Die Militärstrategie Deutschlands 1940 – 1945. Führungsentschlüsse, Hintergründe, Alternativen, 2. überarbeitete Aufl., München 1997

Heinz Magenheimer, Die deutsche militärische Kriegführung im II. Weltkrieg. Feldzüge – Schlachten – Schlüsselentscheidungen, Bielefeld, Garmisch-Partenkirchen 2019

(ein nicht unproblematisches Buch, da Magenheimer vor allem in den ersten drei Kapiteln die Verantwortung des NS-Regimes für den Ausbruch und die Ausweitung des Krieges stark relativiert)

Geoffrey P. Megargee, Hitler und die Generäle. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933-1945, Paderborn 2006

Leonce Peillard, Geschichte des U-Boot-Krieges, 1939-1945, München 1974

Andrew Roberts, Feuersturm. Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs, München 2019

Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biografie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Albert Speer, Erinnerungen, 3. Aufl., Berlin 1969

Hans-Ulrich Thamer, Verführung und Gewalt, Berlin 1986