Armin Laschet und die Bayern

Durch Zufall stieß ich auf eine archivierte Seite der Homepage von Armin Laschet. Der Christdemokrat beschrieb sein Verhältnis zum Fußballverein Alemannia Aachen:

„Schon als kleiner Junge war ich fußballbegeistert und habe mit der Alemannia mitgefiebert. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn es die Alemannia einem in der Regionalliga nicht immer leicht macht. Ich versuche, so viele Heimspiele wie möglich zu besuchen. Die schönste Zeit war 2004/2005: DFB-Pokalfinale, Europa League, 1. Bundesliga und zweimal Bayern auf dem Tivoli geschlagen.

Vielleicht kommt mein Wunsch, auch einmal die Bayern zu schlagen, von meiner Leidenschaft für den Fußball.“

Quelle: Mein Leben | Armin Laschet (archive.org)

 

11 Freunde

11 Freunde müsst ihr sein: Alemannia Aachen 1910.

 

Ein Sieg über die Bayern – wen meinte er damit?

Zwar hat Armin Laschet zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Glosse noch nicht seine Niederlage eingestanden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Spitzen der CDU ihm noch lange die Treue halten werden. Die Umfragewerte für den bayerischen Ministerpräsidenten, seit Wochen übrigens konstant, kann keine Partei ignorieren und schon gar keine politische Kraft, für die Macht immer die zentrale politische Kategorie gewesen ist. Unsichere Kantonisten wie Sachsen-Anhalt oder das Saarland sind schon umgefallen. In Schleswig-Holstein gibt es seit Kurzem einmal in der Woche Internet (früher hat man auch immer nur am Samstag gebadet). Wenn die Geräte wieder online sind, wird man auch dort merken, wie groß die Chancen von Armin Laschet sind. Die kleine Schwester ist es eben leid, immer die abgetragenen Klamotten der großen Schwester auftragen zu müssen.

Nein, mir geht es nicht darum, Hohn und Spott über einen Politiker auszugießen, der sich einem demokratischen Wettbewerb stellt. Armin Laschet regiert das bevölkerungsreichste Bundesland mit einer knappen Mehrheit. Man mag zu seiner Partei stehen, wie man will, aber als Ministerpräsident kann er sich – auch im Vergleich mit Markus Söder – absolut sehen lassen.

Als Bundesvorsitzender der CDU ging er von der Poleposition aus in das Rennen um die Nachfolge von Angela Merkel. Aber es gelang ihm nicht, sich souverän an die Spitze zu setzen. Für Laschet schien das kein Problem zu sein. Schon oft war er unterschätzt worden. Laschet, so glaubten viele Beobachter, gleicht einem Sportler, der sich mit Mühe für die Olympischen Spiele qualifiziert, dann aber die Goldmedaille gewinnt.

Doch diesmal wird es wohl nichts mit dem Edelmetall. Woran lag es?

Armin Laschet ist ein liberaler Christdemokrat, der nicht unbedingt von vorne führt, sondern darauf achtet, dass das ganze Team ins Ziel kommt. Damit hätte er gute Chancen gehabt, wenn es nicht die Corona-Pandemie gäbe. Je kritischer die Situation seit Ende des vergangenen Jahres wurde, desto stärker kam sein „Teamkollege“ Markus Söder auf. Dessen Kurs war auch nicht fehlerfrei, aber der Franke kann noch einen Inuit davon überzeugen, bei ihm einen miserablen Kühlschrank zu einem überhöhten Preis zu kaufen. In Krisenzeiten imponiert das den Deutschen. Außerdem befleißigte Markus Söder sich der Rhetorik, die für bayerische Ministerpräsidenten üblich ist: Das schönste politische Amt der Welt sei das des bayerischen Ministerpräsidenten. Ja, Schweine können fliegen (wenn Markus Söder im Cockpit sitzt).

Als Armin Laschet dann in den Rückspiegel schaute, war es zu spät: Der Bayer kam aus dem Windschatten und brauste vorbei. Die Demoskopen jubelten. Und ein Nachrichtenmagazin aus Hamburg gab Söder Schützenhilfe. Am 10. April 2021 veröffentlichte der „SPIEGEL“ eine Titelgeschichte über Armin Laschet mit dem Untertitel: „Die Union und ihr Problemkandidat“. Der gebürtige Aachener wäre eigentlich immer nur dabei gewesen und auch sein Wahlsieg in NRW 2017 hätte Zufallscharakter. Und dann ist der Mann noch ein ganz banaler Kleinbürger: „Laschets Privatleben ist eine einzige Konstante“. Markus Söder hingegen konnte in einem „SPIEGEL-Gespräch“ neue programmatische Akzente einschlagen: „Die Union muss sexy und solide zugleich sein“. So ein Satz macht einen Politiker 2021 in Deutschland fast schon zum Vordenker.

Söder ließ nicht nur Armin Laschet, sondern auch eine erschlaffte CDU hinter sich. Sie ist mittlerweile die einzige deutsche Volkspartei, aber sie wirkt in diesen Wochen wie ein kraftloser Riese. Während der Kanzlerschaft von Angela Merkel hat sie sich verändert: Sie wurde liberaler und ökologischer. Die Konservativen in der Union mussten miterleben, wie ihr Tafelsilber verscherbelt wurde. Am Schluss war der Widerstand gegen die Ehe für alle die letzte wertkonservative Barrikade. 2017 fiel sie. Damals gebärdete sich Markus Söder noch als der Retter der „wahren Werte“. Sein Versuch, die Alternative für Deutschland rechts auszubremsen, scheiterte kläglich. Fortan wandte sich der bayerische Ministerpräsident in die Mitte, wo der Weg in das Kanzleramt am kürzesten ist.

Am 11. April 2021 wollte die Union die Frage der Spitzenkandidatur klären. Söder erklärte, wenn die „größere Schwester“ für Laschet wäre, würde die CSU das akzeptieren. Einen Tag später kürte das Präsidium der CDU Laschet zum Spitzenkandidaten. Das Rennen schien gelaufen. Aber die Unionsgranden hatten nicht mit Söder, dem Haudegen gerechnet. Der bayerische Ministerpräsident mobilisierte seine Anhänger in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der Verlauf der Sitzung am 13. April 2021 muss dramatisch gewesen sein. Die Kontrahenten versprachen, bis zum Ende der Woche eine Lösung zu finden.

Was wir im Augenblick erleben, ist für das Land nicht so schlimm, wie manche Beobachter meinen. Demokratie ist ohne Wettbewerb nicht denkbar. Niemand macht in einer Partei Karriere, ohne „Parteifreunde“ zu verletzen. Die ungelöste Kandidatenfrage offenbart aber gravierende Probleme bei CDU/CSU. Die Spitzen der Union scheinen den Kontakt zu ihrer Partei verloren zu haben. Dass zumindest nicht unerhebliche Teile der Basis für Markus Söder eintreten, hatte man im Konrad-Adenauer-Haus wohl nicht erkannt.

Sollte sich Markus Söder wider Erwarten doch noch dazu entschließen, Laschet zum Kanzlerkandidaten für ganz Deutschland zu machen, wäre das fast schon eine Beleidigung für die Wähler. So einen zerrupften und angeschlagenen Kandidaten haben selbst die Sozis dem Volk nicht zugemutet. Und warum tut sich Armin Laschet das an? Laschet ist genauso wie sein Kontrahent ein Machtpolitiker. Sein Argument, als Bundesvorsitzender der größten deutschen Partei sei er als Kanzlerkandidat gesetzt, raubt ihm jeglichen Spielraum. In der CDU gibt es die ersten Absetzbewegungen. Wenn Armin Laschet noch länger zögert, könnte es wirklich sein, dass er seinen Platz an der Spitze bald räumen muss.

Mein Landesvater und Alemannia Aachen scheinen etwas gemeinsam zu haben: Die Bayern sind eine Nummer zu groß, trotz einzelner Erfolge. 1968/69 wurde die Alemannia hinter dem FC Bayern Vizemeister. In der nächsten Saison landete die Mannschaft auf dem letzten Platz und stieg ab. Heute spielt Alemannia Aachen in der Regionalliga. So schlimm wird es für Laschet wohl nicht kommen. Oder der Arminius erliegt doch noch den Iden des Merz, was schade wäre.

Hoffentlich hat Söder seinen Machiavelli ganz gelesen. Nachdem der Fürst mit Lüge, Gewalt und der Unterstützung eines Teils der Massen an die Macht gelangt sei, solle er klug, weise und gerecht regieren, forderte der italienische Philosoph im 15. Jahrhundert.

Die Zukunft könnte also vielleicht doch noch gut werden.

 

Der Beitrag wurde am 17. April 2021 veröffentlicht.