Katharina Kellmann

Das Kleine Schwarze – ein Meisterwerk

Wer genau es kreiert hat, ist umstritten. Häufig wird Coco Chanel als Urheberin genannt. Karl Lagerfeld war da anderer Meinung. Manche bezeichnen Nettie Rosenstein als Erfinderin.

Schwarz galt ursprünglich als die Farbe der trauernden Frau. Mittlerweile steht es für den Modeklassiker schlechthin. Wirft man einen Blick in das Internet, dann überschlagen sich die Superlative.

Das Kleine Schwarze verkörpert für mich eine unaufdringliche Eleganz. Es wirkt schlicht, aber verleiht der Trägerin – vorausgesetzt, sie hat die richtige Figur – eine ungemeine Präsenz. Mit hautfarbenen Strümpfen und schwarzen Pumps macht frau darin immer eine gute Figur.

Steht das Kleine Schwarze für eine bestimmte Zeit? Man sagt ihm nach, dass es zeitlos ist, aber die klassische Epoche des Kleinen Schwarzen waren wohl die frühen Sechziger. Es waren Jahre des Übergangs. In den westlichen Industriegesellschaften hatte man sich von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholt – der Wiederaufbau war abgeschlossen.

Die Zeit der Adenauer und Eisenhower ging dem Ende entgegen – mit John F. Kennedy und Willy Brandt drängte eine neue Politikergeneration in den Vordergrund.

Ein kultureller Wertewandel setzte ein. In der Politik war die Rede von mehr Bildungschancen für alle; Umweltschutz wurde zu einem Thema und Arbeitslosigkeit schien ein Phänomen der Vergangenheit zu sein. Währen der Minirock die Mode der Jugend repräsentierte, wirkte das Kleine Schwarze Schichten übergreifend für die Frau Anfang dreißig– die Geschäftsfrau konnte es sich genauso leisten wie die Verkäuferin.

Es war eine Zeit des Übergangs. Das Kleine Schwarze deutete nur an, was möglich war, während der Minirock wenige Jahre später nur noch wenig verbarg und an die Phantasie der Männer keine hohen Anforderungen stellte. Die subtile Erotik des Kleinen Schwarzen wurde von keinem anderen weiblichen Kleidungsstück bisher erreicht. Tabus brachen auf, aber bestimmte Grenzen wurden immer noch eingehalten.

„Dieses Kleid war ein absolutes Meisterwerk, der Schnitt, die Linien, die Kombination aus Nacktheit und Couture“, schwärmt die italienische Modejournalistin Giusi Ferré in einer TV-Dokumentation anlässlich des 90. Geburtstags des kleinen Schwarzen 2016. (https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.das-kleine-schwarze-wird-90-wie-ein-simpler-schwarzer-strich.41612c88-f5d4-4ba2-a52d-b4f6b67a300c.html).

In meinen Augen sollte es zum Weltkulturerbe erklärt werden.

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