Hitlers eleganter General

Der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai 1945. Nachdem die Waffen schwiegen, begann der „Kampf“ um die Deutungshoheit dieses Krieges, der Europa grundlegend verändert hatte. In Deutschland meldeten sich Militärs mit ihren Erinnerungen zu Wort. Titel wie „Verlorene Siege“ oder „Heer in Fesseln“ deuteten an, worum es den Autoren ging. Ehemalige Generäle versuchten zu erklären, warum die Wehrmacht den Krieg verloren hatte. Gleichzeitig bemühten sie sich nicht ohne Erfolg, das Klischee von der „sauberen Wehrmacht“ zu verbreiten, die mit den Verbrechen des NS-Regimes nichts zu tun gehabt hätte. Im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht arbeiteten deutsche Offiziere an operativen Studien über die Rote Armee. Im „Kalten Krieg“ wollte man in Washington wissen, wo die Schwächen und Stärken des ehemaligen sowjetischen Verbündeten lagen, der vielleicht bald zum Gegner werden konnte.

Sowohl die Memoiren deutscher Generäle wie auch die militärischen Spezialstudien sind unverzichtbare Quellen für Historiker, die sich mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges beschäftigen. In der Regel wurden sie von Offizieren verfasst, die dem Oberkommando des Heeres angehörten oder als Frontkommandeure Armeen oder Heeresgruppen führten. In jeder Armee gibt einen Konflikt zwischen der „obersten Führung“ und „der Front“. Große Truppenverbände benötigen nicht nur Soldaten und Offiziere der mittleren Befehlsebene, sondern auch militärische Manager, Generalstabsoffiziere, die Schlachten planen oder lenken. Das tun sie nicht vom Feldherrenhügel aus, sondern in Hauptquartieren, in denen man keinen Schlachtenlärm hört. Statt Minenfelder oder Drahtverhauen gibt es Intrigen, Gerangel um Kompetenzen, man buhlt um die Gunst von Vorgesetzten und hat ein „Herz für die Truppe“ – auch wenn man Befehle entwirft, die für die Soldaten an der Front tödliche Folgen haben können.

In der „Erinnerungskultur“ der fünfziger Jahre galt das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) als „Ort des Unheils“. Dort hätten Soldaten Dienst getan, die die Armee dem Nationalsozialismus ausgeliefert hätten. Die führenden Offiziere des OKW, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und Generaloberst Alfred Jodl, waren in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Ehemalige Offiziere aus dem Oberkommando des Heeres wie die Generäle Heusinger und Speidel konnten 1955 hingegen in die Bundeswehr eintreten und bekleideten auch innerhalb der NATO hohe Positionen. Ihnen haftete nicht der „Makel OKW“ an, auch wenn zumindest Heusinger als Chef der Operationsabteilung des Generalstabes des Heeres in Kriegsverbrechen an der Ostfront verstrickt war.

Zu Beginn der sechziger Jahre meldete sich dann ein ehemaliger hoher Offizier aus dem OKW zu Wort: Walter Warlimont, bis 1944 stellvertretender Chef des Wehrmachtführungsstabes. Unter dem Titel „Im Hauptquartier der Wehrmacht 1939 bis 1945“ veröffentlichte er 1964 seine Erinnerungen.

Walter Warlimont kam 1893 zur Welt. Nach dem Abitur 1913 schlug er die Laufbahn eines Berufsoffiziers ein. 1914 erhielt er sein Leutnantspatent. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Westfront und in Italien.

Nach der Niederlage Deutschlands schloss er sich einem Freikorps an, ehe er 1920 in die Reichswehr übernommen wurde. Dort machte er Karriere: 1926 wurde er als Hauptmann in den Generalstab versetzt. Ungewöhnlich für einen Offizier waren auch seine Auslandsverwendungen. 1929/30 konnte er ein Jahr die amerikanische Armee kennen lernen und sich über das wirtschaftliche Potenzial der USA informieren. 1936 wurde er vorübergehend in das Hauptquartier von General Franco abgeordnet, der in Spanien einen Bürgerkrieg gegen die demokratisch legitimierte Regierung führte. Anschließend übernahm er das Kommando über ein Artillerieregiment in Düsseldorf, ehe er 1938 in das OKW versetzt wurde, wo er bis September 1944 Dienst tat. Offiziell wurde er aufgrund seiner Verwundungen, die er am 20. Juli 1944 erlitten hatte, von Hitler in die Führerreserve versetzt.

Nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 kam er als Kriegsgefangener in das Internierungslager Bad Mondorf. 1948 gehörte er in Nürnberg zu den Angeklagten im „OKW-Prozess“ und erhielt eine lebenslange Haftstrafe. 1954 konnte er das Zuchthaus verlassen. Als Publizist – beispielsweise für den SPIEGEL – oder als Zeitzeuge in einer filmischen Dokumentation über das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, ausgestrahlt im Ersten Deutschen Fernsehen, blieb er in der Öffentlichkeit präsent. Walter Warlimont starb 1976.

Warlimont war ein gebildeter und kultivierter Mann. Er sah gut aus und hätte im Film auch den eleganten Rittmeister spielen können, der die Herzen der Frauen erobert. Im Gegensatz zu vielen Offizieren seiner Generation hatte er im Ausland gelebt. Dass er den Sprung in den Generalstab schaffte (im Gegensatz zu berühmteren Offizieren wie Feldmarschall Erwin Rommel), spricht für seine militärischen Fähigkeiten. Kein Zweifel: Warlimont gehörte zur Elite einer Armee, deren taktisches und operatives Können nach dem Krieg vor allem von englischen und amerikanischen Historikern gewürdigt wurde.

Doch diese Qualitäten konnte Warlimont kaum umsetzen. Als stellvertretender Chef des Wehrmachtführungsstabes war er nicht mehr als ein gehobener Sachbearbeiter, der für seinen Vorgesetzten, General Alfred Jodl, die Lageberichte von den Fronten auswertete und Befehlsentwürfe fertigte. Während Jodl nach Kriegsbeginn zum wichtigsten militärischen Berater des Diktators aufstieg und Hitler täglich Lagevortrag hielt, blieb Warlimont im Hintergrund und durfte nur gelegentlich an den Besprechungen teilnehmen. Das Verhältnis zwischen dem Chef des Wehrmachtführungsstabes und seinem Stellvertreter blieb distanziert. Immerhin würdigte Jodl die Fähigkeiten Warlimonts und sorgte dafür, dass Walter Warlimont es schließlich bis zum General der Artillerie brachte.

Doch mehr als die Rolle eines Zuarbeiters wollte Jodl ihm nicht zubilligen. Als Hitler im Dezember 1941 den USA den Krieg erklärte, telefonierte Warlimont mit seinem Vorgesetzten und schlug vor, der Wehrmachtführungsstab solle eine gründliche Analyse der veränderten strategischen Lage vornehmen. Jodl wiegelte ab und sah keinen besonderen Handlungsbedarf.

Die Episode zeigt nicht nur, wie gering der Einfluss Warlimonts war. Der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes wusste nicht – oder wollte es nicht wissen – dass Hitler Grundsatzdiskussionen ablehnte. Als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht traf er Entscheidungen auf dem Gebiet der „großen Strategie“ alleine. In seinen Erinnerungen wirft Warlimont seinem 1946 hingerichteten Vorgesetzten immer wieder vor, dass er nicht versucht hätte, die Stellung des Wehrmachtführungsstabes zu stärken.

Ab 1941 waren Jodl und Warlimont nicht mehr für die Ostfront zuständig. Nach dem Willen Hitlers sollte das Oberkommando des Heeres den Krieg gegen die Sowjetunion führen. Der Wehrmachtführungsstab war fortan für Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich und den Balkan verantwortlich. In Nordafrika führten offiziell die Italiener. Die Entscheidung ging davon aus, dass der Feldzug gegen die Sowjetunion im Herbst 1941 entschieden sei.

Von 1941 bis zum Herbst 1942 wurde der Wehrmachtführungsstab in Entscheidungen eingebunden, die die Ostfront betrafen. Zu Beginn einer Lagebersprechung informierte Jodl den Diktator auch in Grundzügen über die Lage im Osten; die Einzelheiten besprach Hitler dann mit Generaloberst Halder dem Chef des Generalstabes des Heeres.

Nach der Ablösung Halders am 24. September 1942 sorgte der neue Chef des Heeresgeneralstabes, Genral Kurt Zeitzler dafür, dass Jodl nicht mehr über die Ostfront vortragen durfte. Der Wehrmachtführungsstab entwickelte sich damit immer mehr zu einem zweiten Generalstab des Heeres. Die ihm unterstellten Kriegsschauplätze hießen „OKW-Kriegsschauplätze“. Allerdings konntem Jodl oder Warlimont nur den dort unterstellten Heereseinheiten Befehle geben. Da der Wehrmachtführungsstab nur wenig Personal besaß, wurden auf diesen Kriegsschauplätzen „OKW-Befehlshaber“ eingesetzt, die im Gegensatz zur Ostfront wenigestens einen geringen Entscheidungspielraum gegenüber dem „Führerhauptquartier“ besaßen. Eine echte Wehrmachtführung, also ein Zusammenwirken von Heer, Marine und Luftwaffe, kam nicht zu stande.

Die letzte grundlegende startegische Lagebeurteilung legte der Wehrmachtführungstab im Dezember 1942 vor. Aber auch hier gab Jodl die Grundlinien vor. Sie folgten dem Wunschdenken des Diktators. Während die 6 Armee in Stalingard eingekesselt war und die deutsch-italienischen Truppen sich in Richtung Nordafrika zurückziehen mussten, legte der Wehrmachtführungstab ein Papier vor, das für das Jahr 1943 eine Offensive in Richtung Persien vorsah – ein Vorschlag, der mit nüchternem generalstabsmäßigen Denken nichts zu tun hatte.

Warlimont beschreibt eindrucksvoll, dass der Wehrmachtführungsstab nur noch Lücken stopfen konnte. Seine Tagesarbeit bestand darin, Divisionen zu verschieben und zu prüfen, ob man in Italien oder auf dem Balkan Kräfte für die Ostfront frei machen konnte. Nur selten durfte er sich vor Ort ein Bild von der Lage machen. Er verbrachte den Krieg am Schreibtisch. Manchmal durfte er auch ausländische Gäste, beispielsweise den König von Bulgarien, über die militärische Lage informieren.

In seinen Erinnerungen räumt er ein, dass man im Wehrmachtführungsstab nach der Niederlage in Stalingrad und den Rückschlägen in Nordafrika nicht mehr mit einem Sieg rechnete. Warlimont kritisiert Hitlers Weigerung, durch strategische Rückzüge die militärische Situation des Reiches zu verbessern und damit die Voraussetzungen für einen Kompromissfrieden zu schaffen. Einfluss nehmen konnte der General nicht.

Anfang August 1944 entsandte ihn Hitler nach Nordfrankreich. Warlimont sollte die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall von Kluge zu einem Angriff gegen die Amerikaner drängen. Vor Ort erkannte Warlimont, dass der Krieg verloren war.

Hitler und Jodl misstrauten mittlerweile dem stellvertretenden Chef des Wehrmachtführungsstabes. Seine Korrespondenz wurde kontrolliert und man kreidete ihm an, dass er Briefe nicht mit „Heil Hitler“, sondern „Mit deutschen Gruß“ unterschrieb. Im September 1944 wurde Walter Warlimont offiziell aus gesundheitlichen Gründen in die Führerreserve versetzt.

Walter Warlimont war kein Nationalsozialist. Er gehörte auch nicht zum Widerstand. Als stellvertretender Chef des Wehrmachtführungsstabes war er an der Ausarbeitung völkerrechtswidriger Befehle beteiligt. In seinen Erinnerungen beschreibt er diese Tätigkeit als bürokratischen Vorgang. Sollte er moralische Skrupel gehabt haben, so behielt er sie für sich. Warlimont teilte den Antikommunismus der meisten deutschen Offiziere. Möglicherweise beeinflusssten ihn auch seine Erfahrungen in seiner Zeit als Angehöriger eines rechtsextremen Freikororps 1918/19. Kommunisten waren keine „anständigen“ Gegner – gegen sie schien jedes Mittel eralubt zu sein. Immerhin konnte Warlimont beim „Kommissarbefehl“, der die Erschießung russischer Politikoffiziere vorsah, einige Abmilderungen durchsetzen. Dagegen kritisierte er das ungehobelte Auftreten mancher Parteifunktionäre. Warlimont liebte seinen Beruf und wollte Karriere machen. Die Stellung im Oberkommando der Wehrmacht bot ihm Gelegenheit dazu.

Die größten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat, schrieb einmal Goethe. Warlimont war gebildet; sein Horizont reichte über den Kasernenhof hinaus. Wer, wenn nicht er wäre prädestiniert gewesen, ein differenzierteres Bild von der Wehrmacht vorzulegen, als es die anderen militärischen Memoirenschreiber taten. Aber dies hätte bedeutet, sich den eigenen Fehlern zu stellen – zum Beispiel seiner Rolle bei der Formulierung völkerrechtswidriger Befehle. Nur wenige Menschen bringen diesen Mut auf.

Warlimont war ein gläubiger Katholik. Sollte es einen Gott geben, wird Warlimont sich spätestens vor ihm bekennen müssen. Aber das zu beurteilen gehört nicht zu den Aufgaben einer Historikerin.