Da bin ich ganz bei Ihnen – diesen Satz höre ich in letzter Zeit immer häufiger in Diskussionen. Früher hätte man gesagt, ich stimme Ihnen zu. Nein, das ist heute zu einfach. Ob der Gesprächspartner wirklich möchte, dass man ihm körperlich zu nahe kommt, interessiert nicht.

Denn wir leben ja in einem Zeitalter der „offenen Kommunikationskultur“. Normalerweise gehört es zu den Geboten des Anstands, andere nicht zu belügen (aber jeder von uns hat es mal getan). Interessant ist, dass dieser Ausdruck häufig im Berufsleben verwendet wird. Es gibt wohl keinen Teil unserer Gesellschaft, in dem so viel gelogen wird – von Mitarbeitern und Vorgesetzten – wie im Berufsleben. Und es gibt Situationen, in denen man seine Meinung besser für sich behält. Offenheit kann fehl am Platze und schädlich sein. Und ich will auch gar nicht alles über meine Kollegen und Vorgesetzten wissen.

Leider bleibt mir nicht mehr viel Zeit, um meinen Standpunkt genauer darzulegen: Ich habe nur ein knappes Zeitfenster. Früher hätte man einen Vortrag mit der Bemerkung begonnen, dass einem nur fünfzehn Minuten zur Verfügung stünden. Nicht wenige Zuhörer hätten aufgeatmet. Jetzt erfahren sie, dass der Vortragende sein „Zeitfenster“ für sie öffnet. Einen Moment lang lässt er frische Luft in seine Denkerstube.

Geradezu erfrischend finde ich den Begriff „Fähigkeitslücke“. Hätte doch mein Mathematiklehrer schon vor 35 Jahren dieses Wort verwendet! Stattdessen wurden meine Leistungen mit Noten bewertet. Einmal reichten die fünf Finger einer Hand nicht mehr aus, um mir meine „Fähigkeitslücke“ zu attestieren.

Das Gegenteil sind „Best-Practise-Beispiele“. Also eine Erfolgsmethode oder ein Erfolgsrezept. Doch „Best-Practise-Beispiele“, das hört sich so international an. Erfolgsmethode kann da nicht mithalten.

Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann gründet man einen Arbeitskreis. Heute nennt sich das Projekt. Und jedes Projekt beginnt mit einer „Kick-Off-Sitzung.“ Sie soll dazu dienen, dass sich die Teilnehmer „vernetzen“. Der Duden spricht einfach von einem ersten Zusammentreffen aller Projektmitarbeiter. Warum die sich jetzt noch „vernetzen“ sollen, begreife ich nicht. Man kann sich ja anrufen oder eine Mail oder gar einen Brief schreiben.

Die deutsche Sprache ändert sich. „Meeting“ statt Besprechung ist ja schon ein alter Hut. Aber die „offene Kommunikationskultur“ und das „Zeitfenster“ finde ich merkwürdig und albern.

Sollten Sie nach Lektüre dieses Artikels meiner Meinung sein, so würde mich das freuen. Aber Sie müssen nicht ganz bei mir sein. Eine gesunde und natürliche Distanz erleichtert nicht selten den Umgang miteinander.