Max Quarck – vom Sozialkonservatismus zur Sozialdemokratie

Kai Gniffke, Genosse Dr. Quarck. Max Quarck – Publizist, Politiker und Patriot im Kaiserreich (= Studien zur Frankfurter Geschichte, Bd. 42), Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt/Main 1999, 323 S., geb., 68 DM.

Max Weber respektierte ihn, August Bebel zählte zu seinen innerparteilichen Gegnern und Wilhelm Liebknecht förderte ihn: die Rede ist von dem Sozialdemokraten Max Quarck (1860-1030), dessen Biographie Kai Gniffke vorgelegt hat. Das Buch beruht auf der Frankfurter Dissertation des Verfassers und schildert den Lebensweg eines Mannes, der als sozial eingestellter Konservativer begann und über den Linksliberalismus zu den Sozialdemokraten stieß.

Kai Gniffke will in seiner Arbeit „Motive und Bedingungsfaktoren einer sozialdemokratischen Karriere“ (S. 303) erklären. Warum schloss Max Quarck sich der Sozialdemokratie an, welche ideologischen Ziele verfolgte er, behinderte oder förderte „seine Herkunft als bürgerlicher Akademiker“ (S. 303) Quarcks Aktivitäten innerhalb der SPD? Welche Rolle spielten die politischen Verhältnisse in Frankfurt am Main, wo Quarck lebte?

Max Quarck wurde am 9. April 1860 in Rudolstadt/Thüringen geboren. Sein Vater hatte Jura studiert und es bis zum Landgerichtsrat gebracht. Nach dem Abitur ging Max Quarck nach Leipzig, wo er bis 1883 ebenfalls Jura studierte. Da die juristische Ausbildung seine Interessen zu wenig befriedigte, trat er dem „Philosophischen Verein“ bei, wo er mit den Werken von Ferdinand Lassalle und Karl Rodbertus in Berührung kam.

Gniffke misst der Beschäftigung des jungen Studenten mit dem Nationalökonomen Rodbertus so große Bedeutung bei, dass er zu „Quarck[s] theoretische[r] Leitfigur“ (S. 35) geworden sei. Der 1875 verstorbene soziale Theoretiker ließ sich nicht einfach einem politischen Lager zuordnen. Sein facettenreiches Werk bot vielfältige Anknüpfungspunkte für Max Quarck, dessen politische Einstellung in dieser Zeit mit den Begriffen national und sozial umschrieben werden kann. Unter dem Einfluss seines Vorbildes „setzte Quarck 1883 all seine Hoffnungen auf eine Lösung der sozialen Frage in einen sozialen Cäsarismus und die gesellschaftliche Integrationskraft des Kaisers“ (S. 48/49).

Karl Kautsky wurde bald auf Quarck aufmerksam und gab ihm die Möglichkeit, in sozialdemokratisch führenden Zeitschriften zu veröffentlichen. Der SPD als Partei stand Quarck zu dieser Zeit zwar distanziert gegenüber, doch seine fundierten sozialpolitischen Kenntnisse machten ihn zu einem gefragten Mitarbeiter, den Kautsky auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen verteidigte. Außerdem deuteten sich im politischen Denken des Rechtsrefrendars Veränderungen an: Rodbertus verlor an Bedeutung; Karl Marx wurde wichtiger, ohne dass Quarck sich zum Marxismus bekannte.

Im juristischen Vorbereitungsdienst wurde ihm sein sozialpolitisches Engagement zum Verhängnis. Man warf ihm geistige Nähe zur Sozialdemokratie vor und entließ ihn aus dem Referendardienst. Quarck schlug im Folgenden die journalistische Laufbahn ein, die ihn nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Deutschen Zeitung in Wien nach Frankfurt führte, wo er bis 1891 für die renommierte Frankfurter Zeitung tätig war, die unter der Leitung des Demokraten Leopold Sonnemann linksliberale Anschauungen vertrat.

Nach Kai Gniffke löste sich Quarck schon in dieser Zeit von seinen staatssozialistischen Ansichten und engagierte sich in der lokalen Sozialpolitik. Wilhelm Liebknecht konnte ihn als Korrespondenten für den Vorwärts gewinnen. Ab 1893 erschienen Quarcks Artikel auch dort. Ein Jahr darauf trat er dem sozialdemokratischen Verein in Frankfurt bei.

Kai Gniffke sieht in Quarcks SPD-Eintritt „keinen Bruch mit seinen früheren politischen Überzeugungen“ (S. 133). Der Journalist habe sich der SPD aufgrund „seiner pragmatischen Orientierung, seinem Anspruch, kleine Veränderungen in Richtung sozialer Gerechtigkeit zu erreichen“ (S. 132) zugewandt. Die Zugehörigkeit zu einer Partei, die in dem Rufe stand, die bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen, war 1894 für einen bürgerlichen Intellektuellen mit einem großen Risiko verbunden. Sie konnte nicht nur den Bruch mit der bisherigen Lebenswelt bedeuten, man musste auch damit rechnen, von den neuen Parteifreunden misstrauisch beäugt zu werden. Dass dieser Wechsel im Falle Quarck nahezu problemlos verlief, liegt nach Gniffke an den besonderen Frankfurter Verhältnissen. In der kommunalen Sozialpolitik gab es beispielsweise ein gewerbliches Schiedsgericht, dessen „Beisitzer paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gewählt wurden“ (S. 98).

Auch Arbeitnehmerinnen besaßen das aktive Wahlrecht. In der Frankfurter Arbeiterbewegung existierte eine nicht unbeträchtliche reformistische Grundströmung, die zu einer Zusammenarbeit mit städtischen Einrichtungen bereit war. Quarck glaubte hier seine Vorstellungen von einer Politik der sozialen Reform verwirklichen zu können. Wenn er – beispielsweise im Vorwärts – das kapitalistische Wirtschaftssystem kritisierte, fiel auf, „dass seine Diagnose fast ausschließlich auf die moralische Fäulnis der bürgerlichen Gesellschaft abhob“ (S. 121). Marxistische Diagnosen, so Gniffke, finde man bei Quarck nicht.

Innerhalb der Frankfurter SPD setzte er sich für die Teilnahme an den Kommunalwahlen ein und errang 1900 das erste sozialdemokratische Mandat in der Stadtverordnetenversammlung, der er bis 1912 angehörte. Nach mehreren vergeblichen Anläufen gewann Quarck in der letzten Reichstagswahl vor dem Weltkrieg einen Frankfurter Wahlkreis. Er leitete als Redakteur das Parteiorgan Volksstimme und zählte zu den führenden Köpfen der Frankfurter Arbeiterbewegung.

In den parteiinternen Auseinandersetzungen vor 1914 stand Quarck auf der Seite Bernsteins, auch wenn er die Revisionismusdebatte als zu akademisch empfand. 1914 stimmte er den Kriegskrediten zu und unterstützte die Politik des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, was schließlich zu seiner Ablösung bei der Volksstimme führte. Quarck näherte sich wieder nationalen Positionen und betrachtete den Krieg als Verteidigungskrieg, wobei er jedoch nie annexionistische Vorstellungen vertrat. Rein äußerlich erreichte er zwischen 1918 und 1920 den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn: Im Auftrag der provisorischen Reichsregierung nahm er verschiedene Aufgaben wahr und arbeitete eng mit dem linksliberalen Verfassungsrechtler Hugo Preuß zusammen, der den Entwurf für eine neue Reichsverfassung vorlegte. 1920 schied Max Quarck aus der aktiven Politik aus. Er blieb jedoch publizistisch tätig und beteiligte sich 1921 auf dem Görlitzer Parteitag an der Arbeit der Programmkommission für das „Görlitzer Programm“. Max Quarck starb am 21. Januar 1930.

Kai Gniffke hat ein gut lesbares Buch geschrieben, das nicht nur den Politiker Quarck anschaulich porträtiert, sondern auch die Umstände beschreibt, unter denen Quarck Karriere machte. Er arbeitet den Einfluss von Rodbertus heraus und schildert die politische Szenerie in der Handelsmetropole Frankfurt vor 1914, wo die Bedingungen für eine sozialreformerische Politik günstig waren. Allerdings musste sich die SPD auch dort ihren Platz erkämpfen, eine Aufgabe, für die Quarck auf Grund seines Temperaments und seines Arbeitseifers prädenstiniert war. Dieser Charakter besaß jedoch auch Schattenseiten: Max Quarck konnte konziliant und kompromissbereit sein, doch ebenso war er junkerlicher Allüren gegenüber seinen Genossen fähig. In der beruflichen und politischen Laufbahn musste der Journalist nicht selten Rückschläge einstecken, die mit seinem eckigen Wesen zu tun hatten. Kai Gniffke verschweigt dies nicht.

In meinen Augen fehlt eine kritische Einordnung des Quarckschen Reformismus. So präzise der Autor das politische Denken des Sozialdemokraten beschreibt, ich hätte mir einige Aussagen über die Tragfähigkeit des politischen Konzepts gewünscht. Stellte der praktische Reformismus eines Max Quarck eine echte Perspektive für die SPD im Kaiserreich dar? Trotz dieser Anmerkungen am Schluss: Kai Gniffke hat eine lesenswerte Biografie vorgelegt, deren Lektüre auch Einblicke in die Geschichte der Frankfurter SPD vor dem Ersten Weltkrieg vermittelt.