Deutsche Außenpolitik ohne Konzept

Deutsche Außenpolitik ohne Konzept – 1911 machte das Auswärtige Amt Fehler, die im Ausland nur Kopfschütteln auslösten. Anlass war die zweite Marokkokrise 1911. Der nordafrikanische Staat war formal unabhängig. Die europäischen Großmächte, vor allem Frankreich und Deutschland, waren daran interessiert, die Rohstoffvorkommen des Sultanats auszubeuten und hatten sich auf Einflussgebiete verständigt. Paris brach jedoch dieses Abkommen und versuchte, seine Stellung in Marokko auszubauen. Mit der Entsendung des Kanonenbootes „Panther“ wollte man in Berlin den Franzosen signalisieren, dass man diese Entwicklung nicht hinnähme.

Eine internationale Krise begann, die in Europa beinahe einen Krieg ausgelöst hätte. Welche Fehler beging die deutsche Politik 1911?

Der Übergang zur Weltpolitik

Nach 1890 wollte Deutschland eine aktivere Rolle in der internationalen Politik spielen. Das Kaiserreich entwickelte sich zu einer Industrienation, deren Produkte im Ausland gefragt waren. „Weltpolitik“ lautete das Motto. Dahinter stand der Anspruch, auch in Übersee als Großmacht ernst genommen zu werden.

Konnte das Reich sich diese Politik erlauben? Das Verhältnis Berlin-Paris war durch die Annexion von Elsass-Lothringen im Jahr 1871 belastet. 1892 war es zu einer Militärkonvention zwischen Frankreich und Russland gekommen. Im Falle eines Krieges hätte Deutschland an zwei Fronten kämpfen müssen. Mit Österreich-Ungarn gab es einen Bündnisvertrag. Die militärische Schlagkraft des Verbündeten galt aber als gering.

Das Ziel der deutschen Außenpolitik musste nun darin bestehen, gute Beziehungen zu England zu unterhalten. Die Chancen standen um 1900 nicht schlecht. 1898 wäre es in Faschoda im Sudan beinahe zu einem Krieg zwischen Paris und London gekommen. In Persien konkurrierten England und Russland um Einfluss. Deshalb vertraute man in der Reichsführung darauf, dass London auf eine Zusammenarbeit mit Berlin angewiesen wäre. Der Bau einer Schlachtflotte sollte England davon überzeugen, das Kaiserreich als gleichberechtigten Partner ernst zu nehmen.

Der Reichskanzler oder der Kaiser betonten immer wieder, es ginge darum, auf friedlichem Wege die Position Deutschlands in Europa und in Übersee zu festigen. Doch sie verkannten, dass England sich durch die maritime Aufrüstung bedroht fühlte.

Marokko wird zum Streitobjekt zwischen Frankreich und Deutschland

Theobald von Bethmann-Hollweg, seit 1909 Reichskanzler, betrachtete im Gegensatz zu seinem Vorgänger die „Weltpolitik“ mit Sorge. Es gelang ihm 1910, den Berufsdiplomaten Alfred von Kiderlen-Wächter beim Kaiser als Staatssekretär des Äußeren durchzusetzen. Der Reichskanzler und sein Staatssekretär vertraten das Konzept einer moderaten „Weltpolitik“. Zugeständnisse im Flottenbau sollten die Beziehungen zu England verbessern und die Position des Reiches in Europa stabilisieren. Warum kam es also 1911 zu einer internationalen Krise, die an den Rand eines Krieges führte?

Marokko war, auf dem Papier, seit 1880 ein souveräner Staat. Frankreich versuchte, das Sultanat unter seine Kontrolle zu bringen. Deutschland wollte dies verhindern, aber im Vertrag von Algeciras konnte Frankreich 1906 mithilfe anderer Großmächte seine Position durchsetzen. 1909 legten Berlin und Paris in einem Abkommen ihre Streitfragen bei.

Deutsche Industrielle wollten sich mit diesem Ergebnis nicht zufriedengeben. Im Süden Marokkos gab es reichhaltige Erzvorkommen. Stammesauseinandersetzungen lieferten Frankreich immer wieder einen Vorwand, sich in die marokkanische Innenpolitik einzumischen. Das Sultanat schien zu einer neuen französischen Kolonie zu werden.

Kiderlen-Wächter beobachtete diese Entwicklung mit Sorge. Die Ausweitung des französischen Einflusses bedeutete in seinen Augen eine Schwächung der internationalen Position Deutschlands. Der Staatssekretär pflegte Kontakte zum Alldeutschen Verband, einer nationalistischen Vereinigung, die für eine expansive Außenpolitik warb, und zur Schwerindustrie. Hier kritisierte man die vorsichtige Diplomatie des Reichskanzlers.

Deutschland entsendet das Kanonenboot „Panther“

Am 21. Mai 1911 besetzte Frankreich die marokkanische Stadt Fes. Offiziell kam Paris dem Sultan zur Hilfe. Deutschland reagierte – wie erwähnt –  mit der Entsendung des Kanonenbootes „Panther“, das am 1. Juli vor Agadir Flagge zeigte.

Am gleichen Tag übergaben in London, Paris und den anderen Hauptstädten des Madrider Abkommens von 1880 die deutschen Botschafter eine Note, in der Berlin erklärte, man schütze auf Wunsch deutscher Industrieller die Interessen der eigenen Bürger in Marokko.

Einen Tag darauf erschien in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung (RWZ) ein Artikel, der die Entsendung des deutschen Kriegsschiffes als „befreiende Tat“ feierte. Endlich, so der Tenor, wäre Deutschland wieder als Großmacht aufgetreten. In den letzten beiden Jahrzehnten hätte das Reich in der Außenpolitik nur Demütigungen hinnehmen müssen. Nun würde das Kaiserreich endlich den Platz einfordern, der ihm zukäme. Die Ehre der Nation stünde auf dem Spiel. Am Schluss hieß es:

„Die Verständigung mit uns über die Aufteilung steht ihnen frei. Wollen sie nicht, dann mag der Panther die Wirkung der Emser Depesche haben.“

Die sogenannte Emser Depesche war ein diplomatisches Manöver gewesen, mit der Bismarck 1870 den deutsch-französischen Krieg provoziert hatte. Schwerindustrielle Kreise standen hinter der RWZ. Die martialische Wortwahl drückte eine Stimmung aus, die bei Konservativen und Nationalliberalen vorherrschte.

In Europa wächst die Kriegsgefahr

Im Ausland verfehlten diese Worte ihre Wirkung nicht. In London bat Außenminister Grey den deutschen Botschafter Graf Wolff-Metternich zu sich und fragte nach den deutschen Absichten, aber Kiderlen hatte keine Weisung erteilt. Metternich konnte nur versichern, dass er nichts wüsste – ein Verhalten, das im Foreign Office Kopfschütteln auslöste.

Am 9. Juli suchte der französische Botschafter in Berlin, Cambon, den Staatssekretär des Äußeren auf. Kiderlen deutete an, dass Deutschland sich in Zukunft aus Marokko heraushalten würde, wenn es im Gegenzug mit einer Kompensation rechnen könne. Am 15. Juli wurde der Staatssekretär deutlicher: Das Reich forderte von Frankreich die Abtretung der Kongokolonie. Cambon erwiderte, dass dieser Preis zu hoch sei. Man vereinbarte jedoch, im Gespräch zu bleiben.

Der deutschen Außenpolitik fehlte es in diesen Tagen an einem klaren Kurs. Deutschlands Stellung in der Welt sollte mit einem außenpolitischen Erfolg gestärkt werden – nur wie? Kiderlen ging davon aus, dass England nicht bereit wäre, die Franzosen zu unterstützen. Auf sich gestellt müsste Paris nachgeben und wäre am Ende auch enttäuscht über die Rolle des britischen Verbündeten.

Der britische Finanzminister Lloyd George machte am 21. Juli 1911 in einer Rede vor Bankiers in der britischen Hauptstadt deutlich, dass England notfalls zum Krieg bereit wäre, um seine Machtposition zu verteidigen. Obwohl die Marokkokrise mit keinem Wort erwähnt worden war, begriff man in Europa schnell, dass London damit die französische Position unterstützte. Kiderlen-Wächter wies den deutschen Botschafter in London an, im Foreign Office einen scharfen Protest vorzubringen. Als Wolff-Metternich am 25. Juli seinen Auftrag ausgeführt hatte, versetzte die britische Regierung ihre Marine in Alarmbereitschaft.

In Paris fühlte man sich bestärkt. Alleine hätte man Deutschland kaum die Stirn bieten können, denn die Armee war noch nicht kriegsbereit. Auf der anderen Seite des Rheins hatte die Regierung eine Erwartungshaltung geschürt, die Abstriche an den eigenen Forderungen kaum möglich machte. Kiderlen wurde die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr los. Die Tageszeitung „Die Post“, ein Blatt, das sonst regierungsnahe Positionen vertrat, kritisierte in einem Artikel am 4. August den Kaiser und den Reichskanzler wegen ihrer angeblich zu nachgiebigen Haltung.

In den Außenministerien in Berlin, Paris und London suchten die Diplomaten in den folgenden Wochen nach Kompromisslösungen. Anfang November 1911 wurde schließlich ein Abkommen unterzeichnet, in dem Deutschland die französischen Interessen in Marokko anerkannte und dafür einen Teil des französischen Kongo erhielt, immerhin 275 000 Quadratkilometer. 1912 verlor das Sultanat seine Souveränität und Marokko wurde französisches Protektorat.

Warum scheiterte die deutsche Diplomatie?

Die Marokkokrise von 1911 zeigte, wie konzeptionslos und ungeschickt die deutsche Diplomatie war. Man entsandte ein Kanonenboot, das militärisch kaum etwas bewirken konnte, aber den Eindruck erweckte, das Reich rüstete für einen Krieg.

Dann ignorierte die Wilhelmstraße das britische Außenministerium und ließ London im Unklaren über die deutschen Ziele. Nach der Rede von Lloyd George folgte eine Reaktion aus Berlin, die dazu führte, dass britische Kriegsschiffe Kohlen und Munition bunkerten.

In Deutschland versuchte derweil der Staatssekretär des Äußeren die Wogen zu glätten, während im preußischen Generalstab eine friedliche Lösung ausgeschlossen wurde. Die deutschen Diplomaten folgten einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitverbreiteten Denkschule. Außenpolitik war Machtpolitik im System der fünf Großmächte England, Russland, Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn. Wenn Frankreich mehr Einfluss gewann, dann bedeutete das automatisch für die Wilhelmstraße eine Schwächung Deutschlands. Diese kalkulierte Machtpolitik setzte auf Drohungen, scheute aber einen offenen Krieg.

Bethmann-Hollweg, der noch zu Beginn seiner Kanzlerschaft die deutsche Diplomatie in ruhigere Bahnen lenken wollte, trug Verantwortung für eine Krise, die beinahe zum Krieg geführt hätte.

Sein Staatssekretär entpuppte sich als Spieler, der seine Gegner unterschätzt hatte und sich nur mit Tricks und Glück über die Runden retten konnte. Frankreich war 1911 nicht kriegsbereit. Russland sah in der Marokkokrise keinen Bündnisfall. Aber die Zusammenarbeit zwischen London, Paris und Petersburg wurde als Konsequenz des „Panthersprungs“ weiter intensiviert.

In Deutschland setzte Admiral Tirpitz die Weiterführung des Flottenbaus durch. Bethmann-Hollweg hielt dagegen in den letzten Jahren vor dem Krieg an dem Ziel fest, das Verhältnis zu England durch Absprachen in kolonialpolitischen Fragen zu verbessern.

Der deutschen Außenpolitik fehlte bis 1914 eine einheitliche Linie. Ein klarer, auf Verständigung ausgerichteter Kurs wäre die erichtige Konsequenz aus der Marokkokrise von 1911 gewesen. Zwei Machtblöcke standen einander gegenüber: eine Koalition, bestehend aus Frankreich, England und Russland auf der einen Seite und das Deutsche Kaiserreich und die Habsburger Doppelmonarchie auf der anderen Seite. In beiden Lagern hatten sich die Kräfte der Vernunft 1911 noch einmal durchsetzen können. Drei Jahre später, im Sommer 1914, war dies nicht mehr möglich.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Interzeitschrift „Globkult“ veröffentlicht.