Die Marokkokrise von 1911

Die Zweite Marokkokrise begann am 1. Juli 1911. Vor dem marokkanischen Hafen Agadir tauchte ein deutsches Kanonenboot, der „Panther“ auf. Die Entsendung des Kriegsschiffes löste eine internationale Krise aus, deren Verlauf deutlich machte, wie isoliert das Kaiserreich in Europa war. Was ein diplomatischer Befreiungsschlag werden sollte, endete in einem außenpolitischen Katzenjammer.

Der Übergang zur „Weltpolitik“

Das 1871 gegründete Deutsche Reich nahm aufgrund seiner militärischen und wirtschaftlichen Stärke eine halbhegemoniale Stellung auf dem Kontinent ein. Nach dem Rücktritt Bismarcks 1890 bahnte sich in den neunziger Jahren eine Neuorientierung der deutschen Außenpolitik an.

Während Bismarck das Reich als „saturiert“ betrachtet hatte und darauf bedacht war, die Stellung des Kaiserreiches in Europa zu festigen, strebten die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten nach 1890 eine aktivere Rolle Deutschlands an. „Weltpolitik“ lautete das Motto. Dahinter stand der Anspruch, auch in Übersee als Großmacht ernst genommen zu werden.

Die Nachfolger Bismarcks glaubten, für diese Politik Spielraum zu haben. Das Bündnis zwischen Frankreich und Russland wurde als Realität akzeptiert. Eine Annäherung Englands an diese Mächte hielt man im Auswärtigen Amt für ausgeschlossen. Die aktivere Rolle Deutschlands durch ein gutes Einvernehmen mit London abzusichern, was bedeutet hätte, die Rolle eines Juniorpartners zu übernehmen, kam den Diplomaten in der Wilhelmstraße nicht in den Sinn. Sie gingen noch einen Schritt weiter: Der Bau einer Schlachtflotte sollte London davon überzeugen, das Kaiserreich als gleichberechtigten Partner ernst zu nehmen.

Der Kaiser wollte seit seiner Thronbesteigung die Marine deutlich vergrößern und Deutschland zu einer Seemacht machen. 1897 berief er zwei Männer in hohe Regierungsämter, denen er zutraute, seine Pläne in die Tat umzusetzen: Bernhard von Bülow übernahm als Staatssekretär das Auswärtige Amt (Minister gab es im Kaiserreich nicht) und Konteradmiral Alfred von Tirpitz trat an die Spitze des Reichsmarineamtes. Im Jahr 1900 wurde Bülow auch Reichskanzler.

Der Reichskanzler oder der Kaiser betonten immer wieder, es ginge darum, auf friedlichem Wege die Position Deutschlands in Europa zu festigen. Doch sie verkannten, dass England sich durch die maritime Aufrüstung bedroht fühlte oder zumindest die deutsche Flotte als Vorwand benutzen konnte, um sich Frankreich und Russland anzunähern.

Das Verhältnis Berlin-Paris war durch die Annexion von Elsass-Lothringen im Jahr 1871 belastet. Mit Russland gab es keine Probleme, aber jede Krise im Verhältnis Wien-Petersburg wirkte sich auch auf Deutschland aus, denn Österreich-Ungarn und Deutschland waren seit 1879 enge Verbündete.

Das junge Deutsche Reich erschien als Bedrohung. In Berlin wiederum sprach man ab 1906 von „Einkreisung“. In der Wilhelmstraße erkannte man endlich, dass der Flottenbau dem Reich schadete. Reichskanzler Bülow wollte 1908 eine Kurskorrektur in der Marinepolitik einleiten, konnte sich aber gegen Admiral von Tirpitz und den Kaiser nicht durchsetzen. Als Bülow 1909 schließlich zurücktrat, hinterließ er einen außenpolitischen Scherbenhaufen.

Marokko wird zum Streitobjekt

Der neue Kanzler, Theobald von Bethmann-Hollweg, hatte seine Karriere in der preußischen Verwaltung begonnen. Von Außenpolitik verstand er wenig, aber die gefährdete Lage des Deutschen Reiches erkannte er. Es gelang ihm 1910, den Berufsdiplomaten Alfred von Kiderlen-Wächter beim Kaiser als Staatssekretär des Äußeren durchzusetzen. Der Reichskanzler und sein Staatssekretär vertraten das Konzept einer moderaten „Weltpolitik“. Zugeständnisse im Flottenbau sollten die Beziehungen zu England verbessern und die Position des Reiches in Europa stabilisieren. Warum kam es also 1911 zu einer internationalen Krise, die an den Rand eines Krieges führte?

Marokko war, auf dem Papier, seit 1880 ein souveräner Staat. Frankreich versuchte, das Sultanat unter seine Kontrolle zu bringen. Deutschland wollte dies verhindern, aber im Vertrag von Algeciras konnte Frankreich 1906 mithilfe anderer Großmächte seine Position durchsetzen. 1909 legten Berlin und Paris in einem Vertrag ihre Streitfragen bei.

Deutsche Industrielle wollten sich mit diesem Ergebnis nicht zufriedengeben. Im Süden Marokkos gab es reichhaltige Erzvorkommen. Stammesauseinandersetzungen lieferten Frankreich einen Vorwand, sich in die marokkanische Innenpolitik einzumischen. Das Sultanat schien zu einer neuen französischen Kolonie zu werden. Kiderlen-Wächter beobachtete diese Entwicklung mit Sorge. Die Ausweitung des französischen Einflusses bedeutete in seinen Augen eine Schwächung der internationalen Position Deutschlands. Der Staatssekretär pflegte Kontakte zum Alldeutschen Verband, einer nationalistischen Vereinigung, die für eine expansive Außenpolitik warb, und zur Schwerindustrie. Hier kritisierte man die vorsichtige Diplomatie des Reichskanzlers.

Am 21. Mai 1911 besetzte Frankreich die Stadt Fes. Offiziell kam Paris dem Sultan zur Hilfe. Deutschland reagierte mit der Entsendung des Kanonenbootes „Panther“, das am 1. Juli vor Agadir Flagge zeigte. Am gleichen Tag übergaben in London, Paris und den anderen Hauptstädten des Madrider Abkommens von 1880 die deutschen Botschafter eine Note, in der Berlin erklärte, man schütze auf Wunsch deutscher Industrieller die Interessen der eigenen Bürger in Marokko.

Einen Tag darauf erschien in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung (RWZ) ein Artikel, der die Entsendung des deutschen Kriegsschiffes als „befreiende Tat“ feierte. Endlich, so der Tenor, wäre Deutschland wieder als Großmacht aufgetreten. In den letzten beiden Jahrzehnten hätte das Reich in der Außenpolitik nur Demütigungen hinnehmen müssen. Nun würde das Kaiserreich endlich den Platz einfordern, der ihm zukäme. Die Ehre der Nation stünde auf dem Spiel. Am Schluss hieß es: „Die Verständigung mit uns über die Aufteilung steht ihnen frei. Wollen sie nicht, dann mag der Panther die Wirkung der Emser Depesche haben.“

Die sogenannte Emser Depesche war ein diplomatisches Manöver gewesen, mit der Bismarck 1870 den deutsch-französischen Krieg provoziert hatte. Schwerindustrielle Kreise standen hinter der RWZ. Die martialische Wortwahl drückte eine Stimmung aus, die bei Konservativen und Nationalliberalen vorherrschte. Jahrelang hätte Deutschland sich zurückgehalten; nun aber würde sich dies ändern. Das Reich wäre entschlossen, sein Schwert in die Waagschale zu werfen.

Im Ausland verfehlten diese Worte ihre Wirkung nicht. In London bat Außenminister Grey den deutschen Botschafter Graf Wolff-Metternich zu sich und fragte nach den deutschen Absichten, aber Kiderlen hatte keine Weisung erteilt. Metternich konnte nur versichern, dass er nichts wüsste – ein Verhalten, das im Foreign Office Kopfschütteln auslöste.

Am 9. Juli suchte der französische Botschafter in Berlin, Cambon, den Staatssekretär des Äußeren auf. Kiderlen deutete an, dass Deutschland sich in Zukunft aus Marokko heraushalten würde, wenn es im Gegenzug mit einer Kompensation rechnen könne. Am 15. Juli wurde der Staatssekretär deutlicher: Das Reich forderte von Frankreich die Abtretung der Kongokolonie. Cambon erwiderte, dass dieser Preis zu hoch sei. Man vereinbarte jedoch, im Gespräch zu bleiben.

Bethmann-Hollweg informierte telegrafisch den Kaiser, der sich mit seiner Jacht auf seiner traditionellen Sommerreise in den norwegischen Gewässern befand. Der Monarch zeigte sich nun besorgt und fürchtete ein Eingreifen Englands. Er brach seinen Segeltörn ab und kehrte nach Kiel zurück. Kiderlen-Wächter hingegen befürchtete, die Reichsleitung würde nachgeben und drohte am 17. Juli mit seiner Demission. Für ihn stellte die Krise die letzte Möglichkeit dar, aus einer Position der Stärke heraus Frankreich Zugeständnisse abzupressen. Nicht Marokko interessierte ihn, sondern die Erweiterung und Festigung der deutschen Machtbasis in Zentralafrika.

Der deutschen Außenpolitik fehlte es in diesen Tagen an einem klaren Kurs. Deutschlands Stellung in der Welt sollte mit einem außenpolitischen Erfolg gestärkt werden – nur wie? Kiderlen ging davon aus, dass England nicht bereit wäre, die Franzosen zu unterstützen. Auf sich gestellt müsste Paris nachgeben und wäre am Ende auch enttäuscht über die Rolle des britischen Verbündeten. Dann eröffneten sich – so die Vorstellungen des Auswärtigen Amtes –  neue Möglichkeiten für eine Verständigung zwischen Berlin und London.

Schon diese Grundannahmen verrieten wenig Blick für die Realität: England hatte Frankreichs Position in der Marokkofrage bereits 1905/06 unterstützt. Die Besorgnisse des Kaisers über eine Parteinahme Londons zugunsten Frankreichs waren daher berechtigt.

Der britische Finanzminister Lloyd George machte am 21. Juli 1911 in einer Rede vor Bankiers in der britischen Hauptstadt deutlich, dass England notfalls zum Krieg bereit wäre, um seine Machtposition zu verteidigen. Obwohl die Marokkokrise mit keinem Wort erwähnt worden war, begriff man in Europa schnell, dass London damit die französische Position unterstützte. Kiderlen-Wächter wies den deutschen Botschafter in London an, im Foreign Office einen scharfen Protest vorzubringen. Als Wolff-Metternich am 25. Juli seinen Auftrag ausgeführt hatte, versetzte die britische Regierung ihre Marine in Alarmbereitschaft.

In Paris fühlte man sich bestärkt. Alleine hätte man Deutschland kaum die Stirn bieten können, denn die Armee war noch nicht kriegsbereit. Auf der anderen Seite des Rheins hatte die Regierung eine Erwartungshaltung geschürt, die Abstriche an den eigenen Forderungen kaum möglich machte. Kiderlen wurde die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr los. Die Tageszeitung „Die Post“, ein Blatt, das sonst regierungsnahe Positionen vertrat, kritisierte in einem Artikel am 4. August den Kaiser und den Reichskanzler wegen ihrer angeblich zu nachgiebigen Haltung.

In den Außenministerien in Berlin, Paris und London suchten die Diplomaten in den folgenden Wochen nach Kompromisslösungen. Anfang November 1911 wurde schließlich ein Abkommen unterzeichnet, in dem Deutschland die französischen Interessen in Marokko anerkannte und dafür einen Teil des französischen Kongo erhielt, immerhin 275 000 Quadratkilometer. 1912 verlor das Sultanat seine Souveränität und Marokko wurde französisches Protektorat.

Warum scheiterte die deutsche Diplomatie?

Die Marokkokrise von 1911 zeigte, wie konzeptionslos und ungeschickt die deutsche Diplomatie vorging. Man entsandte ein Kanonenboot, das militärisch kaum etwas bewirken konnte, aber den Eindruck erweckte, das Reich rüstete für einen Krieg. Dann ignorierte die Wilhelmstraße das britische Außenministerium und ließ London im Unklaren über die deutschen Ziele. Nach der Rede von Lloyd George folgte eine Reaktion aus Berlin, die dazu führte, dass britische Kriegsschiffe Kohlen und Munition bunkerten. In Deutschland versuchte derweil der Staatssekretär des Äußeren die Wogen zu glätten, während im preußischen Generalstab eine friedliche Lösung ausgeschlossen wurde. Der Kaiser, der im Juni noch die Entsendung des Kanonenbootes gebilligt hatte, wollte keinen Krieg. Die deutschen Diplomaten folgten einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitverbreiteten Denkschule. Außenpolitik war Machtpolitik im System der fünf Großmächte England, Russland, Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn. Wenn Frankreich mehr Einfluss gewann, dann bedeutete das automatisch für die Wilhelmstraße eine Schwächung Deutschlands. Diese kalkulierte Machtpolitik setzte auf Drohungen, scheute aber einen offenenKrieg.

Der „Panthersprung“ führte dazu, dass die Opposition gegen die „Weltpolitik“ in der deutschen Gesellschaft wuchs. Im Reichstag unterstützten Nationalliberale und Konservative das fordernde deutsche Auftreten. Die Führung der SPD sah das Wirken der Wilhelmstraße mit kritischen Augen, machte aber erst auf Drängen Rosa Luxemburgs gegen die deutsche Außenpolitik entschieden Front. Am 3. September 1911 kam es im Treptower Park in Berlin zu einer Antikriegsdemonstration, an der 200 000 Menschen teilnahmen. Bethmann-Hollweg, der noch zu Beginn seiner Kanzlerschaft die deutsche Diplomatie in ruhigere Bahnen lenken wollte, trug Verantwortung für eine Krise, die beinahe zum Krieg geführt hätte.

Sein Staatssekretär entpuppte sich als Spieler, der seine Gegner unterschätzt hatte und sich nur mit Tricks und Glück über die Runden retten konnte. Frankreich war 1911 nicht kriegsbereit, Russland sah in der Marokkokrise keinen Bündnisfall und auch London war an einer friedlichen Lösung interessiert. Aber die Zusammenarbeit zwischen London, Paris und Petersburg wurde als Konsequenz des „Panthersprungs“ weiter intensiviert.

In Deutschland hingegen setzte Admiral Tirpitz die Weiterführung des Flottenbaus durch, während Bethmann-Hollweg in den letzten Jahren vor dem Krieg an dem Ziel festhielt, das Verhältnis zu England durch Absprachen in kolonialpolitischen Fragen zu verbessern.

Der deutschen Außenpolitik fehlte bis 1914 eine einheitliche Linie. Doch gerade ein klarer, auf Verständigung ausgerichteter Kurs wäre die einzig richtige Konsequenz aus der Marokkokrise von 1911 gewesen. Zwei Machtblöcke standen einander gegenüber: eine Koalition, bestehend aus Frankreich, England und Russland auf der einen Seite und das Deutsche Kaiserreich und die Habsburger Doppelmonarchie auf der anderen Seite. In beiden Lagern hatten sich die Kräfte der Vernunft 1911 noch einmal durchsetzen können. Drei Jahre später, im Sommer 1914, war dies nicht mehr möglich.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Interzeitschrift „Globkult“ veröffentlicht.