Alice Schwarzer und Romy Schneider

Alice Schwarzer und Romy Schneider waren befreundet. Im Dezember 1976 führten sie ein Gespräch, das Alice Schwarzer auf Tonband aufnahm.

Die Tonbandaufnahmen zeigen angeblich eine Schauspielerin, die in Tränen ausbricht und sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befindet. Sie berichtet von traumatischen Erlebnissen, es geht um sexuellen Missbrauch. Mehrmals soll sie Alice Schwarzer aufgefordert haben, das Tonband auszuschalten. Am Schluss bat sie Frau Schwarzer, die Tonbänder niemals zu veröffentlichen. Nun macht die Kölner Publizistin und Feministin die Tondokumente doch der Öffentlichkeit zugänglich.

„Ich habe jahrzehntelang nicht darüber gesprochen, weil ich ihren Willen respektierte“, rechtfertigt die Schwarzer ihr Verhalten. „Doch um ihre Verzweiflung verstehen zu können, ihre Verletzlichkeit, ihre Hypersensibilität, muss man das auch wissen. Und es ist gut, es jetzt zu sagen“. https://www.focus.de/kultur/vermischtes/sissi-darstellerin-romy-schneider-war-sich-sicher-ihre-mutter-habe-mit-hitler-geschlafen_id_9476168.html

Am 23. September 2018 wäre Romy Schneider 80 Jahre alt geworden. Grund genug für Frau Schwarzer, eine neue Biografie über den deutschen Weltstar zu veröffentlichen. Und in der aktuellen Ausgabe von „EMMA“ schreibt sie über das aufwühlende Gespräch, das erst nach Mitternacht endete:

„In dieser Nacht hofft Romy, von mir gerettet und gerächt zu werden“. Sie sagt: „Ich will, dass dein Artikel über mich alle schockiert!“ Und: „Ich vertraue dir.“ Und: „Du darfst mich nicht verraten!“ https://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-begegnung-mit-romy-336005

1998 veröffentlichte sie eine Biografie über Romy Schneider. Nachdem sie das Manuskript fertig gestellt hatte, stieß sie auf die Tonbänder, las ihren Text und erteilte sich danach gleich Absolution:

„Mit klammem Herzen habe ich alles stehen und liegen lassen und mein Manuskript noch einmal in einem Zug durchgelesen, von der ersten bis zur letzten Seite. Hatte ich Romy verraten? Gab es eine Stelle, an der ich ihr Unrecht tat? Mir scheint: Nein. Dennoch höre ich seither nicht auf mich zu fragen: Was hätte sie wohl zu meiner Biografie über sie gesagt?“ https://www.aliceschwarzer.de/artikel/warum-romy-bis-heute-ein-frauenidol-ist-312207

Diese Frage muss offen bleiben. Das Nachrichtenmagazin „SPIEGEL“ rezensierte 1998 anlässlich des sechzigsten Geburtstages der Schneider mehrere Biografien. Das Buch der Kölner Publizistin wurde gnadenlos verrissen:

„Alice Schwarzer liefert kaum neue Fakten, schafft es aber vortrefflich, männlichen und mütterlichen Eigennutz zu entlarven. Doch sich selbst durchschaut sie offenbar nicht: Denn auch sie schlüpft in die Rolle einer Mutter, die Romy-Kind zwar liebt, aber vor allem tadelt. Die Verurteilungsmaschine, unter der Schneider lebenslang litt, wird von Schwarzer noch einmal angeworfen. Sie, die Biographin, wird zur Dauer-Nörglerin, ist selten zufrieden mit der Person, die sie betrachtet, immer enttäuscht, wenn deren Lebensweg vom feministischen Ideal abweicht.“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7972207.html

Auch die „ZEIT“ fand keinen Geschmack an dem Elaborat:

„Der Leser verschlingt diese Biografie, aber er hat nachher nicht den Geschmack auf der Zunge, als wäre er in einem Feinschmeckerrestaurant gewesen. Vom trivialliterarischen Klischee der gutherzigen armen reichen Prinzessin inmitten einer bösen und verständnislosen Umwelt, die ihr am Ende das Herz bricht, vermag Alice Schwarzer sich nicht wirklich zu lösen. Neben der strahlenden oder tragischen Heldin kennt sie nur Bösewichter, Filous oder – fast keinen – Edelmenschen.“ https://www.zeit.de/1998/39/Ueberdosis_Weiblichkeit

Die Geschmäcker sind verschieden, und auch ein Rezensent muss nicht immer Recht haben. Ein vermeintlich schlechtes Buch ist noch kein Verrat oder stellt kein Unrecht dar. Aber dass Frau Schwarzer nun Tonaufnahmen veröffentlicht, die nach dem Willen von Romy Schneider unter Verschluss bleiben sollten, kann man wohl eine skandalöse Indiskretion nennen. Denn der Erkenntniswert dieser Dokumente ist gering. Dass der Stiefvater sie bedrängte, mag neu sein. Aber bedurfte es dieses Vertrauensbruches, um einen komplexen Charakter wie Romy Schneider endlich verstehen zu können? Präsentiert die Kölner Publizistin die Lösung für das „vermeintliche Rätsel“ Romy Schneider?

Die Filmschauspielerin gehört zu den wenigen Stars von Format, die Deutschland nach dem Krieg hervorgebracht hat. Ihr früher Erfolg mit den „Sissi“-Filmen Mitte der fünfziger Jahre machte sie berühmt. Der kitschige Historienfilm traf den Nerv der Zeit – nur der „Förster im Silberwald“ zog mehr Zuschauer in die Kinos. Doch sie hatte den Mut, Deutschland zu verlassen und in Frankreich anspruchsvollere Rollen zu übernehmen. Sie drehte mit Regisseuren wie Orson Welles, Luchino Visconti oder Claude Sautet. 1972 übernahm sie in dem von Luchino Visconti inszenierten Spielfilm „Ludwig II“ noch einmal die Rolle der österreichischen Kaiserin. Aber hier stand nicht mehr „Sissi“ vor der Kamera, sondern eine wunderschöne, selbstsichere Frau, die Helmut Berger in der Rolle des bayerischen Märchenkönigs an die Wand spielte. Der Filmkritiker Siegfried Schober urteilte in der Süddeutschen Zeitung:

„Mit Romy Schneider allein behauptet sich in diesem zwischen Monstrosität und Strenge schwer atmenden Film das Kino als vitales, physisches, sensibles, nicht bloß den schönen Bildern und künstlichen Gefühlen huldigendes Medium, und so muss man vor allem sagen, dass Viscontis Ludwig II. ein Sieg Romy Schneiders ist, der nicht genug bewundert werden kann.“

In den siebziger Jahren stand sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Es war ein Leben mit Brüchen und Neuanfängen. Romy Schneider litt unter Alkohol- und Tablettensucht. 1981 kam ihr Sohn David unter tragischen Umständen ums Leben. Eine dominante Mutter, ein Stiefvater, der sie finanziell ausnutzte (und, wie wir nun dank Frau Schwarzer wissen, nicht nur an ihrem Geld interessiert war), zwei gescheiterte Ehen, der Tod eines Kindes – ein solches Leben kostet Kraft. Aber sie wird nicht nur das Opfer gewesen sein. Wie auch immer – sie war ein Mensch mit Widersprüchen. Wer sich für die Filmschauspielerin Romy Schneider interessiert, der ist auf Alice Schwarzers Indiskretionen nicht angewiesen. Romy Schneider faszinierte nicht nur auf der Leinwand, sondern auch als mutige Frau. Nun mag man einwenden, dass sie ihr Privatleben auch öffentlich machte. Aber dies rechtfertigt nicht, posthum private Details auszuplaudern und sich dabei noch das Mäntelchen der Aufklärerin umzuhängen.

Alice Schwarzer beklagte einmal zu Recht, dass manche Medien die tote Romy Schneider unwürdig behandelt hätten. Die Kölner Publizistin hat sich nun zu den Leichenfledderern gesellt.