Das persönliche Tagebuch des Generals Kreipe

„Führerlage, anschließend persönlicher Vortrag bei Hitler unter vier Augen. Ich rolle das ME 262-Problem auf und bitte um Aufhebung seines Befehls, dass der Typ nur als Blitzbomber zu bauen sei. Nach 10 Minuten unterbricht mich Hitler. In steigender Erregung werde ich abgefertigt.“

Diese Worte notierte General Werner Kreipe am 30. August 1944 in seinem Tagebuch. Vom 22. Juli 1944 bis zum 3. November 1944 war er Chef des Generalstabes der Luftwaffe. Die ME 262 (siehe Foto), um die es im Gespräch mit Hitler ging, war ein Düsenjäger, der aufgrund seiner technischen Überlegenheit von der Luftwaffe dringend als Abfangjäger gebraucht wurde. Die Aufzeichnungen von Werner Kreipe zeigen, wie irrational im „Führerhauptquartier“ in der Schlussphase des Krieges Entscheidungen getroffen wurden.

Werner Kreipe wurde 1904 in Hannover geboren. Sein Vater war Arzt. Nach dem Abitur trat er 1922 als Offizieranwärter in die Reichswehr ein. Angeblich soll sich Kreipe 1923 am „Hitlerputsch“ in München beteiligt haben. Später behauptete er, den sogenannten „Blutorden“ (eine Auszeichnung des NS-Regimes für die Teilnahme am sogenannten „Hitlerputsch“) als Angehöriger der Offizierschule automatisch bekommen zu haben. Kreipe beendete die Ausbildung als Leutnant. Danach verließ er das Heer, um sich zum Piloten ausbilden zu lassen. 1934 wurde er wieder als Hauptmann aktiv. Er absolvierte einen Generalstabslehrgang und diente fortan überwiegend in Stäben. Zeitweise kommandierte er eine Gruppe eines Bombergeschwaders. 1943 erreichte er den Rang eines Generalmajors. Nachdem General Korten, der Chef des Generalstabes der Luftwaffe, am 22. Juli 1944 den Folgen des Attentats auf Hitler erlegen war, ernannte Reichsmarschall Hermann Göring Kreipe zum Nachfolger. Am 1. September 1944 wurde Kreipe General der Flieger.

Sommer 1944: Die Luftwaffe am Rande der Niederlage

Als Kreipe sein Amt übernahm, stand Deutschland vor der militärischen Niederlage.

In Frankreich konnten die deutschen Truppen mit Mühe ihre Stellungen in der Normandie halten. An der Ostfront erlitt die Wehrmacht schwere Rückschläge. In Italien hatte das Heer am 4. Juni 1944 Rom aufgeben müssen. Die deutschen Unterseeboote erzielten keine Erfolge mehr. Englische und amerikanische Flugzeuge beherrschten den Luftraum über Deutschland.

Reichsmarschall Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, kümmerte sich kaum noch um seine Aufgaben. Im „Führerhauptquartier“ wurde er selten gesehen, denn Hitler und die Offiziere des Heeres übten heftige Kritik an der Luftwaffe.

1944 fehlten moderne Flugzeugtypen und erfahrene Piloten. Die kurze Aufbauzeit der Luftwaffe seit 1935 hatte nicht ausgereicht, um einen Stamm an erfahrenem Personal für einen langen Krieg auszubilden. Das Flugbenzin war 1944 ebenfalls knapp. Neue Flugzeuge – vor allem Jäger und Nachtjäger – waren entwickelt worden, aber es gab nicht genug Rüstungsarbeiter und Rohstoffe, damit die Prototypen in Serie gehen konnten. Die Luftwaffenführung wagte nicht, in diesem kritischen Stadium des Krieges die Produktion umstellen zu lassen. So verließen Maschinen die Fertigungshallen, mit denen Deutschland 1939 den Krieg begonnen hatte. Auch wenn diese Typen verbessert worden waren – die Wende im Luftkrieg hätten nur technisch überlegene Flugzeuge wie die ME 262 bringen können.

Stabsoffiziere kämpfen nicht im Schützengraben; ihr „Schlachtfeld“ ist der Schreibtisch. Kreipe, der den Posten eines Chef des Generalstabes nicht angestrebt hatte, musste sich schon in den ersten Tagen nach Dienstantritt gegen Intrigen zur Wehr setzen. Im nationalsozialistischen Regime war alles auf die Person Adolf Hitlers konzentriert. Auch im Bereich der Luftwaffe traf der Diktator die grundlegenden Entscheidungen. Das „Führerhauptquartier“ glich einem Königshof, an dem um Einfluss gerungen wurde. Kreipe, der bis dahin in Frontstäben Dienst getan hatte, kannte sich mit den Gepflogenheiten im „Führerhauptquartier“ nicht aus. Seine Einflussmöglichkeiten waren deshalb begrenzt.

Der Zusammenbruch in Frankreich und der Einsatz des Düsenjägers

Anfang August 1944 brach die deutsche Front in Nordfrankreich zusammen. Hitler bestand darauf, die verfügbaren Jägerreserven nach Frankreich zu verlegen. Göring und Generalmajor Adolf Galland, der General der Jagdflieger, lehnten diesen Plan ab. Die Maschinen könnten die Lage nicht mehr retten und würden beim Ausbau der Reichsverteidigung fehlen. Kreipe konnte nichts tun, um den unsinnigen Befehl rückgängig zu machen.

Weitaus gravierender waren die Auseinandersetzungen um das Düsenflugzeug Messerschmitt BF 262. Die Maschine, ein Abfangjäger, erreichte mehr als 800 Stundenkilometer und war vergleichbaren alliierten Flugzeugtypen überlegen. Im Mai 1944 äußerte Galland, dass ihm eine Messerschmitt 262 lieber wäre als fünf herkömmliche Jäger mit Kolbenantrieb. Hitler hingegen bestand darauf, dass die ME 262 zum „Blitzbomber“ umgebaut werden sollte. Die notwendigen technischen Veränderungen verzögerten den Einsatz um Wochen. Am 30. August 1944 notierte Kreipe:

„Führerlage, anschließend persönlicher Vortrag bei Hitler unter vier Augen. Ich rolle das ME 262-Problem auf und bitte um Aufhebung seines Befehls, dass der Typ nur als Blitzbomber zu bauen sei. Nach 10 Minuten unterbricht mich Hitler. In steigender Erregung werde ich abgefertigt.“

Im September 1944 pochte der Diktator weiter darauf, dass die Messerschmidt in erster Linie als Bomber gebaut würde. Göring wagte keinen Widerspruch, während sich General Galland gegen diese Entscheidung wehrte. Doch Hitler behauptete, dass nur er etwas von Strahljägern verstünde. Ohne den Rat von Fachleuten verwehrte der „Führer“ der deutschen Luftwaffe die einzige Waffe, mit der man erfolgreich die alliierten Bomberströme hätte bekämpfen können.

Der Diktator befahl dem Chef des Generalstabes der Luftwaffe, eine Anordnung zu erlassen, der die Erwähnung der ME 262 als Abfangjäger verbot. Kreipe formulierte diesen Maulkorberlass so, dass die Urheberschaft Hitlers erkennbar war. Der „Führer“ reagierte empört. Noch wütender machten ihn Meldungen über den angeblich überstürzten Rückzug der Luftwaffe aus Frankreich. Der Chef des Generalstabes der Luftwaffe wollte den Vorwürfen nachgehen und bat den Diktator um Einzelheiten. Hitler entgegnete nur:

„Ich verzichte auf eine weitere Unterhaltung mit ihnen. Morgen will ich den Reichsmarschall sprechen. Das werden Sie wohl noch fertig bekommen.“

Hitler wollte den General nicht mehr empfangen. Göring versuchte zu vermitteln, aber der Chef des Generalstabes der Luftwaffe bat um eine neue Verwendung. Als Kreipe Göring seine Denkschrift über die kritische Situation der Luftwaffe im Jahr 1945 vorlegte, zerriss der Reichsmarschall das Papier. Dem „Führer“ könne man so etwas nicht zumuten. Dann warf auch der Reichsmarschall seinem Chef des Generalstabes vor, er „sei der typische Generalstabsoffizier und kalte Rechner, defätistisch und unzuverlässig.“ Kreipe wurde nicht mehr zu den Lagebesprechungen hinzugezogen und erhielt am 3. November 1944 ein neues Kommando.

Werner Kreipe: General ohne Einfluss

Seine Tagebuchnotizen belegen, dass Kreipe nur wenig Gestaltungsspielraum hatte. Er versuchte, den Generalstab der Luftwaffe wieder zu einem Planungsstab mit Einfluss zu machen. Am 18. September 1944 notierte er:

„Wie soll der Krieg 1945 weitergeführt werden? Alles erstickt in täglichem Kleinkram.“

Immerhin gelang es Werner Kreipe mit Hilfe von Rüstungsminister Speer, die völlige Abschaffung der Jagdstreitkräfte zu verhindern. Aber der vom Chef des Generalstabes geplante Neuaufbau der Luftwaffe war 1944/45 nicht mehr möglich.

Die Führung der Luftwaffe litt unter den gleichen Mängeln wie die Führung des Heeres 1944/45. Militärische Entscheidungsprozesse setzen eine rationale Erkenntnis der Lage voraus. Daraus müssen realistische Entscheidungen abgeleitet werden. Eine Führung, die rein emotional entscheidet und den Gegner unterschätzt, wird auf Dauer scheitern. Hitler wollte die Realitäten nicht mehr zur Kenntnis nehmen; seine Fehlentscheidungen häuften sich.

1947 wurde Kreipe aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Eine Uniform zog er nicht mehr an. 1951 trat er als Referatsleiter in das Bundesverkehrsministerium ein, wo er es bis zum Ministerialdirektor brachte. Ab 1955 war er stellvertretender Aufsichtsrat der Lufthansa.

Werner Kreipe starb 1967 in Badenweiler.

Fotonachweis: Bundesarchiv, Bild 141-2497 / CC-BY-SA 3.0