Italiens gescheiterte Großmachtpläne

Die deutschen Frontkämpfer im Forum Mussolini.
Am Sonnabend [19.3.38] fand in Gegenwart des Duce im Forum Mussolini eine grosse sportliche Veranstaltung zu Ehren der deutschen Frontkämpfer, die zur Zeit in Rom weilen, statt.
U.B.z. Mussolini trifft in Begleitung des Grafen Ciano und des Herzogs von Koburg-Gotha im Forum Mussolini ein.
21.3.1938 [Herausgabedatum]
Italien nahm zwischen 1940 und 1943 an der Seite Deutschlands am Zweiten Weltkrieg teil. Das Verhältnis der beiden Mächte verschlechterte sich in diesen Jahren ständig. Berlin und Rom schafften es nicht, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen. Warum verlor Rom immer mehr an Einfluss?

Italien wird zum deutschen Juniorpartner

Italien gehörte zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges. Zwar vergrößerte das Land 1919 sein Staatsgebiet, aber der militärische Erfolg konnte nicht verhindern, dass politische, wirtschaftliche und soziale Probleme die Stabilität der politischen Ordnung erschütterten.

1922 ernannte der italienische König den „Führer“ der Faschisten, Benito Mussolini, zum Ministerpräsidenten. Ab 1925 baute Mussolini seine Herrschaft zu einer Diktatur aus. Die Faschisten lehnten das Prinzip der Volkssouveränität, ein unabhängiges Mehrparteiensystem, das Recht auf Opposition und den gesellschaftlichen Pluralismus ab. Sie errichteten ein autoritäres Regierungssystem. Die Faschistische Partei war die einzige zugelassene politische Kraft. Außenpolitisch wollte Rom eine Vormachtstellung im Mittelmeerraum erreichen.

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre kam es zu einer Annäherung zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland. Im Frühjahr 1939 wurde der „Stahlpakt“ zwischen beiden Mächten in Rom abgeschlossen. Mussolini wusste, dass Hitler möglichst schnell einen Krieg in Europa auslösen wollte, aber er wies bei dieser Gelegenheit darauf hin, dass Italien erst 1942 seine Aufrüstung abgeschlossen hätte.

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, erklärte sich Italien für „nichtkriegführend“. Im März 1940 äußerte Mussolini, sein Land könne auf Dauer nicht abseits bleiben. Seine Militärs bezweifelten jedoch die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte. Auf dem Papier verfügte Italien über eine starke Armee. Doch dem Land fehlte die industrielle Basis für einen längeren Krieg. Die Ausrüstung, vor allem die Artillerie, war veraltet. Viele Geschütze stammten noch aus dem Ersten Weltkrieg. In der Luftwaffe war nur ein Drittel der Flugzeuge einsatzbereit. Die Kriegsmarine verfügte über moderne Schlachtschiffe, aber es fehlte an Öl, sodass die Flotte meistens im Hafen blieb.

Mussolini übernahm den Oberbefehl über alle italienischen Streitkräfte – diese Funktion stand nach der Verfassung dem König zu. Marschall Badoglio hielt am 11. April 1940 beim „Duce“ (so die Bezeichnung Mussolinis) Vortrag und schilderte die Situation des Militärs in düsteren Farben:

„Unsere Streitkräfte wären, selbst nach abgeschlossenen Vorbereitungen, immer noch unzureichend, auf welchem Gebiet auch immer … Es sei denn, eine bedeutende deutsche Unternehmung hätte die gegnerischen Kräfte so weit geschlagen, dass Waghalsigkeit gerechtfertigt wäre. Eine solche Entscheidung, das ist klar, ist Ihnen vorbehalten. Wir führen Ihre Befehle aus.“

Doch nicht nur die Ausrüstung, auch die Ausbildung ließ zu wünschen übrig. General Enno von Rintelen, der deutsche Militärattaché in Italien, notierte nach einem Besuch einer Militärakademie in Turin:

„Im Gegensatz zu deutschen Militärakademien, die der taktischen Ausbildung als dem wichtigsten Fach Priorität einräumen, stellte die italienische Armee die Frage des Nachschubs in den Vordergrund des Unterrichts. Das Unterweisungsverfahren in Taktik war sehr schematisch.“

Für die im September 1939 verkündete Politik der „Nichtkriegführung“ gab es also gute Gründe. Doch Mussolini hatte im Frühjahr 1940 das Gefühl, Italien würde endgültig zum Juniorpartner des Deutschen Reiches werden, das zu Beginn des Krieges von Sieg zu Sieg eilte. Als die Wehrmacht im Mai 1940 in wenigen Wochen die französischen Streitkräfte besiegte, erklärte Italien am 10. Juni 1940 Frankreich und England den Krieg.

Die Großmachtpläne platzen

Schon die ersten Wochen zeigten, dass die italienische Armee nicht einsatzbereit war. Ein Vorstoß in die französischen Alpen scheiterte. In Nordafrika rückten die italienischen Truppen von Libyen aus auf britisches Gebiet vor, stellten aber wegen Nachschubproblemen ihre Offensive ein. Bis zum Ende des Jahres trieben zahlenmäßig unterlegene britische Verbände die Italiener zurück. Mussolini hatte sich geweigert, Panzerdivisionen nach Nordafrika zu verlegen. In der Wüste zählte aber nicht so sehr die zahlenmäßige Stärke der Armeen, sondern ihre Beweglichkeit.

Im Oktober 1940 wollte der faschistische Diktator die Scharte auswetzen und Griechenland erobern. Von Albanien aus begann eine italienische Offensive, die jedoch kläglich scheiterte. Die Griechen verteidigten sich nicht nur geschickt, sondern gingen zum Gegenangriff über und drangen in das zu Italien gehörende Albanien ein. Nur mit Mühe konnte die italienische Armee die Front halten.

Am Ende des Jahres 1940 war das faschistische Italien endgültig von Deutschland abhängig geworden. Nur deutsche Waffenhilfe bewahrte Rom vor einer Blamage. Die strukturellen Mängel der Italiener – die schlechte Ausrüstung und die mangelhafte Ausbildung – führten zu schweren Niederlagen. In der Wehrmacht hatte man nur noch Spott für den Verbündeten übrig.

Wie tief das Ansehen Italiens gesunken war, erkennt man daran, dass Mussolini erst am Morgen des 22. Juni 1941 vom deutschen Angriff auf Russland erfuhr. Zwar war den Italienern nicht verborgen geblieben, dass Berlin zum Krieg rüstete. Aber Hitler legte auf Hilfstruppen des Verbündeten keinen Wert. Der Diktator schrieb Mussolini, er könne einen sinnvollen Beitrag leisten, in dem Italien seine Anstrengungen in Nordafrika intensivierte. Doch Rom wollte Truppen an die Ostfront entsenden, um nach einem Sieg über die Sowjetunion als Siegermacht an den Friedensverhandlungen teilnehmen zu können.

Militärische Rückschläge in Nordafrika und Russland beschleunigten 1941/42 den Zerfall des deutsch-italienischen Bündnisses. Anfang November 1942 wurden bei El-Alamein, einer Kleinstadt in Ägypten, die deutsch-italienischen Truppen unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel zum Rückzug gezwungen. Die Achsenstreitkräfte litten unter Nachschubmangel, denn die Engländer kontrollierten den Luftraum und hatten der italienischen Flotte schwere Niederlagen zugefügt.

Rommel gelang es, die Reste seiner Streitkräfte zu retten, musste aber Libyen, eine italienische Kolonie, räumen. Am 28. November 1942 flog er in das „Führerhauptquartier“, um Hitler die Räumung des nordafrikanischen Kriegsschauplatzes vorzuschlagen. Aus politischen und militärischen Gründen lehnte der Diktator ab. Hitler fürchtete einen Zusammenbruch des faschistischen Regimes, wenn Libyen verloren ginge.

Im Süden Russlands wurde die italienische Expeditionsarmee um die Jahreswende 1942/43 vernichtend geschlagen. In der deutschen Öffentlichkeit stempelte man den Verbündeten zum Sündenbock für die Katastrophe von Stalingrad ab. In Italien war man über die ehrenrührigen und zum Teil haltlosen Vorwürfe empört. Deutsche Offiziere, die an der Ostfront eingesetzt waren, bescheinigten den Verbündeten, tapfer gekämpft zu haben, aber im „Führerhauptquartier“ suchte man nur nach Schuldigen. Italien bestand als Reaktion darauf, die Gebirgsjägertruppen, die Elite des italienischen Heeres, aus Russland abzuziehen. Das Ende des deutsch-italienischen Bündnisses nahte.

Der Niedergang des faschistischen Regimes

Benito Mussolini suchte ebenfalls nach Wegen, um sich aus der Abhängigkeit von den Deutschen zu befreien. Doch Italien war auf Unterstützung der Wehrmacht angewiesen, um den wichtigen Brückenkopf in Nordafrika zu halten.

Eine Magenerkrankung hinderte den Diktator daran, seine Amtsgeschäfte wie früher wahrzunehmen. Innerhalb der faschistischen Partei bildeten sich Fraktionen. Während der radikale Flügel an die „Kampfzeiten“ der Partei anknüpfen wollte und auf das Bündnis mit Deutschland setzte, plante der gemäßigte Flügel einen Umbau des Systems, der die Entmachtung des „Duce“ einschloss.

Der italienische König spann seine Fäden zu Politikern der Opposition und zu „moderaten“ Faschisten. Viktor Emanuel III., seit 1900 auf dem Thron, genoss immer noch viel Ansehen in der Bevölkerung und in der Armee. Der größte Teil des italienischen Offizierkorps lehnte die Zusammenarbeit mit den Deutschen ab. Mussolini glaubte, er könne Hitler zu einer Änderung der deutschen Kriegführung bewegen. Mehrmals schlug er ihm einen Sonderfrieden mit der Sowjetunion vor. Stattdessen sollten Berlin und Rom gemeinsam gegen die Engländer kämpfen. „Es besteht eine Art von geistiger Isolierung zwischen Rom und uns“, notierte am 12. Februar 1943 Staatssekretär von Weizsäcker im Reichsaußenministerium.

Mussolini bildete am 5. Februar 1943 sein Kabinett um. Außenminister Graf Ciano und Justizminister Dino Grandi, zwei entschiedene Kritiker der Deutschen, verloren ihre Ämter. Das Außenministerium übernahm der „Duce“ selber; Unterstaatssekretär Bastianini führte die Amtsgeschäfte. Wie der neue Chef des italienischen Oberkommandos, General Ambrosio, wollte er eine von Berlin unabhängige Politik treiben.

Die Initiative ging im Laufe des Frühjahrs immer mehr auf die regimeinterne Opposition in Italien über. Im Hintergrund hielt sich der König bereit – der Monarch rechnete fest mit einer drohenden deutschen Niederlage.

Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler beobachteten misstrauisch die Situation in Italien. Mussolini war nicht mehr zu einer entschiedenen Politik fähig. Er lavierte zwischen den Gruppen, die sich in seiner Partei gebildet hatten und versuchte, sich dem wachsenden deutschen Einfluss zu widersetzen. Die italienischen Streitkräfte waren nach den schweren Verlusten und Nordafrika nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft die Grenzen gegen eine Invasion zu verteidigen. So strömten deutsche Divisionen in das Land. Für Hitler war Italien im Mai 1943 nur noch als strategisches Vorfeld von Bedeutung.

Zwischen dem 11. und 14. Juni 1943 besetzten Engländer und Amerikaner einige Inseln in der Nähe von Sizilien. Am 9. Juli 1943 landeten sie auf Sizilien. Der deutsche Oberbefehlshaber Süd, Generalfeldmarschall Kesselring, musste nach wenigen Tagen feststellen, dass die Italiener kaum Gegenwehr leisteten.

Mussolini und Hitler trafen sich am 19. Juli in Feltre. Der „Duce“ wollte dem „Führer“ klarmachen, dass Italien am Ende seiner Kräfte sei. Wie schon so oft kam er gegen den Redeschwall des deutschen Diktators nicht an. Nach seiner Rückkehr soll Mussolini dem König zugesichert haben, bis zum 15. September 1943 das Bündnis mit den Deutschen aufzukündigen. Die Militärs drängten seit dem 14. Juli 1943 darauf, den Krieg zu beenden, um zu verhindern, dass Italien zum Schlachtfeld wird.

Auf Druck hochrangiger Parteifunktionäre berief der „Duce“ für den 24. Juli 1943 den faschistischen Großrat ein. Führer der regimeinternen Opposition wie Dino Grandi hatten einen Antrag vorbereitet, der vorsah, dass der König wieder den Oberbefehl über die Streitkräfte übernimmt. Der Großrat, die Regierung, das Parlament und die Korporationen sollten wieder in ihre alten Rechte eingesetzt werden. Im Klartext: Mussolini sollte entmachtet werden.

Nachdem Grandi seinen Antrag begründet hatte, begann eine Diskussion, die in den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1943 endete. Die Mehrheit der Mitglieder des Großrates stimmte am Ende der Sitzung für den Antrag des ehemaligen Justizministers.

Mussolini unternahm keinen Versuch der Gegenwehr. Am Sonntagnachmittag sollte er beim König zur Audienz erscheinen. Der Kreis um Grandi setzte sich mit den engsten Mitarbeitern des Monarchen in Verbindung und traf Vorbereitungen, um den „Duce“ am Nachmittag zu verhaften.

Gegen 17.00 Uhr traf Mussolini im Palast ein. Anscheinend unterschätzte er immer noch die Gefahr. Viktor Emmanuel machte gleich klar, was er wollte: Mussolini sei als Ministerpräsident entlassen; Marschall Badoglio hätte schon die Amtsgeschäfte übernommen. Nach 30 Minuten verabschiedete der König den ehemaligen „Duce“. Beim Verlassen des Palastes wurde Mussolini verhaftet. Zwischen 17.00 und 19.00 Uhr besetzte das Militär alle wichtigen Einrichtungen in der Stadt. Die faschistische Miliz leistete keinen Widerstand.

Italien – die gescheiterte Großmacht

Die neue Regierung erklärte, sie wolle den Krieg an der Seite Deutschlands weiterführen. Doch in Hitlers Umgebung war man realistisch genug, um zu erkennen, dass Badoglio versuchen würde, mit den Westmächten über einen Waffenstillstand zu verhandeln. In Portugal trafen die Unterhändler beider Seiten zusammen. Das Oberkommando der Wehrmacht verlegte sofort weitere Divisionen nach Italien, um im Falle einer italienischen Kapitulation die vollziehende Gewalt im Lande zu übernehmen.

Am 8. September 1943 kapitulierte das Königreich Italien bedingungslos. Der König und sein Hof flohen. Deutsche Truppen übernahmen die Kontrolle in der italienischen Hauptstadt. Am 12. September 1943 wurde Mussolini befreit. Bis Ende April 1945 amtierte er als Diktator von Deutschlands Gnaden in Salò am Gardasee. Politischen Einfluss sollte er nicht mehr haben.

Das Verhalten der Italiener hat noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg für Ressentiments in Deutschland gesorgt. Vom italienischen Verrat war die Rede. Formal betrachtet stimmt das. Italien ging das Bündnis mit Deutschland freiwillig ein. Wäre der Krieg für das NS-Regime besser verlaufen, hätte man in Rom nicht daran gedacht, sich von Berlin zu lösen.

Die zum Teil harten Reaktionen der Deutschen im September 1943 waren von der Notwendigkeit diktiert, im rückwärtigen Frontgebiet den Nachschub aufrechtzuerhalten. Die in Süditalien stehenden Truppen waren auf die Zufuhr von Benzin, Verpflegung und Munition angewiesen. Hinzu kam das Gefühl, „verraten“ worden zu sein. Damit möchte ich keine Kriegsverbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung rechtfertigen. Aber aus Sicht des „Führerhauptquartiers“ und des Oberkommandos der Wehrmacht ging es im September 1943 darum, die italienischen Truppen in Italien und auf dem Balkan möglichst schnell zu entwaffnen. Außerdem konnte man nicht zulassen, dass die Reste der italienischen Flotte zu den Engländern überliefen. Ein Schlachtschiff der Italiener wurde von deutschen Flugzeugen versenkt.

Die italienische Führung tat im Sommer 1943 aus ihrer Sicht das Richtige: Sie wollte einen Krieg beenden, den Italien nicht gewinnen konnte. Die Führung des Deutschen Reiches versuchte dagegen, einen militärischen Krisenherd mit Gewalt zu befrieden. Beide Seiten hatten jahrelang eine Strategie der Gewalt betrieben. 1943 musste Italien die Konsequenzen ziehen; zwei Jahre später präsentierten die Alliierten den Deutschen die Rechnung.

Fotonachweis: Bundesarchiv, Bild 183-2007-1022-506 / CC-BY-SA 3.0

Literatur:

F. W. Deakin, Die brutale Freundschaft : Hitler, Mussolini u. d. Untergang d. ital. Faschismus. Aus d. Engl. v. Karl Römer, Zürich 1964

Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden : der italienische Widerstand gegen den Holocaust. Aus dem Engl. von Ilse Strasmann, Göttingen 1992