Das unrühmliche Ende der Hohenzollern

Das unrühmliche Ende der Hohenzollern vollzog sich im Herbst 1918. Ende Oktober verließ Wilhelm II. Berlin und begab sich nach Spa in Belgien, wo die Oberste Heeresleitung ihr Quartier bezogen hatte. Dort musste er schon nach wenigen Tagen feststellen, dass die deutschen Truppen nicht mehr unter seinem Befehl in die Heimat marschieren wollten. Der Mann, der nach seiner Thronbesteigung versprochen hatte, er werde sein Volk herrlichen Zeiten entgegenführen, musste am 10. November 1918 in den Niederlanden um Asyl nachsuchen. In Berlin war die Republik ausgerufen worden.

Wie kam es zu diesem schmählichen Ende?

Die militärische Entwicklung bis zum August 1918

Seit 1916 bildeten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und sein Stellvertreter, General Erich Ludendorff, die Oberste Heeresleitung. Beide gehörten dem Generalstab an. Ihre unterschiedlichen Charaktere und Fähigkeiten ergänzten sich in idealer Weise. Hindenburg strahlte auch in Krisensituationen Ruhe und Zuversicht aus. Ludendorff, der militärisch seinen Vorgesetzten überragte, war ein energischer und willensstarker Mensch. Bei Rückschlägen neigte er aber zu überhasteten Reaktionen.

Hindenburg und Ludendorff nahmen auch Einfluss auf die deutsche Politik. Sie lehnten politische Reformen, vor allem die Einführung des gleichen Wahlrechts in Preußen, ab. 1917 trugen sie mit dazu bei, dass der Kaiser Reichskanzler Bethmann-Hollweg entließ, weil Bethmann die uferlosen Annexionspläne der Militärs ablehnte. Politiker wie der liberale Vizekanzler Friedrich von Payer wandten sich zuerst an Ludendorff, wenn es um wichtige politische Entscheidungen ging. Trotz seiner nationalkonservativen Vorstellungen pflegte der General mit dem Reichstag einen pragmatischen Umgang.

Die Nachfolger von Bethmann-Hollweg im Kanzleramt erwiesen sich als schwach und konnten sich gegen die Oberste Heeresleitung nicht durchsetzen. Für kurze Zeit amtierte Georg Michaelis in der Reichskanzlei. Michaelis, ein fähiger Beamter, war in der Politik überfordert. Im Herbst 1917 folgte ihm der bayerische Ministerpräsident Hertling. Hertling gehörte dem rechten Flügel des katholischen Zentrums an und war 74 Jahre alt. Schon aus gesundheitlichen Gründen tat er sich in seinem neuen Amt schwer.

Dass Michaelis und Hertling sich gegen Ludendorff nicht behaupten konnten, lag auch daran, dass Kaiser Wilhelm II. in der Regel für die Militärs Partei nahm. Der Monarch unterstützte die Kriegsziele der Obersten Heeresleitung. Hindenburg und Ludendorff waren davon überzeugt, dass Deutschland den Krieg gewinnen und den Alliierten die Friedensbedingungen aufdiktieren könne. In die Operationsführung mischte sich der Kaiser nicht ein. Im Gegenteil: Er tat so, als ob ihn der Krieg nichts anginge. Seine Tage verbrachte er im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung mit Spaziergängen, Teerunden und einem zünftigen Skat. Wichtige Entscheidungen, etwa der Übergang zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg 1917, fielen in kurzen Besprechungen, weil der Kaiser auf die Jagd gehen wollte. Wilhelm II. hielt sich selten in Berlin auf und kannte die Nöte der Bevölkerung kaum.

Der Kronprinz führte seit 1916 formell die „Heeresgruppe Kronprinz“ an der Westfront. Schon vor 1914 neigte er zu einem übersteigerten Nationalismus. Der Kaiser musste ihn mehrmals auffordern, sich zu mäßigen. Seinen dandyhaften Lebensstil setzte er im Krieg fort. Bei all seinen charakterlichen Schwächen bewies er gelegentlich mehr Sachverstand als erwartet. So trat er 1916 dafür ein, die verlustreiche Offensive bei Verdun abzubrechen. In der Öffentlichkeit aber wurde er für die verlorene Schlacht verantwortlich gemacht, was seinem Ansehen schadete. Bis zum Ende des Krieges spielte er eine zwielichtige Rolle. So schlug er 1917 vor, den Krieg mit einem Vergleichsfrieden zu beenden. Kurze Zeit später trug er mit dazu bei, dass Wilhelm II. Reichskanzler von Bethmann-Hollweg entließ, und stellte sich wieder auf die Seite der Obersten Heeresleitung, die expansive Kriegsziele anstrebte. Auch überzeugte Anhänger der Monarchie hielten ihn für unfähig, nach dem Tod seines Vaters den Thron zu besteigen.

Das deutsche Volk hatte seit 1914 unter den Folgen der englischen Seeblockade zu leiden. Ab 1915 wurden Lebensmittel rationiert. Im „Hungerwinter“ 1916/17 erreichten die Versorgungsengpässe ihren Höhepunkt. Die Steckrübe wurde zum wichtigsten Nahrungsmittel, da 1916 die Kartoffelernte schlecht ausgefallen war. In den Zeitungen warb man für koffeinfreien „Nährsalz-Frucht-Kaffee“, der gesünder sei als Bohnenkaffee. Vor den Lebensmittelläden bildeten sich lange Schlangen. Je länger der Krieg dauerte, desto häufiger kam es vor allem in Großstädten zu Hungerkrawallen. Die Polizei musste einschreiten. Ein Schwarzmarkt entstand. Wer Geld hatte, konnte dort Lebensmittel erwerben, die es in Geschäften nicht mehr gab. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich wuchsen. In den Betrieben stieg die Zahl der Streiks. Aber auch beim Militär gab es eine Klassengesellschaft. Die Offiziere der Linienschiffe, die in Kiel oder Wilhelmshaven untätig vor Anker lagen, speisten wie in Friedenszeiten. Für Matrosen gab es Steckrübensuppe.

Die Unzufriedenheit in der Heimat wirkte sich auch auf das Heer aus. Erich Ludendorff beklagte in seinen Kriegserinnerungen, dass die Kampfmoral im Vergleich zu 1914 nachgelassen hätte. Der stellvertretende Chef des Generalstabes forderte von den Behörden in Deutschland ein härteres Durchgreifen. Die wirtschaftlichen und sozialen Nöte ignorierte er.

Ab Herbst 1917 berieten Hindenburg und Ludendorff die militärischen Pläne für 1918. In seinen Erinnerungen schrieb der General, man hätte vor der Wahl gestanden, die „bestehende Gunst der Verhältnisse“ zu nutzen oder sich auf eine Defensivstrategie zu beschränken. Die „Gunst der Verhältnisse“ bestand für Ludendorff darin, dass es nur noch die Westfront gab. Die Kampfkraft der englischen und französischen Verbände schätzte er nicht hoch ein. Im Laufe des Jahres 1918 würden sie aber durch gut ausgebildete und vor allem ausgeruhte amerikanische Verbände verstärkt werden. Deshalb wollte die Oberste Heeresleitung im Frühjahr eine Großoffensive starten mit dem Ziel, einen Keil zwischen die Franzosen und Engländer zu treiben. Die britische Armee sollte an die Kanalküste gedrängt und dort eingeschlossen werden. Nur auf sich gestellt hätten die Franzosen keine Chance.

Im Februar 1918 legte der liberale Soziologe August Weber der Obersten Heeresleitung eine Denkschrift vor, die unter anderem auch von dem Unternehmer Robert Bosch und dem Gewerkschaftsführer Carl Legien unterstützt wurde. Weber warb dafür, die militärische Offensive mit politischen Schritten zu verbinden. Vor dem deutschen Angriff sollte die Führung des Reiches öffentlich erklären, dass nach dem Krieg die Souveränität Belgiens unverzüglich wiederhergestellt werden würde. Außerdem machte Weber noch einmal auf die krisenhafte Stimmung an der Heimatfront aufmerksam. Die deutsche Bevölkerung sei am Ende ihrer Kräfte. Wenn es nicht gelänge, den Krieg 1918 zu gewinnen, drohe der Zusammenbruch. Ludendorff antwortete nur ausweichend. Ein Verzicht auf Belgien kam für ihn nicht infrage.

Am 21. März 1918 begann die deutsche Offensive. Bis zum 24. März sah es so aus, als ob sie Erfolg hätte. Eine englische Armee wurde vernichtend geschlagen. In den alliierten Kommandostäben breitete sich Panik aus.

In dieser Situation beging Ludendorff einen schweren Fehler. Lag das Schwergewicht des Angriffs bis jetzt nördlich der Somme, um die Briten in die Knie zu zwingen, so sollten die deutschen Truppen nun auch südlich der Somme offensiv gegen die Franzosen vorgehen. Dadurch verzettelte die Oberste Heeresleitung ihre Kräfte. Anfang April 1918 musste die Offensive eingestellt werden.

Bis Mitte Juli 1918 versuchte Ludendorff vergeblich mit weiteren Offensiven, den kriegsentscheidenden Sieg zu erringen. Die deutschen Armeen mussten nun eine verlängerte Front ohne die erforderlichen Kräfte halten.

Am 18. Juli 1918 griffen die Alliierten bei Soissons einen deutschen Frontvorsprung an. Die Schlacht dauerte bis Anfang August. Bereits am Abend des ersten Tages zeichnete sich die deutsche Niederlage ab. Mehrere Hundert Panzer wurden von amerikanischen Truppenteilen unterstützt, die gut ausgebildet waren und ausgeruht in die Kämpfe gehen konnten.

Die deutschen Soldaten hingegen waren müde, erschöpft und abgekämpft. General Ludendorff musste die Front zurücknehmen. Soissons war zwar nur ein taktischer Sieg, sorgte aber für eine psychologische Wende zugunsten der Alliierten.

Ludendorff soll am 19. Juli 1918 seinen Rücktritt angeboten haben. Manche Offiziere hatten den Eindruck, er stünde vor einem Nervenzusammenbruch. Doch schon am 1. August 1918 konnte Unterstaatssekretär Radowitz aus dem Feldhauptquartier nach Berlin melden, der General strahle wieder Zuversicht aus und plane eine neue Offensive.

Die militärischen Berater Ludendorffs sprachen sich gegen weitere Angriffe aus. Sie wollten zu einer elastischen Verteidigung übergehen. Unter anderem schlugen sie vor, den Frontbogen bei Amiens zurückzunehmen. Doch gerade dort wollte der stellvertretende Chef des Generalstabes wieder offensiv werden. Die Alliierten kamen ihm jedoch zuvor. Am 8. August 1918 griffen sie – wie bei Soissons – mit starken Panzerverbänden an. Die Kampfwagen überrollten die deutschen Linien. Viele deutsche Soldaten hoben die Arme und leisteten keinen Widerstand. 17 000 Gefangene zählten die Alliierten am Abend. Deutschen Truppen, die zum Gegenangriff angetreten waren, kamen eigene Soldaten entgegen, die ihnen „Streikbrecher“ zuriefen. Wie bei Soissons konnte der gegnerische Einbruch abgeriegelt werden. Es war aber nicht mehr zu leugnen, dass das Feldheer nur noch bedingt kampffähig war. Erich Ludendorff bezeichnete später den 8. August 2018 vom „schwarzen Tag des deutschen Heeres“.

Am 10. August 1918 hielt der General Kaiser Wilhelm II. Vortrag. Der Monarch äußerte danach, es sei Zeit, den Krieg zu beenden. Doch wie sollte das geschehen? Eine diplomatische Initiative setzte voraus, dass man die Front stabilisieren könnte. Außerdem müssten die Oberste Heeresleitung und der Monarch auf ihre Annexionspläne verzichten. Wie würde man in Deutschland reagieren, wo Teile der Bevölkerung immer noch an den Siegfrieden glaubten? Und wie würden sich die Alliierten verhalten? Für den 14. August 1918 berief der Kaiser einen Kronrat nach Spa in Belgien ein.

Die Parlamentarisierung von oben

Am Kronrat nahmen neben Hindenburg und Ludendorff der Kronprinz, Reichskanzler Hertling und der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Paul von Hintze, teil. Schon am 13. August 1918 setzten sich Militärs und Zivilisten zusammen. Ludendorff gab ein ungeschminktes Bild der Lage. Hintze hielt daraufhin Friedenssondierungen für unerlässlich. Er machte darauf aufmerksam, dass die Oberste Heeresleitung Abstriche von ihren Annexionspläne machen müsse. Teile der besetzten Gebiete wie Belgien und Polen müssten geräumt werden. Gegenüber Reichskanzler Hertling soll Hintze am Abend des 13. August 1918 erwähnt haben, dass er zurücktreten wolle, wenn er im Kronrat nicht die Ermächtigung zu Friedensverhandlungen erhielte. Der Reichskanzler hatte schon resigniert und meinte lediglich, dass er als alter Mann wohl zuerst gehen dürfe.

Der Kronrat am 14. August 1918 brachte kein Ergebnis. Ludendorff erging sich in Vorwürfen gegen die Behörden in der Heimat, die nicht hart genug gegen die wachsende Unzufriedenheit durchgreifen würden. Hintze nahm schließlich zur kritischen militärischen Lage im Westen Stellung. Der Kaiser, Reichskanzler Hertling und die Oberste Heeresleitung vertraten die Ansicht, dass Friedenssondierungen erst möglich wären, wenn man wieder einen militärischen Erfolg errungen hätte.

Eine militärische Führung, die sich mal positiv und mal negativ äußert, ein Reichskanzler, der sein Amt aufgeben möchte und ein Kaiser, der während des Krieges immer mehr an Einfluss preisgegeben hatte – die Führung des Reiches wirkte in der größten Krise der deutschen Geschichte seit 1871 hilflos.

In der zweiten Hälfte des August griffen die Alliierten ohne Unterbrechung an. Zwar gelang ihnen kein Durchbruch, aber die deutschen Truppen wurden immer weiter zurückgedrängt.

Anfang September bat Reichskanzler Hertling die Oberste Heeresleitung um eine Einschätzung der militärischen Situation. Hindenburg antwortete am 4. September 1918, er hoffe, man könne die Front halten.

In Wirklichkeit rechnete General Ludendorff im September fast täglich mit einem alliierten Durchbruch. Ende September 1918 entschloss er sich deshalb zusammen mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg zu einem verhängnisvollen Schritt. Am 28. September 1918 hielt er dem Kaiser erneut Vortrag und forderte, die Westmächte unverzüglich um einen Waffenstillstand zu bitten. Das kam einer bedingungslosen Kapitulation gleich. Außerdem schlug er dem Monarchen vor, eine parlamentarische Regierung zu bilden. Ludendorff, der seit 1916 jede innenpolitische Reform entschieden bekämpft hatte, wollte die Verantwortung nun auf die Parteien abwälzen, die 1917 im Reichstag einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen gefordert hatten: die Sozialdemokraten, das Zentrum und die Linksliberalen. Wilhelm II. unterzeichnete einen Erlass, der den Weg zu einer parlamentarischen Monarchie öffnete.

Reichskanzler Hertling trat zurück. Am 3. Oktober 1918 ernannte Wilhelm II. Prinz Max von Baden, einen liberalen Aristokraten, zum Reichskanzler.

Prinz Max war vor dem Krieg als General aus dem aktiven Militärdienst ausgeschieden. Seit 1914 hatte er sich in der Kriegsgefangenenfürsorge engagiert. Die Eroberungspläne von Hindenburg und Ludendorff hatte er abgelehnt. Ebenso stand er einer parlamentarischen Monarchie kritisch gegenüber. Er wollte die Rechte des Reichstages erweitern, glaubte aber, das Parlament und die Regierung müssten eng zusammenarbeiten. Trotz seiner Bedenken legte er dem Reichstag ein verfassungsänderndes Gesetz vor, mit dem der Erlass des Kaisers in die Tat umgesetzt werden sollte.

Dagegen wehrte er sich zuerst gegen das in seinen Augen überstürzte Waffenstillstandsgesuch. Hindenburg und Ludendorff verwiesen auf die Lage an der Front. Gleichzeitig beriefen sie sich auf das im Januar 1918 vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson veröffentlichte 14-Punkte-Programm. Wilson hatte darin die Grundzüge einer neuen Nachkriegsordnung skizziert. Unter anderem forderte er die Wiederherstellung Belgiens, die Räumung Russlands, die Abtretung von Elsass-Lothringen an Frankreich und die Auflösung von Österreich-Ungarn. Die Oberste Heeresleitung erlag der Illusion, die Amerikaner würden dem Reich einen „ehrenvollen Frieden“ ermöglichen.

Am 4. Oktober 1918 musste sich Max von Baden dem Kaiser beugen und ersuchte die Vereinigten Staaten darum, die Feindseligkeiten einzustellen. Drei Noten wurden im Oktober 1918 zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung ausgetauscht. In seiner letzten Note vom 23. Oktober 1918 ließ Wilson die deutsche Seite wissen, dass er nur mit einer Regierung verhandeln wolle, die das Vertrauen des Volkes genießen würde. Dieser Eingriff in innerdeutsche Verhältnisse war völkerrechtlich fragwürdig.

In Deutschland spitzte sich die Kritik an Wilhelm II. und dem Kronprinzen zu. Doch der Kaiser war nicht zu einem Thronverzicht bereit. Nach der letzten Note des amerikanischen Präsidenten erklärte die Oberste Heeresleitung eigenmächtig, dass sie den Krieg unter diesen Umständen fortsetzen wolle. Prinz Max von Baden forderte daraufhin die Entlassung von General Ludendorff. Die geplante Parlamentarisierung unterstellte auch das Militär der Regierung. Der Kaiser ließ die Oberste Heeresleitung nach Berlin kommen. Hindenburg und Ludendorff boten ihren Rücktritt an, aber der Kaiser akzeptierte nur die Demission des stellvertretenden Chefs des Generalstabes. Hindenburg dagegen blieb. Wilhelm II. soll bei dieser Gelegenheit gesagt haben, er wolle sich nun mit den Sozialdemokraten ein neues Reich aufbauen, eine Bemerkung, die deutlich macht, dass der Monarch den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hatte. An die Stelle von Ludendorff trat General Wilhelm Groener.

Der Reichstag forderte am 25. Oktober 1918 die Abdankung des Kaisers. Der älteste Sohn des Kronprinzen sollte den Thron besteigen. Da er noch minderjährig war, hätte ein Reichsverweser bis zur Volljährigkeit die Amtsgeschäfte des Staatsoberhauptes übernommen. In den letzten Oktobertagen stimmten Reichstag und Bundesrat den Reformgesetzen zu, die das Kaiserreich in eine parlamentarische Monarchie umwandelten. Das undemokratische Dreiklassenwahlrecht in Preußen wurde ebenfalls abgeschafft.

Dass Wilhelm II. in Wirklichkeit nicht bereit war, sich mit der Beschneidung seiner Macht abzufinden, bewies er am 29. Oktober 1918. Ohne die Genehmigung des Reichskanzlers einzuholen, verließ er Berlin und begab sich in das Hauptquartier der Obersten Heeresleitung nach Spa in Belgien.

Mittlerweile versuchten auch die deutschen Verbündeten, den Krieg zu beenden. Berlin hatte keinen Einfluss mehr auf sie.

Ende Oktober 1918 brachen auf den Schiffen der Kaiserlichen Marine in Kiel und Wilhelmshaven Meutereien aus. Unter den Matrosen ging das Gerücht um, die Führung der Flotte wolle durch einen Vorstoß in die Nordsee die Engländer zu einer Schlacht zwingen. Dieses militärisch sinnlose Unternehmen hätte am Ausgang des Krieges nichts mehr ändern können.

Die Meuterei auf der Hochseeflotte löste in Deutschland den Zusammenbruch der Monarchie aus. Die Matrosen bildeten in Kiel einen Arbeiter- und Soldatenrat und übernahmen die Kontrolle über die Stadt. In den ersten Novembertagen 1918 verließen aufständische Matrosen Kiel und unterstützten im Binnenland die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten. Die SPD konnte nicht verhindern, dass ein Teil ihrer Mitglieder mit den Vertretern der Unabhängigen Sozialdemokraten, einer linken Abspaltung von der Sozialdemokratie, sich in den Räten organisierte. Die meisten Behörden arbeiteten weiter, als ob nichts passiert wäre. Am 7. November 1918 dankte der bayerische König als erster Fürst eines deutschen Bundesstaates ab.

Auch in Berlin hatte die Straße mittlerweile die Initiative an sich gerissen. Prinz Max von Baden versuchte, den Kaiser zur Abdankung zu überreden, doch der Monarch weigerte sich immer noch. Er wollte an der Spitze des Feldheeres in die Heimat marschieren und die Aufstände niederschlagen. Hindenburg und Groener bestellten Truppenkommandeure in das Hauptquartier nach Spa. Von ihnen erfuhr Wilhelm, dass die Truppe nicht mehr bereit war, sich seinem Befehl zu unterstellen. Dann erwog Wilhelm, als Kaiser zurückzutreten, aber die preußische Krone wollte er behalten. Schließlich sah er ein, dass diese Idee unrealistisch war.

Am 5. November 1918 hatte der Kaiser Waffenstillstandsverhandlungen zugestimmt. Die deutsche Delegation nahm am 8. November in Compiègne die äußerst harten Bedingungen entgegen. Am 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft.

Zu diesem Zeitpunkt gab es keine deutsche Monarchie mehr. Am Mittag des 9. November 1918 gab Prinz Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt und übergab seine Amtsgeschäfte an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief die Republik aus.

Wilhelm II. reagierte in Spa mit ohnmächtiger Wut. Am 10. November 1918 suchte er in Holland um Exil nach. Am 28. November 1918 dankte er offiziell ab.

Das unrühmliche Ende der Hohenzollern

Die deutsche Niederlage war die Konsequenz versäumter Reformen und einer falschen Kriegszielpolitik. Zweifellos waren die Westmächte nicht an einem Frieden interessiert. Deutschland hätte aber die Chance gehabt, durch einen maßvollen Frieden mit Russland 1918 die politische Initiative zu übernehmen. Doch der Kaiser, die Militärs, das Auswärtige Amt und ein Teil der deutschen Bevölkerung wollten einen Siegfrieden mit Gebietserweiterungen und harten Bedingungen für die Besiegten.

Die Offensive im Westen war ein riskantes Unternehmen. Hätte ein Erfolg den Krieg für Deutschland entschieden? Die deutschen Truppen hätten möglicherweise die Engländer an die Küste gedrängt. Doch Franzosen und Amerikaner wären dadurch nicht besiegt worden.

Der Übergang zu einer strategischen Defensive ab Februar 1918 wäre nur sinnvoll gewesen, wenn man die Front verkürzt und gleichzeitig die Wiederherstellung Belgiens nach Kriegsende angekündigt hätte. Dazu war die Führung des Reiches nicht bereit.

Die deutsche Politik wurde 1918 von den Militärs bestimmt. Der Kaiser hatte an Ansehen und Einfluss verloren. Nur mit einem Sieg hätte er seinen Thron retten können. Die zivile Reichsleitung lavierte zwischen dem Monarchen, der Obersten Heeresleitung und der Mehrheit des Reichstages hin und her.

Prinz Max von Baden war im Gegensatz zu seinen Vorgängern für Veränderungen offen, doch er besaß keine Erfahrungen in der Politik. Sein Handlungsspielraum wurde durch das übereilt abgegebene Waffenstillstandsersuchen stark eingeschränkt. Hinzu kam, dass Wilson mit seiner dritten Note vom 23. Oktober 1918 den Reichskanzler faktisch erpresste. Nur ohne Wilhelm II. – so signalisierte Wilson – hätte Deutschland Aussicht auf einen erträglichen Frieden. Da der Kaiser und sein Sohn durch ihr Verhalten im Krieg der Monarchie stark geschadet hatten, wirkte die Botschaft des amerikanischen Präsidenten in der innenpolitischen Krise wie ein Brandbeschleuniger. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung wollte Frieden – so schnell wie möglich. Arbeiter und Soldaten ergriffen Anfang November die Initiative. Die bürgerlichen Parteien wirkten wie gelähmt.

Der Kaiser wurde nicht durch eine revolutionäre Bewegung gestürzt. Er scheiterte an seiner Unfähigkeit. Hindenburg und Ludendorff begingen im Frühjahr und Sommer 1918 schwere militärische Fehler. Hinzu kam, dass die Generäle den Kaiser und die zivile Reichsleitung nach dem Scheitern ihrer Offensive bis Ende September 1918 immer noch nicht genau über die militärische Lage informierten.

Der Reichstag hätte ab Ende Oktober 1918 die Möglichkeit gehabt, die Initiative zu ergreifen. Doch die deutschen Parteien hatten in der konstitutionellen Monarchie nicht gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Erst in der zweiten Hälfte des Krieges bildete sich eine Koalition aus SPD, Zentrum und den Linksliberalen heraus, die eine Regierung hätte bilden können. Die Pläne der stärksten Partei, der SPD, aus Deutschland eine parlamentarische Monarchie zu machen, waren aber auch in den eigenen Reihen umstritten. Vor allem fehlte ein Monarch, der bereit gewesen wäre, die innenpolitische Neuorientierung aus Überzeugung mitzutragen.

Die Parlamentarisierung des Reiches kam zu spät. Der Reichstag wurde nicht mehr einberufen. Die kaiserlichen Eliten hatten versagt. Nicht alle Deutschen waren im Herbst 1918 zu Republikanern geworden. Aber auch die Befürworter der Monarchie waren nicht bereit oder nicht in der Lage, sich jenen gesellschaftlichen Kräften entgegenzustellen, die mehr Demokratie und ein Ende des Krieges forderten. Ein Kaiser, der sich der Verantwortung durch die Flucht nach Holland entzog, hatte seinen Thron verspielt. So endete auf unrühmliche Weise in den ersten Novembertagen des Jahres 1918 die Herrschaft der Hohenzollern in Deutschland.