Kein zweiter Bismarck

Sein Spitzname lautete der „Aal“. Die Rede ist von Bernhard von Bülöw, von 1897 bis 1900 Staatssekretär des Äußeren und von 1900 bis 1909 Reichskanzler des Deutschen Reiches. Nur wenige Zeitgenossen wissen Positives über ihn zu berichten; die meisten Historiker bewerten seine Amtszeit negativ. „Bülow war Höfling, er wollte etwas werden“, charakterisiert ihn der Historiker Michael Stürmer. Als Bülow die Reichskanzlei verließ, stand Deutschland außenpolitisch isoliert da. Im Innern hatte der Kanzler ebenfalls jeden Kredit verspielt.

Wie kam es dazu, dass ein Mann, den schon Zeitgenossen als „Blender“ und „Speichellecker“ bezeichneten, so weit kommen konnte? Ehrgeiz und Opportunismus sind typische Eigenschaften für hohe Karrierebeamte und Politiker, aber meistens verfolgten sie damit politische Ziele. Welche Ziele hatte Bülow?

Aufstieg als Diplomat

Bernhard von Bülow wurde 1849 geboren. Sein Vater war bereits Diplomat. Der junge Bülow studierte Jura und trat nach dem zweiten Staatsexamen in den diplomatischen Dienst ein. Schnell machte er durch Ehrgeiz, Fleiß und eine rasche Auffassungsgabe auf sich aufmerksam. 1893 wurde er Botschafter am Hof des Königs von Italien. Dank seiner wohlhabenden Ehefrau war er finanziell unabhängig.

Doch die Stellung eines Botschafters in Rom befriedigte ihn auf Dauer nicht. 1897 berief ihn Wilhelm II. zum Staatssekretär des Äußeren. Von Anfang an war klar, dass Bülow die Nachfolge des Reichskanzlers von Hohenlohe-Schillingsfürst antreten sollte. Am 17. Oktober 1900 war es so weit. Der Historiker John C. G. Röhl, Autor einer Standardbiografie über den letzten deutschen Kaiser, vertritt die These, dass es sich bei Bülows Ernennung um den einzigen planmäßigen Kanzlerwechsel in der Geschichte des Kaiserreiches gehandelt hätte. Der Monarch, ein innerlich unsicherer Mensch, schätzte Bülow, der ihm das Gefühl gab, ein großer Herrscher zu sein. Wilhelm II. glaubte, endlich den Politiker gefunden zu haben, der seine Ziele teilte, der aber gleichzeitig auch mit dem Reichstag umzugehen wusste. „Mit den ärgsten Schmeicheleien und mit barockem Humor wirkte er auf den Kaiser, mit etwas zynischem Zurschautragen völliger Unvoreingenommenheit auf die Parlamentarier“, beschrieb der Historiker Johannes Ziekursch die Wandlungsfähigkeit Bülows.

In der Forschung ist umstritten, wer den Kurs der Politik bestimmte: Bülow oder der Monarch. Wilhelm II. hatte viele Schwächen, aber er war sich seiner Stellung bewusst. Den Regierungsgeschäften widmete sich der Kaiser nur sporadisch. Bülows Art kam Wilhelm entgegen: Statt trockener Vorträge schilderte der Reichskanzler ein Problem mit wenigen Worten und flocht auch manch unterhaltsame Anekdote ein. Es gab jedoch Themen, da machte der Monarch keine Abstriche – zum Beispiel beim Flottenbau. Ansonsten gelang es dem Reichskanzler, sich wenigstens in der Außenpolitik einen Rest an Entscheidungsfreiheit zu bewahren. In der Innenpolitik konnte er unabhängiger agieren.

Bülow und die „Weltpolitik“

Reichskanzler von Bismarck (1871 bis 1890) sah wenig Sinn in einer offensiven Kolonialpolitik. Deutschland solle sich damit begnügen, die 1871 erreichte Stellung zu halten.

Die Generation, der Bülow angehörte, vertrat im Gegensatz dazu die Auffassung, dass das Kaiserreich sich beim Wettbewerb um Absatzmärkte in Übersee nicht zurückhalten könne. Der Soziologe Max Weber hatte 1894 in seiner Freiburger Antrittsvorlesung die Meinung geäußert, dass Deutschland sich an diesem Wettlauf beteiligen müsse, wenn es seine starke Stellung in der Mitte Europas behalten wollte.

„Wir müssen begreifen, dass die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und der Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“

Das bedeutete nicht, dass man mit kriegerischen Mitteln neue Gebiete erwerben wollte, aber das Interesse der deutschen Diplomatie und der deutschen Wirtschaft sollte sich nun auch auf Afrika und Fernost richten.

Im Reichstag brachte es Bülow 1897 auf die griffige Formel von der „Weltpolitik“. Er rechtfertigte den Erwerb des Hafens Kiautschou in China mit dem Anspruch des Kaiserreiches, in internationalen Angelegenheiten als Großmacht konsultiert werden zu müssen. Bülow betonte, Deutschland wolle niemanden in den Schatten stellen, sondern „verlange auch seinen Platz an der Sonne“. Dahinter stand die Auffassung, dass das Kaiserreich ohne Kolonien und eine Flotte dazu verdammt wäre, wieder eine Macht zweiten Ranges zu werden.

Das Problem der „Weltpolitik“ lag nicht darin, dass Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts international eine Vormachtrolle anstrebte. Aber das neue Selbstbewusstsein der Deutschen stieß in England, Frankreich und Russland auf Misstrauen. Was wollte diese aufstrebende Nation in der Mitte des Kontinents, deren Wohlstand von Jahr zu Jahr wuchs und die international eine geachtete Stellung innehatte, nun in China? Und warum begannen die Deutschen am Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau einer Schlachtflotte, die England herausfordern musste?

Historiker haben auf diese Fragen unterschiedliche Antworten gefunden. In den sechziger Jahren setzte sich eine Schule durch, die den „Primat der Innenpolitik“ betonte und in der Außen- und Flottenpolitik ein Mittel der Herrschaftssicherung im Innern sah. Durch Erfolge in der Weltpolitik hätte ein nationaler Konsens begründet werden sollen, der sich auf das liberale Bürgertum, Teile der konservativen Agrarier und die gemäßigte Arbeiterschaft stützen konnte. Der Flottenbau hätte für Arbeitsplätze und sozialen Fortschritt gesorgt, ohne dass man den Forderungen der Linksliberalen und der Sozialdemokraten nach mehr demokratischer Teilhabe hätte entgegenkommen müssen.

Dagegen wandten sich Historiker, die von einem „Primat der Außenpolitik“ ausgingen. Internationale Politik war um die Jahrhundertwende in ihren Augen auf Expansion gerichtet, wobei darunter nicht nur Gebietserweiterung verstanden wurde. Es ging auch darum, formal unabhängige Staaten wirtschaftlich abhängig zu machen. Ein Staat, der Großmachtpolitik treiben wollte, musste am Ende des 19. Jahrhunderts über Seestreitkräfte und Kolonien verfügen. Deutschland wäre erst 1871 als Großmacht in Erscheinung getreten und kam als Kolonialmacht zu spät. Der Historiker Christopher Clark beispielsweise vertritt in seinem Buch die „Schlafwandler“ die These, dass die deutsche Diplomatie ein unklares Erscheinungsbild abgegeben hätte, das oft aggressiver wirkte, als die deutsche Politik in Wirklichkeit war. Der Erlanger Historiker Michael Stürmer verweist darauf, dass es in der deutschen Gesellschaft starke Strömungen gegeben hätte, die für eine Kolonialpolitik plädierten. Auch ein parlamentarisch regiertes Deutschland hätte sich der „Weltpolitik“ nicht entziehen können.

Großmachtpolitik war also kein spezifisch deutsches Phänomen. Allerdings neigten die deutschen Außenpolitiker, darunter auch von Bülow dazu, um die Jahrhundertwende den Handlungsspielraum des Reiches zu überschätzen. In Berlin ging man davon aus, zwischen Frankreich, England und Russland eine Politik der „freien Hand“ treiben zu können, denn kolonialpolitische Streitigkeiten würden eine Annäherung der drei Großmächte verhindern. Bülow glaubte zudem, dass außenpolitische Erfolge sich positiv auf die Innenpolitik auswirken würden: „Nur eine erfolgreiche äußere Politik kann helfen, versöhnen, beruhigen, sammeln, einigen …“

Ein weiteres Problem für die deutsche Diplomatie bestand darin, dass der Flottenbau die außenpolitische Situation des Reiches verschlechterte. Admiral Tirpitz glaubte, dass Deutschland durch den Bau einer starken Marine für England ein Bündnispartner werden könnte. Seit 1898 entstand auf deutschen Werften eine Flotte, deren Aktionsradius auf die Nordsee beschränkt war und die in erster Linie für das Vereinigte Königreich eine Bedrohung darstellte. Im Reichsmarineamt rechnete man damit, dass London dann auf Berlin angewiesen wäre: Durch eine Politik der Stärke wollte man gute Beziehungen zu England aufbauen. Bülow hatte nicht den Mut, dem Kaiser zu widersprechen, wusste er doch, dass der Staatssekretär im Reichsmarineamt vom Monarchen uneingeschränkt unterstützt wurde.

Die Marokkokrise von 1905 als Beispiel für die deutsche Außenpolitik

Um die Jahrhundertwende schien das Konzept der Politik „der freien Hand“ aufzugehen. Doch Frankreich und England legten ihre kolonialpolitischen Meinungsverschiedenheiten am 8. April 1904 bei. Im Auswärtigen Amt hatte man nicht mit dieser Möglichkeit gerechnet. Der Diplomat Fürst Karl Max von Lichnowsky notierte wenige Tage später: „Wir brauchen einen Erfolg in der auswärtigen Politik, da doch allgemein die englisch-französische Verständigung wie auch die italienisch-französische Annäherung als Niederlage für uns aufgefasst wird.“

Die passende Gelegenheit schien sich schon bald zu bieten. Das Sultanat Marokko war 1880 unabhängig geworden. Zu den Garantiemächten gehörte auch Deutschland. Frankreich und Spanien zeigten aber ein hohes Interesse daran, die Rohstoffe des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen.

In Berlin beobachtete man diese Entwicklung mit Sorge. Rein formal hätte Deutschland konsultiert werden müssen. Die deutsche Außenpolitik hätte auch die französischen Wünsche unterstützen können, um auf diese Weise das Verhältnis der beiden Länder entspannen zu können. Bismarck hatte noch 1884 betont, dass Deutschland seinem westlichen Nachbarn in Übersee freie Hand ließe, damit Paris eine Entschädigung für Elsass-Lothringen erhielte.

In der Wilhelmstraße, dem Dienstsitz der deutschen Diplomaten, wollte man das Vorgehen Frankreichs jedoch 1904/05 zu einer Kraftprobe nutzen. Am 31. März 1905 landete Kaiser Wilhelm II. in Tanger und unterstützte damit demonstrativ die Unabhängigkeit des Sultans. Bülow meinte im Mai 1905, dass eine internationale Konferenz nur den von Deutschland vertretenen Rechtsstandpunkt anerkennen könnte. Frankreich sollte öffentlich gedemütigt werden. Er rechnete wohl mit der Unterstützung der Vereinigten Staaten und der Neutralität Russlands. Alleine – so der Reichskanzler – könnte Frankreich gegen Deutschland nicht bestehen. Ein entschiedenes deutsches Auftreten würde die Stellung des Reiches in Europa und der Welt stärken:

„Wir betrachten es als Axiom, dass für Deutschland die Entstehung eines Trusts von Staaten um einen französisch-russischen-englischen Mittelpunkt herum ein Ereignis von unabsehbaren Folgen sein würde. Um die Verwirklichung zu verhindern, gibt es nur ein Mittel, nämlich den zukünftigen Geschäftsgenossen möglichst keine Gelegenheit zu erfolgreicher Betätigung ihrer Gemeinsamkeit zu geben. Das gilt sowohl für die marokkanische wie für die ostasiatische Frage.“

Russland führte gerade einen verlustreichen Krieg gegen Japan. England rechnete nicht mit kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Kontinent. Bülow spielte ungeniert die militärische Stärke Deutschlands aus. Er wies den deutschen Botschafter in Rom an, gegenüber der italienischen Regierung zu erklären, dass das Kaiserreich mobilmachen würde, sollten französische Soldaten in Marokko landen. Am 2. Juni 1905 wurde Graf Monts bei Außenminister Tomasso Tittoni vorstellig und informierte ihn über die Absichten der Wilhelmstraße. Tittoni unterrichtete sofort seinen französischen Amtskollegen Delcasse. Die Regierung in Paris musste ihre Pläne aufgeben.

Delcasse erklärte seinen Rücktritt. Im Sommer 1905 schien Deutschland sich durchgesetzt zu haben. Bülow bestand auf einer internationalen Konferenz, die zu Beginn des Jahres 1906 in Algeciras zusammentreten sollte. Am 6. Dezember 1905 erklärte er im Reichstag, Deutschland hätte „ein vertragsgemäßes Recht darauf, bei einer Neugestaltung der Verhältnisse in Marokko mit gehört zu werden.“

Die Deutschen wurden gehört, aber man nahm ihre Argumente in Algeciras kaum zur Kenntnis. Mochten sie auch formal im Recht sein – nach dem Madrider Abkommen von 1880 konnten Frankreich, Spanien und England nicht alleine über die Zukunft Marokkos verhandeln – es wäre geschickter gewesen, den nordafrikanischen Staat nicht zu einer Prestigefrage der europäischen Politik zu machen. Das Auftreten der deutschen Diplomatie wurde als aggressiv empfunden. Zwar konnte die Wilhelmstraße erreichen, dass das Prinzip der marokkanischen Unabhängigkeit auf dem Papier bestätigt wurde, aber Frankreich und Spanien sicherten sich Vorteile bei der wirtschaftlichen Erschließung des Scherifenstaates.

Paris und London verstärkten daraufhin ihre Zusammenarbeit. Der Anspruch Berlins, Weltpolitik zu treiben und bei der Erschließung neuer Märkte beteiligt zu werden, ließ sich trotz der militärischen Stärke des Kaiserreiches nicht durchsetzen. Was Bülow verhindern wollte – eine Annäherung zwischen London, Paris und Sankt Petersburg – zeichnete sich immer deutlicher ab.

In der Reichskanzlei hatte man unterschätzt, dass Frankreich, England, Italien und Spanien Deutschland mittlerweile als Unruheherd wahrnahmen. Hätte die Wilhelmstraße im Frühsommer 1905 auf das französische Angebot reagiert, so wäre Deutschland möglicherweise als diplomatischer Sieger aus der Krise hervorgegangen.

Auch wenn Bülow nach außen hin die Flottenpolitik des Kaisers unterstützte, so sah er doch seit 1907 mit Sorge, dass die maritime Aufrüstung das Verhältnis zwischen London und Berlin belastete. Um einer diplomatischen Einkreisung zu entgehen, musste alles getan werden, damit das französisch-russische Bündnis nicht noch durch den Beitritt Englands gestärkt würde. 1908/09 plädierte der Reichskanzler für eine Drosselung des Bautempos bei den Linienschiffen, scheiterte aber am Widerstand des Staatssekretärs im Reichsmarineamt.

1909, in der Bosnienkrise, konnte Bülow noch einmal scheinbar einen Erfolg feiern. Ein Jahr zuvor hatte das mit Deutschland verbündete Österreich-Ungarn die Provinzen Bosnien-Herzegowina vom Osmanischen Reich annektiert. Russland protestierte gegen diese Maßnahme, aber dank der festen deutschen Haltung musste es diesen Gewaltakt hinnehmen. Nach außen hin hatte das Deutsche Reich sich durchgesetzt. In Wirklichkeit jedoch geriet das Kaiserreich in Europa immer mehr in die Isolation.

Am 3. Juni 1909 unternahm Bülow noch einmal den Versuch, die von ihm 1898 mit eingeleitete Flottenbaupolitik zu korrigieren. Da Frankreich und Russland in einem festen Bündnis stünden, konnte das Reich seine gefährdete außenpolitische Lage nur durch eine Verständigung mit England verbessern. Voraussetzung sei aber eine Reduzierung des Flottenbaus. Wieder konnte sich Admiral von Tirpitz durchsetzen. Der Staatssekretär im Reichsmarineamt tat die Bedenken des Reichskanzlers und des deutschen Botschafters in London mit der Bemerkung ab, die politische Führung des Reiches müsse die Nerven behalten und das Aufrüstungsprogramm konsequent fortführen.

Bülow in der Innenpolitik

In der Innenpolitik befürwortete Bülow ein Bündnis zwischen Liberalen und Konservativen. Die Interessen der Agrarier und der Industrie sollten unter einen Hut gebracht werden. Ein antisozialistischer Block gegen die Sozialdemokratie – flankiert von einer Weiterführung der staatlichen Sozialpolitik – so sah das innenpolitische Programm des Reichskanzlers aus.

Bülow war ein gemäßigter Konservativer, der den Parlamentarismus ablehnte. Seiner Meinung nach benötigte Deutschland eine Regierung, die über den Parteien stand. Allerdings brachte er dem Reichstag mehr Respekt entgegen als Bismarck oder Hohenlohe-Schillingsfürst. Er verzichtete auf eine Konfrontationsstrategie und setzte – wie in der Außenpolitik – sein gewinnendes Wesen ein, um Meinungsverschiedenheiten mit den Fraktionsführern zu entschärfen. Eine zielbewusste Politik ließ sich damit nicht verfolgen, doch Bülow hatte erkannt, dass es nur noch darum ging, die konstitutionelle Monarchie zu erhalten. Er kam den Konservativen 1902 mit moderaten Schutzzöllen entgegen, die auch für Teile des Liberalismus akzeptabel waren. Zwischen 1903 und 1906 musste der Reichskanzler außerdem auf die starke Stellung des Zentrums im Parlament Rücksicht nehmen, obwohl er innerliche Vorbehalte gegen die Partei des politischen Katholizismus hegte.

1906 nutzte er Meinungsverschiedenheiten mit dem Zentrum, um den Reichstag aufzulösen. Am 31. Dezember 1906 gab Bülow in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie, General von Liebert, Einblick in seine Motive für diese Entscheidung:

„Aber es reifte in mir der Entschluss, jedem neuen Versuch solcher Machtproben bei ernsten und wichtigen Angelegenheiten des Reiches mit aller Kraft entgegenzutreten. Neben der dann notwendigen Autorität der Regierung und ihrer Stellung über den Parteien schien mir auch ein gewisser Wandel in den doktrinären Anschauungen der Vertreter des liberalen Bürgertums und der steigende Widerwille gegen das sozialdemokratische Treiben die Hoffnung zu rechtfertigen, dass eine Änderung der parlamentarischen Lage durch das deutsche Volk selbst möglich sei.“

Er führte einen betont nationalen Wahlkampf, der im neuen Parlament zu einer liberal-konservativen Mehrheit führte, dem „Bülowblock“. Linksliberale, Nationalliberale und Konservative bildeten zwar keine förmliche Koalition, unterstützten aber den Reichskanzler.

Bülow war gegenüber den Linksliberalen zu Zugeständnissen bei der Reform des Reichsvereinsrechts bereit. Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie lehnte er ab; die staatliche Sozialpolitik setzte er – als Mittel der Beschwichtigung – fort. Wie in der Außenpolitik steckte Bülow im Innern ab 1908 in einer Sackgasse. Er war ein guter Verwalter, aber kein Gestalter. Die Konservativen, denen er sich zugehörig fühlte, misstrauten ihm zunehmend. Und auch die Liberalen erkannten, dass von diesem Reichskanzler keine grundlegenden Reformen zu erwarten waren.

Ein verhängnisvoller Fehler unterlief ihm in der Daily-Telegraph-Affäre 1908. Der Kaiser hatte einem englischen Offizier ein umstrittenes Interview gegeben und den Text vor der Veröffentlichung Bülow zur Gegenzeichnung vorgelegt. Der Reichskanzler hatte den Artikel anscheinend nicht gelesen. Nach der Publikation kam es zu einem innenpolitischen Skandal. Der Reichstag kritisierte die Äußerungen des Kaisers. Wilhelm II. wollte im November 1908 auf den Thron verzichten.

Bülow distanzierte sich in der Reichstagsdebatte von den Äußerungen seines Souveräns. Fortan war das Vertrauensverhältnis zwischen Kaiser und Reichskanzler gestört. Als 1909 die Reichsfinanzreform vor allem am Widerstand der Konservativen scheiterte, nutzte der Kanzler die Gelegenheit, um zurückzutreten. Nach außen hin gab er sich als ein Mann von Prinzipien; in Wirklichkeit aber musste der machtbewusste Bülow erkennen, dass er politisch keine Zukunft mehr besaß.

Kein zweiter Bismarck

Bülow war der Kanzler, der am besten zu Kaiser Wilhelm II. passte. Das Kaiserreich lebte unter Bülow in der Innen- und Außenpolitik über seine Verhältnisse. Er schien der Mann zu sein, der Deutschland jenen „herrlichen Zeiten“ entgegen führte, die Wilhelm II. seinem Volk versprochen hatte. In Wirklichkeit hinterließ der gelernte Diplomat Bülow bei seinem Abgang einen Scherbenhaufen.

Der Kaiser hatte gehofft, Bülow könne Deutschland ohne Gefahren durch die Zeit der maritimen Aufrüstung führen. Doch dessen Fehler in der Marokkopolitik und in der Bosnienkrise isolierten das Reich. Lediglich seine zaghaften Versuche, die Flottenrüstung zu begrenzen, deuteten in die richtige Richtung. Doch hier war seine Position zu schwach. Der Kaiser und Tirpitz bestimmten die Marinepolitik.

Mit der Leitung der deutschen Politik im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war Bülow überfordert. Er mochte sich für einen zweiten Bismarck halten; in Wirklichkeit aber war er nicht mehr als ein charmanter Opportunist, der im Umkreis des Kaisers seinen Platz zu behaupten wusste. Tyler Whittle beschreibt ihn als Politiker, der es nie verstand, „eine zusammenhängende politische Linie zu entwickeln“.

Vielleicht konnte man in diesem ’neureichen‘ wilhelminischen Kaiserreich nicht mehr sein, wenn man in Amt und Würden bleiben wollte. Ein Bismarck hätte dem Kaiser und dessen Entourage klar gemacht, dass – um nur ein Beispiel zu nennen – Marokko zum französischen Einflussgebiet zählte und dass man den Franzosen schon aus Prestigegründen keine Steine in den Weg legen sollte. Bülow hingegen repräsentierte eine Politikergeneration, die glaubte, dass dieses Deutschland mehr Möglichkeiten hätte, als die Gründergeneration von 1871 meinte. Sie übersah jedoch, dass die Stellung des Reiches auf dem Kontinent nicht so abgesichert war, wie es schien.

1907 – zehn Jahre nach der Rede Bülows über die „Weltpolitik“ – war Deutschland eingekreist: Frankreich, England und Russland knüpften immer engere Kontakte. Lediglich das Kaiserreich Österreich-Ungarn, ein von Krisen geschüttelter Vielvölkerstaat, hielt noch zum Kaiserreich. Das Konzept der „Weltpolitik“ – und damit auch die Politik Bülows – waren gescheitert.