Die Zabern-Affäre 1913: Ein Leutnant beschäftigt den Reichstag

Das Foto stammt nicht aus dem Ersten Weltkrieg, sondern aus dem Jahr 1913: Deutsche Soldaten patrouillieren in einer deutschen Garnisonsstadt. 1913 kam es inm elsässischen Zabern zu einem Zwischenfall, der im Reichstag zu einer erregten Diskussion führte. Zum ersten Mal machte der Reichstag von seiner Möglichkeit Gebrauch, dem Reichskanzler das Misstrauen auszusprechen.

Sechs Tage Stubenarrest für Leutnant von Forstner

Am 28. Oktober 1913 hielt Leutnant von Forstner eine Instruktionsstunde vor jungen Soldaten ab. Er wies sie darauf hin, sich von der Zivilbevölkerung nicht provozieren zu lassen. Würden sie jedoch bedroht, so sollten sie sich zur Wehr setzen:

„Und wenn Sie dabei so einen Wackes über den Haufen schießen, so schadet es nichts. Sie bekommen noch zehn Mark Belohnung.“

„Wackes“ galt ein abfälliger Ausdruck für die Elsässer; im dienstlichen Umgang war er verboten.

Das war der Auftakt zur Zabern-Affäre.

1871 hatte das neu gegründete Deutsche Kaiserreich das Elsass und Teile Lothringens annektiert. Die Deutschen wurden vom ersten Tag an als Besatzer empfunden. Die Offiziere, die dorthin versetzt wurden, blieben nach Dienstschluss unter sich.

Ein ziviler Reichsstatthalter, Karl von Wedel, vertrat die zivile Exekutive; die Militärs unterstanden – wie im ganzen Deutschen Reich –  dem Kaiser. Die Auswahl des Offiziernachwuchses war Sache der Regimentskommandeure. Das Abitur war nicht verbindlich; wichtiger war die Herkunft aus einem konservativen Elternhaus, das die Garantie bot, dass nur Anwärter eintraten, die kaisertreu waren.

In den Provinzstädten, wo die Soldaten meist stationiert waren, gehörte das Offizierkorps zur gesellschaftlichen Elite. Gelegentliche Zwischenfälle unter Alkoholeinfluss wurden hingenommen, war man doch sonst stolz auf die „schneidigen Leutnants“.

Die Äußerungen von Forstner hatten zuerst keine Folgen. Doch mehrere Rekruten hatten die Äußerungen an die lokale Presse weitergegeben. Die Bürger konnten Tage später nachlesen, was ein deutscher Offizier von ihnen dachte und dass das übrige Offizierkorps zu den Beleidigungen schwieg.

Der Unmut in Zabern wuchs. Am 11. November 1913 erteilte der Regimentskommandeur Forstner sechs Tage Stubenarrest.

Diese lächerlich geringe Strafe steigerte die Spannungen noch. Als Forstner seinen Stubenarrest „verbüßt“ hatte, verließ er meist am Nachmittag nach Dienstende die Kaserne. Vier Soldaten begleiteten ihn mit geschultertem Gewehr als Wache, wenn der Leutnant das Café besuchte oder Zigaretten kaufte. Spottrufe und Beleidigungen begleiteten die Soldaten. Reichstatthalter von Wedel legte dem Regimentskommandeur nahe, den Leutnant zu versetzen.

Am 28. November 1913 eskalierte die Situation. Eine erregte Menschenmenge versammelte sich vor dem Kasernentor. Der Regimentskommandeur gab dem wachhabenden Offizier den Befehl, die Menge zum Verlassen des Platzes aufzufordern. Leutnant von Schadt rief dreimal dazu auf, das Gelände zu räumen. Danach verließ er mit einem Trupp Soldaten die Kaserne, drängte die Zivilisten in eine Seitenstraße und verhaftete auch zufällig vorbei kommenden Passanten, darunter den Präsidenten des Landgerichts, zwei Gerichtsräte und einen Staatsanwalt. Der Regimentskommandeur verhängte den Belagerungszustand über die Stadt.

In einem Keller der Kaserne wurden die Verhafteten untergebracht – es war ihnen noch nicht einmal gestattet, zur Verrichtung ihrer Notdurft den Raum zu verlassen.

Die Proteste weiten sich aus

Mittlerweile hatte der Stadtrat von Zabern sich in einem Telegramm an den Kaiser gewandt. Der Reichsstatthalter, General von Wedel, kritisierte in einem Bericht an den Monarchen ebenfalls das unverhältnismäßige Verhalten des Militärs.

Wilhelm II. befand sich in Donaueschingen zur Jagd. Seine militärische Umgebung verharmloste die Berichte, die den Kaiser erreichten. Am 30. November 1913 trafen Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg und Graf Wedel in Donaueschingen ein. Immerhin konnten sie erreichen, dass die Inhaftierten freigelassen und die Zivilgewalt wieder hergestellt wurde. Das Regiment sollte vorübergehend verlegt werden.

Bethmann musste nach Berlin zurückkehren, denn einige Abgeordnete des Reichstages hatte eine Sondersitzung beantragt.

Am 2. Dezember 1913 hatte Forstner ein weiteres „Heldenstück“ vollbracht. Man hatte ihn zu einer anderen Kompanie versetzt. Mit seinen Soldaten hielt er an dem Dezembertag eine militärische Übung ab. Die Arbeiter einer Schuhfabrik erkannten ihn und bedachten ihn mit Spottrufen. Forstner gab Befehl, die Arbeiter festzunehmen, aber sie konnten nur einen gehbehinderten Schuster in Gewahrsam nehmen. In seiner Wut brachte Forstner dem Mann mit seinem Säbel schwere Verletzungen bei.

Ob Bethmann von dem neuen Vorfall Kenntnis hatte, ist nicht bekannt. Persönlich verurteilte er das anmaßende Verhalten des Leutnants, wusste aber, dass der Kaiser hinter den Militärs stand. Entsprechend schwach fiel seine Verteidigung vor den Abgeordneten aus.

Der Sprecher des katholischen Zentrums, einer Partei der Mitte und der Rechten, Constantin von Fehrenbach, erwiderte am 3. Dezember:

„Meine Herren, wir haben ja einige bedauernde Äußerungen gehört über das, was sich vonseiten der Militärs in Zabern zugetragen hat. Aber haben wir irgendetwas gehört, was getan wird, wie für das gebeugte Rechte Sühne geschaffen wird! (Lebhafte Rufe: Sehr gut!)“.

Fehrenbach bekannte sich zum Militär; er forderte auch keine Änderung der extrakonstitutionellen Stellung des Heeres. Er war empört, dass ein junger Offizier mit seinem Verhalten das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen Elsass-Lothringen und den anderen deutschen Ländern belastete.

Am 13. Dezember 1913 rechnete der einflussreiche Publizist Maximilian Harden in der „Zukunft“ mit dem Verhalten des Offiziers aus einer konservativen Sicht ab.

„Zehn Mark für die Tötung des Wüstesten, niedrigsten, wer, im Bereich der Dienstgewalt solchen Preis ausbietet, dürfte nicht einen Tag länger das Ehrenkeid des deutschen Offiziers tragen.“

Fazit

Doch Forstner blieb Offizier. Für seinen Säbelhieb erhielt er in erster Instanz 43 Tage Arrest; in zweiter Instanz wurde er freigesprochen. Auch Leutnant Schadt und der Regimentskommandeur, Oberst Ernst von Reuter, wurden Anfang Januar von den zuständigen Gerichten entlastet. Die Rekruten, die Forstners Äußerungen an die Presse weitergegeben hatten, wurden dagegen bestraft.

Der Reichstag immerhin zeigte Haltung: Nur die Konservativen und einige Nationalliberale stimmten am 4. Dezember 1913 gegen den Misstrauensantrag, mit dem das Verhalten des Reichskanzlers verurteilt werden sollte. Zwar war der Kaiser nicht verpflichtet, Bethmann zu entlassen, aber das Ergebnis der Abstimmung bewies, dass das Parlament selbstbewusster wurde.

Am 19. März 194 unterschrieb Wilhelm II. eine Verordnung, die in Zukunft nur dem Reichsstatthalter erlaubte, den Belagerungszustand zu verhängen.

Es wäre also falsch, von einem vollständigen Sieg des Militärs zu sprechen. Aber der Vorfall zeigt, dass Deutschland noch lange keine palamentarische Monarchie war. Doch der Einfluss der Volksvertretung wuchs.

Anfang August 1914 war es mit dem feucht-fröhlichen Leutnantsleben vorbei: der Erste Weltkrieg brach aus. Als am 11. November 1918 die Waffen schwiegen, musste die deutsche Fahne über Zabern eingezogen werden und die Franzosen konnten ihren Soldaten zujubeln, die die Stadt wieder in Besitz nahmen. Wenn es einen Deutschen gab, der dem Ansehen des Kaiserreiches dort nachhaltig geschadet hatte, dann war es der Leutnant Freiherr Günter von Forstner. Er fiel 1915 an der Ostfront.