Der Luftkrieg über Deutschland zwischen 1943 und 1945

Im Januar 1943 beschlossen Engländer und Amerikaner, den strategischen Bombenkrieg gegen Deutschland zu eröffnen. Die Angriffe sollten die militärische und zivile Infrastruktur zerstören und die Moral der deutschen Zivilbevölkerung untergraben. Die Reichsverteidigung wurde zu einer weiteren Front für die deutsche Luftwaffe. Während die amerikanische Luftwaffe bei Tage einflog, bombardierten die Engländer in der Nacht. Die Luftoffensive trug sicher zur deutschen Niederlage bei, entschied aber nicht den Krieg.

In diesem Beitrag geht es um die Reaktion der deutschen Führung auf die militärische Herausforderung. Der Schwerpunkt liegt auf dem Luftkrieg am Tage. Gab es zwischen Hitler und der Luftwaffe Meinungsverschiedenheiten? Verfügte die Luftwaffe über eine geeignete Strategie zur Abwehr der Angriffe? Wie groß waren die Chancen der Luftwaffe, den Krieg am Himmel Deutschlands zu gewinnen?

Der Beginn des strategischen Bomberkrieges der Westmächte

Zu Beginn des Jahres 1943 kämpfte das Gros der deutschen Verbände außerhalb Deutschlands. Die Jagdgeschwader kamen überwiegend in Russland und im Mittelmeerraum zum Einsatz. Vorrang genoss die Bomberwaffe, die schwerpunktmäßig das Heer an der Ostfront unterstützte.

Die Reichsverteidigung war darüber vernachlässigt worden. Hitler glaubte, dass Fliegerabwehrkanonen (Flak) einen ausreichenden Schutz bieten würden. Der Ausbau der Geschützstellungen erforderte viel Material. Zwischen 1943 und 1945 sollte sich herausstellen, dass diese Form der Luftabwehr wenig effizient war. Die Abschusszahlen standen in keinem Vergleich zu dem Aufwand, den die Flak erforderte.

Anfang 1943 war lediglich das Jagdgeschwader 1 mit zwei Gruppen für die Tagjagd im Reichsgebiet vorgesehen. Aus einer Gruppe wurde im April 1943 das Jagdgeschwader 11 gebildet. Nur ein Teil der monatlichen Jägerproduktion kam im Reich zum Einsatz. In der ersten Jahreshälfte griffen die Amerikaner 22-mal an und setzten dabei zwischen 90 und 220 schwere Bomber ein.

In der Nachtjagd musste ebenfalls mit schwachen Kräften die Verteidigung improvisiert werden. Neben geeigneten Flugzeugen bedurfte es einer Bodenorganisation, die in der Lage war, die Einsätze in der Nacht zu leiten. Allerdings konnten die Briten mehr schwere Bomber aufbieten. Einflüge mit 400 bis 500 Feindmaschinen waren keine Seltenheit. Beim Angriff auf Dortmund in der Nacht vom 23./24. Mai 1943 setzte die britische Luftwaffe mehr als 800 Maschinen ein. Allein Essen wurde in der ersten Hälfte des Jahres 1943 fünfmal angegriffen. Die Rüstungsproduktion wurde beeinträchtigt. Der Luftraum über Deutschland war zum Kriegsgebiet geworden.

Wie reagierte die deutsche militärische Führung? Adolf Hitler führte nicht nur den Oberbefehl über die Wehrmacht und das Heer. Er mischte sich auch immer häufiger in die Führung der Luftwaffe ein. Die alliierten Bombenangriffe steigerten sein Misstrauen gegen die deutschen Luftstreitkräfte.

An der Spitze der Luftwaffe stand Reichsmarschall Hermann Göring. Er gehörte seit 1922 der NSDAP an und genoss lange Zeit das Vertrauen Hitlers. Der „Führer“ übertrug Göring neben der Führung der Luftwaffe mehrere hohe Ämter und bestimmte ihn 1941 im Falle seines Todes zum Nachfolger. Wie andere hohe Funktionäre des Regimes war Göring mitverantwortlich für den Völkermord an den Juden.

Um die Führung der Luftwaffe kümmerte er sich nach der verlorenen Luftschlacht gegen England 1940/41 kaum noch. Auf Beobachter machte er 1943 einen apathischen Eindruck. Göring mied das „Führerhauptquartier“, weil er wusste, dass Hitler sich sehr negativ über ihn und die Fliegertruppe äußerte.

Der „starke Mann“ der Luftwaffe war Generalfeldmarschall Erhard Milch, Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium und seit 1941 Generalluftzeugmeister. In dieser Funktion zeichnete er für die technische Planung und Produktion verantwortlich. Als Milch das Amt übernahm, herrschte in der deutschen Luftrüstung Chaos. Sein Vorgänger, Generaloberst Ernst Udet, ein erfolgreicher Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg, fehlte die Fähigkeit, um diesen bürokratischen Apparat mit 4000 Mitarbeitern zu leiten. Bei Ausbruch des Krieges verfügte die Luftwaffe über moderne Flugzeugtypen. Diesen technischen Vorsprung verlor sie in den ersten beiden Kriegsjahren. Einige für die Jahre 1941/42 vorgesehenen Neubauten erwiesen sich als untauglich. Die Entwicklung eines schweren Bombers stockte. Udet machte sich im Herbst 1941 keine Illusionen über den Zustand der Luftwaffe. Er wusste, dass es nicht genug Rohstoffe gab, um einen Mehrfrontenkrieg zu bestehen.

Der Chef des Generalstabes der Luftwaffe, General Jeschonnek, war Hitler und Göring bedingungslos ergeben. Jeschonnek kümmerte sich um die Operationsführung. Göring und Jeschonnek wollten wie Hitler weiterhin den Bau von Bombern forcieren. Für sie hatten die Landfronten Vorrang. Der Krieg sollte möglichst weit entfernt von den Grenzen des Reiches geführt werden. Dazu benötigte man Kampfflugzeuge, die das Heer auf seinen überdehnten Fronten unterstützen.

Generalfeldmarschall Milch plädierte dagegen ab 1943 für eine Verstärkung der Reichsverteidigung. Am 4. Januar 1943 hatte er Göring Zahlen über die amerikanische Flugzeugproduktion für 1943 vorgelegt. Man rechnete im Reichsluftfahrtministerium mit einer Jahresproduktion von 98 000 Maschinen. Die deutschen Flugzeugwerke sollten in diesem ca. 15 500 Maschinen ausliefern. Göring hielt diese Zahlen für übertrieben und nahm sie nicht zur Kenntnis.

Im März 1943 schlug Milch dem Diktator eine grundsätzliche Änderung der deutschen Luftwaffenstrategie vor. Das Reich sollte in Zukunft 5000 Jagdmaschinen im Monat produzieren und sich auf 670 Bomber beschränken. Doch Hitler lehnte ab. Im Gegenteil: Der „Führer“ wollte die Bomberrüstung steigern. Nur so konnte in seinen Augen die Ostfront gehalten werden. Außerdem verlangte er von der Luftwaffe eine neue Offensive gegen England.

Der für die Jagdflieger zuständige Generalmajor Adolf Galland hielt Hitler kurz darauf Vortrag. Galland forderte, die Zahl der Jäger zu vervierfachen. Sollten die alliierten Bomber in Zukunft mit Begleitjägern angreifen, müsse die Reichsverteidigung noch mehr aufgestockt werden. Der Diktator akzeptierte, dass mehr Jäger zur Verteidigung gegen Bomber nötig wären. Die Möglichkeit, dass leistungsstarke Langstreckenjäger die einfliegenden Bomber schützen könnten, wies er von sich. Göring hätte ihm versichert, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit sei. Wunschdenken und Faulheit kennzeichneten seinen Führungsstil.

Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe entwickelte 1943 mehr Aktivitäten. Sie bestanden darin, den Jägerpiloten Feigheit vorzuwerfen. Dass es zu wenige deutsche Verteidigungskräfte gab und die deutschen Maschinen nur noch bedingt konkurrenzfähig waren, nahm Göring nicht zur Kenntnis. Seine „Führung“ beschränkte sich auf sporadische Eingriffe, denen meist ein unangenehmer Termin bei Hitler vorausgegangen war.

Der Generalluftzeugmeister, Generalfeldmarschall Milch, vergrößerte den Jägeranteil an der wachsenden Flugzeugproduktion. In den ersten acht Monaten des Jahres 1943 liefen monatlich 1000 Jagdeinsitzer vom Band. Allerdings wurden nicht alle Maschinen in Deutschland eingesetzt.

Ende Juni 1943 bat Milch den Oberbefehlshaber der Luftwaffe, eine monatliche Produktion von Jagdflugzeugen, also 1000 Maschinen, der Reichsverteidigung zur Verfügung zu stellen. Göring reagierte nicht. Milch musste sich an den Luftwaffenadjutanten Hitlers wenden, der beim Diktator die Zustimmung für die Pläne von Milch erreichte.

Dieser Vorfall zeigt beispielhaft, dass von einer konsequenten Luftwaffenführung mit einer klaren Strategie nicht die Rede sein konnte. Göring, der Oberbefehlshaber, tat so, als ob es keinen Krieg gäbe. Hitler mischte sich gelegentlich ein, doch ihm fehlten die Fachkenntnisse über Luftkrieg und Luftrüstung. Für den „Führer“ hatte der Krieg im Osten aus ideologischen Gründen Vorrang. Göring, besorgt um seine Stellung innerhalb der Diktatur, widersprach dem Diktator nicht. Auch Teile der Luftwaffenführung setzten immer noch auf die Offensive. Die Reichsverteidigung fand in Generalmajor Galland ihren Fürsprecher. Immerhin gelang es ihm Frühsommer 1943, eine wenn auch schwache Luftverteidigung aufzubauen. Die alliierten Bomber mussten Verluste hinnehmen.

Deutsche Ziviltote nach einem Bombenangriff. (Quelle: Bundesarchiv Bild 146-1983-12205 A)

Ende Juli 1943 begann die Royal Air Force mit einer Angriffsserie gegen die Stadt Hamburg. Durch einfache Tricks hatten die Angreifer das deutsche Radar lahmgelegt. Die Brandbomben verursachten verheerende Schäden. Innerhalb der Luftwaffenführung schien sich ein Umdenken anzubahnen.

Hamburg – eine verpasste Chance?

Vom 24. Juli 1943 bis zum 3. August 1943 zerstörten die Alliierten einen Teil Hamburgs. Selbst Göring war nun der Meinung, die Luftwaffe müsse auf Defensive umgestellt werden. Anfang August versammelte Göring die führenden Luftwaffenoffiziere in der „Wolfsschanze“, dem Hauptquartier Hitlers in Ostpreußen. Endlich wurde die Situation der Luftwaffe nüchtern analysiert. Auch Göring vertrat nun die Ansicht, dass der Jägerwaffe absoluter Vorrang einzuräumen sei. Wenn es nicht gelänge, die Luftherrschaft über dem Reich zurückzugewinnen, bestünde die Gefahr, dass die Rüstungsindustrie ausgeschaltet würde. Adolf Galland schildert in seinen Erinnerungen dieses Treffen und hielt es ihm Rückblick für eine „Schicksalsstunde“ der Luftwaffe. Er war beeindruckt von der Einigkeit, die unter den Teilnehmern herrschte. Die sonst üblichen Rivalitäten zwischen Jagd- und Kampffliegern schienen vergessen.

Göring begab sich zu Hitler, um dessen Zustimmung für die radikale Kurswende zu erhalten. Doch der Diktator wollte von einem Vorrang der Reichsverteidigung nichts wissen. Im Gegenteil: Er befahl eine neue Luftoffensive gegen England. Obwohl es schon an der Ostfront an Bombern mangelte, wurde der Luftwaffe eine neue Aufgabe aufgebürdet. Göring verkündete theatralisch, dass der „Führer“ ihm das Vertrauen entzogen hätte. Die Luftwaffe bekäme noch einmal eine Chance, sich mit dieser Offensive zu bewähren.

Welche Gründe bewogen Hitler zu diesem Beschluss? Gegenüber seinen militärischen Ratgebern vertrat er die Ansicht, dass man die alliierten Angriffe nur stoppen könne, wenn man den Luftkrieg in das Land des Gegners verlagerte. Ob dafür die notwendigen Kräfte zur Verfügung standen, interessierte ihn nicht. Krieg war für ihn eine Sache des Willens. Und diese Entschlossenheit sollte die Luftwaffe nun unter Beweis stellen. Dass Göring sich dem fügte, zeigt nur, wie stark die Position Hitlers war. Ganz auf die Nachfolge Hitlers fixiert, stand sein persönliches Prestige für ihn im Vordergrund.

Hitlers Haltung lag in der Logik seiner Strategie. Die Ostfront konnte nur mit Unterstützung der Luftwaffe gehalten werden. Die Umrüstung auf Verteidigungsflugzeuge hätte notwendigerweise einen Rückzug aus Russland erfordert. Dazu war der Diktator nicht bereit. Großadmiral Dönitz, der Oberbefehlshaber der Marine und Heinrich Himmler, der Chef der SS, unterstützten den Diktator in seiner Haltung. Der Wehrmachtführungsstab unter General Alfred Jodl wies Ende August 1943 darauf hin, dass ein Rückzug im Südabschnitt der Ostfront dazu führen könnte, dass die schlesische Rüstungsindustrie für sowjetische Bomber erreichbar wäre.

Offen bleibt auch die Frage, ob eine Umstellung auf radikale Defensive eine Wende im Krieg herbeigeführt hätte. Die Luftwaffe hätte eine Chance gehabt, den alliierten Bombern mehr Widerstand zu leisten. Schon im Frühsommer 1943 konnten die Tag- und Nachtjäger mit schwachen Kräften ihre Abschusszahlen erhöhen. Galland gelang es, Verbände aus Italien und der Ostfront in das Reich verlegen zu lassen. Bei einer drastischen Steigerung der Jägerfertigung – eine Zeitspanne von mehreren Wochen für die Umstellung der Produktion mit entsprechend niedrigen Zahlen hätte man einkalkulieren müssen – wäre die deutsche Luftabwehr zu Beginn des Jahres 1944 zu einer noch größeren Herausforderung für die Alliierten geworden, selbst wenn man berücksichtigt, dass die Amerikaner im Januar 1944 zum ersten Mal ihren neuen Begleitjäger P 51 „Mustang“ einsetzten, der den deutschen Maschinen überlegen war.

Foto: Jagdeinsitzer P 51 Mustang (Foto: Wikipedia Commons)

Ob diese Wende im Luftkrieg die deutsche Niederlage insgesamt verhindert hätte, ist zweifelhaft. Aber den Deutschen hätte sich die Chance geboten, der Zerstörung ihrer Städte Einhalt zu gebieten. Auf Dauer hätte das Deutsche Reich gegen die USA, England und die Sowjetunion keine Chance gehabt.

Endgültig in der Defensive

General Galland, Generalfeldmarschall Milch und der neue Chef des Generalstabes der Luftwaffe, Generaloberst Korten, versuchten nach Hamburg, die Reichsverteidigung trotz der ablehnenden Haltung Hitlers weiter zu stärken. Viel konnten sie jedoch nicht tun. Die Jägerproduktion ging aufgrund der alliierten Luftangriffe teilweise zurück. Die Verluste und der Mangel an Benzin führten dazu, dass die Ausbildung verkürzt werden musste. Ein deutscher Pilot konnte vor seinem ersten Fronteinsatz nur ein Drittel der Flugstunden absolvieren, die zum Trainingsprogramm der englischen und amerikanischen Luftwaffe gehörten.

Hinzu kam, dass die deutschen Jäger vom Typ „ME 109“ oder „Focke-Wulf 190“ technisch nicht mehr auf dem neusten Stand entsprachen. Im Herbst 1943 gelangen der deutschen Reichsverteidigung noch einige Erfolge. Trotzdem reagierte Göring unzufrieden. Im Oktober 1943 fand zwischen Göring und Galland wieder eine erregte Aussprache statt. Göring warf den Jägern erneut Feigheit vor. Galland verwies auf die schlechte Ausbildung des Nachwuchses, die zahlenmäßige und technische Überlegenheit der Alliierten. Der General der Jagdflieger hegte noch die Hoffnung, dass die Führung der Luftwaffe die Bedeutung der Reichsverteidigung erkennen würde. Doch der Reichsmarschall beharrte auf seiner Meinung. Galland bat schließlich darum, von seinem Kommando entbunden zu werden. Doch Göring überlegte es sich anders und der General der Jagdflieger blieb auf seinem Posten.

Galland schrieb in seinen Erinnerungen, dass zu Beginn des Jahres 1944 die Kampfkraft der Jäger stärker stärker gewesen sei als 1943. Eine bessere Bewaffnung der Jäger und neue Angriffstaktiken konnten die Mängel in der Ausbildung und dem technischen Standard der Flugzeuge ausgleichen. Die Peripherieverteidigung wurde teilweise aufgegeben. Da die Jäger in der Unterzahl waren, spielte man nur dem Gegner in die Hände, wenn man sie entlang der Reichsgrenze verzettelte. Durch eine Konzentration einzelner Einheiten konnten nun ganze Geschwader bei Feindeinflügen den Gegner angreifen.

Doch als die Amerikaner bei Tage ab Dezember 1943 ihren neuen Langstreckenbegleitjäger vom Typ Mustang P 51 einsetzten und ihre Angriffsstärken das Niveau der Royal Air Force erreichten, zeichnete sich die Niederlage der Luftwaffe endgültig ab. In fast allen Höhen war der amerikanische Jäger schneller als die deutsche Messerschmitt ME 109. Gegen 500 bis 800 Bomber und der entsprechenden Zahl von Begleitjägern waren die Deutschen am Tage machtlos. Auf technischem Gebiet hatten die Alliierten ihre Flugzeuge allwettertauglich gemacht und ihre Navigationstechniken verbessert. Die deutsche Luftwaffe verfügte nicht über gleichwertige Blindfluginstrumente und die Piloten konnten nicht entsprechend ausgebildet werden.

Foto: ME 109 (File:Bundesarchiv Bild 101I-662-6659-37)

Im Februar 1944 bombardierten die Amerikaner eine Woche lang Industriebetriebe, die für die deutsche Flugzeugindustrie wichtig waren. Wenige Wochen später wurden deutsche Flugzugwerke zum Ziel englischer und amerikanischer Angriffe. Die deutsche Flugzeugproduktion erlitt starke Einbußen.

Die Reichsverteidigung betrachteten Hitler und die Wehrmachtführung eine Nebenfront. Der Diktator lehnte es ab, angegriffene Städte zu besuchen und sich ein Bild von der Lage zu machen. Goebbels lud Galland zu einem Vortrag vor Propagandaleitern der NSDAP ein, weil die Bevölkerung immer wieder kritische Fragen nach der Luftwaffe stellten. Der General der Jagdflieger machte keinen Hehl daraus, dass die Alliierten seit Februar 1944 die Luftherrschaft übernommen hätten. Galland erwähnte die hohen Verluste bei erfahrenen Offizieren der mittleren Führungsebene. Ohne geeignete Gruppen- und Staffelkapitäne würde die Luftwaffe bald wirkungslos sein. Personelle Reserven wären nicht mehr vorhanden. Der Propagandaminister notierte enttäuscht, er würde in Zukunft keine Fachleute mehr ohne politischen Instinkt einladen. Die Führung des NS-Regimes war nicht bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Zusammen mit Rüstungsminister Speer im Frühjahr 1944 ein Notprogramm für die Luftwaffe vor. Ähnlich wie Anfang August 1943 wollten sie der Jagdwaffe absoluten Vorrang einräumen. Speer argumentierte damit, dass die Rüstungsproduktion unter den amerikanischen und englischen Angriffen zu leiden hätte.

Doch die oberste Führung wollte an einer staken Bomberwaffe keine Abstriche machen. Dabei kam Göring zugute, dass es auch innerhalb der Luftwaffe Rivalitäten gab. Der General der Kampfflieger, Peltz, hatte dem Oberkommando der Luftwaffe eine Denkschrift vorgelegt, in der er die These vertrat, nur im Angriff sei der Krieg zu gewinnen. Auch Jagdflugzeuge müssten in der Lage sein, Bomben abzuwerfen. Die Jäger teilweise zu Jagdbombern umzufunktionieren, schwächte die Reichsverteidigung zusätzlich.

Letztlich traf Göring auch in den ersten Monaten 1944 keine Entscheidung. Er ließ Milch freie Hand, der die Jägerproduktion erhöhen wollte, ohne dass es bei den Bombern zu starken Einschränkungen käme. Da es keine klare Strategie für die Luftwaffe gab, konnte es auch keine auf die Bedürfnisse der Truppe abgestimmte technische Planung geben. Die Luftwaffenproduktion stieg bis zum Herbst 1944 insgesamt an, wobei sich der Schwerpunkt leicht zu den Jägern verlagerte – was jedoch nicht ausreichte, um den Luftkrieg über Deutschland zu gewinnen. Galland konnte in der ersten Jahreshälfte 1944 mit Erlaubnis von Göring eine Reserve von ca. 600 Maschinen aufbauen.

Da tat sich 1943 ein Hoffnungsschimmer auf. Die Firma Messerschmidt präsentierte mit der ME 262 den ersten Düsenjäger. Mit ca. 800 Kilometern war den englischen und amerikanischen Mustern deutlich überlegen. Im Frühsommer 1943 konnte Galland den Prototyp fliegen und äußerte sich begeistert. Doch das Flugzeug war noch nicht einsatzreif. Es gab Probleme mit den Düsentriebwerken, die erst 1944 gelöst werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Luftwaffe eine Auseinandersetzung, wie die ME 262 eingesetzt werden sollte: als Abfangjäger oder Schnellbomber.

(Attribution: Julian Herzog)

1944: Neue Hoffnungen und Zusammenbruch

Die Firma Messerschmidt präsentierte mit der ME 262 den ersten Düsenjäger. Mit ca. 800 Kilometern war den englischen und amerikanischen Mustern deutlich überlegen. Im Frühsommer 1943 konnte Galland den Prototyp fliegen und äußerte sich begeistert.

Doch das Flugzeug war noch nicht einsatzreif. Es gab Probleme mit den Düsentriebwerken, die erst 1944 gelöst werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Luftwaffe eine Auseinandersetzung, wie die ME 262 eingesetzt werden sollte: als Abfangjäger oder Schnellbomber.

Im November 1943 wurde das Flugzeug Adolf Hitler vorgestellt. Der Diktator fragte, ob es auch Bomben tragen könne, was der Konstrukteur, Professor Willy Messerschmitt, bejahte. David Irving macht in seiner „Die Tragödie der deutschen Luftwaffe“ Messerschmitt für den verspäteten Einsatz der Maschine als Abfangjäger verantwortlich. In Wirklichkeit waren es die bereits erwähnten Probleme mit den Triebwerken, die einen Einsatz vor dem Sommer 1944 verhinderten. Nach dem Termin bei Adolf Hitler wurde die Maschine weiter als Jäger gebaut. Erst im Mai 1944 erfuhr Hitler davon und befahl die sofortige Umrüstung der wenigen vorhandenen Maschinen zu Schnellbombern. Die wenigen Schnellbombereinsätze im Sommer 1944 scheiterten, weil die Maschine zum gezielten Bombenabwurf ungeeignet war.

Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Dabei schürte die gegnerische Luftwaffe den Landeraum ab. Nur zwei deutsche Jäger waren am 6. Juni in der Luft.

In den nächsten Wochen erlitt die Luftwaffe schwere Verluste an der Invasionsfront. Die gegnerische Luftherrschaft verhinderte, dass die deutschen Verbände geordnet nach Frankreich verlegt werden konnten. Flugplätze und die notwendige Bodenorganisation wurden ständig bombardiert.

Im deutschen Heer fragte man hämisch, was die Luftwaffe täte. Schließlich entschied sich Hitler im August, die Jägerreserve einzusetzen. Galland wandte sich vergeblich gegen den Befehl. Die Maschinen kamen an der Front zu spät und gingen meist im überstürzten Rückzug des Westheeres im August 1944 verloren. Eine Zeit lang erwog der Diktator die Abschaffung der Jäger. Nur noch Flugabwehrgeschütze sollten das Reich schützen. Doch Hitler ließ seinen Worten keine Taten folgen.

Da Generaloberst Korten an den Folgen des Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler gestorben war, übernahm General Werner Kreipe die Führung des Generalstabes der Luftwaffe. Kreipe erkannte ebenfalls die Notwendigkeit einer stärkeren Luftverteidigung.

Immerhin ordnete Göring am 22. Juli 1944 an, den Bau von Bombern einzustellen. Viel zu spät hatte die Führung erkannt, dass man mehr Jäger bräuchte. Ende August gab Hitler auch die ME 262 für den Einsatz als Jäger frei. Das erste Jagdgeschwader mit Düsenmaschinen wurde aufgestellt.

Da Rumänien das Bündnis mit Deutschland verlassen hatte, war die Luftwaffe auf Flugbenzin angewiesen, dass deutsche Hydrierwerke produzierten. Gleichzeitig erreichte die deutsche Flugzeugproduktion im September 1944 ihren Höhepunkt.

Die amerikanischen Tagesangriffe gegen Ziele im Reich wurden wieder intensiver. Nicht nur Rüstungsbetriebe, sondern auch Bahnlinien und Bahnhöfe wurden zerstört. Die in Oberschlesien und im Ruhrgebiet produzierte Kohle konnte gar nicht mehr zu den Fabriken transportiert werden. Panzer oder Flugzeuge mussten in Wäldern versteckt werden, weil sie ihre Einheiten nicht erreichen konnten. Es fehlte der Treibstoff, um sie ihren Einheiten zuzuführen. Amerikanische Jagdflugzeuge beschossen Bauern auf ihren Feldern. Der Zusammenbruch der Luftverteidigung stand bevor.

Hitler und Göring war diese Entwicklung nicht entgangen. Göring berief vom 6. bis 12. November 1944 in der Luftwaffenakademie in Gatow eine Tagung höherer Offiziere ein. Sie sollte die Situation diskutieren. Kritik an Hitler und Göring war untersagt. Das glich dem Versuch, die Symptome zu behandeln, ohne die Ursachen der Krankheit zu beseitigen.

In der Jagdführung plante man ein Unternehmen mit dem Codewort „Der große Schlag“. Ein letztes Mal sollten alle vorhandenen Jäger und Zerstörer auf einmal gegen die alliierten Bomber eingesetzt werden. Im November 1944 konnte Galland ca. 3700 Maschinen einsatzklar melden. Auch wenn sie veraltet waren, so hoffte die Luftwaffe, würde der konzentrierte Angriff gegen einen amerikanischen Bomberstrom zu einem Abschuss von ca. 500 gegnerischen Maschinen führen und damit dem Gegner eine unerwartete Niederlage zuführen.

Der „große Schlag“ kam nicht zustande. Stattdessen wurde die Luftwaffe bei der letzten großen Offensive des Heeres im Westen, der Ardennenoffensive, am Neujahrsmorgen 1945 eingesetzt. Die deutschen Flugzeuge zerstörten auf den gegnerischen Flughäfen ca. 400 Maschinen. Aus Geheimhaltungsgründen hatte man die deutschen Flugabwehrgeschütze nicht informiert. Knapp 300 Jäger, die im Tiefflug von dem Unternehmen zurückkehrten, wurden von der eigenen Luftabwehr abgeschossen. Noch nie war Hitlers Flak so erfolgreich gewesen. Da sich unter den Toten viel erfahrene Piloten und Verbandsführer befanden, bezeichnete Galland die Operation mit dem Tarnnahmen „Bodenplatte“ als Todesstoß für die Luftwaffe. Engländer und Amerikaner konnten die Verluste ersetzen.

In den ersten Monaten des Jahres 1945 drangen die Alliierten immer tiefer nach Deutschland vor. Die deutsche Luftwaffe konnte nur noch gelegentliche Einsätze fliegen. Im Januar 1945 wurde Adolf Galland seines Amtes entlassen. Mit einer Gruppe erfahrener Jagdflieger hatte er in letzter Minute versucht, eine Kurswende zu erzwingen.

Göring erlaubte ihm, als Generalleutnant eine Staffel aus Düsenjägern aufzustellen. Dieser Jagdverband 44 bestand aus hoch dekorierten Piloten und flog von Süddeutschland aus erfolgreiche Einsätze. Ansonsten beherrschten Engländer, Amerikaner und nun auch Russen den Luftraum über Deutschland.

Mit einer totalen Niederlage endete für die deutsche Fliegertruppe der Zweite Weltkrieg. Die deutsche Luftwaffe wurde zwischen 1935 und 1939 aus dem Boden gestampft. Zu Beginn des Krieges galt sie als stärkste Luftmacht in Europa. Doch wie Heer und Marine war sie unfähig, einen längeren Krieg zu führen. Seit 1942 reichten ihre Kräfte nicht mehr aus, um die ihnen zugeteilten Aufgaben an mehreren Fronten zu bewältigen.

Auch für die Sieger war der alliierte Bombenkrieg alles andere als ein Spaziergang. Die Alliierten konnten es sich leisten, Bomberbesatzungen nach einer begrenzten Einsatz auszutauschen. Aber nicht jede Crew erreichte diese Marke.

Dabei hätte es Möglichkeiten gegeben, die katastrophale Niederlage im Luftkrieg zu verhindern. Damit will ich nicht der These Vorschub leisten, der Einsatz des Düsenjägers hätte alles wenden können. 1943 waren die Kapazitäten vorhanden, um die Produktion von Jagdflugzeugen zu steigern. Selbst ein massiver Einsatz der verbesserten Standardtypen ME 109 und Focke-Wulf 190 hätte die Situation verbessern können.

Nach Einsatz der neuen amerikanischen Begleitjäger präsentierte Focke-Wulf 1944 einen Kolbentriebsjäger vom Typ 190A-Langnase, der 705 Kilometer schnell war und eine Höhe von 12 000 Metern erreichen konnte. Alliierte Piloten, die nach dem Krieg Beutemaschinen testeten, äußerten sich begeistert. Treibstoffmangel behinderte den Einsatz schon 1944. Die Focke-Wulf-Werke entwickelten noch eine verbesserte Version mit der Typenbezeichnung TA-152, doch begann deren Produktion zu spät. Auch die ME 109 K erreichte Geschwindigkeiten mit mehr als 700 Kilometern und wäre ihren Gegner ebenbürtig, aber das Flugzeug stand erst 1945 zur Verfügung. Möglicherweise machte die Luftwaffenführung 1943/44 einen Fehler, als sie ihre wenigen Ressourcen auf den Düsenantrieb setzte.

Noch einmal: In Deutschland fehlte ein Oberbefehlshaber, der seine Aufgaben ausfüllte. Göring zog sich wochenlang zurück, reiste durch Europa und „kaufte“ Beutekunst zu Preisen, die an Ausbeutung grenzten. Den Überblick über den Stand der Flugzeugtechnik hatte er spätestens 1943 verloren. Aufgrund seiner Jovialität besaß er in der Bevölkerung noch eine gewisse Popularität, aber in der NS-Hierarchie hielt Hitler bis Ende April 1945 die Hand über ihn. Er hielt kaum Kontakt zum Generalstab der Luftwaffe. Allenfalls die Vertreter der Bomber fanden bei ihm bis Mitte 1944 Gehör, weil er hier jenen nationalsozialistischen Durchhaltegeist zu finden glaubte, der in seinen Augen wichtig war, um den Krieg zu gewinnen.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass Hitlers Strategie, in erster Linie die Landfronten in Russland und im Süden Italiens zu halten, Görings Handlungsspielraum einschränkte. Gegenüber dem italienischen Diktator Mussolini beschrieb der „Führer“ am 19. Juli 1943 sein Konzept:

„Wenn Nordnorwegen, über das die Eisenerztransporte von Schweden gingen, Nordfinnland mit seinen Nickelgruben, Kriwoi Rog (eine Stadt in der Südukraine) mit seinen Erzlagern, dem Balkan mit dem Kupfer, Chrom und Molybdänvorkommen verloren gingen, so sei es mit dem Kriegführen für die Achse zu Ende.“

Die Wehrmachtführung benötigte dafür die Unterstützung der Luftwaffe. Doch selbst in der Bomberproduktion herrschte ein Chaos. Viel zu lange brauchte man, um den schweren Bomber Heinkel HE 177 frontreif zu machen. Veraltete Kampfflugzeuge mussten deshalb weiter gebaut werden. Die Versuche, im Osten einen strategischen Bombenkrieg gegen die sowjetische Industrie zu führen, kamen über Ansätze nicht hinaus.

Wenn man so will, erwies sich die Luftwaffe zwischen 1943 als Meisterin der Improvisation und der Aushilfen. Unterhalb Görings versuchten hohe Offiziere wie Generalfeldmarschall Milch, der General der Kampfflieger und Rüstungsminister Speer, die Reichsverteidigung auf ein solides Fundament zu stellen. Die Raketenprojekte des Rüstungsministeriums erweisen sich als wenig hilfreich. Zwar kamen die „V1“ und die „V2“ als „Vergeltungswaffen“ noch zum Einsatz, aber die Arbeitskräfte und die Rohstoffe fehlten der Luftwaffe.

Vor dem Krieg erlebte die Luftwaffe einen steilen Aufstieg. Ab 1940/41 wendete sich das Blatt. Aber es hätte Möglichkeiten gegeben, den Luftraum über Deutschland besser zu verteidigen. Es mag unredlich scheinen, für diese Entwicklung vor allem Göring verantwortlich zu machen. Doch ist er von der Verantwortung für die Niederlage nicht frei zu sprechen. Zu lange ließ er General Ernst Udet im Amt des Generalluftzeugmeisters. Udet war ein hervorragender Pilot, aber kein Planer und Organisator. 1941 ahnte er, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen könnte. Private Probleme verschlimmerten seine Situation und trieben ihn im November 1941 in den Freitod.

Generalfeldmarschall Milch, sein Nachfolger, besaß mehr Distanz zu Göring, aber auch er versuchte lange Zeit, sowohl die Wünsche der Bomber wie auch der Jäger zu erfüllen. Adolf Galland hatte als erfolgreicher Pilot engen Kontakt zur Truppe, als man ihn zum General der Jagdflieger machte. Er war zwar kein ausgebildeter Generalstabsoffizier, erkannte jedoch zu Beginn des Jahres 1943 die Situation. In mehreren Lagebeurteilungen machte er auf die Schwäche der Reichsverteidigung aufmerksam. Einfluss auf die Abstimmung zwischen Entwicklung, Produktion und Einsatz besaß er nicht.

Die deutschen Piloten haben auch in der Schlussphase des Krieges ihre soldatische Pflicht getan. Aber mit Mut und Tapferkeit alleine konnten sie nichts gegen die alliierten Bomberströme tun.