Hitlers Strategie im Herbst 1940

 

Ende Juni 1940 schien Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht zu stehen. In wenigen Wochen war Frankreich, das zwischen den beiden Weltkriegen als stärkste Landmacht Europas galt, geschlagen. Am 1. September 1939 hatte der Zweite Weltkrieg begonnen und seitdem konnten die deutschen Truppen Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien, Luxemburg und eben Frankreich besiegen.

Lediglich England leistete noch Widerstand. Im Auswärtigen Amt und in den Führungsstäben der Wehrmacht ging man davon aus, dass das Vereinte Königreich sich bald aus dem Krieg zurückziehen würde. Angeblich war Hitler bereit, eine Garantie für die englischen Kolonien abzugeben, wenn die britische Regierung die deutsche Machtposition auf dem Kontinent anerkennen würde.

Doch schon Ende Juli 1940 sah es anders aus. Hitlers Appell an den britischen Premierminister war auf taube Ohren gestoßen. England wollte unter allen Umständen weiterkämpfen.

Die deutsche Führung stand nun vor der Entscheidung, wie sie das Vereinte Königreich zum Frieden zwingen könne. Eine direkte Landung war nicht möglich. Gleichzeitig beschäftigten sich der Wehrmachtführungsstab und der Generalstab des Heeres mit Vorarbeiten zu einem Angriff auf Russland. Welche Strategie verfolgte der Diktator in den Sommermonaten 1940?

Warten auf England

Premierminister Winston Churchill machte von Anfang an klar, dass England den Krieg fortsetzen würde. Für Westminster war es undenkbar, hinzunehmen, dass Deutschland große Teile des Kontinents beherrschte. Als Hitler im Reichstag am 19. Juli 1940 noch einmal „an die Vernunft appellierte“, antwortete der britische Außenminister am 22. Juli 1940 ablehnend.

Wenige Tage vorher hatte der deutsche Diktator mit seinem Chef des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Franz Halder, über die Lage gesprochen und dabei erwähnt, dass Großbritannien wahrscheinlich nur weiterkämpfen würde, weil es auf die Sowjetunion zählte. Zwar gab es zwischen Berlin und Moskau seit 1939 ein Neutralitätsabkommen, doch Hitler fürchtete, dass England und Russland sich hinter dem Rücken des Reiches verbünden würden.

Am 16. Juli 1940 erließ er eine Weisung an die Wehrmacht zur Vorbereitung einer Invasion in England. Die Vorbereitungen des Unternehmens mit dem Tarnnahmen Seelöwe sollten bis Mitte August 1940 abgeschlossen sein. Der Diktator machte die Landung davon abhängig, dass die deutsche Luftwaffe die Luftherrschaft über England errungen hätte und die Marine den Kanal für 30 Divisionen freihalten könne. Der Text der Weisung lässt die Vermutung zu, dass die deutsche Führung das Risiko gar nicht eingehen wollte. Selbst in der Marine stand man dem Plan kritisch gegenüber.

Am 31. Juli 1940 gab Hitler vor führenden Offizieren auf dem Obersalzberg seinen Entschluss bekannt, im nächsten Frühjahr die Sowjetunion anzugreifen. London würde nur im Vertrauen auf Moskau durchhalten. Ideologische Gründe nannte der Diktator nicht. Er glaubte, die russischen Streitkräfte wären so schwach, dass die Wehrmacht kaum auf Widerstand stoßen würde. Für einen so kurzen Zeitraum wollte er das Risiko eines Zweifrontenkrieges eingehen.

Trotzdem erließ der Diktator am 1. August 1940 eine Weisung, in der er die Luftwaffe aufforderte, den Krieg gegen England zu intensivieren.

Die Luftschlacht um England

Erst am 13. August 1940 begann die deutsche Luftoffensive. Zwei Tage später erreichte sie ihren vorläufigen Höhepunkt. Zwei Luftflotten waren am Kanal stationiert und setzten an diesem Tag nach deutschen Angaben 2000 Flugzeuge ein.

Die Royal Air Force (die britische Luftwaffe) hatte sich vorbereitet. Ein dichtes Netz von Radarstationen säumte die Küste. Immer mehr Jäger verließen die englischen Fabriken. Mit der „Spitfire“ hatte man ein Flugzeug entwickelt, dass dem deutschen Standardjäger ME 109 ebenbürtig war. Die deutschen Bomber erwiesen sich als zu langsam und mussten ohne Begleitschutz schwere Verluste hinnehmen. Am 15. August verzeichnete die Luftwaffe 55 Verluste, während die Engländer 182 deutsche Flugzeuge abgeschossen haben wollten.

In der zweiten Augusthälfte spitzte sich die Lage auf britischer Seite zu. Maschinen konnten ersetzt werden, aber erfahrene Piloten nicht. Aber auch auf der Gegenseite ließ die Kampfkraft nach. Einige Piloten flogen fünf Einsätze am Tag.

In der ersten Septemberwoche schienen die Deutschen kurz vor dem Sieg zu stehen. Zwar erlitten ihre Bomber und Zerstörer hohe Verluste, aber die ständigen Angriffe gegen Flugplätze der Royal Air Force zeigten Wirkung.

Am 7. September 1940 beging die deutsche Luftwaffenführung einen schweren Fehler. Sie wählte London zum Angriffsziel. Beim ersten Anflug der deutschen Bomberflotte glaubte man im britischen Hauptquartier an einen Bluff. Doch schon am nächsten Tag stießen die deutschen Bomber und Jäger auf heftigen Widerstand. Am 15. September erlitten sie erneut schwere Verluste.

Reichsmarschall Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, warf den eigenen Jägern mangelnden Angriffsgeist vor. In Wirklichkeit war die Fliegertruppe zu schwach, um die Engländer in die Knie zu zwingen. Görings Truppe verfügte über keinen schweren Bomber. Die deutschen Zerstörer waren zu langsam. Die ME 109 konnten ihre Vorteile in der freien Jagd nicht ausspielen und musste die Bomberverbände begleiten.

Auch wenn England die Luftschlacht über England gewann, die Zerstörungen an militärischen Anlagen oder in Städten wie London und Coventry waren nicht unbedeutend. Außerdem zeigten die Briten einen Durchhaltewillen, wie ihn zwischen 1943 und 1945 auch die deutsche Zivilbevölkerung unter Beweis stellen sollte. Neben der deutschen Fehlentscheidung, London zum Schwerpunkt der Angriffe zu wählen, machte sich auf britischer Seite positiv bemerkbar, dass die Produktion von Jagdflugzeugen gesteigert wurde.

Mitte August sagte Hitler die Landung in England ab. Der Luftkrieg sollte noch weitergehen. Während die Zahl der abgeworfenen Bomben im Winter zurückging, lebte die deutsche Offensive im Frühjahr 1941 noch einmal auf. Man wollte in Berlin die Illusion einer Invasion aufrechterhalten. In Wirklichkeit wurde das Gros des deutschen Heeres in den Osten verlegt.

Herbst 1940: “Peripheriestrategie“

Hitler gab am 31. Juli 1940 dem Heer nicht gleich den Befehl, den Einmarsch in Russland vorzubereiten. Der „Führer“ beriet sich im Oktober 1940 mit Mussolini, dem spanischen Diktator Franco und dem französischen Staatsoberhaupt Petain. Doch die Konsultationen – wenn sie überhaupt ernst gemeint waren – führten zu keinen nennenswerten Ergebnissen. Hitler war nicht bereit, Verbündete als gleichwertige Partner zu akzeptieren. Franco soll Forderungen gestellt haben, die der “Führer“ mit Rücksicht auf Mussolini nicht erfüllen konnte.

Großadmiral Raeder, der Oberbefehlshaber der Marine, versuchte Hitler im November noch einmal von den Vorteilen der „Peripheriestrategie“ zu überzeugen. Gemeinsam mit den Italienern sollte die britische Machtposition am Suezkanal angegriffen werden. Auch ein Angriff auf Gibraltar war im Gespräch.

Am 28. Oktober 1940 erhielt Hitler die überraschende Meldung, dass Italien Griechenland angegriffen hätte. Der Feldzug drohte in einem Fiasko für Rom zu enden. Der Alleingang Roms belastete die deutsche Kriegführung.

Am 12. und 13. November 1940 besuchte der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Politik, Molotow, Berlin. In Gesprächen mit Hitler meldete er die Ansprüche Moskaus auf das Baltikum, den Balkan, die Dardanellen, Polen und Finnland an. Außerdem beschwerte sich der Vertreter der Sowjetunion über die Anwesenheit deutscher Militärausbilder in Rumänien. Das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau erreichte einen Tiefpunkt.

Am 5. Dezember 1940 besprach Hitler mit führenden Militärs die Lage. In seinen Augen konnte nur ein Krieg gegen die Sowjetunion die Entscheidung bringen. Militärische und ideologische Gründe spielten eine Rolle. England und die Sowjetunion konnten das Reich von zwei Seiten angreifen. Außerdem rechnete Hitler damit, dass die USA mittelfristig England unterstützen würden. Da weder Luftwaffe noch Kriegsmarine London in die Knie zwingen konnten, musste das Heer, die stärkste deutsche Teilstreitkraft, das Reich aus dem strategischen Dilemma befreien. Der „Führer“ fürchtete, mit England in einen langen Krieg verwickelt zu werden und auf sowjetische Hilfslieferungen angewiesen zu sein.

Hitler entschloss sich aber nicht nur zum Feldzug gegen Moskau, weil er England und die Vereinigten Staaten im Auge hatte. Die Sowjetunion war für ihn mehr als ein gewöhnlicher Gegner. Schon am 3. Februar 1933 hatte er vor Generälen der Reichswehr davon gesprochen, das Ziel seiner Politik sei die „Gewinnung von Lebensraum im Osten“. Die Sowjetunion verkörperte für ihn das Feindbild des „antijüdischen Bolschewismus“. Judentum und Kommunismus bildeten in Hitlers Wahngebilde die Feinde Deutschlands.

Diese programmatischen Vorstellungen wurden in abgemilderter Form auch im deutschen Offizierkorps vertreten. Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt sprach von „Teilidentitäten“, die es den Generälen ermöglichten, eine verbrecherische Politik aus einer nationalkonservativen Position heraus zu unterstützen. Antisemitische Grundhaltungen waren im Offizierkorps weit verbreitet. Nicht selten wurden sie mit der „Dolchstoßlegende“ in Verbindung gebracht.

Die „Dolchstoßlegende“ diente den Militärs in den zwanziger Jahren als Ausrede für den Verlust des Ersten Weltkrieges. Nicht die Übermacht der Gegner sei für die Niederlage im November 1918 verantwortlich gewesen, sondern die zahlreichen Streiks in der Heimat, die die Widerstandskraft der Bevölkerung gebrochen hätten. An diesen Arbeitsniederlegungen wären vor allem Juden, Sozialisten und Kommunisten beteiligt gewesen. In Wirklichkeit hatte das Kaiserreich den Krieg militärisch verloren.

Außerdem überschätzte die deutsche Führung 1940 nach dem Sieg über Frankreich die eigenen Möglichkeiten. Die Rote Armee wurde nicht als ebenbürtiger Gegner betrachtet. Hitler und seine militärischen Berater glaubten – bis auf wenige Ausnahmen – dass der Feldzug in acht bis zehn Wochen beendet sei. Am 18. Dezember 1940 erließ der Diktator eine Weisung an die Wehrmacht, in der er den Krieg gegen die Sowjetunion für das Frühjahr 1941 befahl. Der Tarnnahme lautete „Unternehmen Barbarossa“. Der Entschluss vom 31. Juli 1940 nahm konkrete Formen an. Die Wehrmacht verlegte Truppen in den Osten.

Präventivkrieg?

Unter Historikern werden zum Teil militärische, zum Teil ideologische Gründe genannt, wenn es darum geht, Hitlers Entscheidung für den Krieg gegen die Sowjetunion zu erläutern.

Eine Mindermeinung stellt die „Präventivkriegsthese“ dar. Sie geht davon aus, dass Deutschland 1941 einem sowjetischen Angriff nur knapp zuvor gekommen sei. Die „Präventivkriegsthese“ leugnet nicht die Verbrechen des Regimes, relativiert aber deutlich die Verantwortung der nationalsozialistischen Diktatur für die Ausweitung des Krieges.

Auf deutscher Seite sind die Historiker Joachim Hoffmann (1930 bis 2002) oder Heinz Magenheimer (geb. 1943) zu nennen. Hoffmann, bis zu einer Pensionierung Historiker am mittlerweile aufgelösten Militärgeschichtlichen Forschungsamt, trat in den achtziger Jahren mit seinen Thesen hervor. Er stützte sich auf Arbeiten des im Westen lebenden Russen Viktor Suworow, der 1985 angebliche Angriffspläne aus der Stalinzeit veröffentlichte. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand baute Hoffmann seine Thesen aus. Dabei kamen ihm und Magenheimer Archivfunde zugute, die zu Beginn der neunziger Jahre der Öffentlichkeit zugänglich wurden.

Für Hoffmann und Magenheimer wies ein Aufmarschplan der Roten Armee vom 15. Mai 1941 nach, dass die Rote Armee nicht nur offensiv verteidigen wollte, sondern einen Angriff auf das Reich plante.

In der Forschung blieben die Präventivkriegstheoretiker bis jetzt in der Minderheit. Zwar gelang es ihnen, einzelne Dokumente über russische Aufrüstungsmaßnahmen vorzulegen, aber die Mehrheit der „Historikerzunft“ stuft diese Quellen als Beweis dafür ein, dass Stalin dabei war, seine Armee zu modernisieren. Der deutsche Aufmarsch ab Januar 1941 blieb der russischen Aufklärung nicht verborgen. Unbestritten ist auch, dass um die Jahreswende 1940/41 ein deutsch-russischer Krieg in Moskau als Planspiel simuliert wurde. Die Ergebnisse waren jedoch nicht befriedigend; die Rote Armee wäre geschlagen worden.

Stalin betrachtete das Nichtangriffsabkommen mit Deutschland als ein Mittel, um Zeit zu gewinnen. Ab 1942 soll auch die sowjetische Führung mit einem Krieg gegen Deutschland gerechnet haben. Die ideologischen Gegensätze und die bereits von Molotow erwähnten Machtansprüche ließen einen bewaffneten Konflikt wahrscheinlich erscheinen.

Ian Kershaw wies in seinem Buch „Wendepunkte“ darauf hin, dass der sowjetische Parteiführer 1941 seinen Kommandeuren Provokationen gegenüber den deutschen Truppen ausdrücklich untersagt hätte. Als seit Anfang Juni 1941 Informationen in Moskau eintrafen, dass mit einem deutschen Angriff zu rechnen sei, soll Stalin sie ignoriert haben. In den ersten Stunden nach Eröffnung der Feindseligkeiten schien er kaum zu glauben, was ihm an Nachrichten vorgelegt wurde.

Wie ist das Verhalten des „roten Zaren“ zu erklären? Stalin überschätzte die Angst Hitlers vor einem Zweifrontenkrieg. Außerdem sollten die vertraglich vereinbarten sowjetischen Lebensmittellieferungen Deutschland an die Sowjetunion binden. Während Hitler eine Achse London-Moskau fürchtete, wollte Stalin eine Annäherung zwischen Deutschland und England verhindern.

Russland – Hitlers gordischer Knoten?

Gab es in der zweiten Jahreshälfte 1940 für Hitler eine Alternative zum Angriff auf die Sowjetunion? Hätte England einlenken können? Und welche Rolle spielte Moskau?

Beginnen wir mit England. Das Vereinte Königreich hatte 1939 nicht nur aus humanitären Gründen Deutschland den Krieg erklärt. Zwischen 1935 und 1938 betrachtete man die Revisionspolitik Hitlers mit wachsender Sorge. In den ersten Jahren versuchte die britische Diplomatie, Hitler in ein europäisches Bündnissystem einzubinden. Dass der Diktator 1935 den Engländern ein vorteilhaftes Flottenabkommen anbot, kam diesen Bestrebungen entgegen. Spätestens mit dem Münchner Abkommen 1938, als Hitler wegen der Sudetenkrise unverhohlen mit Krieg drohte, änderte das Foreign Office seine Haltung.

Hitlers „Angebot“ vom 19. Juli 1940, den Krieg auf der Basis des „Status Quo“ einzustellen, war für die Engländer nicht akzeptabel. Ihre Weltmachtposition hing auch davon ab, dass sie einen gewissen Einfluss auf dem Kontinent besaßen. Außerdem hätte England als Mutterland des Parlamentarismus wenig glaubwürdig gewirkt, wenn es demokratische Staaten ihrem Schicksal überlassen hätte.

Auf der anderen Seite widersprach es allen Grundsätzen traditioneller Machtpolitik, wenn Hitler die besetzten Gebiete geräumt hätte.

Der Nationalsozialismus hatte den Völkern Europas nichts anzubieten außer Unterwerfung. Ein attraktives Programm war das nicht. So blieb der deutschen Führung nur übrig, mit ihrer Strategie der Gewalt fortzufahren. Einen Zweifrontenkrieg wollte Hitler zuerst vermeiden. Er unterschätzte aber den Widerstandswillen der Briten, erkannte jedoch im Sommer 1940 sehr schnell, dass die Vereinigten Staaten nicht neutral bleiben und London unterstützen würden.

So tauchte schon im Juli der Gedanke auf, die Sowjetunion auszuschalten. Sein Antikommunismus mag eine Rolle gespielt haben. Die Ermordung der europäischen Juden – zweifelsohne ein Fernziel Hitlers – spielte in den Besprechungen mit den Militärs im Juli 1940 keine Rolle. Erst 1941, während des Krieges, entschloss er sich, sein menschenverachtendes Programm umzusetzen.

Im Auswärtigen Amt rechnete man 1940 nicht mit einem sowjetischen Angriff. Der Diktator hingegen wollte zuschlagen, solange Russland seine Aufrüstung nicht abgeschlossen hatte. England wähnte er durch die Luftangriffe geschwächt. In den USA herrschte noch eine starke Neutralitätsstimmung.

Eine Frage bleibt offen: Warum hat der Diktator im Oktober und November nicht zügiger die Vorbereitungen für den Angriff gegen die Sowjetunion vorangetrieben? Gab es doch Hemmungen, diesen Riesenkoloss im Osten anzugreifen? Dachte Hitler, er könne Spanien und Frankreich mit ein paar ungenügenden Zugeständnissen ruhigstellen? Meines Erachtens vergeudetete der „Führer“ im Herbst 1940 wertvolle Zeit.

Kritiker haben Hitler vorgeworfen, gerade in diesen Monaten hätte er eine echte Wehrmachtführung gebraucht, einen Wehrmachtgeneralstab, der ein Zusammenwirken der drei Teilstreitkräfte ermöglichte. Doch der Diktator hielt regelmäßige Besprechungen mit allen Vertretern von Heer, Marine und Luftwaffe ab. Dabei bewies er Instinkt für strategische Möglichkeiten.

Göring zeigte während der Luftschlacht um England, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Der Befehlshaber der Marine, Raeder, wirkte auch nicht sehr überzeugend, wenn er mit der kleinen deutschen Marine London herausfordern wollte. Sollte der Großadmiral die italienische Marine als kompetenten Verbündeten hinzugezählt haben, so war er wohl schlecht über den Leistungsstand einer Flotte informiert, die zwar über mehrere Schachtschiffe verfügte, doch deren Ausbildungsniveau ließ zu wünschen übrig.

So tat Hitler das, was er schon 1940 gegen Norwegen und wenige Wochen gegen Frankreich getan hatte: Er setzte alles auf eine Karte. Der Sieg über die Sowjetunion sollte ihn aus einer strategischen Zwangslage befreien. Russland sollte sein gordischer Knoten werden.

(Foto: Bundesarchiv_Bild_101III-Pleißer-001-19,_Compiegne,_Verhandlungen_Waffenstillstand)