Alfred Jodl – Offizier und Kriegsverbrecher

Alfred Jodl – Offizier und Kriegsverbrecher – so kann man den Mann charakterisieren, der von 1939 bis 1945 Hitlers engster militärischer Berater. Außerdem wirkte Jodl an völkerrechtswidrigen Befehlen, wie dem 1941 erlassenen „Kommissarbefehl“ mit. Noch nach dem Krieg vermöchte der General sich nicht aus dem Banne des Diktators zu lösen. Wie groß war der Einfluss Jodls auf die Kriegführung des Reiches und wie weit reichte seine Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes?

Ein aufstrebender Offizier

 Alfred Jodl kam am 10. Mai 1890 in Würzburg zur Welt. Sein Vater hatte als bayerischer Offizier den Abschied nehmen müssen, weil Jodls Mutter als nicht standesgemäß für eine Offiziersheirat galt. Alfred Jodl wurde als nicht eheliches Kind geboren und von seinem Vater erst später adoptiert.

Jodl besuchte öffentliche Schulen und wechselte dann zur Kadettenanstalt in München über, wo er 1910 Abitur machte. Danach entschied er sich für eine Laufbahn als Berufsoffizier. 1913 heiratete er die fünf Jahre ältere Irma Gräfin von Bullion. Die Ehe blieb kinderlos; 1944 starb seine Frau. 1945 vermählte sich Alfred Jodl Luise von Benda, eine enge Freundin seiner ersten Frau.

Im Ersten Weltkrieg war der junge Offizier mehrmals verwundet worden. Alfred Jodl wurde schließlich in die Reichswehr übernommen. Er gehörte zur Spitzengruppe seines Berufes und durchlief die so genannte „Führergehilfenausbildung“, ein Tarnname für die im Versailler Vertrag verbotene Generalstabsausbildung. Die „Führergehilfen“ sollten als Stabsoffiziere die Kommandeure großer Truppenverbände beraten.

1932 wurde Jodl in das Truppenamt (die Planungszentrale der Reichswehr) nach Berlin versetzt und übernahm den Posten eines Gruppenleiters in der Operationsabteilung. Jodl konnte hier seine Qualitäten ausspielen. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, analytisch hoch befähigt, sorgfältig und stets belastbar. Mit diesen Eigenschaften empfahl er sich für höhere Aufgaben: „Ein klarer nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“, so schrieb ein Vorgesetzter in einer Beurteilung (vgl. Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis, Berlin, Frankfurt/M. 1991, S. 20).

Vom Skeptiker zum Bewunderer Hitlers (1933 bis 1938)

1935 wechselte er in das Wehrmachtamt über, wo er die Leitung der Abteilung Landesverteidigung übernahm und zum Oberst befördert wurde. Die neue Verwendung war ebenfalls eine Schlüsselposition in einer Armee, die aufrüstete. Nach Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1935 sollte das Heer 36 Divisionen mit 550 000 Mann umfassen. Daneben existierte die Marine und als dritte Teilstreitkraft die neue Luftwaffe.

Zwischen dem Reichskriegsministerium, zu dem auch das Wehrmachtamt gehörte, und der Führungsspitze des Heeres begann eine Auseinandersetzung um die Führungsstrukturen der Streitkräfte im Kriegsfall. Der Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, und der Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck, plädierten für eine Wehrmachtführung, die dem Heer die Schlüsselrolle einräumte.

Jodl hingegen, ursprünglich ein Vertrauter Becks, setzte sich für einen Wehrmachtgeneralstab ein, der über den drei Teilstreitkräften stand. Dieser Wehrmachtgeneralstab sollte aus der Abteilung Landesverteidigung hervorgehen. In einem modernen Krieg – so die Argumentation von Alfred Jodl – würden auch Marine und Luftwaffe eine wesentliche Rolle spielen. Die drei Teilstreitkräfte sollten eng zusammenarbeiten.

Im Heer wurde Jodl daher als eine Art Verräter betrachtet. General Beck untersagte seinen Offizieren den Umgang mit ihren Kameraden aus dem Wehrmachtamt. Jodl seinerseits sprach 1939 vom Oberkommando des Heeres als der „Feindseite“.

Der Offizier wandelte sich unter dem Eindruck der „Erfolge“ Hitlers – die Rheinlandbesetzung 1936, der „Anschluss“ Österreichs 1938 und Münchner Abkommen im gleichen Jahr – zu einem Anhänger des Diktators. Noch 1933 hatte er Hitler einen „Scharlatan“ genannt und ihm nur eine kurze Zeit als Reichskanzler gegeben. Doch spätestens 1938 war er ein überzeugter Anhänger des Diktators.

Bedeutete dies, dass Jodl ein Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie war? Jodl gehörte zu jenen Offizieren, die die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten begrüßten. Seine Herkunft als nicht eheliches Kind, seine Ablehnung der Kirche (Jodl war aus der katholischen Kirche ausgetreten), ein für Offiziere seiner Generation typischer Antikommunismus, seine Erfahrungen im Schützengraben und die Bürgerkriegswirren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg machten ihn empfänglich für einen „nationalen Sozialismus“. 1918 war für ihn auch die Monarchie als Institution gescheitert. Den föderalen Reichsaufbau hielt er nicht mehr für zeitgemäß. Obwohl er sich seiner bayerischen Heimat stets verbunden fühlte, betrachtete er ein Deutsches Reich, in dem die Staatsgewalt zwischen dem Reich und den Einzelstaaten zersplittert war, als Anachronismus.

Alfred Jodl glaubte zudem an die Friedensrhetorik Hitlers, der immer wieder betonte, dass er keinen Krieg wolle. Aufzeichnungen, die er im Nürnberger Gefängnis machte, zeugen von einem eher konventionellen Antisemitismus, wie er im deutschen Offizierskorps weit verbreitet war. Diese Einstellung war mitverantwortlich dafür, dass Alfred Jodl den verbrecherischen Charakter der Ausnahmegesetze gegen Juden und die Verfolgung politischer Gegner ignorierte. Er hielt sich für einen unpolitischen Soldaten, der dem legalen Staatsoberhaupt diente und nicht der NSDAP. Bis zuletzt unterschied er zwischen Hitler und der Partei.

1938 wurde er nach Wien versetzt, wo er wieder ein Truppenkommando übernahm. Am 20. April 1939 erhielt er seine Beförderung zum Generalmajor. Im Herbst 1939 sollte er das Kommando über eine Gebirgsjägerdivision übernehmen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte, dass dieser lang gehegte Wunsch in Erfüllung ging. Alfred Jodl musste in Berlin die Leitung des Wehrmachtamtes übernehmen, das 1940 in Wehrmachtführungsstab umbenannt wurde.

1939 bis 1942: Hoffnungen auf den „Endsieg“

 Von 1939 bis 1945 sah Jodl den Diktator fast täglich. An über 5000 Besprechungen im „Führerhauptquartier“ nahm er teil. Er galt als der engste militärische Berater Hitlers. Wie groß war sein Einfluss in der Kommandostruktur des NS-Regimes?

Adolf Hitler machte schnell klar, dass er sich auch als militärischer Führer des Deutschen Reiches betrachtete. Die Erfolge zwischen 1939 und 1941 – oft errungen gegen den Rat und die Bedenken der Militärs – bestärkten ihn in seiner Auffassung, dass die Generalität nichts von moderner Kriegsführung verstünde.

In einer Befragung durch amerikanische Verhörexperten wenige Wochen nach der Kapitulation teilte Alfred Jodl die Sichtweise des Diktators: Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hätte eine Reihe von Entscheidungen getroffen, ohne die Deutschland den Krieg früher verloren hätte. Als größte Leistung betrachtete Jodl die Art und Weise, in der Hitler im Winter 1941/42 durch seine energischen Befehle die Front vor Moskau stabilisiert hätte. In der zweiten Hälfte des Krieges jedoch hätte der Diktator den Fehler gemacht, die deutschen Kräfte zu überschätzen.

Eine Wehrmachtführung, also ein Zusammenwirken von Heer, Marine und Luftwaffe, kam über Ansätze nicht hinaus. Jodl gehörte zu den wenigen Heeresoffizieren, die die Bedeutung dieser modernen Führungsstruktur erkannt hatten und im Krieg umsetzen wollten. Der Wehrmachtführungsstab besaß jedoch bis 1941 keine Befehlsbefugnisse gegenüber Truppenteilen, sondern war ein Beratungsorgan. Er sollte den „Führer“ in Fragen der Gesamtkriegsführung unterstützen.

Die Stärken und Schwächen des Chefs des Wehrmachtführungsstabes zeigten sich deutlich im Jahr 1940. Beim Überfall auf Norwegen im Frühjahr 1940 sorgte Jodl dafür, dass das Unternehmen erfolgreich endete. Hitler wollte den in Narvik gelandeten Gebirgsjägern den Befehl zum Rückzug geben, was den strategisch wichtigen Feldzug gefährdet hätte. Jodl dagegen zeigte Nervenstärke und sorgte dafür, dass die Truppen ihre Stellungen hielten. Die Briten mussten schließlich aufgeben.

Am 30. Juni 1940 legte Alfred Jodl nach dem Sieg über Frankreich eine Denkschrift zur weiteren Kriegsführung vor. Der General glaubte, dass Luftwaffe und Marine England schwächen könnten. Das Heer würde bei einer Landung auf keinen ernsthaften Widerstand stoßen. Er überschätzte dabei zweifellos die Möglichkeiten von Marine und Luftwaffe. Die politischen Einflussgrößen, die Haltung der USA und der Sowjetunion, vernachlässigte er. Der General war ein Spezialist für Fragen der operativen Kriegsführung, aber ihm fehlte das Verständnis für Probleme der großen Strategie.

Bodo Scheurig benennt in seiner Biografie die Grenzen Jodls, die 1938 klar zu Tage traten:

„Weiterhin Offizier des funktionalistischen Gehorsams, abgeneigt und unfähig, politisch zu denken, verkörperte er freiwillig Verzicht auf Pflichten des Feldherren … Jodls Mentalität wurde zur Gewähr purer Kriegstechniker, sein Einfluss zu einem Gesamtführungsstab unverantwortlich.“ (Scheurig, S. 75).

In der zweiten Jahreshälfte 1940 und den ersten Monaten des Jahres 1941 hätte die Wehrmacht ein strategisches Planungszentrum gebraucht. Deutschland beherrschte zwar große Teile des Kontinents, konnte aber England nicht zum Frieden zwingen. Der amerikanische Präsident machte deutlich, dass Washington an der Seite Londons stehen würde.

Berlin musste nun entscheiden, ob es einer politischen oder militärischen Lösung den Vorzug gab. Hitler kannte nur den Weg der Gewalt. Schon Ende August 1940 entwickelte er vor seinen Militärs den Plan, die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug zu besiegen und damit England zum Frieden zu zwingen. Machtpolitische und ideologische Gründe spielten bei der Entscheidung für den Ostfeldzug eine Rolle. Hitler glaubte, dass die Wehrmacht stark genug sei für einen Zweifrontenkrieg. Keiner der führenden Offiziere widersprach, auch Jodl nicht. Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 übertrug Hitler die Operationsführung im Osten ausdrücklich dem Oberkommando des Heeres. Der Wehrmachtführungsstab sollte für die Heerestruppen auf allen anderen Kriegsschauplätzen (Nordafrika, Italien, Frankreich, Balkan, Norwegen und Finnland) verantwortlich sein. In der Praxis entwickelte er sich zu einem zweiten Generalstab des Heeres. Jodl reiste selten an die Front. Er verbrachte den Krieg in der Umgebung Hitlers, hielt ihm täglich Vortrag über die Lage und formulierte die Befehle des Diktators.

Der Feldzug scheiterte, und ab der Jahreswende 1941/42 glaubte der mittlerweile zum General der Artillerie beförderte Jodl nicht mehr an einen vollständigen Sieg Deutschlands. 1942 ging die deutsche Kriegführung zu einer Abnutzungsstrategie über mit dem Ziel, den Kontinent mit seinen kriegswirtschaftlichen Rohstoffvorkommen zu kontrollieren und die besetzten Länder auszubeuten. Hitler war davon überzeugt, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Westmächten und der Sowjetunion auf Dauer zu einem Auseinanderbrechen der antideutschen Koalition führen würde.

1942 wollte Hitler die Erdölvorkommen im Süden Russlands erobern. Die Offensive begann im Juni 1942, und scheiterte nach Anfangserfolgen drei Monate später. Zwischen Hitler und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes kam es im Herbst 1942 zu schweren Auseinandersetzungen über operative Fragen. Der Diktator wollte ihn ablösen lassen. Auch Jodl bemühte sich im Herbst 1942 mehrmals vergeblich um ein Frontkommando.

Auf verlorenem Posten (1943 bis 1945)

Die deutschen Kräfte reichten ab 1943 nicht mehr aus, um aus eigener Kraft eine Entscheidung zu erzwingen. Jodls wichtigste Aufgabe bestand jetzt darin, auf den „OKW-Kriegsschauplätzen“ den Frontkommandeuren den Rücken frei zu halten und in übergreifenden Wehrmachtfragen auf Bitten Hitlers eine Stellungnahme abzugeben. Sachlich zählte er Vor- und Nachteile der verschiedenen Lösungen auf. Die Entscheidung überließ er stets Hitler.

Wie Hitler ging Jodl davon aus, dass die Westmächte spätestens im Frühjahr 1944 im Westen eine Landung versuchen würden. Die vorhandenen Informationen ließen ab Herbst 1943 keinen Zweifel daran, dass sich in England mehrere Armeen auf einen Einsatz vorbereiteten.

Alfred Jodl betrachtete die Abwehr der drohenden Invasion als letzte Chance des Deutschen Reiches, die Niederlage abzuwenden. Im Januar 1944 schlug er eine Verkürzung der Ostfront auf die kürzeste Linie zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer vor und stellte sich damit gegen Hitlers Haltestrategie. Hier erwies sich der General noch einmal als scharfsinniger und kluger Analytiker. Es war wohl Jodls letzte nennenswerte Initiative als strategischer Ratgeber. Der Vorschlag stellte innerhalb des geringen Handlungsspielraums, der Deutschland verblieben war, eine angemessene Lösung dar. Nur wenn es gelungen wäre, eine Landung im Westen zu verhindern, hätte dieser Abwehrsieg möglicherweise neue Chancen eröffnet.

Doch Hitler lehnte Jodls Vorschlag ab. In den ersten Monaten des Jahres 1944 führte der Führungsstil des Diktators dazu, dass immer wieder Truppen vom Westen an die Ostfront verlegt werden mussten, um dort schwere Krisen zu lösen. Die vom Chef des Wehrmachtführungsstabes geforderte Schwerpunktbildung im Westen gelang nicht so konsequent wie erwartet.

Der Juni 1944 brachte entscheidende Niederlagen. Die Alliierten hatten in der Normandie einen Brückenkopf errichtet. An der Ostfront vernichteten die Russen innerhalb weniger Tage eine deutsche Heeresgruppe. Engländer und Amerikaner beherrschten den Himmel über Deutschland. Die militärische Situation war aussichtslos.

Jodl verbreitete nach außen hin Zuversicht. Gegenüber den Offizieren seines Stabes verwies er auf die immer noch steigende deutsche Rüstungsproduktion und den bevorstehenden Einsatz von technisch überlegenen Waffen wie neuen Düsenjägern oder modernen Unterseebooten. Für Alfred Jodl bedeutete dies, auf alle Fälle durchzuhalten. In seinen Augen gehörte es nicht zu den Aufgaben eines Soldaten, den Politikern an der Spitze eines Staates Empfehlungen zu geben. Entsprechende Erwartungen wies er im Sommer 1944 mit der Bemerkung zurück, für Politik hätte Hitler seinen Außenminister.

Erst als Hitler tot war, zeigte Jodl in den ersten Maitagen des Jahres 1945 mehr Entschlusskraft und trug mit dazu bei, dass der sinnlose deutsche Widerstand endlich eingestellt wurde. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Namen der deutschen Regierung die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten.

Mitwirkung an Kriegsverbrechen

Alfred Jodl wirkte während des Krieges an der Ausarbeitung völkerrechtswidriger Befehle mit. Im Frühjahr 1941 gehörte zu den Offizieren, die den „Kommissarbefehl“ formulierten. Dieser Befehl ermächtigte die Truppe, Kommissare, also Offiziere, die in der Roten Armee für die ideologische Zuverlässigkeit der Soldaten verantwortlich waren, auf Verdacht hin zu erschießen.

Nach dem Krieg behaupteten viele höhere Kommandeure, die an der Ostfront eingesetzt waren, dass der Befehl gar nicht an die Truppe weitergegeben worden sei. Der Historiker Felix Römer legte 2008 ein Buch vor, in dem er nachwies, dass dies nicht den Tatsachen entsprach. Im Frühjahr 1942 konnte Jodl Hitler davon überzeugen, dass der „Kommissarbefehl“ nur den Widerstandsgeist der Roten Armee stärken würde. Aus pragmatischen Gründen hob der Diktator die Weisung auf.

Im Herbst 1942 gab der Chef des Wehrmachtführungsstabes den völkerrechtswidrigen „Kommandobefehl“ an die Frontbefehlshaber weiter. Unter Kommandounternehmen verstand man Überfälle kleinerer Gruppen, die versuchten, in Norwegen, Italien oder Frankreich zu landen und dort militärisch wichtige Objekte zu zerstören. Diese Form der Kampfführung zwang die Deutschen dazu, in den besetzten Ländern West- und Nordeuropas Kräfte zu stationieren, die an der Ostfront dringend gebraucht worden wären. Trugen die Angehörigen der Kommandotrupps Uniform, hätten sie wie Soldaten als Kriegsgefangene behandelt werden müssen. „Der Kommandobefehl“ ermächtigte die deutschen Streitkräfte, die Angehörigen von Kommandounternehmen zu erschießen oder an den Sicherheitsdienst (SD) zu übergeben. Der SD unterstand der SS und wurde 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als verbrecherische Organisation eingestuft.

Die Ankläger des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg 1946 warfen Jodl auch Verschwörung gegen den Frieden und Vorbereitung eines Angriffskrieges vor. Der Offizier war im Truppenamt und im Wehrmachtamt mit der Ausarbeitung von Operationsentwürfen für mögliche Kriege gegen die Nachbarn Deutschlands beteiligt. Abgesehen von der Frage, ob die Anklagepunkte völkerrechtlich haltbar waren – die konzeptionellen Arbeiten gehörte zu seinen Dienstpflichten. Jodl hatte nicht zu entscheiden, ob Deutschland Krieg führen würde oder nicht. Unbestritten ist, dass der Offizier keine Bedenken gegen diese Pläne geltend machte.

Auch die Schuld Jodls bei Anklagepunkt 4, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, lässt sich nicht einwandfrei belegen. Der General war an der Vorbereitung und der Durchführung des Völkermordes an den europäischen Juden nicht beteiligt. Aber auch hier kam kein Widerspruch über seine Lippen. Als Ende Oktober 1944 Teile Nordnorwegens geräumt werden mussten, erließ der Chef des Wehrmachtführungsstabes einen Befehl, der die von der Wehrmacht praktizierte Politik der „verbrannten Erde“ billigte. Mochte auch Zerstörungen auf dem Rückzug in gewissen Grenzen erlaubt sein, Jodls Ausführungen betonten eindeutig den militärischen Charakter der Maßnahmen.

Unbestritten ist, dass Alfred Jodl im Zweiten Weltkrieg durch seine Mitarbeit am „Kommissarbefehl“ und die Weitergabe des „Kommandobefehls“ gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstieß.

Jodls Verhältnis zum Nationalsozialismus

Eine ideologische Nähe zu Hitler und zu den Zielen des Nationalsozialismus ist bei Jodl nicht zu leugnen. Aufschlüsse hierüber geben unter anderem Aufzeichnungen, die ein Generalstabsoffizier im Mai 1945 bei Lagebesprechungen in Flensburg anfertigte, wo Jodl immer noch als Chef des Wehrmachtführungsstabes amtierte, obwohl der Krieg vorbei war.

Am 17. Mai 1945 warnte er seine Offiziere:

„Immer daran denken, dass Judentum nur darauf wartet, uns zu schikanieren und zu demütigen.“

Wie der General zu dieser Schlussfolgerung kam, ist für mich nicht nachvollziehbar. Alfred Jodl war Antisemit. Und dieser Antisemitismus machte ihn noch nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands blind für die Verbrechen des Regimes.

Zwei Tage später äußerte der Generaloberst:

„Ich kann nur von mir sagen, in dem Augenblick, in welchem ich das Gefühl gehabt hätte, dass an der Spitze ein Verbrecher steht, so hätte ich im selben Moment die Konsequenzen gezogen … Ich habe unaufhörlich gesehen, dass es keinen Ausweg gab. Außerdem war ich Soldat wie jeder andere auch:“

 Dass Jodl in Hitler den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht sah und ihm nie in den Sinn gekommen wäre, dass Hitler als Verbrecher gehandelt hätte, scheint eine Ausrede zu sein. Schon im Frühjahr 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert. Ab dem Sommer 1933 gab es in Deutschland nur noch eine legale Partei. Jodl wird nicht entgangen sein, dass Deutsche mosaischen Glaubens zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert wurden.

Alfred Jodl war wie viele Offiziere seiner Generation Antisemit und Antikommunist. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess soll er geäußert haben, dass er mit Juden verkehrt hätte, aber es wären Juden gewesen, die ein Vaterland kannten. Für den General waren Deutsche mosaischen Glaubens also erst gesellschaftsfähig, wenn sie sich zu Deutschland bekannten. Jodls Ressentiments gegen Juden waren auch durch die Räterepublik in München 1918/19 geprägt, in der Juden seiner Meinung nach eine verhängnisvolle Rolle gespielt hätten. Auch die aggressive deutsche Außenpolitik betrachtete Jodl nicht als Verbrechen. Die völkerrechtswidrigen Befehle im Krieg gegen die Sowjetunion relativierte er als angemessene Reaktion auf die in seinen Augen barbarische Kampfweise der Roten Armee.

Die Aufzeichnungen aus dem Mai 1945 lassen darauf schließen, dass Jodl ein Mensch war, der anscheinend nicht begriff, welchem Verbrecher er gedient hatte. Wie kann man diese Verblendung erklären? Die Äußerungen des Generalobersten über die politische Situation Deutschland – er glaubte, man könne den Westen gegen die Sowjetunion ausspielen – erscheinen grotesk und naiv. Mich überrascht, dass ein intelligenter Mensch mit der Fähigkeit zur sachlichen Analyse hier eine politische Allgemeinbildung offenbart, die einem General schon zur Peinlichkeit gereicht.

Außenseiter im Offizierkorps

Historiker sollten vorsichtig sein mit psychologischen Erklärungsversuchen. Vielleicht hilft ein Blick in die Korrespondenz des Generals weiter. Nach dem Münchner Abkommen, in dem Hitler die Abtretung des Sudetenlandes durch die Androhung von Krieg erzwungen hatte, notierte Jodl über die Haltung vieler Generäle, die die Politik des Diktators für gefährlich hielten:

„Sie können nur mehr durch die Tat gutmachen, was sie durch mangelnde Seelenstärke und durch Mangel an Gehorsam gesündigt haben. Es ist dasselbe Problem wie 1918. Es gibt nur einen Ungehorsam in der Armee, den der Generäle, und er entspringt letzten Endes ihrer Überheblichkeit. Sie können nicht mehr glauben und nicht mehr gehorchen, weil sie das Genie des Führers nicht anerkennen, in dem sie zum Teil sicher noch den Gefreiten des Weltkrieges sehen, aber nicht den größten Staatsmann seit Bismarck.“

 Hitler hatte mit seiner Kriegsdrohung viel riskiert. England war nicht vorbereitet, Frankreich wollte für die Sudetendeutschen nicht in den Krieg ziehen. Der Diktator soll bedauert haben, dass es nicht zum Krieg gekommen wäre. In der Einschätzung von Jodl fällt auf, dass er gar nicht über die Folgen dieses Abkommens nachdachte. Hätte sich der geschulte Generalstabsoffizier nicht darüber im Klaren sein müssen, dass die europäischen Großmächte sich kein „zweites München“ gefallen ließen?

Seine abfälligen Bemerkungen über die Generalität hingen sicher mit der Ablehnung seines Konzepts der Wehrmachtführung zusammen. Sein vernichtendes Urteil bezog sich vor allem auf seinen ehemaligen Förderer, den Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck. Das Heer, aus dessen Generalstab Jodl hervorgegangen war, erschien dem Oberst nun als „Feindseite“. Wie konnte eine Organisationsfrage jahrelange Loyalitäten beenden? Auch Beck war ein Mann, der nicht zu Kompromissen neigte. Aber nun stand er für Jodl auf der „Feindseite“ (Scheurig, S. 75). Vielleicht liefert ein Satz aus der Beurteilung von Jodl aus den frühen dreißiger Jahren eine Erklärung:

Ein klarer nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“.

 Jodl wird als nüchterner Mann beschrieben, ein Generalstabsoffizier, der auch realistisch denken muss. Doch gleichzeitig bescheinigt ihm der Beurteiler „ein heißes Herz“ und einen „eisernen Willen.“ Jodl scheint einen Mensch mit großen emotionalen Spannungen gewesen zu sein. Die kühle Ratio und eine Begeisterungsfähigkeit, die sich über die Grenzen dieser Ratio hinweg setzt – dies vereinte er in sich. Hitler und seine „Erfolge“ zwischen 1935 und 1938 brachten genau diese Seite im Charakter des Offiziers zum Schwingen.

Einen Mittelweg gab es für Jodl nicht. Er hatte sich entschieden, vielleicht auch, weil er sich aus verletztem Stolz vom Generalstab abwandte. Dort schien er an Ansehen verloren zu haben. Eine Denkschrift des Oberkommandos der Wehrmacht, an der Jodl mitgearbeitet hatte, wurde von Beck am 3. Juni 1938 als unqualifiziert zurückgewiesen. Umso mehr genoss Jodl den „Erfolg“ des Münchner Abkommens. Jodls Biograph Bodo Scheurig würdigt den Offizier als hochbefähigt, doch die Souveränität, die ein Stratege mitbringen muss, spricht er ihm ab. Offiziere wie Jodl suchte Hitler: Tüchtig, loyal, operativ befähigt und bereit, sich mit der Rolle des Beraters zufrieden zu geben.

In dieser Funktion hat Alfred Jodl mehr geleistet als viele seiner Kritiker. So manche Fehlentscheidung Hitlers der Jahre 1943 bis 1945 konnte der General unter der Hand korrigieren. Aber er blieb ein bedingungslos loyaler Gefolgsmann in grundsätzlichen Fragen, mochte das Verhältnis zwischen dem Chef des Wehrmachtführungsstabes und Hitler immer distanzierter werden.

Die Todesstrafe 1946 in Nürnberg gegen den Generalobersten mag ungerecht gewesen sein und gehört heute noch zu den umstrittensten Urteilen. Jodl war lediglich erbittert darüber, dass ihm als Soldat nicht der Tod durch ein Erschießungskommando gewährt wurde. Mit der Hinrichtung durch den Strang wollten die Siegermächte demonstrieren, dass sie den Chef des Wehrmachtführungsstabes nicht als ‚ehrbaren Soldaten‘ betrachteten.

Alfred Jodl glaubte subjektiv seine Pflicht zu tun. Objektiv wurde er zum Erfüllungsgehilfen eines Diktators, der Deutschland ins Verderben stürzte.

Literatur:

Gunther Just, Soldat ohne Fehl und Tadel, Hannover 1971

Luise Jodl, Jenseits des Endes, Leben und Streben des Generaloberst Alfred Jodl, Wien, München, Zürich, 1976

Axel Kellmann, Generaloberst Alfred Jodl – Chef des Wehrmachtführungsstabes: Ein Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis zwischen Wehrmacht und NS-Regime, Saarbrücken 2004

Bodo Scheurig, Alfrd Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biographie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Alan P. Wilt, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier (Roland Smelser, Enrico Syring, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier, in: Die Militärelite des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, S. 236–250