Hellmuth Stieff: Ein Offizier bricht mit dem Nationalsozialismus

Hellmuth Stieff: Ein Offizier bricht mit dem Nationalsozialismus

Hellmuth Stieff (1901 bis 1944) schloss sich 1943 dem militärischen Widerstand gegen Hitler an. Was bewog einen nationalkonservativen Berufsoffizier wie Stieff, der 1933 die Machtergreifung Hitlers begrüßt hatte, Hochverrat zu verüben? 1991 gab der Historiker Horst Mühleisen Briefe von Stieff aus dessen Nachlass heraus. Sie zeigen, wie der Generalstabsoffizier sich von der NS-Diktatur abwandte.

Hellmuth Stieff wurde 1901 geboren. 1918 legte er das Notabitur ab und trat als Fahnenjunker in das Heer ein. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb er Soldat und wurde in die Reichswehr übernommen. Von 1932 bis 1935 absolvierte er die Ausbildung zum Generalstabsoffizier in Berlin. 1936 wurde er endgültig in den Generalstab versetzt. Stieff bewährte sich in seinen Verwendungen und erhielt 1938 ein Kommando als Gruppenleiter in der Operationsabteilung im Generalstab des Heeres – eine herausgehobene Verwendung. Am 24. September 1941 wechselte der Oberstleutnant im Generalstab (i.G.) in das Armeeoberkommando 4 über. Im Herbst 1942 kehrte er in die Zentrale des Generalstabes zurück und übernahm die Leitung der Organisationsabteilung. Weitere Beförderungen zum Oberst und zum Generalmajor folgten. Am 21. Juli 1944 wurde er verhaftet. Zusammen mit anderen Widerstandskämpfern wurde er am 8. August 1944 in einem Schauprozess vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am selben Tag in Berlin-Plötzensee erhängt.

Der Angriff gegen die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff gegen die Sowjetunion. Die ersten Tage verliefen plangemäß. Anfang Juli sprachen Hitler und der Chef des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Franz Halder, davon, dass der Krieg so gut wie gewonnen sei.

Ende Juli 1941 waren die Siegeshoffnungen verflogen. Die Rote Armee warf neue Reserven in den Kampf. Außerdem wurde deutlich, dass die deutsche Führung kein klares strategisches Konzept besaß.

Hitler, der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht, mischte sich häufig in die Leitung der Operationen ein. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, konnte sich nicht durchsetzen. Hitler besprach wichtige Entscheidungen mit Halder. Die führenden Offiziere des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und General Alfred Jodl, wurden ebenfalls vom Diktator konsultiert.

Anfang August 1941 schwankte Hitler immer noch. Er wollte die Rote Armee durch einen Vormarsch im Norden in Richtung Leningrad und im Süden mit dem Ziel der kaukasischen Ölvorkommen schlagen. Leningrad hatte für ihn als Hochburg des Kommunismus eine symbolische Bedeutung. Außerdem hätte die Abschnürung der Stadt die sowjetische Marine daran gehindert, in der Ostsee zu operieren und die Erztransporte aus Schweden zu unterbinden.

Das Öl des Kaukasus benötigte die Wehrmacht, um einen längeren Krieg gegen England und die USA zu führen.

Das Oberkommando des Heeres wollte weiter auf Moskau vorstoßen. Man ging davon aus, dass Stalin seine Streitkräfte zum Schutz der sowjetischen Hauptstadt konzentrieren würde und sich so die Gelegenheit ergäbe, die Rote Armee zu schlagen.

In den ersten Augusttagen kam man im „Führerhauptquartier“ zu keinem Ergebnis. Unter dem Datum vom 2. August 1941 schrieb Stieff seiner Frau resigniert:

„Die Nervosität an oberster Stelle kannst Du Dir vorstellen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über die Blüten, die das dann treibt, hellauf lachen! Unsere alle paar Tage geänderten Weisungen, die gar nicht mehr zur Ausführung kommen, weil man eben mit Gewalt die Dinge nicht erzwingen kann, führen jetzt die oberste Willensmeinung nur noch in ‚Anführungszeichen‘ auf. Denn in einem autoritären Staat haben vernünftige Menschen ja nur noch ein Amt und keine Meinung mehr.“

Wenige Tage später, am 12. August 1941, wurde er noch deutlicher. Er sprach von dem „drückende(n) Gefühl, dass wir trotz aller schönen Augenerfolge in einer sehr schweren Krise stehen, die dem Außenstehenden natürlich nicht gewahr wird.“

Stieff hatte erkannt, dass der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 nicht gewonnen werden konnte. Er sah pessimistisch in die Zukunft:

„Alle diese Verhältnisse, die man Tag für Tag sieht und erlebt – es fängt ja hier oben an! – bringen einen langsam in ein Stadium der Verbitterung, dass man sich am liebsten in sich selbst zurückzieht. Wenn nicht in Kürze ein Wandel in all dem eintritt, muss es eine Katastrophe geben. Es ist schrecklich, das mitansehen zu müssen.“

Stieff hatte das Gefühl, nichts an den Verhältnissen ändern zu können. So scheint es für den Oberstleutnant i. G. eine Erlösung gewesen zu sein, dass man ihn mit Wirkung vom 24. September 1941 in das Armeeoberkommando 4 versetzte. Dort übernahm er die Aufgabe eines 1. Generalstabsoffiziers. Er beriet den Oberbefehlshaber der Armee, Generalfeldmarschall von Kluge, in taktischen und operativen Fragen und war für den Ausbildungsstand der Truppe verantwortlich.

Die 4. Armee gehörte zur Heeresgruppe Mitte. Anfang Oktober erhielt sie Befehl, Moskau einzukesseln. Die Offensive stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Die Soldaten waren abgekämpft. Das technische Material hätte dringend überholt werden müssen. Regenfälle verwandelten den Boden in Morast. Der erste Frost im November erleichterte zwar den Vormarsch, aber es fehlte an Winterbekleidung und Nachschub. Am 24. November 1941 schrieb Stieff an seine Frau:

„Ich tue meine Pflicht (im Original kursiv, die Verfasserin) ohne jede Passion! … Ich fühle mich gezwungenermaßen, keineswegs freiwillig, oder gar freudig, als Werkzeug eines despotischen Vernichtungswillens, der alle Regeln der Menschlichkeit oder des einfachsten Anstandes außer acht lässt, sich aber gleichermaßen gegen Freunde wie gegen die eigenen Leute richtet. Ich bin so maßlos verbittert geworden!“.

Ende November 1941 begann die Gegenoffensive der Roten Armee vor Moskau. Sie warf frische Truppen in die Schlacht. Die 4. Armee war in die Defensive gedrängt. Reserven besaß sie nicht mehr. Stieff konnte nicht mehr „führen“, sondern musste improvisieren. Die deutschen Soldaten waren unterernährt, zahlenmäßig unterlegen und trugen meist ihre Sommeruniformen. Trotzdem gelang es der 4. Armee, ihre Linien zu halten. Am 13. Dezember 1941 schien Stieff mit seinen Kräften am Ende zu sein:

„Die Katastrophe steht vor der Tür! Es war ja auch notwendig und ist wohl die gerechte göttliche Strafe für derart viel Vermessenheit eines undeutschen Systems von Rachgier und Mordlust.“

Am 19. Dezember 1941 entließ Hitler Generalfeldmarschall von Brauchitsch und übernahm den Oberbefehl über das Heer. Er befahl den Truppen an der Ostfront, keinen Meter freiwillig aufzugeben. Stieff musste gegenüber seiner Frau zugeben, dass es zu spät sei, sich planmäßig abzusetzen. Die Armee müsse sich so gut es ginge gegen die drohende Vernichtung wehren. Aber die letzten Monate hatten dem Generalstabsoffizier die Augen geöffnet. Am 10. Januar 1942 schrieb er seiner Frau:

„Wen Gott strafen will, den schlägt er mit Blindheit! Wir alle haben so viel Schuld auf uns geladen – denn wir sind ja mitverantwortlich, dass ich in diesem einbrechenden Strafgericht nur eine gerechte Sühne für alle die Schandtaten sehe, die wir Deutsche in den letzten Jahren begangen oder geduldet haben. Im Grunde befriedigt es mich zu sehen, dass es noch eine ausgleichende Gerechtigkeit auf der Welt gibt! Und wenn ich ihr selbst zum Opfer fallen sollte. Ich bin dieses Schreckens ohne Ende müde.“

Die 4. Armee überstand die Winterschlacht. Stieff erhielt für seine Leistung – zeitweise hatte er die Truppe alleine geführt – das Deutsche Kreuz in Gold, eine selten vergebene Auszeichnung. Im Herbst 1942 kehrte er in die Zentrale des Generalstabes als Leiter der Organisationsabteilung zurück. Beförderungen zum Oberst und Generalmajor folgten.

1943 schloss sich Stieff dem Widerstand an, spielte aber keine herausragende Rolle. Am 21. Juli 1944 wurde er nach dem misslungenen Attentat auf Hitler verhaftet. Am 8. August 1944 verurteilte ihn der „Volksgerichtshof“ zum Tode durch Erhängen. Um 17.34 Uhr wurde das Urteil vollstreckt.

Stieff – ein konservativer Gegner des Nationalsozialismus

Noch heute tun sich viele mit dem konservativen Widerstand gegen die NS-Diktatur schwer. Es handelt sich um Männer, meist Militärs oder höhere Beamte, die in der Regel zuerst die Machtergreifung Hitlers begrüßt hatten. Die Hinwendung zum Widerstand erscheint manchen Kritikern als opportunistischer Entschluss, die militärische Niederlage und damit den Verlust der eigenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Machtposition abzuwenden. Hinzu kommt, dass es auch im nationalkonservativen Widerstand Antisemiten gab.

Wie vollzog sich die Entwicklung bei Hellmuth Stieff? Eine Restauration des Kaiserreiches wünschte er nicht. 1935 schrieb er seiner Ehefrau, er gehöre zu einer Gruppe von Menschen, „die auf der Grenzscheide von Entwicklungsepochen geboren sind.“ Er kam 1901 zur Welt und hatte noch den Zusammenbruch der Monarchie miterlebt. Die Weimarer Republik war ihm fremd. Er lehnte den Parlamentarismus ab. Stieff wünschte sich einen überparteilichen Staat. Ein starkes Staatsoberhaupt und die Streitkräfte bildeten für ihn die Stützen einer autoritären Staats- und Gesellschaftsordnung. Der junge Offizier unterschied in den ersten Jahren der Diktatur zwischen der Partei und Adolf Hitler. Hitlers Rede auf dem Reichsparteitag vom 2. September 1933 vermittelte ihm die Überzeugung, dass der Diktator „der Begründer einer neuen unzweifelhaft epochalen Weltanschauung“ sei. Die Ausführungen über den „Neuaufbau von Staat und Nation“ hätten ihn beeindruckt. Der Rassegedanke sei zwar neu, aber Stieff schien zumindest bereit, der „Bewegung“ eine Chance zu geben. Nach dem Tode Hindenburgs 1934 schrieb er seiner Frau, er sei „von der Lauterkeit des Charakters des Führers fest überzeugt …“

Diese idealisierte Sichtweise der nationalsozialistischen Ideologie wurde noch bestärkt, als Hitler im März 1935 die Einführung der Wehrpflicht verkündete. Wie viele Offiziere der Reichswehr hatte Stieff die Beschränkungen der deutschen Wehrhoheit als entehrend empfunden. Dabei war der junge Offizier, der gerade die Ausbildung zum Generalstabsoffizier durchlief, kein Freund einer aggressiven Außenpolitik. Deutschland solle mit ruhigem Selbstvertrauen auf seine Stärke den ihm angemessenen Platz in Europa einnehmen. Die Fehler der deutschen Diplomatie vor dem Ersten Weltkrieg – ein unsicheres und lautstarkes Auftreten – sollten vermieden werden.

Hellmuth Stieff beurteilte die innenpolitische Entwicklung in Deutschland zwischen 1933 und 1939 vor allem aus der Sicht eines Soldaten, der einen wehrhaften Staat anstrebt. Dass das Wehrgesetz von 1935 konsequent den Soldaten die Mitgliedschaft in der NSDAP verbot, begrüßte er. Den sogenannten Arierparagrafen, der nur Angehörige der „arischen Rasse“ zum Wehrdienst zuließ, stieß bei ihm ebenfalls nicht auf Ablehnung. Dagegen fand er die Ausnahmeregelungen, die Juden unter bestimmten Umständen doch den Zugang zu den Streitkräften ermöglichten, „sehr mau, dünn, pflaumenweich und teilweise unwürdig.“

Der Berufsoffizier schien wie viele rechtskonservative Unterstützer des Regimes keinen Anstoß daran zu nehmen, dass Juden der Zugang zu bestimmten Berufen verwehrt wurde. Den sogenannten „Radauantisemitismus“ mancher NS-Fuktionäre verabscheute er. Als im Berliner Wohnhaus des Ehepaars Stieff ein Blockwart gegeüber einer Mieterin mosaischen Glaubens ausfällig wurde, soll Stieff eingeschritten sein. Aber kritische Äußerungen über den Boykott jüdischer Geschäfte oder die Nürnberger Rassegesetze findet man vor dem Krieg nicht.

Wann setzten bei Stieff die Zweifel ein? Die ersten Belege finden sich in einem Brief vom 21. November 1939 an seine Frau. Stieff schilderte seine Eindrücke von Warschau, einer Stadt, in der die „Masse der Zivilbevölkerung“ am Rande des Existenzminimums dahin vegetierte, während die Besatzungssoldaten gut verpflegt wurden. Angewidert nahm der Oberstleutnant i. G. den Terror der SS zur Kenntnis:

„Diese Ausrottung ganzer Geschlechter mit Frauen und Kindern ist nur von einem Untermenschentum möglich, das den Namen Deutsch nicht mehr verdient. Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein!

Stieff stand mit dieser Meinung nicht alleine da. Der zuständige Militärbefehlshaber, Generaloberst Blaskowitz, mit dem Stieff gesprochen hatte, protestierte in einer Denkschrift an Hitler. Aus heutiger Sicht mag dies naiv erscheinen, aber im deutschen Offizierkorps war dies die legale und einzige Form, Einwände zu erheben. Ansonsten galt das Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Über die Zeit zwischen dem Ende des Polenfeldzuges und dem Angriff gegen Russland liegen nur wenige Zeugnisse vor. Stieff war beeindruckt vom schnellen Sieg über Frankreich. Den Krieg gegen die Sowjetunion hielt er aus ideologischen Gründen für notwendig. Aber er gehörte nicht zu dem Typ des Offiziers, der Zweifel verdrängte oder im Offiziercasino mit Alkohol wegspülte. Was als Meldungen über seinen Schreibtisch ging, muss ihn schwer belastet haben. Als Patriot versuchte er, seine Pflicht zu erfüllen. Aber im Laufe des Jahres 1941 fiel ihm das immer schwerer. Nur selten schilderte er in den Briefen an seine Frau deutsche Kriegsverbrechen. Am 19. November 1941 berichtete er von Zügen, die Juden aus dem Reichsgebiet in den Osten transportierten, um „sie dann dort ihrem Schicksal preiszugeben. Das ist, ebenso wie der Judenstern in Berlin, wie ich ihn im September dort sah, eines angeblichen Kulturvolkes unwürdig!“

In der Geschichte des Widerstandes wird Hellmuth Stieff oft als „Patriot und Zauderer“ (Horst Mühleisen) dargestellt. Er besaß nicht die Energie eines Stauffenberg oder Tresckow, die ihren Hass auf das Regime dazu trieb, ein Attentat unter schwierigen Umständen zu planen. Vielleicht liegt die Erklärung für sein Verhalten in jener Briefstelle vom 10. Januar 1942: „Und wenn ich ihr selbst zum Opfer fallen sollte. Ich bin dieses Schreckens ohne Ende müde.“ Vielleicht bedrückte ihn auch das Ausmaß der Mitverantwortung, das er bereitwillig am 10. Januar 1942 eingeräumt hatte. Am 13. Dezember 1941 hatte er von einem „undeutschen System“ gesprochen, eine Formulierung, die noch eine Distanzierung erlaubte. Im Januar 1942 war davon nicht mehr die Rede. Er sprach von den „Schandtaten, die wir Deutsche in den letzten Jahren begangen oder geduldet haben.“ Nur wenige deutsche Offiziere hätten zu jener Zeit einen solchen Satz formuliert.

Auch wenn er ein Zauderer gewesen sein mag – die Verdienste des Patrioten Hellmuth Stieff schmälert dies nicht.

Die Zitate stammen aus dem Buch: Horst Mühleisen (Hg.) Hellmuth Stieff. Briefe, Berlin 1991

Beitragsbildnachweis:

Die Aufnahme entstand im Mai 1942. Der Fotograf heißt Menzendorf. Das Bild befindet sich im Bundesarchiv in Koblenz. Ich habe es nicht bearbeitet. Mein Aufsatz entstand nicht auf Wunsch des Bundesarchivs.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-146-1547-17,_Hellmuth_Stieff.jpg

Bundesarchiv, Bild 101I-146-1547-17 / Menzendorf / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de
 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en
)], via Wikimedia Commons