Generalfeldmarschall Erwin Rommel in der Schlussphase des Krieges

Wie schwierig es ist, historische Persönlichkeiten einzuordnen, zeigt das Beispiel von Generalfeldmarschall Erwin Rommel (1890 bis 1944). Am 14. Oktober 1944 verübte er Selbstmord, nachdem ihm zwei Offiziere im Auftrage Hitlers vor die Wahl gestellt hatten, Gift zu nehmen oder sich vor dem „Volksgerichtshof“ in Berlin zu verantworten. Rommel entschied sich für das Gift.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Rommel lange dem Widerstand zugerechnet. Dann tauchten Veröffentlichungen auf, die dieses Bild revidierten. Allerdings ist diese Diskussion noch nicht abgeschlossen.

In diesem kurzen Beitrag möchte ich auf die Schlussphase des Zweiten Weltkrieges eingehen, genauer auf das Jahr 1944. Hier wird deutlich, dass der Generalfeldmarschall mehr war als nur ein geschickter Truppenführer.

Erwin Rommel war ein passionierter Offizier: mutig, eigenwillig, ehrgeizig, eitel und ein Vorgesetzter, der mit gutem Beispiel voranging. Obwohl er wenig Charisma hatte, in Filmaufnahmen beispielsweise eher zurückhaltend wirkte, wurde er ab 1942 der wohl bekannteste General des deutschen Heeres. Rommel unterhielt im Zweiten Weltkrieg gute Beziehungen zum Propagandaministerium.

1910 trat er in ein württembergisches Infanterieregiment ein. 1912 wurde er zum Leutnant befördert. Im Ersten Weltkrieg erhielt er hohe Tapferkeitsauszeichnungen. 1920 setzte er seine Karriere als Hauptmann in die Reichswehr fort. 1939 wurde er zum Generalmajor befördert. Im Frankreichfeldzug machte er als Kommandant einer Panzerdivision auf sich aufmerksam.

Der „Wüstenfuchs“

Sein Durchbruch begann, als er im Februar 1941 als Generalmajor das Kommando über ein deutsches Truppenkontingent in Nordafrika übernahm. Sein Auftrag bestand darin, die italienischen Verbündeten auf diesem Kriegsschauplatz zu unterstützen. Innerhalb von wenigen Wochen ging er in die Offensive. In der Wüste erwies sich Rommel als Meister des Bewegungskrieges. Sein Versuch, Tobruk, eine wichtige Hafenstadt in Libyen noch 1941 zu erobern, scheiterte allerdings.

1942 unternahm er einen neuen Anlauf und diesmal war er erfolgreich: Tobruk fiel. Hitler verlieh ihm den Marschallstab. Rommel war damit der jüngste Generalfeldmarschall der deutschen Streitkräfte. (Generalfeldmarschall war der höchste militärische Rang, den ein Offizier im deutschen Heer bis 1945 erreichen konnte, die Verf.). Außerdem gehörte er zu den wenigen Generalfeldmarschällen, die keine Generalstabsausbildung durchlaufen hatten. Wer dem Generalstab innerhalb des Heeres angehörte, zählte zur Elite. Nur wenige Offiziere eines Jahrgangs bestanden die Prüfungen.

Sein Führungsstil galt als unkonventionell: Er leitete die militärischen Operationen nicht von einem Stabsquartier aus, sondern fuhr meistens an die Front, wo er manchmal auch das Kommando übernahm. Innerhalb der Generalität war diese Form der Führung umstritten. Nicht immer brachte dieses Verfahren Vorteile mit sich. Der Oberbefehlshaber einer Armee oder einer Heeresgruppe soll den Überblick über die Lage haben und grundlegende Entscheidungen treffen. Dafür steht ihm ein Stab mit Generalstabsoffizieren zur Seite. Aber Rommel hatte einen Instinkt für krisenhafte Situationen. Als brillanter Taktiker hielt er sich nicht an Lehrbuchweisheiten. Kritiker warfen ihm vor, er würde seine Operationen nicht mit dem italienischen Oberkommando und den deutschen Führungsstäben abstimmen, sodass es zeitweise zu Nachwuchsproblemen kam.

Die britische Luftwaffe und die britischen Seestreitkräfte behinderten den Nachschub über das Mittelmeer. Nach der Eroberung von Tobruk im Sommer 1942 drängten italienische und deutsche Generalstabsoffiziere, die britische Insel Malta zu besetzen, um den Engländern die Möglichkeit zu nehmen, die Versorgung der deutsch-italienischen Truppen in Libyen zu behindern.

Rommel setzte auf eine Fortsetzung der Offensive in Richtung Ägypten. Im Juli 1942 wurde sein Vormarsch in der ersten Schlacht von El Alamein, ungefähr 110 Kilometer von Alexandria entfernt, gestoppt. Auch ein zweiter Versuch wenige Wochen später scheiterte.

Am 22. August 1942 teilte Rommel dem „Führerhauptquartier“ mit, dass er aus gesundheitlichen Gründen sein Kommando nicht mehr wahrnehmen könne. Zwar fand sich kein Ersatz, aber Hitler bewilligte dem Generalfeldmarschall einen zweimonatigen Urlaub in Deutschland. Rommel wurde bei seinen wenigen Auftritten öffentlich gefeiert.

Am 23. Oktober 1942 begann die britische Gegenoffensive. Rommel flog sofort nach Afrika, musste aber erkennen, dass seine Truppen der britischen Übermacht nicht mehr gewachsen waren. Am 3. November wollte er den Befehl zum Rückzug geben, aber Hitler lehnte ab. Zum ersten Mal schien der Generalfeldmarschall am „Genie des Führers“ zu zweifeln. Als die Briten am 8. November die deutsch-italienischen Linien durchstießen, gab Rommel eigenmächtig den Rückzugsbefehl.

Wahrscheinlich hat dieses Erlebnis – so der Historiker Reinhart Stumpf – zu einer grundlegenden Vertrauenskrise zwischen dem populärsten General des Heeres und Hitler geführt. Rommel konnte lange Zeit nicht begreifen, wie sinnlos der Diktator deutsche Soldaten geopfert hatte. Dem Feldmarschall gelang es, die Reste seiner angeschlagenen Truppen zu retten.

Die deutsch-italienischen Truppen räumten Libyen, konnten aber im Februar 1943 am Kasserine-Pass noch einmal einen taktischen Erfolg über die Briten erringen. Doch sie verfehlten ihr Ziel, die gegnerische Armee zu vernichten. So blieb nur der Rückzug nach Tunesien. Zwar verlegte das Oberkommando der Wehrmacht mehr Truppen nach Nordafrika, aber die Nachschubsituation wurde immer kritischer.

Bereits Ende November 1942 hatte Rommel Hitler eigenmächtig in Rastenburg aufgesucht und ihm vorgeschlagen, Nordafrika zu räumen. Der Diktator war erbost, dass der Feldmarschall ohne seine Erlaubnis nach Europa geflogen war, und lehnte es ab, Afrika aufzugeben. Nur wenn deutsche Truppen Nordafrika hielten und wieder zum Gegenangriff übergingen, bestünde die Chance, dass Italien sich weiter am Krieg beteiligen würde. Ein Rückzug auf das italienische Festland würde – so General Jodl, der engste militärische Berater Hitlers – die Mittelmeerfront nur verlängern., was zusätzliche Kräfte erfordert hätte, die aber nicht vorhanden waren. Rommel musste unverrichteter Dinge wieder nach Afrika zurückkehren.

Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter; außerdem drängten die Italiener auf seine Ablösung. Am 6. März 1943 verließ Rommel den Kriegsschauplatz seiner größten Erfolge. Offiziell wurde der Wechsel im Oberkommando geheim gehalten. Als der Feldmarschall in Berlin vom „Führer“ empfangen wurde, soll Hitler ihm nachträglich recht gegeben haben.

In den nächsten Wochen blieb Rommel als Gast im „Führerhauptquartier“. Täglich wohnte er den Lagebesprechungen bei. Der Diktator schien auf seinen Rat Wert zu legen, was Rommel zweifellos schmeichelte. Im Frühjahr 1943 war nicht mehr zu übersehen, dass die militärische Lage kritisch war. Rommel drängte Hitler zu politischen Schritten, um mit den Westmächten zu einer Einigung zu kommen. Er glaubte nicht mehr, dass Deutschland diesen Krieg gewinnen könne. Angeblich solle der Diktator ihm geantwortet haben, er sähe auch, dass militärisch nichts mehr zu machen sei, aber mit ihm schließe niemand Frieden. Erwin Rommel hat seinem Sohn von dieser Unterredung berichtet. Der Diktator schien großes Vertrauen zu Rommel zu haben, denn normalerweise äußerte er sich gegenüber Generälen nicht so offen.

Einsatz in Italien und Frankreich (1943/44)

Im „Führerhauptquartier“ rechnete man mit einem militärischen Zusammenbruch Italiens, wenn die Westmächte in Sizilien landeten. Rommels Aufgabe im Frühjahr 1943 bestand darin, Gegenmaßnahmen auszuarbeiten.

Das Oberkommando in Italien wurde ihm allerdings nicht übertragen. Rommel hatte für eine teilweise Räumung des Landes plädiert, während Generalfeldmarschall Kesselring glaubte, die Alliierten in Süditalien aufhalten zu können. Hitler, der den Krieg möglichst weit entfernt von den Grenzen des Reiches führen wollte, vertraute Kesselring die Italienfront an.

Rommel sollte nun am Ende des Jahres 1943 die Verteidigungsanlagen im Westen, den „Westwall“, inspizieren. Die Wehrmachtführung erwartete dort für das Frühjahr 1944 den kriegsentscheidenden Angriff und verlegte seit November 1943 Truppen nach Frankreich. Allerdings hatte der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, der dienstälteste Offizier des deutschen Heeres, seit 1942 wenig Initiative gezeigt. Rundstedt verließ sein Hauptquartier in Paris kaum. Rommel soll er wegen dessen fehlender Generalstabsausbildung als besseren Divisionskommandeur bezeichnet haben.

Im Februar 1944 wurde Rommel der Oberbefehl über die Heeresgruppe B übertragen. Sie lag mit der 7. Armee am Pais de Calais; die 15. Armee war in der Normandie stationiert. Rommel, der sich in Nordafrika einen Namen als Meister des Bewegungskrieges gemacht hatte, vertrat nun das Konzept, der Strand sei die Hauptkampflinie. Nach seinen Erfahrungen würde die alliierte Luftherrschaft es nicht zulassen, bei Tage größere Truppenbewegungen durchzuführen. Die wenigen Panzerdivisionen sollten so nahe wie möglich an der Küste stationiert werden.

Rundstedt und sein Stab, der seit 1942 keine Kampfhandlungen erlebt hatte, wollte die gegnerische Landung abwarten und den Gegner mit einem konzentrierten Gegenangriff ins Meer werfen. Hitler entschied sich für einen Kompromiss: Ein Teil der Panzer wurde Rommel unterstellt; während vier Divisionen als „OKW-Reserve“ nur auf Befehl des Diktators eingesetzt werden durften.

In den Monaten Februar bis Mai 1944 verlegten die Truppen unter Rommels Befehl mehr Minen als zwischen 1942 und 1944. Zusätzlich wurden Strandhindernisse errichtet. Gegenüber der Propaganda äußerte sich der Generalfeldmarschall zuversichtlich über die neue Abwehrkraft des „Westwalls“, aber im internen Kreis äußerte er Zweifel, ob es gelingen würde, die Invasion abzuwehren.

Anfang April 1944 erhielt die Heeresgruppe B einen neuen Chef des Generalstabes, Generalleutnant Hans Speidel. Speidel kam von der Ostfront und unterhielt Kontakte zum Widerstand. Angeblich soll er Rommel darüber informiert haben, dass ein Anschlag auf das Leben des „Führers“ geplant war. Rommel lehnte ein Attentat ab, obwohl er sein Vertrauen in den Diktator verloren hatte.

(File:Bundesarchiv Bild 101I-719-0240-22, Pas de Calais)

Für Anfang Juni sagten die deutschen Meteorologen ein Wettertief voraus; der hohe Seegang würde eine Invasion nicht zulassen. Rommel wollte die Gelegenheit nutzen, um seine Frau am 6. Juni in Herrlingen zu besuchen und dann in das Führerhauptquartier zu fahren. Am Morgen des 6. Juni erhielt er einen Anruf: Die Alliierten waren in der Nacht zuvor in der Normandie gelandet.

Invasion, Verwundung und Selbstmord

Rommel erreichte am Abend das Hauptquartier der Heeresgruppe B. In den nächsten Tagen musste er feststellen, dass die alliierte Luftüberlegenheit und die Wirkung der britischen und amerikanischen Schiffsartillerie die deutschen Truppenbewegungen entscheidend behinderten. Am 9. Juni war klar, dass es keine Chance mehr auf einen erfolgreichen Gegenstoß gab.

Was der Generalfeldmarschall noch tun konnte, nannten Militärs „Flickschusterei“. Die deutsche Front hielt, aber während es den Alliierten an Nachschub nicht mangelte, wurde bei den Deutschen die Munition knapp und der Nachschub blieb aus. Wie an der Ostfront lehnte Hitler eine Rücknahme der Front ab.

Rommel tat bis zu seiner schweren Verletzung am 17. Juli 1944 alles, um seinen Auftrag zu erfüllen. Doch eines unterschied ihn von den meisten deutschen Generälen. Zweimal, am 17. und am 29. Juni, versuchte er dem Diktator klar zu machen, dass der Krieg verloren war. Während die meisten Generalfeldmarschälle oder Armeekommandeure hinter vorgehaltener Hand nicht mehr an der Niederlage zweifelte, sprach der Befehlshaber der Heeresgruppe B mit den Oberbefehlshaber der Wehrmacht offen über die drohenden Konsequenzen. Am 29. Juni 1944 verbat sich Hitler jedoch diesen Ton und soll Rommel des Raumes verwiesen haben.

Am 31. August 1944 machte der Diktator aus seiner Verbitterung über seinen ehemaligen Lieblingsgeneral gegenüber seinen militärischen Beratern keinen Hehl:

„Er (Rommel, die Verfasserin) hat das Schlimmste getan, was es in einem solchen Fall überhaupt für einen Soldaten geben kann: nach anderen Auswegen gesucht als nach militärischen.“

Zu diesem Zeitpunkt stand Rommel längst in dem Verdacht, am Widerstand des 20. Juli beteiligt gewesen zu sein. Vielleicht wusste der Generalfeldmarschall doch mehr, als man lange Zeit glaubte. Der Historiker Peter Lieb verweist auf eine Aktennotiz von Martin Bormann, dem „Sekretär des Führers“ vom September 1944. Demnach sei Rommel über die Pläne der Verschwörer im Bilde gewesen. Möglicherweise belasteten ihn auch Aussagen von Hans Speidel und Oberstleutnant Cäsar von Hofacker, die in Gestapohaft ausgesagt haben sollen, man hätte den Feldmarschall über den Anschlag informiert. In den Papieren von Carl-Friedrich Goerdeler, dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister, soll Rommel als Oberbefehlshaber des Heeres im Gespräch gewesen sein.

In den ersten beiden Juliwochen spitzte sich die Lage zu. Generalfeldmarschall Hans von Kluge hatte Anfang Juli 1944 von Rundstedt als OB West ersetzt. Nachdem es zuerst zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Kluge und Rommel gekommen war, stimmte auch Kluge der Einschätzung von Rommel zu.

Am 15. Juli 1944 verfasste der Befehlshaber der Heeresgruppe B einen Bericht, in dem er den baldigen Zusammenbruch der Westfront voraussagte. Die Truppe würde heldenmütig kämpfen, aber der ungleiche Kampf nähere sich dem Ende. Rommel bat Hitler, „die politischen Konsequenzen“ daraus zu ziehen. Speidel strich das Wort „politisch“ durch. Als man Rommel fragte, war er täte, wenn der Diktator nicht reagieren würde, soll er geantwortet haben: „Dann mache ich die Westfront auf.“ Nach seiner Meinung war es wichtig, dass die Amerikaner vor den Russen Berlin erreichten.

War das ein realistisches Szenario oder der verzweifelte Gedanke eines Mannes, der sich nicht zur Unterstützung des Attentates entschließen konnte und hoffte, so den mörderischen Krieg zu beenden? Mal unterstellt, diese Äußerung ist so gefallen: Hätten alle deutschen Truppen dem Befehl Folge geleistet? Und hätten die westlichen Alliierten ihre sowjetischen Verbündeten im Stich gelassen? Die Frage, ob er wirklich versucht hätte, den Krieg durch eine Öffnung der Front zu beenden, muss offenbleiben.

Rommel hatte Hitler zuerst geschätzt. Der sinnlose Haltebefehl bei El-Alamein im Jahr 1942 löste bei ihm einen Prozess der Distanzierung aus. 1943/44 schien der Generalfeldmarschall noch einmal für kurze Momente an den Diktator zu glauben, doch nach dem 6. Juni 1944 fand kein kommandierener General so mutige Worte über die militärische Lage und deren politische Konsequenzen wie Erwin Rommel. Diese Tatsache rechtfertigt, dass man sein Andenken in Ehren hält, ohne ihn zu glorifizieren. Geschichte wird von Menschen gemacht, Menschen, die irren, die ihre Überzeugungen revidieren und dafür etwas riskieren. Rommel war kein Mann des Widerstandes wie Graf Stauffenberg, aber ein Patriot, der für seine Überzeugung mit dem Leben büßte.

Literatur:

David Fraser, Rommel, Berlin, 1995

Peter Lieb: Erwin Rommel: Widerstandskämpfer oder Nationalsozialist? In:  Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), S. 303–343

Manfred Rommel, 1944 – das Jahr der Entscheidung : Erwin Rommel in Frankreich, Leipzig 2010

Hans Speidel: Invasion 1944. Ein Beitrag zu Rommels und des Reiches Schicksal. Wunderlich, Stuttgart 1949.

Ein interessanter Beitrag von Berthold Seewald in der „Welt“: https://www.welt.de/kultur/article2905248/Erwin-Rommel-Held-der-sauberen-Wehrmacht.html