Ja, die Mode und warum frau sich trotzdem für Politik interessieren kann

Ja, die Mode. Seit Jahrzehnten ist sie ein Thema. Zumindest für einige Frauen.

Die Zeitschrift „Elle“ gibt für 2018 die Richtung vor: „Slip Dresses“, „Weiße Anzüge“, „Trenchcoats“, „Punkte“ (gemeint sind Kleider, in denen frau wie eine Dalmatinerhündin aussieht), „Knallfarben“, „Fransen“, „Transparenz“ (aber trotzdem sollte frau auf die Dessous achten), „Pastell“, Asymmetrische Ausschnitte“, „Dark Denim“.

Wer meint, dass er sehr selbstbewusst ist, möge sich in „Knallfarben“, „Transparenz“ oder „Fransen“ auf die Straße trauen. Ich dachte immer, es sei ein dummes Klischee, dass in der Modebranche Drogen genommen werden. Aber ich habe mich geirrt. Diese Kleider können nur Menschen entwerfen, die völlig zugedröhnt sind.

Geschmäcker sind verschieden. Und ich sage hier nur meine Meinung – ich kann auch völlig daneben liegen.

Ich mag es am liebsten klassisch-dezent – andere Menschen bezeichnen meinen Kleidungsstil als langweilig. Meistens trage ich Etuikleider. „Knallfarben“ sind mir ein Gräuel. Zu den Trendsetterinnen will ich auch nicht gehören .

Eines wundert mich: Warum finden diese gefühlten 397 Mode- und Frauenzeitschriften, die ich in der Warteschlange im Supermarkt sehe, ihre Käuferinnen und Käufer? Welche echten modischen Innovationen hat es seit dem Minirock und der Strumpfhose noch gegeben? Gut; Maxi und Midi waren interessante Variationen. Die Leggins ist für mich kein Kleidungsstück, sondern eine Straftat. Wer so etwas erfunden hat, müsste inhaftiert werden.

Aber zurück zu meiner Frage: Woher kommt dieses Bedürfnis nach Orientierung? Woher kommt der Wusch, „trendy“ zu sein? Dass man attraktiv sein möchte (und sei es auch nur für sich) – warum nicht?

Es gibt in Buch und Film viele Ironisierungen über den Wandel der Mode.

In der Fernsehserie „Kir Royal“ aus dem Jahr 1986 geht es um das Leben eines Boulevardjournalisten in München. Ihm fällt schon lange nichts mehr ein. Da wird in der bayerischen Hauptstadt in Szenekreisen auf einmal der „Marines Look“ aktuell. Die Frauen tragen kurze Haare und paramilitärische Kleidung. Auch die Lebensgefährtin des Journalisten lässt sich dazu verleiten, ihren Stil zu wechseln, was ihre Beziehung zu dem Journalisten ernsthaft gefährdet. In der Filmepisode geht noch um wichtigere Themen, aber diese modische Eskapade sagt einiges über die Branche aus. Am Schluss des Films telefoniert der Besitzer der Boutique, die den „Marines Look“ unter die Frauen gebracht hat, mit dem Journalisten und will ihn für eine Story gewinnen: Bald würde er eine neue Kreation vorstellen, so richtig feminin – ja, so etwas hätte Grace Kelly auch tragen können. Im Hintergrund werfen seine Mitarbeiter die paramilitärischen Kleidungsstücke auf den Müll.

Was in dieser Fernsehserie noch Stil und Charme hat, scheint in den Redaktionen der vielen Zeitschriften nur noch mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes erklärt werden zu können. Bald muss die nächste Ausgabe in Druck – und immer noch fehlt ein Titel oder ein Thema, dass die Leserinnen zum Kauf verleiten sollen. Und die Designer und Designerinnen in der Mode-Szene müssen auch ihre Kreativität unter Beweis stellen. Notfalls mit Trenchcoat und Fransen.

Manches, was man da sieht, ist fast so schlimm wie der „Marines Look“. Immerhin versuchen diese Zeitschriften nicht, Grace Kelly zu kopieren.

Also: Meine Herren der Schöpfung, freuen Sie sich auf die Mode im Frühjahr 2018. Die passt zu Ihnen, wenn Sie am Samstagvormittag im Frühsommer in kurzen Hosen einkaufen gehen und sich dabei so sexy fühlen wie der ehemalige Tennisstar Andre Agassi. Mit Sandalen und weißen Socken bilden Sie dann das optische Gegenstück zur Trendfrau mit den Knallfarben. Wenn schon schlecht angezogen, dann richtig – auch in der Beziehung.

Ansonsten lebe die Pressefreiheit. Niemand muss diese Gazetten kaufen. Und Frau Brigitte Huber, Chefredakteurin von „BRIGITTE“, dem Zentralorgan des weichgespülten Feminismus für die Mittelschichtsfrau mit Identitätsproblemen, schrieb 2017 jene denkwürdigen Sätze, die heute noch aktuell sind.

„„Für mich war die Frage, ob sich eine Frau für Politik interessieren kann und trotzdem überlegt, was sie abends kocht, immer unverständlich. Ja, das können wir Frauen. Wir interessieren uns für gefährliche Inhaltsstoffe im Nagellack, aber genauso für die Generation unserer Kinder oder dafür, wie es in einem syrischen Flüchtlingslager aussieht.“  (http://www.tagesspiegel.de/medien/brigitte-huber-macht-brigitte-frau-fuers-leben/8557478.html)

Das hätte ich nie gedacht! Ja, wir interessieren uns für Politik und wir lesen sogar Bücher.

Das Geld für Frauen– und Modezeitschriften spare ich mir. Ich verlasse mich auf mein Gefühl oder auf die Verkäuferin meines Vertrauens.

Wenn ein freundlicher Herr in kurzen Hosen mich an einem Samstagvormittag zum Kaffee einladen sollte, um mit mir über das Flüchtlingsproblem zu sprechen und mir zu versichern, dass er alleinerziehender Väter wäre, dann bekäme er zur Antwort, dass ich in keiner Weise trendy wäre und auch nicht kochen könne. Meinen Kaffee nähme ich lieber alleine. Für Erziehungsprobleme wäre ich nicht kompetent.

PS.: Nein, das Flüchtlingsproblem ist mir nicht gleichgültig. Aber man muss kein syrisches Flüchtlingslager erwähnen, um kund zu tun, dass man sich nicht nur für Rezepte und Kosmetik interessiert. Außerdem leben dort Menschen, die froh wären, wenn ihre Kleidung nicht aus Fransen bestünde. Und wie es dort aussieht? Wahrscheinlich schlimm. Nicht, dass Frau Huber noch der Appetit vergeht und der Nagellack abblättert.