Hitler, die Herrenmode und eine wichtige deutsche Mode-Denkerin

Wie konnte der NS-Forschung nur dieses Thema entgehen? Auch Prof. Guido Knopp ignorierte – meines Wissens – diese Frage.

Neuerdings scheint Hitlers Kleidung manche Wissenschaftler zu interessieren. Die Kunsthistorikerin Dr. Esther Sophia Sünderhauf, Leiterin von „Parish Kostümbibliothek“ in München, beschäftigt sich mit der Garderobe Adolf Hitlers.

In der Zeitschrift G/Geschichte begründete sie 2016 ihre Forschungen:

Es geht nicht um Mode. Das Wort würde ich in diesem Zusammenhang überhaupt nicht benutzen wollen, denn es gibt der Intention meiner Untersuchung eine falsche Richtung. Es geht vielmehr darum, diesem für die Weltgeschichte so verhängnisvollen Menschen auch von der Seite seiner äußeren Erscheinung her auf die Spur zu kommen. Wie konnte es sein, dass er diese öffentliche Wirkung entfalten konnte? Da ist natürlich sein Kleidungsverhalten und der damit erzielte Habitus ein wichtiges Element. Seine mittels der Kleidung vorgetragenen Rollenspiele verstehe ich als Teil der politischen Ikonografie des Nationalsozialismus. Es ist eine Zeichensprache jenseits der Sprache, die unterbewusst verstanden wird. Diese symbolische Kommunikation gibt es heute ebenso und sie zu kennen, hilft uns, auch unsere Gegenwart zu verstehen.“ 

Ja, die Garderobe des Diktators ist ein Thema, das die Forschung viel zu lange ignoriert hat. Und am 20. Juli 1944 zerstörte die Bombe des Grafen Stauffenberg auch noch die neue Hose des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht. Das muss für den „Führer“ ein schmerzlicher Verlust gewesen sein.

Es gibt mittlerweile mehrere Biografien über Adolf Hitler, die als Grundlagenwerke der Forschung gelten können. Historiker, die sich vorwiegend mit den Strukturen des nationalsozialistischen Regimes beschäftigten, haben Antworten auf die Frage gegeben, warum ein Mensch, der normalerweise als gescheiterte Existenz in einem unbekannten Massengrab geendet wäre, zumindest eine Zeit lang eine Mehrheit der Deutschen für seine Politik gewinnen konnte. Der Nationalsozialismus gehört zu jenen Epochen, in denen die Literatur kaum noch überschaubar ist. Und es erscheinen immer wieder Studien, die den Forschungsstand erweitern.

Nun setzt Frau Dr. Sünderhauf bei der äußeren Erscheinung des Diktators an. Ist es denn so erstaunlich, dass ein Politiker im Laufe seiner Karriere die Garderobe wechselt? Hitler legte Wert auf sein Aussehen.

Liefert aber – nur um ein Beispiel zu nennen – die  Kombination aus feldgrauem Sakko und schwarzer Hose, die der „Führer“ in den letzten Jahren seiner Herrschaft trug, eine Erklärung für seine verbrecherische Politik? Schon Anfang Februar 1933 erklärte Hitler in Zivil vor Generälen der Reichswehr, sein Ziel sei es, „Lebensraum im Osten“ zu gewinnen. Im Klartext: Die Grenzen Deutschlands sollten durch Krieg erweitert werden. Gewalt als Mittel der Politik hätte der „Führer“ auch im Frack für notwendig gehalten.

In der Literatur ist seit Jahren bekannt, dass Hitler sich von den Offizieren in seiner Umgebung abheben wollte. Da standen dem „Führer“ mehrere Wege offen. Der Diktator konnte sich zum Feldmarschall (den höchsten Rang, den es in der militärischen Hierarchie gibt) ernennen, wobei seine Uniform einige „Verzierungen“ enthalten hätte, die einem „normalen“ Generalfeldmarschall nicht zustanden. Das wollte Hitler nicht.

Zweite Möglichkeit: Er hätte sich bei Kriegsausbruch mit dem Dienstgrad eines Gefreiten reaktivieren lassen können. Aber ein Gefreiter als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht? Ein Ding der Unmöglichkeit.

So entstand die Kombination aus feldgrauem Sakko und schwarzer Hose. Feldgrau trugen die Soldaten des Heeres – zweifellos wollte der Diktator zeigen, dass er ab 1939 seine Hauptaufgabe darin sah, die Leitung der militärischen Operationen zu übernehmen. Doch etwas „zivilistisch“ wirkte Hitler in dieser Kluft schon. Feldherr sei er nur wider Willen, soll er einmal geäußert haben, nach dem „Endsieg“ wolle er sich wieder seinen künstlerischen Neigungen widmen. Diese schlichte, pseudomilitärische „Dienstbekleidung“ sollte signalisieren, dass der „Führer bescheiden“ seine Pflicht tut. Der Mann wollte nicht so aussehen wie diese Generäle, die er – bis auf wenige Ausnahmen – verachtete. Er hielt sich für einen Volkstribun, einen „modernen Rienzi“. (Die Oper Rienzi gehört zum Frühwerk Richard Wagners und wird in Bayreuth nicht aufgeführt.) Da kann man nicht gestiefelt und gespornt mit Ritterkreuz und Eichenlaub daherkommen oder im Frack den „großdeutschen Freiheitskampf“ (so verklärten die Nationalsozialisten ihren verbrecherischen Krieg) anführen. Dieser „Rienzi“ sah aus wie eine Mischung aus Zahlmeister und Schaffner.

Welche Bedeutung die Garderobe Hitlers für die Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen hat, leuchtet mir nicht ein. Sollte jetzt jemand meinen, ich verharmlose den Nationalsozialismus, dann möchte ich das entschieden zurückweisen. Aber ich glaube nicht, dass die Beschäftigung mit dem äußeren Erscheinungsbild Hitlers der NS-Forschung neue Impulse verleihen kann. Und ein Ausblick auf die Unterwäsche des „Führers“ bleibt uns hoffentlich erspart.

Aber was wäre Wissenschaft ohne neue Fragestellungen? Die „Süddeutsche Zeitung“ meinte dazu am 5. Dezember 2015:

„Warum Hitlers Äußeres bislang trotzdem nie systematisch betrachtet worden ist, erklärt Barbara Vinken, Professorin an der LMU und derzeit die wichtigste deutsche Mode-Denkerin: ‚Vermutlich liegt es daran, dass es schwer fällt, Fragen der Eleganz und Leichtigkeit, auch des Stils und der Perfektion, wie es modische Fragen nun mal sind, mit jemandem in Verbindung zu bringen, der in vollkommener Verworfenheit Leichenberge um sich herum aufgehäuft hat.‘ Interessant ist diese Perspektive trotzdem. Denn selbst wer sich der Erkenntnis verschließen will, dass Hitlers Erscheinungsbild die Welt mitgeprägt hat, der muss erkennen: Sein Weltbild hat die Mode mitgeprägt. Zumindest die von damals.“

Dass Hitler die europäische Geschichte verändert hat, um es einmal neutral auszudrücken, ist eine Tatsache. Und ich kann mir auch vorstellen, dass charakterlose Massenmörder Wert auf ein gepflegtes Ambiente legten und legen. Diese Perspektive ist in meinen Augen jedoch mitnichten interessant, wie die „Süddeutsche“ meint. Stil bedeutet für mich, dass man nicht nur Wert auf sein Aussehen legt, sondern auch grundlegende Menschenrechte akzeptiert. Ein Verbrecher im Maßanzug hat für mich keinen Stil.

Frau Professor Vincken dürfte entgangen sein, dass Hitler gerade in seiner Umgebung keine Leichen sehen wollte. Als sein Sonderzug einmal während des Krieges in einem Bahnhof haltmachte, konnte man auf dem Gegengleis einen Waggon mit Verwundeten sehen. Der „Führer“ ließ sofort die Vorhänge seines Abteils zuziehen.

Tatsache ist, dass Hitler den Handkuss beherrschte. Er konnte ausgesprochen höflich sein. Es stimmt auch nicht, dass der Diktator seine militärischen Berater ständig anschrie.

Aber wie die“ Süddeutsche Zeitung“ auf die Idee kommt, man könne sich der Einsicht nicht verschließen, dass Hitlers Weltbild die Mode „von damals“ mitgeprägt hat, ist mir schleierhaft.

In der Tat: Seine Politik führte dazu, dass sehr viele junge Männer Uniformen tragen mussten. Ob der Diktator darüber hinaus modischen Einfluss entfaltete, dürfte Frau Professor Vinken mit ihrer Kompetenz beantworten können.

Die Erforschung des Nationalsozialismus ist also noch lange nicht abgeschlossen. Und was Vergangenheitsbewältigung angeht, macht uns kein anderes Volk auf der Welt etwas vor.

PS: Abgesehen von dieser Kritik – ich kann nur empfehlen, die Homepage der „Parish Kostümbibliothek“ und die Homepage von Frau Prof. Vinken zu besuchen.