Stahlhelme in der Kantine

Die Empörung groß: In einer Kaserne der Bundeswehr hat man alte Stahlhelme der Wehrmacht in einer Vitrine gefunden. Und möglicherweise gibt es in anderen Gebäuden unserer Armee noch „Traditionsecken“, die an die Wehrmacht erinnern.

Die Bundeswehr ist 1956 von Soldaten aufgebaut worden, die – in der Regel – vorher in der Wehrmacht gedient hatten. Der erste Generalinspekteur der Bundeswehr, General Adolf Heusinger, leitete von 1941 bis 1944 die Operationsabteilung im Generalstab des Heeres. Dort wurden nicht nur Feldzüge geplant, sondern ab 1942 war die Operationsabteilung auch zuständig für die „Bandenbekämpfung“, sprich die Partisanenabwehr. Jetzt sind Maßnahmen gegen irreguläre Kämpfer hinter der Front legitim, nicht aber das Abbrennen ganzer Dörfer. Heusinger war darin verstrickt – in welchem Ausmaß, darüber streiten Historiker. Nach 1956 setzte der General seine Karriere fort und beendete sie bei der NATO. 1982 erhielt er ein Staatsbegräbnis.

Heusinger ist nur ein Beispiel für viele Soldaten der Wehrmacht, die später in der Bundeswehr Dienst taten. Sie versuchten im Rahmen ihrer Möglichkeiten, das Leitbild des Bürgers in Uniform zu verwirklichen. Die Bundeswehr geriet nie auch nur in den Ruf, eine rechtsradikale Putscharmee zu sein. So manchem Veteranen der Wehrmacht kamen die deutschen Streitkräfte in den sechziger und siebziger Jahren wie eine Truppe von Warmduschern vor. Dabei bewies diese Armee – die im Gegensatz zu anderen Streitkräften der NATO recht unprätentiös auftritt – in Manövern und Übungen durchaus, dass sie ihr Handwerk beherrschte.

Aber es war eben eine Armee, in der niemand ernsthaft damit rechnete, dass es einmal knallt. Die Jugendoffiziere warben in der Schule mit der Möglichkeit, beim Bund studieren zu können.

Dann kamen die neunziger Jahre. Der Warschauer Pakt löste sich auf, und auf einmal war von Auslandseinsätzen der Bundeswehr die Rede. Seit 1945 hatte man den Deutschen versucht beizubringen, dass Konflikte nicht mit militärischer Gewalt zu lösen sind. Und als die ersten Bundeswehrsoldaten in die Türkei oder nach Somalia mussten, stand die Führung der Bundeswehr ziemlich hilflos da. Von der Politik erhielt sie kaum Unterstützung, und so einigte man sich darauf, dass Auslandseinsätze dazu dienen, Brunnen und Schulen zu bauen. In der Tat beweist die Bundeswehr im Ausland eine interkulturelle Kompetenz, wie man sie selten bei Amerikanern oder Engländern findet.

Aber die Deutschen tun sich eben schwer damit, dass eine Armee (zumal nach der Aussetzung der Wehrpflicht) nicht mehr dazu da ist, dem schnöseligen Filius mal Manieren beizubringen (beim Bund lernst du mal Ordnung!), sondern dass sie nun an Kampfeinsätzen teilnehmen wird, in denen sie Tote zu beklagen hat und einzelne Bundeswehrsoldaten damit leben müssen, Menschen getötet zu haben.

Unter diesen Umständen kommt auch bei manchen jüngeren Soldaten die Wehrmacht wieder zu ehren.  Oder man nimmt sich ein Vorbild an der professionellen Einstellung der amerikanischen Armee, deren Ziel es ist, „Profis“ auszubilden. Also Soldaten, die in der Lage sind, ihren Kampfauftrag zu erfüllen. Die „neue Bundeswehr“, die Kampfeinsätze zu absolvieren hat, muss auf jene Eigenschaften zurückgreifen, die man Mut und Tapferkeit nennt. Die Soldaten und Soldatinnen müssen bereit sein, ihr Leben einzusetzen und sie müssen bereit sein, andere Menschen zu töten und mit diesem Gefühl weiterzuleben.

Man muss wohl akzeptieren, dass das Militär eine hierarchisch gegliederte Subkultur mit eigenen Regeln ist. Da wird eine Kultur der Männlichkeit gepflegt, die auf Außenstehende zuweilen etwas lächerlich wirkt. Was mich mehr beunruhigt, sind Berichte über Schikanen und Misshandlungen. Hier müsste eingegriffen werden. Nicht mit Erlassen – sondern mit gelebter Führung.

Jede Armee pflegt ihre Traditionen – man schaue nur einmal nach England. In Italien paradieren einmal im Jahr Einheiten der Streitkräfte durch Rom – vorbei am Staatspräsidenten, der auf der Tribüne den Vorbeimarsch abnimmt. Ich bin froh, dass es so etwas nicht am 3. Oktober in Deutschland gibt.

Dass die Wehrmacht nur sehr eingeschränkt traditionstauglich ist, räume ich ein. Aber grundsätzlich versahen die meisten Angehörigen der deutschen Streitkräfte zwischen 1939 und 1945 ihren Kriegsdienst, ohne gegen das Kriegsvölkerrecht zu verstoßen. Welchen Aussagewert Stahlhelme des Heeres haben, welche Gefahr für eine Demokratie von solchen Utensilien ausgeht, leuchtet mir nicht ein. Für mich ist das eher eine Art Kitsch – aber unter Militärs besitzen solche Gegenstände wohl einen gewissen Identifikationswert. Auf keinen Fall aber wecken diese Exponate Zweifel an der Verfassungstreue unserer Streitkräfte.

Die Bundeswehr unterhielt bis 2012 ein Militärgeschichtliches Forschungsamt, das sich in teilweise vorbildlicher Form kritisch mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges auseinandergesetzt hat. Und manchmal wirkte die Geschichtspolitik der Bundeswehrführung schon etwas übereifrig. 2005 beispielsweise wurde ein Jagdgeschwader, das bis dahin den Namen „Mölders“ trug (der Namenspatron war ein erfolgreicher Jagdflieger des Zweiten Weltkrieges und kein fanatischer Nationalsozialist) umbenannt: Der Name „Mölders“ sei nicht mehr traditionswürdig, weil Werner Mölders kein Vorbild im Sinne der „Inneren Führung“ sei. Er hätte sein militärisches Können in den Dienst einer verbrecherischen Staatsführung gestellt. Nun war aber die Luftwaffe und erst recht nicht das NS-Regime ein Diskussionsforum. Mölders hatte keine Kriegsverbrechen begangen. Er war ein einfach ein erfolgreicher Pilot; ein Vorbild für viele junge Soldaten der Luftwaffe.

Dass wir Deutschen es uns mit unserer Armee nicht leicht machen, finde ich gut. Aber man sollte die Kirche im Dorf und die Stahlhelme in der Vitrine lassen. Und dann können die zuständigen Ausbilder den jungen Menschen ja gleich erklären, dass eine solche „Hurratüte“ einem schon mal das Leben retten kann. Wenn Politiker sie in einen Einsatz schicken, der mit Gefahren für Leib und Leben verbunden ist.