Die deutsche Polizei im 21. Jahrhundert

Kleider machen Leute. Auch im Dienst. Zuletzt sah ich auf der Aachener Str. in Köln einen jungen Polizisten. Seine langen Haare hatte er zu einem Dutt zusammengebunden. Die kurzen Ärmel seines Diensthemdes boten den Passanten Gelegenheit, seine mit Tätowierungen verzierten Arme zu bewundern.

Auch Beamte können sich auf die im Grundgesetz (GG) festgelegten Grund- und Menschenrechte berufen. Nach Artikel 2 Abs. 1 GG hat jeder – also auch ein Polizist – das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht gegen die Rechte anderer, die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen das Sittengesetz verstößt. Zur verfassungsmäßigen Ordnung gehört auch das Landesbeamtengesetz NRW. § 45 dieser Rechtsnorm legt fest, dass die Landesregierung Bestimmungen über das Tragen einer Dienstkleidung erlasst, wenn dies zur Ausübung des Amtes erforderlich ist. Ein Polizeivollzugsbeamter muss Dienstkleidung tragen, damit er von den Bürgern als „Ordnungshüter“ wahrgenommen wird. Wohlgemerkt: in Ausübung seines Dienstes. Der Dienstherr muss eine Güterabwägung vornehmen: Schadet die Frisur oder eine Tätowierung dem Ansehen der Polizei? Führt das äußere Erscheinungsbild dazu, dass der Polizist seine Dienstgeschäfte nicht mehr überzeugend wahrnehmen kann?

Bis vor Kurzem lehnten Einstellungsbehörden Bewerber mit Tätowierungen ab. Die Verwaltungsgerichte gaben den Dienstherrn recht. Nun haben Polizei und Verwaltungsgerichte ihre Meinung geändert. Eine Ablehnung ist nur noch zulässig, wenn die Tätowierungen rassistische, sexistische oder verfassungswidrige Motive zeigen.

Der Sprecher einer Polizeigewerkschaft kommentierte dies mit den Worten, man sei endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Tätowierungen sind demnach Teil unserer Alltagskultur geworden.

In der Tat: Vor fünfzig Jahren konnte ein Verwaltungsbeamter in der Regel nicht ohne Krawatte zum Dienst erscheinen. Lange Haare waren ebenfalls tabu. Miniröcke bei weiblichen Mitarbeitern betrachteten manche Vorgesetzte insgeheim mit Wohlwollen; offiziell fanden sie es ‚unmöglich‘.

Warum also keine rechtlich einwandfreien Tätowierungen bei Polizisten? Schaut man sich im Sommer in einer deutschen Großstadt um, entdeckt man Herren in kurzer Hose und Damen in bauchfreien Tops. Die deutsche Gesellschaft bevorzugt mittlerweile einen sehr saloppen Kleidungsstil. Was will man damit zum Ausdruck bringen? Wir sind locker, frei und lässig? Dann mag auch ein Polizist oder eine Polizistin den eigenen Körper „verzieren lassen“, als hätte man selber mal im Knast gesessen oder wäre zur See gefahren.

So kann man schlechten Geschmack als Liberalität verkaufen. Und zu dieser Gesellschaft passt ein Ordnungshüter, der immerhin noch ein Hemd mit Bügelfalte und eine lange Hose trägt – die Dienstbekleidung. Die Tätowierungen lockern das strenge Erscheinungsbild auf und signalisieren, dass auch die Polizei cool ist. Irgendwann werden vielleicht Shorts zur Dienstbekleidung der Polizei gehören. Ich empfehle dazu Sandalen und weiße Socken.

Zweifel habe ich allerdings daran, dass die deutsche Polizei im 21. Jahrhundert angekommen ist. Hinter mancher tätowierter Schale scheint immer noch ein Vertreter des deutschen Obrigkeitsstaates zu stecken. Statt Pickelhauben Tätowierungen – die zeitgemäße Form der Eingriffsverwaltung.