Hitler und das Erdöl im Kaukasus

Im Jahr 1942 versuchte das Deutsche Reich, mit einer Offensive im Süden der Ostfront seine Herrschaft auf dem Kontinent zu festigen. Das Heer sollte die russischen Erdölvorkommen im Kaukasus erobern. Erdöl benötigte die Wehrmacht, um den Krieg gegen England, die Sowjetunion und die USA weiterführen zu können.

Zum ersten Mal leitete Hitler als Oberbefehlshaber des Heeres eine größere Operation. In diesem Aufsatz geht um die Planung und die Durchführung dieser Offensive, „Unternehmen Blau“ genannt.

Die Planungen

1941 war es der Wehrmacht nicht gelungen, die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen. Im Gegenteil: Anfang Dezember begann die Rote Armee vor Moskau mit einer Gegenoffensive, die das Heer nur mit Mühe zurückschlagen konnte.

Am 19. Dezember 1941 übernahm Hitler persönlich den Oberbefehl über die größte Teilstreitkraft der Wehrmacht. Er befahl der Truppe, ihre Stellungen zu halten, weil er fürchtete, dass ein Rückzug angesichts der klimatischen Verhältnisse zu einer Katastrophe führen würde. Frontkommandeure, die sich dem widersetzten oder in den Augen des Diktators überfordert waren, wurden abgelöst.

Mitte Januar 1942 waren die russischen Angriffe abgewehrt worden. Der Erfolg stärkte Hitlers Position gegenüber seinen militärischen Ratgebern. Wieder einmal schien der „Führer“ mit seinem Optimismus richtig gelegen zu haben. In seinen Augen kam es vor allem darauf ein, keinen Meter Boden freiwillig preiszugeben zugeben.

Als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht bestimmte Hitler auch die Strategie für die Weiterführung des Krieges.

Welche Möglichkeiten verblieben dem Deutschen Reich? Das Oberkommando der Wehrmacht kam in einer Analyse vom 14. Dezember 1941 zu dem Ergebnis, dass die USA zuerst ihren Verbündeten in Europa beistehen würden und Deutschland als wichtigsten Gegner betrachteten. Erst nach dem Sieg über das Reich würden die amerikanischen Streitkräfte sich auf Japan konzentrieren. Die Generalstabsoffiziere gingen davon aus, dass die Westmächte frühestens im Herbst 1942 in Europa eingreifen könnten.

Schon am 3. Januar 1942 hatte sich der Diktator gegenüber dem japanischen Botschafter Oshima darauf festgelegt, den Krieg mit einer Offensive im Südabschnitt der Sowjetunion weiterzuführen. Deutschland brauchte das Öl und andere Rohstoffe, um einen längeren Krieg durchzuhalten.

Propagandaminister Goebbels notierte am 20. März 1942, dass Hitler mit einem „Hundertjährigen Krieg“ rechne – sicher eine Metapher, mit der er zum Ausdruck bringen wollte, dass man auch innerhalb des Regimes an einem schnellen Sieg zweifelte.

Im Gegensatz zu 1941 dachte man in der NS-Führung nicht mehr an eine Zerschlagung der Sowjetunion, sondern an die Sicherung der rüstungswirtschaftlichen Grundlagen für einen langjährigen Krieg.

Generaloberst Halder soll nach dem Krieg behauptet haben, er hätte sich gegen eine Offensive ausgesprochen, weil das deutsche Heer zu schwach gewesen sei. Der Chef der Operationsabteilung des Heeres, Oberst Heusinger, bestätigte nach 1945 Halders Bedenken. Doch Hitler hätte nicht mit sich reden lassen und wenn Deutschland sich defensiv verhielte, würde man die Initiative an den Feind abgeben. Heusinger hielt in Anbetracht der Lage die Entscheidung für eine Offensive für vertretbar.

Allerdings waren nicht wenige Militärs skeptisch. Generaloberst Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres, äußerte sich zurückhaltend. General Jodl empfahl eine Offensive am Nordabschnitt der Ostfront Richtung Leningrad. Einige Generalfeldmarschälle wie von Rundstedt oder Ritter von Leeb plädierten für einen Rückzug auf die polnische Grenze, aber dieser Schritt wäre nur sinnvoll gewesen, wenn man danach politische Maßnahmen zur Beendigung des Krieges eingeleitet hätte.

Die Skeptiker wiesen auf den schlechten Zustand der Wehrmacht hin. Nur wenige Divisionen des Ostheeres galten als voll angriffsfähig. Die bisherigen Kämpfe hatten hohe Verluste gekostet. Der Historiker Bernd Wegner geht davon aus, dass das Heer im Vergleich zum 22. Juni 1941 „35% seiner durchschnittlichen Gesamtstärke“ verloren hatte (Stand Ende März 1942).

Deutschland musste seine Verbündeten um Unterstützung bitten. Ungarn und Italien stellten eine, Rumänien gar zwei zusätzliche Armeen zur Verfügung. Sie sollten die Flankensicherung der deutschen Truppen übernehmen. Allerdings fehlte diesen Truppen die erforderliche Ausrüstung – zum Beispiel Panzer und Panzerabwehrwaffen. Der militärische Beitrag, den Ungarn, Italien und Rumänien leisten konnten, war begrenzt.

Am 28. März 1942 hielt Generaloberst Halder Hitler Vortrag über die geplante Offensive. Der Chef des Generalstabes legte den Schwerpunkt ebenfalls auf den Südabschnitt der Ostfront. Hitler überarbeitete den Entwurf von Generaloberst Halder. So entstand die Weisung Nr. 41, die am 5. April 1942 die deutschen Ziele festlegte.

Der deutsche Operationsplan sah vier Abschnitte vor. Zuerst sollten bis Mitte Juli sowjetische Truppen, die den Weg nach Süden versperrten, geschlagen werden. Im dritten Abschnitt sollte die Wehrmacht die Stadt Stalingrad am Don, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den Nachschub des Gegners, unschädlich machen. Danach war der Vorstoß in den Kaukasus vorgesehen.

Verlauf der Offensive

Die ersten beiden Abschnitte verliefen für die deutschen Truppen im Juni erfolgreich. Sie drangen allerdings nicht so schnell vor, wie Hitler es sich erhofft hatte. Es fehlten gepanzerte Verbände, um zügiger voranzukommen. Die Russen zogen sich rechtzeitig zurück. Große Gefangenenzahlen konnte die Wehrmacht nicht vorweisen. Der amerikanische Militärhistoriker Megargee vertritt die Ansicht, dass die Deutschen 1942 nicht mehr jene operative Überlegenheit bewiesen wie ein Jahr zuvor.

Das „Führerhauptquartier“ war im Sommer 1942 nach Winniza in der Ukraine verlegt worden. General Jodl sagte nach dem Krieg in einem Verhör aus, dass das heiße Klima die Entscheidungsfähigkeit Hitlers beeinträchtigt hätte. Der Diktator mischte sich stärker denn je in den Ablauf der Operationen ein. Er war der Meinung, dass Deutschland kurz vor dem Sieg stünde, während man im Generalstab des Heeres wegen der geringen sowjetischen Gefangenenzahlen misstrauisch blieb. Am 13. Juli ersetzte der Oberbefehlshaber des Heeres den Kommandeur der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall von Bock, weil er sich kritisch über die oberste Führung geäußert hatte. Die Nachfolge trat Generaloberst von Weichs an.

Am 23. Juli ordnete Hitler an, gleichzeitig Stalingrad und den Kaukasus anzugreifen. Diese Entscheidung führte dazu, dass der deutschen Offensive ein klarer Schwerpunkt fehlte. Die deutschen Kräfte waren zu schwach, um beide Ziele gleichzeitig zu nehmen. Aus der Warte des Historikers kommt Bernd Wegner zu dem Urteil, das mit dieser Entscheidung des Diktators „das Schicksal der deutschen Sommeroffensive besiegelt“ gewesen sei.

Der Chef des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Franz Halder, warnte vor den Folgen. Seiner Meinung nach war die Kontrolle über Stalingrad wichtig, weil sonst die Gefahr bestand, dass die Russen den deutschen Kräften im Kaukasus in den Rücken fallen könnten.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Hitler wurden von Tag zu Tag größer. Dem Diktator fehlte die operative Schulung zur Führung großer Truppenverbände. Er setzte den deutschen Divisionen unrealistische Ziele. Halder warnte den Diktator davor, die Angriffsspitzen immer weiter voranzutreiben und darüber die Sicherung der Flanken zu vernachlässigen.

Die Heeresgruppe A konnte am 9. August das Ölzentrum Majkop erobern. Die Ölquellen waren von den Sowjets vorher unbrauchbar gemacht worden. Ab Mitte August stockte der deutsche Vormarsch in dem waldreichen Gelände des Kaukasus. Anfang September kam er zum Erliegen.

Die 6. Armee brachte bis zum 10. September 1942 Teile von Stalingrad unter ihre Kontrolle. Aber auch hier stießen die Deutschen auf erbitterten Widerstand.

An den anderen Frontabschnitten begannen die Russen mit Gegenangriffen. Bei der Heeresgruppe Mitte bahnte sich eine Krise an. Die deutsche Offensive gegen Leningrad musste ebenfalls eingestellt werden. Zu schwach waren die deutschen Reserven; die Kräfte des Heeres reichten nicht mehr aus.

Hitler sah sich genötigt, am 8. September 1942 einen Befehl über „grundsätzliche Aufgaben der Verteidigung“ zu unterlassen. Dabei betonte er, dass er sich wie im Winter 1941/42 von seinen Erfahrungen als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg leiten lassen wollte. Eine bewegliche Defensive lehnte er ab:

„Ich kehre mit dieser Auffassung bewusst zu der Art von Verteidigung zurück, wie sie in den schweren Abwehrschlachten des Weltkrieges besonders bis zum Ende des Jahres 1916 angewendet wurde.“

Dass die lineare Kampfweise immer höhere Verluste forderte, weil die Waffentechnik fortgeschritten war, ignorierte der Diktator. Die Länge des Befehls, seitenlange Ausführungen, die jedem Offizier geläufig waren und Allgemeinplätze über Kampfgeist und Moral zeigten, was Hitler unter militärischer Führung verstand: In erster Linie war Krieg für ihn eine Sache des Willens; der Willensstärkere würde gewinnen.

Am 7. September entsandte Hitler den Chef des Wehrmachtführungsstabes, General Alfred Jodl, in das Hauptquartier der Heeresgruppe A. Er sollte Generalfeldmarschall List den Befehl des Diktators überbringen, energischer anzugreifen. Vor Ort konnte sich Jodl davon überzeugen, dass die Führung der Heeresgruppe die Lage richtig beurteilte. Ein weiterer Vormarsch, vor allem der Einsatz einer Fallschirmjägereinheit, war ausgeschlossen.

Am Abend hielt der Chef des Wehrmachtführungsstabes entsprechend Vortrag. Hitler reagierte mit einem Wutanfall, auf den Jodl mit gleicher Tonlage reagierte. Dann verließ er den Besprechungsraum.

Der Vorfall zeigt, dass von einer funktionierenden Wehrmacht- oder Heeresführung keine Rede mehr sein konnte.

Wehrmacht ohne Führung

Hitler gab seinen militärischen Beratern die Schuld am Scheitern der Offensive. Er sah die Gelegenheit gekommen, mit dem deutschen Generalstabssystem aufzuräumen und ein neues Offizierkorps zu schaffen. Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht warf den Militärs vor, es an Willensstärke und Energie fehlen zu lassen. Im September 1942 betonte er die „Notwendigkeit“, den Generalstab „im fanatischen Glauben an die Idee“ zu erziehen (mit Idee war der Nationalsozialismus gemeint, die Verf.). Er zeigte sich entschlossen, „auch im Heer seinen Willen restlos durchzusetzen.“

Neue Männer sollten die militärische Führung im Sinne Hitlers verändern. Am 9. September 1942 erwog der Diktator, die Spitzen des OKW, Keitel und Jodl, ablösen zu lassen. Keitel sollte durch Generalfeldmarschall Kesselring ersetzt werden. An die Stelle von Jodl sollte General Paulus treten, der die 6. Armee vor Stalingrad kommandierte. Die Entlassung von Generaloberst Halder war nur noch eine Frage der Zeit.

Keitel und Jodl mussten bleiben, während Generaloberst Franz Halder am 24. September 1942 in den Ruhestand versetzt wurde. Sein Nachfolger war ein junger General, der bis dahin Chef des Generalstabes beim OB West in Paris gewesen war: Kurt Zeitzler. Zeitzler hatte sich in seinen bisherigen Verwendungen als tatkräftiger Truppengeneralstabsoffizier erwiesen. Die Energie des Generals imponierte Hitler. In den ersten Wochen erwies sich der neue Chef des Generalstabes als treuer Gefolgsmann des Diktators.

Zeitzler sorgte dafür, dass der Wehrmachtführungsstab endgültig von der Führung der Ostfront ausgeschlossen wure. Bis dahin hatte Jodl in seinem täglichen Vortrag auch die Lage in Russland berücksichtigt. Nun verließ er den Raum, wenn Zeitzler bei Hitler vorsprach.

Das deutsche Oberkommando bestand fortan an aus zwei rivalisierenden Führungsstäben für das Heer. Gelegentlich wurde Jodl um ein Gutachten zu Fragen gebeten, die neben dem Heer auch die Luftwaffe und die Marine betrafen. Aber realistische strategische Lagebeurteilungen interessierten Hitler nicht mehr.

Die zweite wichtige Personalentscheidung folgte am 1. Oktober 1942. Hitler beauftragte seinen Wehrmachtsadjutanten, General Schmundt, zusätzlich mit der Leitung des Heerespersonalamtes. Fortan war diese Dienststelle auch für Generalstabsoffiziere zuständig.

Schmundt war ein überzeugter Nationalsozialist, der Hitler für ein Genie hielt. In der Personalpolitik blies nun ein anderer Wind. Für Beförderungen war nun die Frontbewährung das entscheidende Kriterium. Ein Major, der mehrere Monate erfolgreich einen Regimentskommandeur vertrat, konnte schneller Oberst werden und den Dienstgrad eines Oberstleutnants überspringen.

Im Oktober 1942 mussten die deutschen Armeen im Kaukasus zur Verteidigung übergehen. Hitler hatte mittlerweile Generalfeldmarschall List entlassen und führte neben der Wehrmacht und dem Heer bis zum 22. November 1942 auch die Heeresgruppe A. List hatte dafür plädiert, auf den Hochpässen des Kaukasus eine Winterstellung zu beziehen und die weiter nach Süden vorgedrungenen Einheiten zurückzunehmen.

Nun setzte Hitler auf die Eroberung von Stalingrad. Obwohl bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, dass die 6. Armee unter Nachschubproblemen litt, ließ der Diktator die Angriffe fortsetzen. In erster Linie waren es wohl Prestigegründe, die zu dieser fatalen Fehlentscheidung führten.

So bot sich der Roten Armee im November 1942 die Chance, die von den Armeen der deutschen Verbündeten gehaltenen Flanken zu durchbrechen und die 6. Armee einzukesseln. Ohne Panzerabwehrwaffen hatten die Rumänen auf den überdehnten Linien keine Chance. In Stalingrad wurde noch einmal die Unfähigkeit Hitlers deutlich: Er weigerte sich, der 6. Armee den Ausbruch zu gestatten, solange dies noch möglich war. Ebenso lehnte er einen rechtzeitigen Rückzug aus dem Kaukasus ab.

Das Jahr 1942 endete mit einer strategischen Niederlage der Wehrmacht. Die Geländegewinne in Russland erwiesen sich als wertlos. Sie banden Kräfte, die an anderer Stelle wirksamer hätten eingesetzt werden können. Die wenigen eroberten Ölquellen brachten der deutschen Kriegsindustrie keinen Nutzen. Hitler und seine militärischen Berater hatten versagt.

Schaden nahmen auch die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Alliierten. Für die Rückschläge an der Ostfront bei Stalingrad machten die Deutschen die Italiener und Rumänen verantwortlich. Dabei hatten sie den Verbündeten die erbetenen Panzerabwehrwaffen nicht geliefert. Mit dem Karabiner in der Hand hätte auch ein deutscher Soldat gegen die russischen Panzer nichts ausrichten können. Die ungerechtfertigte Kritik trug dazu bei, dass Italien und Rumänien zum Bündnispartner auf Distanz gingen.

Immer deutlicher wurde die Diskrepanz zwischen der militärischen Lage und der amtlich verordneten Siegeszuversicht. Angesichts dieser Umstände schien der Glaube an den „Führer“ die einzige Möglichkeit zu bieten, die eigenen Zweifel zu unterdrücken. Wolfram Freiherr zu Richthofen, ein General der Luftwaffe, der Hitler gegenüber in militärischen Fragen seinen Standpunkt offen vertrat, schrieb im Dezember 1942:

„Wir haben nur eine einzige Hoffnung, bis jetzt hat der Führer immer recht gehabt, selbst wenn keiner von uns seine Handlungen verstehen konnte und die meisten von uns von ihnen abgeraten hatten.“

 

Titelfoto: Bundesarchiv Bild 10I – 771 – 0366 – 02A /CC – B4 – SA 30