Das persönliche Tagebuch des Generals Kreipe

Persönliche Tagebücher sind als Quelle nicht unproblematisch. Sie bieten subjektive Einblicke in historische Entscheidungsprozesse. General Werner Kreipe war vom 22. Juli 1944 bis zum 3. November 1944 Chef des Generalstabes der Luftwaffe. Er trat das Amt zu einem Zeitpunkt an, als der Krieg bereits verloren war. Was also können uns seine Aufzeichnungen an Erkenntnissen bringen? Will hier wieder ein General erklären, dass nicht er für die Niederlage verantwortlich ist?

Die Aufzeichnungen von Werner Kreipe zeigen, wie irrational die deutsche Luftwaffenführung in der Schlussphase des Krieges Entscheidungen traf. Die Fakten habe ich anhand der Forschungsliteratur nachgeprüft.

Werner Kreipe: Ein Außenseiter wird Chef des Generalstabes der Luftwaffe

Werner Kreipe wurde 1904 geboren. Sein Vater war Arzt. Nach dem Abitur trat er 1922 als Offizieranwärter in die Reichswehr ein. Angeblich soll sich Kreipe 1923 am Hitlerputsch in München beteiligt haben. Später behauptete er, den sogenannten „Blutorden“ als Angehöriger der Offizierschule automatisch bekommen zu haben.

Kreipe konnte seine Ausbildung zum Leutnant fortsetzen. Zeitweise verließ er das Heer, um sich zum Piloten ausbilden zu lassen. 1934 wurde er wieder als Hauptmann aktiv. Er absolvierte einen Generalstabslehrgang und diente fortan überwiegend in Stäben. Zeitweise kommandierte er eine Gruppe eines Bombergeschwaders. Danach machte er in Führungsfunktionen Karriere.

Als General der Fliegerausbildung trat er 1943 dafür ein, der Jagdwaffe den Vorrang einzuräumen – viele Luftwaffengeneräle hielten zu diesem Zeitpunkt noch am Vorrang der Bomber fest.

Nachdem General Korten, der Chef des Generalstabes der Luftwaffe, am 22. Juli den Folgen des Attentats auf Hitler erlegen war, ernannte Reichsmarschall Hermann Göring Kreipe zum Nachfolger.

Sommer 1944: Die Luftwaffe am Rande der Niederlage

Als Kreipe sein Amt übernahm, stand Deutschland vor der militärischen Niederlage.

In Frankreich konnten die deutschen Truppen mit Mühe ihre Stellungen in der Normandie halten; die Befreiung des Landes durch Amerikaner und Engländer schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. An der Ostfront erlitt die Wehrmacht schwere Niederlagen. Die deutschen Unterseeboote erzielten keine Erfolge mehr. In Italien hatte das Heer am 04. Juni 1944 Rom aufgeben müssen. Englische und amerikanische Flugzeuge beherrschten den Luftraum über Deutschland.

Reichsmarschall Göring kümmerte sich kaum noch um seine Aufgaben als Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Im „Führerhauptquartier“ wurde er selten gesehen. Hitler und die Offiziere des Heeres übten heftige Kritik an der Luftwaffe.

Der Fliegertruppe fehlte es 1944 an modernen Maschinen und erfahrenen Piloten. Die kurze Aufbauzeit seit 1935 hatte nicht ausgereicht, um einen Stamm an erfahrenem Personal auszubilden. Das Flugbenzin war 1944 ebenfalls knapp.

Bis in den Sommer 1944 beging die Luftwaffenführung den Fehler, vor allem auf Bomber zu setzen. Zwar befanden sich moderne Nachtjäger und Jäger in der Entwicklung, aber die Produktionsumstellung hätte dazu geführt, dass die Luftwaffe für einige Wochen möglicherweise ohne Waffen geblieben wäre. Der Nachtjäger Heinkel He 219 oder der Abfangjäger TA 152 konnten nicht in ausreichender Zahl produziert werden. Der Düsenbomber Arado 234 konnte ebenfalls nur in kleinen Stückzahlen an die Truppe ausgeliefert werden. Es fehlte an Facharbeitern und Rohstoffen. Immerhin erreichte die deutsche Flugzeugproduktion im September 1944 ihren Höchststand: 3375 Jäger verließen die Produktionsstätten. Die Vereinigten Staaten bauten 1944 96 818 Militärmaschinen.

Kreipe hatte die Probleme der Luftwaffe erkannt: Seine Pläne, die Reichsverteidigung zu stärken, wurden auch von Hitler begrüßt. Allerdings gelang es dem General in den ersten Tagen nicht, dem Diktator Vortrag halten zu dürfen. Stabsoffiziere kämpfen nicht im Schützengraben; ihr „Schlachtfeld“ ist der Schreibtisch. Möglicherweise musste sich Kreipe, der den Posten eines Chef des Generalstabes nicht wollte, in den ersten Tagen nach Dienstantritt gegen Intrigen zur Wehr setzen.

In einem funktionierenden Oberkommando wird es immer sachliche und persönliche Rivalitäten geben. Im nationalsozialistischen Regime war alles auf die Person Adolf Hitlers konzentriert. Auch im Bereich der Luftwaffe traf er die grundlegenden Entscheidungen. Wem er vertraute, mit dem diskutierte er Entscheidungen, aber sein Zutrauen in die Luftwaffe war geschwunden. Das „Führerhauptquartier“ glich einem Königshof, an dem um Einfluss gerungen wurde. Kreipe, der bis dahin in Frontstäben Dienst getan hatte, kannte sich mit den Gepflogenheiten des „Führerhauptquartiers“ nicht aus.

Der Zusammenbruch in Frankreich und der Einsatz des Düsenjägers

Anfang August brach die deutsche Front in Nordfrankreich zusammen. Hitler bestand darauf, die verfügbaren Jägerreserven nach Frankreich zu verlegen. Göring und Generalmajor Adolf Galland, der General der Jagdflieger, lehnten diesen Plan ab. Die Maschinen würden nur in den Strudel der Niederlage gerissen und beim Ausbau der Reichsverteidigung fehlen. Doch weder der Oberbefehlshaber der Luftwaffe noch der zuständige Waffengeneral fanden den den Weg in das „Führerhauptquartier“. Kreipe stand alleine da.

Weitaus gravierender waren die Auseinandersetzungen um das Düsenflugzeug Messerschmitt BF 262. Die Maschine erreichte mehr als 800 Stundenkilometer und war den alliierten Flugzeugtypen überlegen. Im Mai 1944 äußerte Galland, dass ihm eine Messerschmitt 262 lieber wäre als fünf herkömmliche Kolbentriebsjäger. Allerdings war die Maschine zu Beginn des Jahres 1944 noch nicht einsatzbereit. Hitler bestand außerdem darauf, dass die ME 262 zum „Blitzbomber“ umgebaut werden sollte. Die notwendigen technischen Veränderungen verzögerten den Einsatz weiter.

Am 30. August 1944 notierte Kreipe:

„Führerlage, anschließend persönlicher Vortrag bei Hitler unter vier Augen. Ich rolle das ME 262-Problem auf und bitte um Aufhebung seines Befehls, dass der Typ nur als Blitzbomber zu bauen sei. Nach 10 Minuten unterbricht mich Hitler. In steigender Erregung werde ich abgefertigt.“

Im September 1944 pochte der Diktator weiter darauf, dass die Messerschmidt in erster Linie als Bomber gebaut würde. Göring wagte keinen Widerspruch, während General Galland sich gegen diese Entscheidung verzweifelt wehrte. Doch Hitler behauptete, dass nur er etwas von Strahljägern verstünde.

Ohne den Rat von Fachleuten verwehrte der „Führer“ der deutschen Luftwaffe die einzige Waffe, mit der man erfolgreich die alliierten Bomberströme hätte bekämpfen können. Ob der Einsatz des Prototypen am Ausgang des Krieges etwas geändert hätte, wäre fraglich gewesen. Aber manche deutsche Stadt hätte nicht so starke Verwüstungen hinnehmen müssen.

So befahl der Diktator dem Chef des Generalstabes der Luftwaffe, einen Befehl zu erlassen, der die Erwähnung der ME 262 als Abfangjäger verbot. Kreipe formulierte diesen Maulkorberlass so, dass die Urheberschaft Hitlers erkennbar war. Der „Führer“ reagierte empört.

Dies führte im September zu einem Vertrauensbruch zwischen dem Diktator und Kreipe. Hinzu kamen Meldungen über den chaotischen Rückzug von Luftwaffeneinheiten aus Frankreich. Der Chef des Generalstabes der Luftwaffe wollte den Vorwürfen nachgehen und bat den „Führer“ um Einzelheiten. Hitler entgegente nur: „Ich verzichte auf eine weitere Unterhaltung mit ihnen. Morgen will ich den Reichsmarschall sprechen. Das werden Sie wohl noch fertig bekommen.“

Der Diktator wollte den General nicht mehr empfangen. Göring versuchte zu vermitteln, aber der Chef des Generalstabes der Luftwaffe bat um eine neue Verwendung.

Als Kreipe dann Göring noch seine Denkschrift über die kritische Situation der Luftwaffe im Jahr 1945 vorlegte, zerriss der Reichsmarschall das Papier. Dem „Führer“ könne man so etwas nicht zumuten. Dann warf auch der Reichsmarschall seinem Chef des Generalstabes vor, , er „sei der typische Generalstabsoffizier und kalte Rechner, defätistisch und unzuverlässig.“ Kreipe wurde nicht mehr zu den Lagebesprechungen hinzugezogen und konnte am 3. November 1944 ein neues Kommando übernehmen.

Werner Kreipe: ein General ohne Einfluss

Der ehemalige Präsident des Bundesamtes für den Verfassungsschutz, Otto John, der vor 1944 Kontakte zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus unterhielt, hatte im Vorfeld des 20. Juli mit Kreipe gesprochen und dabei den Eindruck gewonnen, der Offizier sei kein überzeugter Anhänger des Regimes. Dem Widerstand kann er aber nicht zugerechnet werden. Wie immer man seine – nicht nachgewiesene – Teilnahme am Hitlerputsch 1923 wertet, ein fanatischer Gefolgsmann des NS-Regimes war er nicht. Zeitzeugen berichten, dass er ab 1943 nicht mehr an einen Sieg des Deutschen Reiches glaubte. Sein weiterer Lebensweg lässt auf einen konservativen Menschen schließen, der glaubte, seine Pflicht tun zu müssen, damit Deutschland eine Niederlage erspart bliebe. Wahrscheinlich überschätzte er die militärischen Möglichkeiten des Reiches am Ende des Jahres 1944.

Seine Tagebuchnotizen belegen, dass Kreipe nur wenig Gestaltungsspielraum hatte. Hitler traf alle wesentlichen Entscheidungen. Der General versuchte, den Generalstab der Luftwaffe wieder zu einem Planungsstab zu machen.

Am 18.September 1944 notierte er: „Wie soll der Krieg 1945 weitergeführt werden? Alles erstickt in täglichem Kleinkram.“

Doch der Diktator betrachtete diese Institution nur als ausführendes Organ. Unterstützung fand er weder bei Göring noch bei Galland. Immerhin gelang es ihm mit Hilfe von Rüstungsminister Speer, die völlige Abschaffung der Jagdstreitkräfte zu verhindern. Aber der von Kreipe geplante Neuaufbau der Luftwaffe fiel aus. Die deutsche Führung reagierte nur noch. Gerade ein Mann wie Werner Kreipe mit seinen organisatorischen Fähigkeiten hätte den Reichsmarschall gut ergänzen können.

Die Führung der Luftwaffe litt unter dem gleichen Mängeln wie die Führung des Heeres 1944/45. Militärische Entscheidungsprozesse setzen eine rationale Erkenntnis der Lage voraus. Daraus müssen realistische Entscheidungen abgeleitet werden. Eine Führung, die rein emotional entscheidet und den Gegner unterschätzt, wird auf Dauer scheitern. Hitler wollte die Realitäten nicht mehr zur Kenntnis nehmen.

Hitler hatte nicht ganz unrecht, wenn er den Luftwaffenoffizieren am Schluss des Krieges vorwarf, er sei von der Fliegertruppe oft getäuscht worden. Reichsmarschall Göring war mit der Führung der Luftwaffe überfordert. Göring hatte sich im Ersten Weltkrieg als tapferer Jagdflieger einen Namen gemacht. Nach dem Krieg gehörte er zu den Nationalsozialisten der ersten Stunde. Dies reichte für Hitler aus, um ihm die Luftwaffe anzuvertrauen.

Die Erfolge der ersten Jahre schienen Göring recht zu geben. Doch ab 1942 stagnierte die technische Entwicklung. Viel zu lange wurde in Flugzeugtypen investiert, die sich als Fehlkonstruktion herausstellten wie der Langstreckenbomber Heinkel HE 177. Für 1939 angekündigt, war er 1943 noch nicht einsatzbereit. Das Nachfolgemodell für die Messerschmitt BF 109, vor dem Krieg der schnellste Jäger der Welt, erwies sich als Fehlschlag.

Göring hatte Führungspositionen an ehemalige Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg vergeben, weil er meinte, jeder Luftwaffenoffizier müsse ein guter Pilot sein. So übertrug er seinem Weltkriegskameraden Ernst Udet, mit 62 Abschüssen nach dem Freiherr von Richthofen der erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, die Verantwortung für die technische Planung. Udet verbrachte wenig Zeit im Luftfahrtministerium, sondern besuchte die Flugzeugwerke, um selber die Prototypen zu fliegen. Immerhin erkannte Udet, ein seelisch labiler Mensch, der zu viel trank und medikamentenabhängig war,  dass Deutschland Gefahr lief, den Krieg zu verlieren. Mehrmals soll er die Steigerung der Jägerproduktion verlangt haben. Außerdem wusste Udet, dass die Vorräte der Luftwaffe an Rohstoffen für einen Mehrfrontenkrieg nicht ausreichten. Im November 1941 nahm er sich das Leben.

Ein zweiter Nachteil bestand darin, dass führende Luftwaffenoffiziere aus dem Heer übernommen wurden. Sie betrachteten die Luftstreitkräfte als Unterstützungswaffe für die Bodentruppen.

Ab 1942 kämpfte die Luftwaffe in Russland, im Mittelmeerraum, in Nordnorwegen und in der Reichsverteidigung. Udets Nachfolger, Staatssekretär Erhard Milch, steigerte die Flugzeugproduktion, aber die Kräfte reichten nicht aus. 1943 begriff auch Hitler, dass Göring überfordert war, aber er hielt ihm die Treue. Normalerweise hätte er den Reichsmarschall ersetzen und die Luftwaffenproduktion dem Rüstungsministerium unterstellen müssen. Als dies 1944 geschah, war es zu spät.

So machten die Alliierten im Sommer 1945 interessante Entdeckungen. Nicht nur moderne Düsenjäger, sondern auch der erste Tarnkappenbomber fielen ihnen in die Hände.

Werner Kreipe blieb nach Kriegsende der Luftfahrt verbunden. 1947 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Eine Uniform zog er nicht mehr an. 1951 trat er als Referatsleiter in das Bundesverkehrsministerium ein, wo er es bis zum Ministerialdirektor brachte. Ab 1955 war er stellvertretender Aufsichtsrat der Lufthansa.