Katharina Kellmann

Generaloberst Alfred Jodl und der deutsche „Aktionskünstler“ Wolfram Kastner

Auf dem Friedhof der Insel Herrenchiemsee wird im Augenblick die deutsche Vergangenheit aufgearbeitet. Der „Aktionskünstler“ Wolfram Kastner beschädigte das Grab der Familie Jodl, wo auf dem Grabstein Generaloberst Alfred Jodl gedacht wird, der 1946 in Nürnberg vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet wurde.

Kastner wurde dazu verurteilt, die Kosten für die Beseitigung der Schäden zu tragen.

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich ein Staat, eine Gesellschaft oder eine Person kritisch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzt – im Gegenteil. Was allerdings zählt, sind Inhalte.

Generaloberst Alfred Jodl ist eine Person der Zeitgeschichte. Als Chef des Wehrmachtführungsstabes gehörte er zwischen 1939 und 1945 zu den engsten militärischen Beratern Adolf Hitlers.

Er unterschrieb völkerrechtswidrige Befehle wie den Kommissarbefehl, der 1941 die Tötung von Politischen Offizieren der Roten Armee schon auf Verdacht hin ermöglichte. Es gibt also keinen Grund, nach Alfred Jodl eine Kaserne zu benennen oder ihn zum soldatischen Vorbild für die Bundeswehr zu machen.

Trotzdem hat auch Jodl Anspruch darauf, dass sein historisches Wirken möglichst gerecht beurteilt wird. Lange Zeit ignorierten deutsche Historiker den General.

1971 publizierte Gunther Just im Nationalverlag ein Buch mit dem Titel Soldat ohne Fehl und Tadel.

1976 veröffentlichte Jodls zweite Frau einen Erinnerungsband, der wichtige Informationen liefert, aber die Forschung nur unwesentlich bereichert hat.

Erst 1991 legte der Berliner Historiker Bodo Scheurig die erste wissenschaftlich fundierte Biografie über den General vor.

Der Amerikaner Alan P. Wilt veröffentlichte 1995 in einem Sammelband, den Ronald Smelser und Enrico Syring herausgaben, einen Aufsatz mit dem Titel: Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier (Roland Smelser, Enrico Syring, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier, in: Die Militärelite des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, S. 236–250).

Das Ziel dieses Beitrages besteht darin, Jodls Einfluss auf die Kriegführung Hitlers zu beschreiben und die Frage zu klären, warum der General dem Nationalsozialismus nahe stand.

Das künstlerische Schaffen von Herrn Kastner vermag ich nicht zu beurteilen.

„Ein kommender Mann“

Alfred Jodl kam am 10. Mai 1890 in Würzburg zur Welt. Sein Vater hatte als bayerischer Offizier den Abschied nehmen müssen, weil Jodls Mutter als nicht standesgemäß für eine Offizierheirat galt. Alfred Jodl wurde als nicht eheliches Kind geboren und von seinem Vater erst später adoptiert.

Jodl machte 1910 Abitur. Danach entschied er sich für eine Laufbahn als Berufsoffizier. 1913 heiratete er die fünf Jahre ältere Irma Gräfin von Bullion. Die Ehe blieb kinderlos; 1944 starb seine Frau. 1945 vermählte sich Alfred Jodl mit Luise von Benda, einer engen Freundin seiner ersten Frau.

Im Ersten Weltkrieg war der junge Offizier mehrmals verwundet worden. Alfred Jodl wurde anschließend in die Reichswehr übernommen.

Er gehörte zur Spitzengruppe seines Berufes und durchlief die so genannte „Führergehilfenausbildung“, ein Tarnname für die im Versailler Vertrag verbotene Generalstabsausbildung: „Nach Einsicht und Können stand er an der Spitzengruppe des Offizierkorps der Reichswehr“, urteilt der Historiker Bodo Scheurig (Bodo Scheurig, Alfred Jodl, Gehorsam und Verhängnis, Biographie, Berlin, Frankfurt am Main 1991, S. 20)

1932 wurde Jodl in das Truppenamt (die Planungszentrale der Reichswehr) nach Berlin versetzt und übernahm den Posten eines Gruppenleiters in der Operationsabteilung. Jodl konnte hier seine Qualitäten ausspielen. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, analytisch hoch befähigt, sorgfältig und stets belastbar.

Mit diesen Eigenschaften empfahl er sich für höhere Aufgaben: „Ein klarer nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“, so schrieb ein Vorgesetzter in einer Beurteilung (vgl. Bodo Scheurig, S. 20).

Vom Skeptiker zum Bewunderer Hitlers (1933 bis 1938)

1935 wechselte er in das Wehrmachtamt über, wo er die Leitung der Abteilung Landesverteidigung übernahm und zum Oberst befördert wurde. Die neue Verwendung war ebenfalls eine Schlüsselposition.

Zwischen dem Reichskriegsministerium, zu dem auch das Wehrmachtamt gehörte, und der Führungsspitze des Heeres begann eine Auseinandersetzung um die Führungsstrukturen der Streitkräfte im Kriegsfall. Der Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, und der Chef des Generalstabes des Heeres, General Beck, plädierten für eine Wehrmachtführung, die dem Heer die Schlüsselrolle einräumte.

Jodl hingegen, ursprünglich ein Vertrauter Becks, setzte sich für einen Wehrmachtgeneralstab ein, der über den drei Teilstreitkräften stand. Dieser Wehrmachtgeneralstab sollte aus der Abteilung Landesverteidigung hervorgehen. In einem modernen Krieg – so die Argumentation von Alfred Jodl – würden auch Marine und Luftwaffe eine wesentliche Rolle spielen. Die Wehrmachtführung sollte den Generalstäben des Heeres, der Luftwaffe und der Seekriegsleitung der Marine Weisungen erteilen dürfen.

In der Memoirenliteratur der Nachkriegszeit, die vor allem von Vertretern des Heeres geprägt wurde, bekam die Auseinandersetzung um die Spitzengliederung auch eine politische Note. Die Führung der größten Teilstreitkraft wäre auf wachsende Distanz zur Diktatur gegangen und hätte versucht, die Armee vor einer nationalsozialistisch indoktrinierten Führung zu bewahren. Keitel und Jodl wären hingegen den Plänen Hitlers gefolgt.

Die Tatsache, dass General Beck nach seiner Verabschiedung zum Widerstand stieß und am 20. Juli 1944 den Freitod wählte, schien diese These zu unterstützen. Doch Fritsch und Beck kritisierten explizit nur den frühen Beginn der aggressiven Außenpolitik des Diktators und fürchteten einen Mehrfrontenkrieg, den Deutschland nicht gewinnen könnte. Klarer als Reichskriegsminister von Blomberg oder die führenden Offiziere des Wehrmachtamtes sahen sie, in welch bedrohliche Lage Hitler Deutschland brachte.

Jodl hingegen wandelte sich unter dem Eindruck der „Erfolge“ Hitlers – die Rheinlandbesetzung 1936, der „Anschluss“ Österreichs 1938 und das Münchner Abkommen im selben Jahr – zu einem Anhänger des Diktators.

1938 wurde er nach Wien versetzt, wo er ein Truppenkommando übernahm. Am 20. April 1939 erhielt er seine Beförderung zum Generalmajor. Im Herbst 1939 sollte er das Kommando über eine Gebirgsjägerdivision übernehmen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte, dass dieser lang gehegte Wunsch in Erfüllung ging. Alfred Jodl musste in Berlin die Leitung des Wehrmachtamtes übernehmen, das 1940 in Wehrmachtführungsstab umbenannt wurde.

Militärischer Berater des Diktators

Von 1939 bis 1945 sah Jodl den Diktator fast täglich. An über 5000 Besprechungen im „Führerhauptquartier“ nahm er teil. Er galt als der engste militärische Berater Hitlers. Wie groß war sein Einfluss in der Kommandostruktur des NS-Regimes?

Adolf Hitler machte schnell klar, dass er sich auch als militärischer Führer des Deutschen Reiches betrachtete. Die Erfolge zwischen 1939 und 1941 – oft errungen gegen den Rat und die Bedenken der Militärs – bestärkten ihn in seiner Auffassung, dass die Generalität nichts von moderner Kriegsführung verstünde.

Eine Wehrmachtführung, also ein Zusammenwirken von Heer, Marine und Luftwaffe, kam über Ansätze zwischen 1939 und 1945 nicht hinaus. Jodl gehörte zu den wenigen Heeresoffizieren, die die Bedeutung dieser modernen Führungsstruktur erkannt hatten und im Krieg umsetzen wollten. Der Wehrmachtführungsstab blieb jedoch ein Beratungsorgan. Er sollte den „Führer“ in Fragen der Gesamtkriegsführung unterstützen.

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 übertrug Hitler die Operationsführung im Osten ausdrücklich dem Oberkommando des Heeres. Der Wehrmachtführungsstab sollte für die Heerestruppen auf allen anderen Kriegsschauplätzen (Nordafrika, Italien, Frankreich, Balkan, Norwegen und Finnland) verantwortlich sein.

In der Praxis entwickelte sich der Wehrmachtführungsstab zu einem zweiten Generalstab des Heeres. Jodl reiste selten an die Front. Er verbrachte den Krieg in der Umgebung Hitlers, hielt ihm täglich Vortrag über die Lage und formulierte die Befehle des Diktators.

Der Feldzug in Russland scheiterte, und ab der Jahreswende 1941/42 glaubte der mittlerweile zum General der Artillerie beförderte Jodl nicht mehr an einen vollständigen Sieg Deutschlands.

1942 ging die deutsche Kriegführung zu einer Abnutzungsstrategie übte. Hitler wollte die Erdölvorkommen im Süden Russlands erobern. Die Offensive begann im Juni 1942, scheiterte aber nach Anfangserfolgen drei Monate später.

Zwischen Hitler und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes kam es im Herbst 1942 zu schweren Auseinandersetzungen über operative Fragen. Der Diktator wollte ihn ablösen lassen. Auch Jodl bemühte sich im Herbst 1942 mehrmals vergeblich um ein Frontkommando.

Die deutschen Kräfte reichten ab 1943 nicht mehr aus, um aus eigener Kraft eine Entscheidung zu erzwingen. Jodls wichtigste Aufgabe bestand jetzt darin, auf den „OKW-Kriegsschauplätzen“ den Frontkommandeuren den Rücken frei zu halten und in übergreifenden Wehrmachtfragen auf Bitten Hitlers eine Stellungnahme abzugeben. Sachlich zählte er Vor- und Nachteile der verschiedenen Lösungen auf. Die Entscheidung überließ er stets dem „Führer“.

Alfred Jodl vertrat wie sein Oberster Befehlshaber die These, Deutschland müsse den Krieg möglichst weit entfernt von den Grenzen des Reiches führen. Unterstützt wurde er darin von Großadmiral Dönitz, dem Oberbefehlshaber der Marine und Reichsmarschall Göring, der an der Spitze der Luftwaffe stand.

Eine Front, die noch 1943 tief im russischen Raum verlief, schützte die oberschlesischen Industriegebiete vor den Angriffen der sowjetischen Luftwaffe. Hätte sich die Wehrmacht aus dem Baltikum zurückgezogen, so wären der deutschen Rüstungsindustrie Rohstofflager verloren gegangen. Außerdem knüpfte Finnland, ein wichtiger Verbündeter, schon Kontakte zu den Westmächten. Dagegen setzte sich Jodl am 27. Dezember 1943 entschieden für die Räumung der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ein, wo eine deutsche Armee von der übrigen Ostfront abgeschlossen war.

Erst als Hitler tot war, zeigte Jodl in den ersten Maitagen des Jahres 1945 mehr Entschlusskraft und trug mit dazu bei, dass der sinnlose deutsche Widerstand endlich eingestellt wurde. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Namen der deutschen Regierung die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten.

Weltanschauliche Nähe zu Hitler

Eine ideologische Nähe zu Hitler und zu den Zielen des Nationalsozialismus ist bei Jodl nicht zu leugnen.

Alfred Jodl war wie viele Offiziere seiner Generation Antisemit und Antikommunist. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess soll er geäußert haben, dass er mit Juden verkehrt hätte, aber es wären Juden gewesen, die ein Vaterland kannten. Für den General waren Deutsche mosaischen Glaubens also erst gesellschaftsfähig, wenn sie sich zu Deutschland bekannten.

Jodls Ressentiments gegen Juden waren auch durch die Räterepublik in München 1918/19 geprägt, in der Juden seiner Meinung nach eine verhängnisvolle Rolle gespielt hätten.

Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt sprach im Verhältnis zwischen Hitler und der militärischen Elte von „Teilidentitäten: Antikommunismus, Antisemitismus und Antidemokratismus“ hätten die Zusammenarbeit von Nationalsozialismus und Heer errleichtert. Viele höhere Offiziere hätten so mit der Diktatur zusammenarbeiten können, dabei aber die Gelegenheit genutzt, sich von den extremen Auswüchsen des Judenhasses zu distanzieren.

Noch 1933 hatte Jodl Hitler einen „Scharlatan“ (Scheurig, S. 22) genannt und ihm nur eine kurze Zeit als Reichskanzler gegeben. Doch spätestens 1938 war er ein überzeugter Anhänger des Diktators geworden. Bedeutete dies, dass Jodl auch ein Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie war?

Jodl gehörte zu jenen Offizieren, die die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten begrüßten. Seine Herkunft als nicht eheliches Kind, seine Ablehnung der Kirche (Jodl war aus der katholischen Kirche ausgetreten), ein für Offiziere seiner Generation typischer Antikommunismus, seine Erfahrungen im Schützengraben und die Bürgerkriegswirren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg machten ihn empfänglich für einen „nationalen Sozialismus“.

1918 war für ihn auch die Monarchie als Institution gescheitert. Den föderalen Reichsaufbau hielt er nicht mehr für zeitgemäß. Obwohl er sich seiner bayerischen Heimat stets verbunden fühlte, betrachtete er ein Deutsches Reich, in dem die Staatsgewalt zwischen dem Reich und den Einzelstaaten zersplittert war, als Anachronismus (vgl. Luise Jodl, Jenseits des Endes, Leben und Streben des Generaloberst Alfred Jodl, Wien, München, Zürich, 1976, S. 93). Alfred Jodl glaubte zudem an die Friedensrhetorik Hitlers, der immer wieder betonte, dass er keinen Krieg wolle.

Bodo Scheurig benennt in seiner Biografie die Grenzen Jodls, die 1938 klar zu Tage traten:

„Weiterhin Offizier des funktionalistischen Gehorsams, abgeneigt und unfähig, politisch zu denken, verkörperte er freiwillig Verzicht auf Pflichten des Feldherren … Jodls Mentalität wurde zur Gewähr purer Kriegstechniker, sein Einfluss zu einem Gesamtführungsstab unverantwortlich.“ (Scheurig, S. 75).

Wie verträgt sich das mit dem Berufsbild eines Mannes, der gelernt hatte, militärische Situationen realistisch einzuschätzen? Glaubte Jodl, dass diese Politik des Bluffs, die bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, dem Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland 1936 und dem „Anschluss“ Österreichs 1938 ständig wiederholt werden könnte?

England war bei der Sudentenkriese 1938 militärisch nicht vorbereitet. Frankreich wollte für die Sudetendeutschen nicht in den Krieg ziehen. Der Diktator soll bedauert haben, dass es nicht zum Waffengang gekommen sei.

In der Einschätzung von Jodl fällt auf, dass er gar nicht über die Folgen dieses Abkommens nachdachte. Hätte sich der geschulte Generalstabsoffizier nicht darüber im Klaren sein müssen, dass die europäischen Großmächte sich kein „zweites München“ gefallen ließen?

Vielleicht liefert ein Satz aus einer früheren Beurteilung Jodls einen Schlüssel zu dessen Charakter: „Ein klarer nüchterner Kopf, ein heißes Herz, ein eiserner Wille. Ein kommender Mann“.

Jodl wird als realistischer Mann beschrieben, ein Generalstabsoffizier, der auch nüchtern denken muss. Doch gleichzeitig bescheinigte ihm der Beurteiler „ein heißes Herz“, einen „eisernen Willen“ und einen starken Ehrgeiz.

Der Offizier scheint einen Mensch mit großen emotionalen Spannungen gewesen zu sein. Die kühle Ratio und eine Begeisterungsfähigkeit, die sich über die Grenzen der Vernunft hinweg setzt – diese Widersprüche vereinte er in sich.

Hitler und seine „Erfolge“ zwischen 1935 und 1938 brachten genau diese emotionale Seite im Charakter Jodls zum Durchbruch. Er hatte sich auf die Seite des Diktators  geschlagen – was die Organisation der obersten Führung anging – und betrachtete nun Gehorsam gegenüber dem „Führer“ als höchste Pflicht. Einen Mittelweg gab es für Jodl nicht.

Als sich ab 1943 die deutsche Niederlage abzeichnete, versuchte Jodl, nach außen hin Siegeszuversicht zu zeigen. Percy R. Schramm, ab 1943 Führer des Kriegstagebuches des Wehrmachtführugsstabes, schilderte seinen Vorgesetzten als einen eher unnahbaren Menschen, der sich völlig in seine Arbeit vergrub. Wenn Jodl zu den Offizieren seines Stabes sprach, bemühte er sich um eine positive Haltung. Eine kritische Diskussion über die militärische Lage sei nicht möglich gewesen. Schramm gewann den Eindruck, als ob der Generaloberst mit seiner Durchhalterethorik auch eigene Zweifel betäuben wollte (vgl. Luise Jodl, S. 146).

Hinzu kam, dass Alfred Jodl als junger Offizier das Ende des Ersten Weltkrieges erlebt hatte. Wie viele seiner Kameraden machte er ‚Zersetzungserscheinungen‘ an der Heimatfront‘ für die Niederlage verantwortlich. Je kritischer die militärische Lage des Deutschen Reiches wurde, desto stärker beharrte er – wie Hitler – das nur ein konsequenter Wille zum Sieg die Lage wenden könne. Die Möglichkeit einer politischen Beendigung des Krieges schloss er aus.

„Wer glaubt, dass man jetzt Frieden machen muss, der erfindet die Ausrede von der Erhaltung der Substanz und will damit nicht sehen, dass er überhaupt alles der Vernichtung preisgibt“, schrieb er 1943 an seine zweite Frau (Luise Jodl, S. 70).

Dieser Standpunkt wurde von den meisten deutschen Generälen geteilt, weil die Alliierten 1943 in Casablanca erklärt hatten, sie würden von Deutschland nur eine bedingungslose Kapitulation entgegen nehmen. Doch höhere Offiziere wie Rommel oder von Manstein glaubten, dass es unter Umständen möglich sei, mit einer der beiden Seiten einen Sonderfrieden abzuschließen. Dass Jodl seinen Standpunkt so radikal vertrat, lag wohl auch an der täglichen Beeinflussung durch Hitler, der stets betonte, es ginge um alles oder nichts. Oder wird hier deutlich, dass Jodl vor dem Krieg Hitler überschätzt hatte und nun Zuflucht suchte zu Durchhalteparolen? Als Chef des Wehrmachtführungstabes kannte er die militärische Situation. Lagen hier der der nüchterne Kopf, der am „Endsieg“ zweifelte, mit dem kritiklosen Bewunderer Hitlers im Zwiespalt? Traten hier jene Defizite hervor, die Bodo Scheurig benannt hatte? Jodl sah wohl keinen anderen Weg, als nach außerhin weiter auf Hitler zu setzen.

In seiner Funktion als Chef des Wehrmachtführungsstabes hat Alfred Jodl manche operative Fehlentscheidung Hitlers der Jahre 1943 bis 1945 unter der Hand korrigiert. Aber er blieb ein bedingungslos loyaler Gefolgsmann in grundsätzlichen Fragen, mochte auch das Verhältnis zwischen dem Chef des Wehrmachtführungsstabes und Hitler gegen Ende des Krieges immer distanzierter werden.

Es lässt sich nicht leugnen: Jodl hatte sich dem Diktator verschworen, auch wenn er zu den meisten Parteibonzen auf Distanz hielt. Bei seinen Kameraden aus dem Heer galt er ebenfalls als Außenseiter. Zu den Offizieren des Wehrmachtführungsstabes hatte er wenig persönlichen Kontakt.

Jodl blieb bei seiner Haltung auch im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Die Todesstrafe gegen den Generalobersten gehört noch heute noch zu den umstrittensten Urteilen.

Alfred Jodl glaubte subjektiv seine Pflicht zu tun. Aber er erkannte nicht, dass er objektiv zum Erfüllungsgehilfen eines Diktators wurde, der Deutschland ins Verderben stürzte.

Der Generaloberst wurde nach der Hinrichtung 1946 eingeäschert; die Asche wurde in einem kleinen Fluss verstreut. Im Familiengrab auf der Insel Herrenchiemsee liegt nur sein Mütze. Was immer der Generaloberst an Schuld auf sich geladen hat – am Grab endet jede Feindschaft. Was für ehemalige Terroristen der RAF gilt, sollte auch einem General der Wehrmacht zugebilligt werden.

Wer meint, sich künstlerisch betätigen zu müssen, wird sicher geeignetere Themen finden und nicht das Grab von Alfred Jodl schänden müssen.

Literatur:

Gunther Just, Soldat ohne Fehl und Tadel, Hannover 1971

Luise Jodl, Jenseits des Endes, Leben und Streben des Generaloberst Alfred Jodl, Wien, München, Zürich, 1976

Axel Kellmann, Generaloberst Alfred Jodl – Chef des Wehrmachtführungsstabes: Ein Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis zwischen Wehrmacht und NS-Regime, Saarbrücken 2004

Bodo Scheurig, Alfrd Jodl, Gehorsam und Verhängnis. Biographie, Berlin Frankfurt am Main 1991

Alan P. Wilt, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier (Roland Smelser, Enrico Syring, Alfred Jodl – Hitlers Besprechungsoffizier, in: Die Militärelite des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, S. 236–250