Deutsch-Englische Flottengespräche 1912

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kam es zwischen England und Deutschland zu Gesprächen über die Flottenrüstung. Auf deutscher Seite gehörte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg zu den Befürwortern einer deutsch-englischen Annäherung (siehe Bild).

Vom 8. Februar 1912 bis zum 11. Februar 1912 besuchte der englische Kriegsminister Viscount Haldane Berlin. Er sprach fließend Deutsch, hatte in Göttingen studiert und sollte mit dem Kaiser, Reichskanzler von Bethmann-Hollweg (siehe Bild) und Admiral von Tirpitz, dem Staatssekretär im Reichsmarineamt (RMA), darüber sprechen, ob man in Deutschland bereit sei, das Wettrüsten zur See zu begrenzen. Seit 1898 entstand auf deutschen Werften eine Flotte, die in England als Bedrohung wahrgenommen wurde. London versuchte seine Vormachtstellung zur See dadurch abzusichern, dass seine Marine stärker sein sollte als die Seestreitkräfte der zweit- und drittgrößten Flotte in Europa. Bis zum Beginn des deutschen Rüstungsprogramms galten Frankreich und Russland als mögliche Gegner. Die Briten sprachen vom Two-Power-Standard.

Die deutsche Kriegsmarine, mittlerweile auf mehr als 20 Linienschiffe angewachsen, zwang die britische Regierung, ihre Rüstungsausgaben zu steigern. Der Außenminister, Lord Grey, suchte die Annäherung an Frankreich und Russland. In der zweiten Marokkokrise im Sommer 1911, einem Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland, machte London unmissverständlich klar, dass man notfalls an der Seite von Paris in den Krieg ziehen würde.

Der Kaiser kündigte daraufhin im August 1911 eine weitere Vergrößerung der Marine an. Ein drittes Linienschiffgeschwader sollte entstehen. Tirpitz strebte gegenüber England ein Verhältnis von 2:3 zugunsten der Royal Navy an. Damit hätte London den Two-Power-Standard endgültig nicht halten können.

Auf britischer und deutscher Seite bereiteten einflussreiche Geschäftsleute die Gespräche vor. War die Haldanemission ein ernsthafter Versuch, zu einer Rüstungsbegrenzung zu kommen? Wurde hier eine Chance verpasst, die Annäherung Londons an Paris und an Sankt Petersburg zu stoppen?

Herbst 1911: Welche Position vertritt Deutschland?

Auf deutscher Seite versuchte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, die Erweiterung der Marine zu verhindern. In seinen Augen hatte das von Tirpitz verfolgte Flottenbauprogramm den diplomatischen Handlungsspielraum in Europa stark eingeschränkt. Als sicherer Verbündeter galt nur noch das Kaiserreich Österreich-Ungarn, aber die militärische Schlagkraft der Habsburgermonarchie wurde als nicht sehr hoch eingeschätzt. Bethmann strebte ein Neutralitätsbündnis mit England an und wollte dafür einen Verzicht auf die geplanten Kriegsschiffbauten anbieten.

Wilhelm II. betrachtete die Marine als „sein Werk“. Seit 1888 hatte er darauf gedrängt, mit dem Aufbau einer starken Flotte zu beginnen. 1897 berief er Konteradmiral Alfred Tirpitz zum Chef des Reichsmarineamtes. Tirpitz, der später geadelt wurde, schlug dem Monarchen vor, eine Flotte mit Linienschiffen zu bauen. Diese Kampfschiffe hatten einen begrenzten Aktionsradius, konnten aber mit starker Artillerie ausgerüstet werden. Der Admiral war sich darüber im Klaren, dass der Bau einer Schlachtflotte zu Spannungen mit London führen müsse. Doch gerade der dadurch erzeugte Druck würde – so Tirpitz – London zwingen, Deutschland als gleichberechtigte Großmacht zu akzeptieren. Frankreich und Russland kämen für das britische Weltreich als Bündnispartner nicht in Betracht, denn kolonialpolitische Differenzen würden eine politische Übereinkunft unmöglich machen.

Doch der Plan ging nicht auf: London verständigte sich mit Paris und Russland. Die deutsche Flotte war nicht der einzige Grund, der zu einer Veränderung der Bündnis- und Machtverhältnisse in Europa führte. Die Größe ihres Kolonialreiches zwang die Briten, sich mit Frankreich und Russland zu einigen. Der deutsche Flottenbau und die deutsche Außenpolitik erleichterten London die Neuorientierung. Denn die deutsche Diplomatie verfolgte einen unklaren Kurs und stieß Frankreich und Russland vor den Kopf. Keine glückliche Rolle spielte spielte der Kaiser, der gerne markige Reden hielt und glaubte, nur eine Politik der Stärke könne den Großmachtstatus des Reiches sichern. Dabei hatte Berlin keine territorialen Forderungen gegenüber seinen Nachbarn. Das deutsche Kolonialreich war unbedeutend, belastete die Reichsfinanzen und das Verhältnis zu England.

Großmachtpolitik war allerdings kein deutsches Phänomen. Auch die anderen Großmächte versuchten, in Übersee ihren Einfluss auszuweiten. Es hätte schon der Größe eines Bismarck bedurft, um die nationalistischen Strömungen in der deutschen Bevölkerung zu dämpfen. Eine Verstärkung des Heeres mit dem Ziel, sich in einem Krieg gegen Frankreich und Russland behaupten zu können, Zurückhaltung in kolonialpolitischen Fragen und ein neutrales Verhältnis zu England wäre die außenpolitische Alternative gewesen. Das Argument vieler bürgerlicher Politiker, nur das starke Wachstum der deutschen Industrie als Exportnation, sprich „der Neid auf den Aufsteiger Deutschland“, hätte England in das Lager der Gegner des Reiches getrieben, ist wenig überzeugend. Schon vor dem Flottenbau konkurrierten die beiden Nationen um neue Absatzmärkte. Die Beziehungen waren nicht gerade freundschaftlich, aber sachlich.

Im Herbst 1911 sprach der Kaiser mit Tirpitz und Bethmann über das geplante Flottengesetz. Die Schiffe konnten nur mit Zustimmung des Reichstages gebaut werden. Der Reichskanzler verbuchte einen kleinen Erfolg und erreichte, dass mit der Veröffentlichung der Flottennovelle bis nach der Reichstagswahl im Januar 1912 gewartet wurde.

Ansonsten war der Kaiser von seinen Plänen nicht abzubringen. Er vertrat die Ansicht, dass England das Wettrüsten finanziell nicht durchhalten könne. Das Verhalten der Briten in der Marokkokrise deutete er so, dass London die französische Politik unterstützt hätte, weil die deutsche Flotte zu schwach sei und von den Briten als Gegner nicht gefürchtet würde. Auf Dauer sei man in England auf Deutschland angewiesen. Von einer nüchternen Analyse der internationalen Situation konnte keine Rede sein.

Allerdings gab es in der Marine auch Kritiker der neuen Flottennovelle. Admiral Müller, Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, riet zu einem Baustopp, da das Personal für neue Linienschiffe nicht so schnell ausgebildet werden könnte. Admiral Holtzendorff bevorzugte eine Verbesserung der Einsatzbereitschaft, bevor man neue Schiffe bauen würde. Ihm kam es darauf an, die Seestreitkräfte zu konsolidieren.

Doch Wilhelm II. war lediglich zu einem zeitlichen Aufschub bereit. Psychologisch geschickt suggerierte Tirpitz dem Monarchen, dass nur eine noch stärkere Flotte Deutschland gegenüber England mehr Unabhängigkeit verleihen würde.

Der Besuch des Viscount Haldane

Am 8. Februar 1912 traf Haldane in Berlin ein. Er logierte nicht in der britischen Botschaft, sondern stieg im Hotel Bristol ab.

Der Kriegsminister aß mit Bethmann zu Mittag. Danach erörterten die beiden Politiker Möglichkeiten für einen Kompromiss. Haldane stellte klar, dass er nur sondieren könne und keine Vollmacht für Vertragsgespräche besäße.

Bethmann bedauerte noch einmal das britische Verhalten in der Marokkokrise. Haldane beschrieb es als „Mobilmachungsübung“, was der deutsche Reichskanzler akzeptierte. Danach machte Haldane sofort klar, dass England an seinem Bündnissystem festhalten wolle. Die von deutsche Seite erwünschte englische Neutralität in einem deutsch-französischen Krieg als Gegenleistung für deutsche Zugeständnisse beim geplanten Flottengesetz sei kaum möglich. Dennoch sei man daran interessiert, die Beziehungen zu verbessern. Haldane schlug vor, das Bautempo des geplanten  dritten Geschwaders zu drosseln. Ein Zeitraum von zwölf Jahren sei für London akzeptabel. Bethmann deutete an, dass die Marineleitung allenfalls acht Jahre akzeptieren würde.

Das Gespräch verlief in einer angenehmen Atmosphäre. Haldane hatte den Eindruck, dass der Reichskanzler ernsthaft an guten Beziehungen zu England interessiert sei und einen Krieg auf jeden Fall vermeiden wolle.

Am nächsten Tag traf Haldane mit dem Kaiser und mit Tirpitz zusammen. Der deutsche Admiral argumentierte damit, dass England auch nach der Umsetzung der Flottennovelle zur See überlegen sei. Der englische Kriegsminister verwies auf den Two-Power-Standard. Es war der Kaiser, der nun nach Kompromissen suchte. Er schlug vor, die geplanten drei Neubauten um jeweils ein Jahr zu verschieben: Sie sollten 1913, 1916 und 1919 vom Stapel laufen. Haldane schien zufrieden zu sein, machte aber klar, dass die Briten auf jeden deutschen Neubau mit zwei Linienschiffen reagieren würden.

Der Kaiser war nach der Unterredung optimistisch; er schrieb einem Bekannten, die Engländer würden die Vergrößerung der Flotte akzeptieren. Haldane konferierte am selben Abend noch mit dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, von Kiderlen-Wächter, und mit Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Dann besuchte er gegen 22.00 Uhr den französischen Botschafter, Jules Cambon. Cambon fürchtete eine Annäherung zwischen Deutschland und England.

Am 10. Februar erörterten der Reichskanzler und Haldane noch einmal die Lage. Auf ein konkretes Ergebnis konnten sie sich nicht einigen. Bethmann-Hollweg schien nach dem Gespräch optimistisch zu sein. Aber hatte es wirklich ein Ergebnis gegeben?

Ernüchterung auf beiden Seiten

Haldane kehrte am 12. Februar 1912 nach London zurück und nahm sofort an einer Sitzung des Kabinetts teil. Der Kaiser hatte ihm eine Abschrift der geplanten Flottenbaunovelle mitgegeben. Der Kriegsminister soll von der Atmosphäre in Berlin beeindruckt gewesen sein. Auch den Kaiser beurteilte er nun positiver. Er glaubte jedoch nicht, dass sich der Reichskanzler durchsetzen könnte und hielt Admiral von Tirpitz für den ’starken Mann‘ in der deutschen Regierung. Haldane wies darauf hin, dass es auf deutscher Seite keinen einheitlichen Standpunkt gäbe.

Churchill analysierte mit Offizieren im Marineministerium sofort den Text der Flottennovelle. Dabei fiel ihm auf, dass die Deutschen auch die Personalstärke ihrer Flotte deutlich erhöhen wollten. Außerdem sollte die Zahl der Zerstörer und der Unterseeboote vermehrt werden. Unter diesen Umständen war für das britische Kabinett eine Einigung ausgeschlossen.

Lord Grey,  der Außenminister, teilte dies dem deutschen Botschafter mit. Graf Wolff-Metternich stand dem Flottenbau ebenfalls kritisch gegenüber und konnte nur erwidern, dass man über die Linienschiffe sprechen wolle und nicht über kleinere Schiffseinheiten. Doch Grey ließ keinen Zweifel daran, dass offizielle Verhandlungen sinnlos wären.

Am 17. Februar 1912 informierte Wolff-Metternich den Kaiser über den Standpunkt der britischen Regierung. Wilhelm II. war zuerst empört. Ohne die verfassungsmäßig vorgeschriebene Gegenzeichnung durch den Reichskanzler wollte er mit einer Mobilmachung reagieren. Bethmann-Hollweg musste mit Rücktritt drohen, um diese fatale Entscheidung abzuwenden.

In der ersten Hälfte des März versuchte der Reichskanzler, mit englischen Politikern wegen eines Flottenabkommens im Gespräch zu bleiben. Grey war lediglich zu der Erklärung bereit, man verfolge keine aggressive Politik gegenüßber Deutschland. Am 18. März 1912 sah auch Bethmann-Hollweg ein, dass es kein Abkommen geben würde.

Henry Asquith, von 1908 bis 1916 Premierminister, schrieb nach dem Krieg: „Nichts konnte absurder sein als der Welt zu verkünden, die zwei Länder hätten ihre Zwistigkeiten geordnet und reichten einander die Freundeshand, während sie gegenseitig den Schritt ihres Wettbewerbs zur See beschleunigten und sein Ausmaß vergrößerten.“

London hatte von Anfang an klar gestellt, dass Haldane nur sondieren sollte. Die britische Regierung wollte soziale Reformgesetze verabschieden. Die geplante Verstärkung der deutschen Flotte würde sie zwingen, das Geld für das Militär auszugeben. Bei ernsthaften Zugeständnissen der deutschen Seite wäre man bereit gewesen, das eigene Bautempo zu drosseln und deutsche Interessen in kolonialen Fragen zu unterstützen. Die guten Beziehungen zu Frankreich und Russland wollte man auf keinen Fall aufgeben.

Die Haldanemission war jedoch nicht völlig umsonst gewesen. In London wusste man nun, dass der Reichskanzler keinen Krieg wollte. Aber die Engländer waren irritiert darüber, dass ein Admiral wie Tirpitz das Staatsoberhaupt so stark beeinflussen konnte. Trotzdem besserten sich die Beziehungen im Vergleich zu 1912.

Doch eine „verpasste Chance“ waren die Gespräche nicht. Eher eine Anekdote im deutsch-britischen Verhältnis.

Folgender Beitrag in der FAZ passt in meinen Augen zum Thema:

http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/deutsch-britische-beziehung-bei-kieler-woche-1914-13008418.html