Der faschistische Großrat stürzt Mussolini

Im Sommer 1943 stürzt der faschistische Großrat Mussolini. Als der „Duce“, wie er auch genannt wurde, am Nachmittag des 25. Juli 1943 zur Privataudienz beim italienischen König erschien, eröffnete ihm der Monarch, er sei abgesetzt. Beim Verlassen des Palastes wurde er verhaftet. Am nächsten Morgen waren die Straßen Roms mit Parteiabzeichen bedeckt. 21 Jahre Diktatur hatten ein undramatisches Ende genommen.

Italien wird zum Juniorpartner

1940 trat das faschistische Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein. Doch die nächsten Monate zeigten, dass die italienische Armee nicht ausreichend vorbereitet war. Auf dem Balkan, im Mittelmeer und in Nordafrika erlitt sie schwere Niederlagen. Deutschland musste Truppen entsenden, um Rom zu unterstützen.

1942 entwickelte sich die Situation für Italien immer schwieriger. Die 8. Armee, zur Unterstützung der Deutschen auf dem Südflügel der Ostfront eingesetzt, wurde beinahe vernichtet. In Nordafrika war der Versuch von Generalfeldmarschall Rommel, im November 1942 Agypten zu erobern, endgültig gescheitert. Nur dank eines geschickten Rückzuges konnte er sich mit den Resten seiner Armee auf Tunesien zurückziehen. Lybien, bis dahin italienische Kolonie, war verloren.

Im Frühjahr 1943 trat immer deutlicher zutage, dass es zwischen Berlin und Rom keine gemeinsame Strategie gab. Für Hitler hatte der Krieg gegen Russland Vorrang. Mussolini drängte seinen deutschen Verbündeten darauf, sich hinter einen Ostwall zurückzuziehen und sich gemeinsam mit Rom auf den Mittelmeerraum zu konzentrieren.

Abgesehen davon, dass die Wehrmacht 1943 nicht mehr die Kraft besaß, eine feste Verteidigungslinie im Osten zu errichten. wären weder die deutsche Luftwaffe noch die deutsche Marine stark genug gewesen, die Nachschublinien nach Tunesien zu sichern.

Als Anfang Mai die deutsch-italienischen Streitkräfte in Tunesien kapitulieren mussten, machte italienische Generale Mussolini klar, dass der Krieg verloren sei. Einen Angriff auf das italienische Festland könnte die eigene Wehrmacht nicht mehr abwehren. Die besten Truppen waren in Russland und Nordafrika vernichtet worden. Die Reste der Armee bestanden aus älteren Jahrgängen und frisch eingezogenen Rekruten. Sie verfügten über veraltete Waffen. Hinzu kam eine große Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung. Beliebt war das Bündnis mit dem NS-Regime nicht.

Aber wie sollte man sich des mächtigen Verbündeten entledigen? Und wie konnte der Machtwechsel gelingen, ohne das autoritäre politische Regime zu zerstören?

Die Opposition will Mussolini stürzen

Der Faschismus hatte das öffentliche Leben nie so bestimmen können wie in Deutschland. Es gab eine gleichgeschaltete Presse und nur eine zugelassene Partei. Die traditionellen Eliten, der König und das Militär hatten die Errichtung einer Diktatur unterstützt. 1940 hatte Mussolini zusätzlich den Oberbefehl über die Streitkräfte übernommen.

Zu Beginn des Jahres 1943 bildete Mussolini seine Regierung um. Neben dem Amt des Ministerpräsidenten übernahm er auch die Leitung der Außenpolitik. Zum Chef des Oberkommandos der Streitkräfte ernannte er Generaloberst Ambrosio, einen Offizier, der den Deutschen ablehnend gegenüberstand.

Auch der König bereitete sich darauf vor, wieder in die Politik einzugreifen. Ihm war klar, dass eine militärische Niederlage ihm den Thron kosten könne. Viktor Emmanuel beriet sich mit Faschisten wie Dino Grandi, die zum gemäßigten Flügel der Partei gehörten.

Das Foto ist gemeinfrei. Ich habe es wikimedia commons entommen

Anfang Januar 1943 soll der König zum ersten Mal an die Entmachtung Mussolinis gedacht haben. Generaloberst Ambrosio bestärkte ihn in den nächsten Monaten. Aber der „Duce“ war immer noch ein gewichtiger Machtfaktor. Der Putsch konnte nur aus der Partei heraus Erfolg habe. Dazu bot sich der Faschistische Großrat an. Mussolini hatte ihn lange nicht mehr einberufen. In der Regel segnete das Gremium die Entscheidungen des Diktators ab. Angesichts des Machtvakuums, das im Frühjahr 1943 immer offensichtlicher wurde, konnte der Großrat Entscheidungen treffen, ohne dass der König sich kompromittieren musste.

Viktor Emmanuel notierte am 15. Mai 1943, dass man sich mit faschistischer Propaganda zurückhalten solle. Außerdem sollten die italienischen von den deutschen Truppen getrennt werden, denn die deutsche Wehrmacht könne unvermutet wie 1918 zusammenbrechen (1).

Wie der König zu dieser Schlussfolgerung kam, ist unklar. Mussolini hatte in seinen wöchentlichen Audienzen Rommel für die Niederlagen in Afrika verantwortlich gemacht. Möglicherweise unterschätzte der Monarch daher die Leistungsfähigkeit der Wehrmacht. Der Sturz Mussolinis schien nun, 1943, möglich zu sein.

Im Juni und im Juli fanden hinter den Kulissen Gespräche zwischen dem König, hohen Führern der faschistischen Partei und den Militärs statt. Mussolini scheint diese Intrigen nicht ernst genommen haben. Seit 1922 hatte der König bei Machtproben stets einen Rückzieher gemacht. Außerdem unterschätzte der Duce die Bereitschaft der Westmächte, mit den Italienern einen Sonderfrieden zu schließen.

Als im Juni 1943 Engländer und Amerikaner auf Sizilien landeten, musste Grandi die Initiative ergreifen. Die ilalienischen Soldaten leisteten kaum noch Wiederstand. Das deutsche Oberkommando der Wehrmacht beschloss die Räumung der Insel. Auch ein Treffen zwischen Hitler und Mussolini in Feltre am 17. Juli 1943 konnte die Krise im Bündnis nicht mehr lösen. Einen Tag vorher hatte Mussolini den Großrat einberufen. Grandi wollte den Antrag stellen, den König wieder mit dem Oberbefehl über das Militär zu betrauen.

Die Sitzung des Großrates

Die Sitzung begann bereits um 17. 00 Uhr, aber immer noch soll Mussolini keine Gefahr gewittert haben. Schnell entbrannte eine heftige Diskussion, in der der Duce sich damit verteidigte, er hätte den Oberbefehl 1940 nur widerwillig übernommen. Grandi verschärfte daraufhin seine Kritik; der Ministerpräsident hätte aus dem Faschismus eine Einpersonenherrschaft gemacht. Andere Redner plädierten ebenfalls für die Wiedereinsetzung des Monarchen als Oberbefehlshaber, sprachen sich aber für eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland aus.

Gegen Mitternacht unterbrach der Duce die Sitzung. Vertraute bedrängten ihn, Grandi und seine Unterstützer verhaften zu lassen. Mussolini soll abgewunken haben. Gegen 2.00 Uhr ließ er abstimmen. Die Mehrheit sprach sich für den Antrag von Grandi aus. Mussolini verließ kurz angebunden die Sitzung. Um acht Uhr – wenige Stunden später –  betrat er wie gewohnt sein Dienstzimmer als Ministerpräsident.

Seine Gegner hatten noch in der Nacht gehandelt. Grandi traf sich mit Ambrosio und dem Minister des königlichen Hauses. Der Monarch hatte sich schon einige Tage zuvor für eine Übergangsregierung ausgesprochen, der nur Soldaten angehören sollten.

Benito Mussolini schien am 25. Juli 1943 die Situation immer noch falsch eingeschätzt haben. Er ging seinen normalen Amtsgeschäften nach. Für den Sonntagnachmittag ersuchte er um eine Privataudienz beim König.

Der Zusammenbruch des Regimes

Das Regime brach zusammen, als die Verhaftung Mussolinis bekannt wurde. Grandi und seine Mitstreiter hatten sich verschätzt. Der Historiker Jonathan Steinberg meinte, der „Faschismus löste sich in einer Rauchwolke auf“ (2). Die Politiker des alten Regimes wurden nicht mehr gebraucht. Grandi – um nur ein Beipiel zu nennen – lebte lange Jahre im Exil, kehrte in den sechziger Jahren nach Italien zurück, wo er zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, die er aber nur teilweise verbüßte. Er starb 1988 in Bologna.

Die neue italienische Regierung erreichte 1943 einen Sonderfrieden, aber sie konnte nicht verhindern, dass Italien bis April 1945 zum Kriegsschauplatz wurde. Der König begab sich in die alliierte Besatzungszone und trat zurück. Sein Sohn, König Umberto, verlor seinen Thron durch eine Volksabstimmung 1946. Benito Mussolini wurde 1943 von den Deutschen aus seiner Haft befreit. In Salo residierte er als Diktator von Hitlers Gnaden, ehe ihn italienische Partisanen kurz vor Kriegsende erschossen.

Das Königreich Italien hatte sich als Siegermacht des Ersten Weltkrieges in den dreißiger Jahren mit dem Deutschen Reich verbündet. Das faschistische Regime wollte von der Stärke Berlins profitieren.

1943 war es nicht mehr möglich, das Bündnis friedlich zu lösen. Die ideologischen Gemeinsamkeiten waren nicht so groß wie es nach außen hin schien. Das Königreich Italien besaß 1943 aber kaum noch Handlungsspielraum. Durch zu ambitionierte Ziele hatte es sich seit 1940 von den Deutschen abhängig gemacht. Rom konnte nur die Seiten wechseln und hoffen, die Deutschen würden große Teile Italiens räumen. Doch dieser Plan scheiterte. So gab es nur Verlierer: Die italienische Bevölkerung erlebte Krieg, Besatzungsherrschaft und eine neue Form des Faschismus. Die Monarchie erlosch, denn sie hatte durch die Zusammenarbeit mit der Diktatur an Ansehen verloren. Erst 1945 sollte Italien zum Kreis der demokratisch regierten Staaten gehören.

Fußnoten:

(1) vgl. Frederick W. Deakin, Die brutale Freundschaft. Hitler, Mussolinin und der Untergang des itakienischen Faschimus, Stuttgart, Hamburg 1962, S. 394

(2) Jonathan Steinberg; Deutsche, Italiener und Juden. Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, Göttingen 1997, S. 200