Bodo Scheurig, Alfred Jodl: Gehorsam und Verhängnis

Lange hat es gedauert, bis eine Biografie über Generaloberst Alfred Jodl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes, erschien. Jodl, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 zum Tode verurteilt, gehörte nicht zu jenen Soldaten, die seit den frühen fünfziger Jahren dazu dienten, das „saubere Soldatentum“ zu personifizieren.

Vom 1. September 1939 bis Ende April 1945 war Jodl der engste militärische Berater Adolf Hitlers. Großen Spielraum ließ ihm sein Amt nicht. Hitler wollte Feldherr sein, und der militärische Fachmann Alfred Jodl, ein geschulter Generalstabsoffizier, hatte nur wenig Einfluss auf militärische Entscheidungen des Diktators.

Keine leichte, aber eine interessante Aufgabe für einen Historiker. Bodo Scheurig, ein Schüler von Hans Herzfeld, hatte seit den sechziger Jahren mehrere Bücher über den konservativen Widerstand gegen Hitler vorgelegt. Nun wandte er sich einer Person zu, die dieses Regime bis zuletzt verteidigt hatte.

Dabei hielt Alfred Jodl als Oberstleutnant 1933 Hitler noch für einen „Scharlatan“. Doch dann begann die Wandlung vom Saulus zum Paulus. War es karrierebedingter Opportunismus? Wohl kaum, denn Jodl zählte zum hochbefähigten Nachwuchs und hätte auch so Karriere gemacht. 1935 entsandte ihn General Beck in das neu gegründete Wehrmachtsamt, wo der nun zum Oberst beförderte Jodl die Interessen des Heeres vertreten sollte. Zwischen dem Reichskriegsministerium unter der Leitung von Generalfeldmarschall Blomberg und dem Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, gab es Meinungsverschiedenheiten über die zukünftige Spitzengliederung im Kriege. Das Heer forderte in einem Wehrmachtgeneralstab gegenüber Marine und Luftwaffe die Führungsrolle, während das Reichskriegsministerium einen teilstreitübergreifenden Führungsstab schaffen wollte. Leiter dieses Stabes war Jodl. Seine ehemaligen Kameraden im Heer behandelten ihn wie einen Abtrünnigen; sein ehemaliger Vorgesetzter, General Beck, grüßte ihn nicht mehr.

Jodl hatte mittlerweile seine Meinung über Hitler geändert. Die „Erfolge“ der deutschen Außenpolitik (die Einführung der Wehrpflicht, die Besetzung des Rheinlandes, der „Anschluss Österreichs“) machten ihn zu einem Anhänger des Diktators. Je stärker sich Fritsch und Beck gegen eine zu schnelle Aufrüstung wehrten, weil sie Deutschland noch nicht für kriegsreif hielten, desto entschiedener stellte sich Jodl auf die Seite der Staatsführung.

Der Oberst hatte als junger Offizier den Krieg im Schützengraben erlebt; die von Hitler propagierte Volksgemeinschaft bejahte er. Dass es in Deutschland keine Demokratie mehr gab, nahm Jodl, der unter Kameraden noch in den zwanziger Jahren beinahe als „Vernunftrepublikaner“ gegolten hatte, hin.

1938 wurde Alfred Jodl nach Wien versetzt. Am 20. April 1939 überraschte ihn in Brünn die Beförderung zum Generalmajor. Jodl sollte zum 1. Oktober 1939 eine Gebirgsjägerdivision übernehmen – ein Kommando, das er sich sehnlichst wünschte. Doch es kam anders.

Am 1. September 1939 musste er sich in Berlin melden. Im Polen-Feldzug begleitete er Hitler in dessen Salonwagen und hielt ihm jeden Tag Vortrag über die militärische Lage. Genau waren seine Kompetenzen nicht definiert. Die Operationsführung lag beim Heer.

Nach dem schnellen Ende des Polen-Feldzuges bezog Jodl ein Dienstzimmer in der Berliner Reichskanzlei. Er gehörte jetzt zur engsten Umgebung Hitlers. Befehlsbefugnisse gegenüber Truppen besaß er nicht.

Im April 1940 besetzte die Wehrmacht Dänemark und Norwegen. Hier wirkten alle Wehrmachtteile zusammen. Alfred Jodl trug mit dazu bei, dass die Besetzung Norwegens erfolgreich verlief.

Beim Angriff auf Frankreich, Belgien und Holland nahm er wieder seine Rolle als vortragender Offizier ein. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Feldzuges wurde er zum General befördert.

Jodl sah Hitler täglich, aber ein näheres Vertrauensverhältnis sollte sich nie einstellen. Entscheidungen des Diktators – zum Beispiel den Entschluss im Frühjahr 1941 die Sowjetunion anzugreifen – stellte er vor Offizieren seines Stabes nicht infrage. Alfred Jodl wirkte im Frühjahr 1941 an der Ausarbeitung völkerrechtswidriger Befehle mit, die dem Krieg gegen die Sowjetunion den Charakter eines Weltanschauungskrieges gaben.

Vor Beginn des Angriffs im Juni 1941 unterstellte Hitler dem Wehrmachtführungsstab unter Alfred Jodl alle besetzten Länder außer der Ostfront. Allerdings hatte der General nur Befehlsbefugnisse gegenüber den Heereseinheiten. So entwickelte sich der Wehrmachtführungsstab immer mehr zu einem zweiten Führungsstab des Heeres. Die ursprüngliche Aufgabe, ein strategisches Planungsorgan zu sein, trat immer mehr in den Hintergrund.

Der Versuch, die Sowjetunion in acht bis zehn Wochen zu schlagen scheiterte. Am 19. Dezember 1941 übernahm Hitler den Oberbefehl über das Heer. Jodl unterstützte die Operationsführung des Diktators. Noch nach dem Krieg meinte er, vor allem Hitlers Willensstärke hätte das Ostheer vor einer Katastrophe bewahrt.

An einen „Endsieg“ glaubte nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 auch Jodl nicht mehr. Im September 1942 kam es zwischen ihm und Hitler zu einer schweren Auseinandersetzung. Jodl war mit Hitlers Führung unzufrieden und äußerte das erste und letzte Mal deutliche Kritik. Der General bat um ein Frontkommando, aber auch der Diktator schien das Vertrauen zu ihm verloren zu haben. Im Herbst 1942 wechselten beide kaum ein Wort miteinander. Jodl blieb.

In den nächsten Jahren konnte der Chef des Wehrmachtführungsstabes nur noch versuchen, am Kartentisch Hitlers Befehle abzumildern. Wie der Diktator trat er dafür ein, den Krieg möglichst weit entfernt von den Grenzen des Reiches zu führen. Wenn er wie Hitler Rückzüge ablehnte, dann aus militärischen Gründen. Ab 1943 bestand seine Tätigkeit darin, die zur Verfügung stehenden Truppen so auf die Fronten zu verteilen, dass Deutschland noch die Chance auf ein Remis hätte. Ende Dezember 1943 warnte er Hitler vor einem „neuen Stalingrad“ und drängte auf die Räumung der Krim. Jodl wusste, dass die für 1944 erwartete Invasion der Alliierten über den Ausgang des Krieges entscheiden würde.

Bodo Scheurig beschreibt das Handeln dieses Kriegstechnikers nicht ohne Verständnis, lässt aber keine Zweifel an der Mitverantwortung Jodls offen. Er leugnet nicht, dass der General so manche Fehlentscheidung Hitlers verhindern konnte. Scheurig hält den Chef des Wehrmachtführungsstabes für einen operativ befähigten Offizier. Jodl wäre ein guter Armeeführer geworden – als Stratege sei er überfordert gewesen.

Bodo Scheurig schildert anschaulich, wie der General versuchte, zwischen Front und Oberkommando zu vermitteln. Wo offener Widerspruch nicht weiterhalf, stützte sich Jodl auf Statistiken. Aber auch er ließ sich von der Vielzahl an Divisionen narren, über die das deutsche Heer 1943/44 verfügte. Im Umgang mit den Verbindungsoffizieren der Verbündeten bemühte er sich um einen realistischen Ton. Vor Gauleitern in München schilderte er im November 1943 die Lage des Reiches in kritischen Tönen, um sich am Schluss aber der üblichen Propagandaformeln zu bedienen. Vielleicht hat kein Offizier in der Umgebung Hitlers so viel riskiert wie Alfred Jodl, aber objektiv unterstützte er eine Kriegführung, die das Land ruinierte.

Gerade hier liegt die Schwierigkeit einer Biografie über den Chef des Wehrmachtführungsstabes: Jodl, ein analytisch veranlagter Mensch, musste mit ansehen, dass die Niederlage immer näher rückte, aber er lehnte es ab, seinem Oberbefehlshaber den Gehorsam aufzukündigen. Nie stand er vollkommen im braunen Lager, schreibt Scheurig an einer Stelle und schildert so den Balanceakt des Generals, der glaubte, dem legalen Staatsoberhaupt zu dienen, aber nähere Kontakte zur NSDAP ablehnte.

Man kann Scheurig vorwerfen, er hätte stärker mit dem General ins Gericht gehen müssen. Er kritisiert Jodl, sieht aber auch, dass der General nicht mehr sein konnte, als er war: ein tüchtiger und operativ befähigter Offizier. Sein Gehorsam wurde ihm zum Verhängnis.

Bodo Scheurig hat ein lesenswertes Buch vorgelegt, das allerdings beim Leser Grundkenntnisse der Operationsgeschichte voraussetzt. Er stützt sich auf eine umfangreiche Korrespondenz, die er mit ehemaligen Offizieren der Wehrmacht geführt hat. Jodl gab wenig von sich preis; einige Aufzeichnungen, die in der Gefängnishaft in Nürnberg entstanden sind, zeigen einen Menschen, der auch nach 1945 sich nicht ganz aus dem Banne Hitlers lösen konnte. Scheurig verschweigt nicht die Verstrickung in Kriegsverbrechen, erwähnt aber auch, dass Jodl sich um Korrekturen bemühte, was jedoch in den Augen des Historikers den Chef des Wehrmachtführungsstabes nicht von seiner Verantwortung befreit.

Scheurig beschreibt eindrucksvoll, wie der General dieses Spannungsverhältnis aus militärischer Vernunft und ideologischer Verblendung aushielt. Vielleicht war es gerade der immer wieder beschworene Gehorsam, der Jodl half, sein Gewissen zu beruhigen. Der Widerstand war für ihn keine Alternative. Jodl hatte ab 1935 dem „Scharlatan“ gedient, und er sah seine Ehre darin, diesem Staatsoberhaupt auch in Zeiten der Niederlage Loyalität zu bekunden. Alfred Jodl tat es bis zur letzten Konsequenz: Am 16. Oktober 1946 wurde er hingerichtet.

Bodo Scheurig hat mit seinem Buch 1991 eine Lücke in der Literatur über den Zweiten Weltkrieg gefüllt.

Bodo Scheurig, Alfred Jodl: Gehorsam und Verhängnis. Berlin, Frankfurt/M 1991