Karl Marx in der Hölle

Karl Marx starb 1883 und kam in die Hölle. Nicht, dass er viel über das Leben nach dem Tode nachgedacht hätte, und er glaubte auch nicht, dass er im Himmel aufgenommen worden wäre. Allerdings sah es in der Hölle anders aus als in seiner Vorstellung.

Kein Teufel, keine Qualen, keine Folter – nein, nichts dergleichen. Selten sah er andere Tote. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht. Hunger und Durst verspürte man hier ohnehin nicht. Erst langsam begriff er: Die Hölle war das banale Nichts.

Eines Tages – wenn dieser Begriff überhaupt passt – lernte er einen Toten kennen, der im 18. Jahrhundert gelebt hatte. Sein Körper war von Blattern entstellt. In seiner Lebenszeit muss er ein gut aussehender und kräftiger Mann gewesen sein. Sie musterten einander.

„Sind Sie dieser Marx aus Deutschland, dessen Theorien für so viel Unruhe sorgen?“, fragte er mit einer ruhigen und klaren Stimme, der man anmerken konnte, dass der Tote zu seinen Lebzeiten mächtig gewesen war.

Marx deutete kurz eine Verbeugung an: „Darf ich fragen…“. „Ja, Sie dürfen, mein Lieber. Ludwig XV. von Frankreich“, antwortete der Tote. In seiner Stimme schwang ein leicht spöttischer Unterton mit, so als sei er überrascht, dass sein Gegenüber ihn nicht erkannt hatte.

„Von Ihnen, lieber Dr. Marx, heißt es, Sie seien ein gebildeter Mensch.“ „Ich bedaure“, erwiderte Marx, erneut eine leichte Verbeugung andeutend. Ja, jetzt konnte er seinen Gegenüber einordnen: Ludwig XV., König von Frankreich und Navarra, letzter Bourbone, der vor der Revolution eines friedlichen Todes starb. Von 1715 bis 1774 hatte er geherrscht, und sein Enkel musste für die Versäumnisse des alten Libertins auf dem Schafott büßen.

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, mein Lieber“, sagte der von Blattern entstellte Körper wieder. “Im Gegensatz zu Ihnen hatte ich nicht das Vergnügen, mein Leben in der Studierstube verbringen zu können. Durch Geburt war ich dazu bestimmt, das mächtigste Land Europas zu regieren, und ich weiß auch, dass die Nachwelt mir nicht gerade wohlgesonnen ist. Aber mein lieber Dr. Marx, als ich starb, da stand Frankreich glänzend in der Welt dar. Die Künste und die Wissenschaft nahmen einen ungeheuren Aufschwung, das Handwerk blühte wieder, der Bauer ernährte das Land, Bürgerstolz begann sich zu regen…“

„Und Ihr Adel ruinierte das Werk. Aber die Geschichte lässt sich nicht aufhalten. Wie in der Natur gibt es in jeder absterbenden Gesellschaftsschicht neue revolutionäre Kräfte, die zum Durchbruch drängen und…“. Marx setzte zum Dozieren an.

Ludwig lächelte, als hätte er das alles schon einmal gehört. „Begleiten Sie mich doch bitte, lieber Dr. Marx. Und falls Sie nach der richtigen Anrede suchen – Sie sind ja Republikaner und Revolutionär – nennen Sie mich einfach Bürger Bourbon. Sehen Sie es mir nach, dass ich den Namen Louis Capet als degoutant betrachte“.

Marx stimmte zu, ja er konnte sich einer gewissen Sympathie für sein Gegenüber nicht entziehen. Sie gingen ein paar Schritte. „Ich hoffte immer schon, Sie einmal kennenzulernen“, sagte Ludwig. „Als ich noch regierte, da fingen diese Philosophen an, den Menschen beizubringen, dass in jedem Untertan so etwas wie Vernunft steckt. Sie schrieben Bücher und freuten sich, wenn ich eines ihrer Werke verbieten musste und so ein Pfaffe mal wieder Zeter und Mordio schrie. Den Siebenjährigen Krieg habe ich beendet, weil das Land sonst völlig ruiniert gewesen wäre. Im Gegensatz zu meinen Vorfahren bin ich der erste Bourbone, unter dessen Herrschaft Frankreich kleiner wurde. Ja, werden Sie jetzt sagen, in den Kammern der Münze hätten die Ratten sich in Ruhe vermehren können und deshalb wäre es zum Frieden gekommen. Lieber Dr. Marx, wenn es mir nur darum gegangen wäre, die Bauern auszupressen, dann – so glauben Sie mir – hätte ich noch dem einen oder anderen armen Teufel das Fell über die Ohren ziehen können, um an seine Dukaten zu gelangen. Ja, ich gebe zu, es störte mich, wenn ich von meiner Kutsche aus die vielen Bettler sah. Aber Sie irren, wenn Sie meinen, dass Monarchen kein Herz hätten“. Er drehte sich um und ging weiter.

Diese Rechtfertigung passte nicht zu dem Bild, das Marx kannte, und er spürte, wie sein Misstrauen wuchs. Jeder Tyrann nahm für sich in Anspruch, nur das Beste zu wollen, und dieser Bourbone war noch nicht einmal ein Tyrann gewesen. Einer der vielen mittelmäßigen Könige und Fürsten, die es in Europa gegeben hatte und gab. Kein übermäßiger Blutsauger, nein, vielleicht sogar jemand, der Gutes wollte, aber letztlich doch seine Zeit damit verbracht hatte zu atmen, wie es in einer der Opern Mozarts hieß.

„Ja, mein lieber Dr. Marx“, fuhr Ludwig fort, „hier unten bekommt man ja mehr mit, als einem lieb ist. Sie wissen selbst, was diese ‚Freiheitsfreunde‘ mit der neu gewonnenen Freiheit anstellten. Bald nach Ausbruch der Revolution gab es die Tyrannei der Masse. Und deshalb, Herr Marx, habe ich Ihre Schriften nicht ohne Interesse zur Kenntnis genommen. Wo diese Liberalen auf halber Strecke stehen blieben, sind Sie konsequent fortgeschritten. Nicht, dass Ihr sozialistischer oder kommunistischer Maschinenstaat mir sympathisch wäre, aber diesen freisinnigen Gecken haben Sie es gezeigt“.

„Nicht ich“, erwiderte der Philosoph, „es waren die Verhältnisse. Jene Bewegungsgesetze der Geschichte, die aus der Materie selbst stammen. Ich bin kein Erfinder, nein, ich war eigentlich ein Entdecker. Ich habe nur Gesetzmäßigkeiten erkannt, die sich aus der Art des Wirtschaftens ergeben. Und im Grunde habe ich diese Gedanken systematisiert. Man überschätzt mich, wenn man meint, ich sei der Erfinder des historischen Materialismus. Aber woher kennen Sie meine Schriften?“

Marx blieb stehen; er war überrascht. Ludwig deutete mit seinem Stock auf einen kleinen Teich am Ende des Weges.

„Dort, lieber Herr Dr. Marx, verbringt jeder von uns hier einige Stunden. Wenn Sie in das Wasser schauen, dann erkennen Sie, was sich auf der Erde abspielt. Ich musste mit ansehen, wie mein Enkel starb. Vielleicht folgen Sie mir.“

Marx trat neugierig an den Rand des Teichs. Das Wasser stand still; beinahe wie eine Idylle wirkte der Flecken. »Das, mein lieber Dr. Marx, ist so eine Art magisches Auge. Hier werden wir mit dem konfrontiert, was wir angerichtet haben. Hier musste ich mitansehen, wie man meinen Enkel hingerichtet hat.“

„Ich hoffe, dass Ihnen solche Momente erspart bleiben werden“, fuhr Ludwig leise fort. Marx dachte an Engels, aber dann schüttelte er ungläubig den Kopf. Der Bourbone blickte ihn überrascht an. »Ich denke an meinen Freund Engels«, erklärte Marx. „Nein, Engels als Freiheitsheld auf dem Schafott, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber er wäre gerne General geworden und der Tod in der Schlacht – in der vordersten Reihe einer proletarischen Befreiungsarmee – würde ihm sogar noch gefallen. Sein größtes Kommando hatte er 1849 auf einer Barrikade in Wuppertal-Elberfeld.“

Der Philosoph musste schmunzeln: 1866 prophezeite Engels einen Sieg der Österreicher gegen die Preußen, aber bei Königgrätz kam es bekanntlich anders.

„Nun, dann hoffen wir, dass ihm der Wunsch erfüllt wird und er in den Himmel kommt“, lachte Ludwig, der seine Schwermut überwunden hatte.

Von da an trafen sie sich ab und zu. Beide fanden Vergnügen aneinander.

Marx schaute gelegentlich in das magische Auge, aber war er sah, machte ihn nur wütend. Die deutschen Sozialdemokraten – immerhin die größte Partei in Europa, die sich auf ihn berief – debattierte darüber, ob sie das Amt des Vizepräsidenten im Reichstag annehmen und zu Hofe gehen sollte. „Kleinbürger, elende Kleinbürger“, schnaubte Marx. Ludwig lächelte: „Das hat doch etwas, mein lieber Dr. Marx. Revolutionäre, die auf die Kleiderordnung achten. Ganz anders als dieser Rousseau.“

Eines Tages standen sie erneut am Wasser, aber was Marx sah, erfüllte ihn zuerst mit Erstaunen, ja beinahe empfand er ein Glücksgefühl. Ein gewisser Lenin hatte in Russland die Kommunisten an die Macht gebracht; fürwahr, das war ein Kerl. Gut, er – Marx – hatte die Revolution zuerst in Westeuropa erwartet, doch diese Russen besaßen Schneid. Kein Krieg mehr, alles Land den Bauern; Marx strich sich zufrieden den Bart, ja daran hatte er nicht gedacht, doch es war nur logisch und revolutionär, was dieser Lenin tat. Aber warum nutzten die Bolschewiki nicht die Konstituante, um mit den anderen fortschrittlichen Kräften, den Sozialrevolutionären und den Menschewisten, die Großgrundbesitzer zu enteignen, das Erbrecht abzuschaffen und das Eigentum der Emigranten zu konfiszieren? Warum nutzten sie die Räte, jene Sturmgeschütze der proletarischen Demokratie, nicht besser?

Marx dachte, es handle sich um jenes Übergangsstadium, in dem der Sozialismus als Voraussetzung für den Kommunismus erkämpft werden müsse und mit Befriedigung registrierte er, dass die Kommunisten siegten.

Doch was dann kam, erschütterte ihn. Lenin starb früh, und ihm folgte ein Grobian namens Stalin, der sich auf ihn und Lenin berief, um seine Schandtaten zu rechtfertigen. Ein riesiges Reich wie Russland über Nacht zur Industrienation machen zu wollen, die Landwirtschaft verkommen zu lassen und innerhalb der Partei nach Lust und Laune Genossen zu beseitigen – verwechselte dieser Stalin den Kommunismus mit orientalischem Despotentum aus der Feudalzeit? Was hatte Marx immer betont: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Die freie Entwicklung eines jeden und die Freiheit aller, das war das Ziel, aber kein Riesenzuchthaus.

„Ich… ich“, Marx stammelte und suchte nach Worten, was bei ihm selten vorkam. Ludwig, der neben ihm stand, stützte ihn und sie setzten sich auf eine Bank in der Nähe. Dort kam Marx wieder zu sich: „Mein lieber Herr Bourbon, dieser schmierige Skribent missbraucht meine Ideen. Die ganze Welt wird später meinen, ich hätte nichts anderes im Sinne gehabt als eine wahnsinnige Tyrannei. Dabei ist die Diktatur des Proletariats die wahre Demokratie, die Herrschaft der Vielen ohne ausreichendes Brot, deren Würde in den Schmutz getreten wird, deren Kinder früh sterben, weil sie in dunklen Hinterhöfen vegetieren…“. Der Bourbone hörte ihm zu; fast still und gelassen saß er da.

„Ja, mein lieber Dr. Marx: Ich habe die Freiheit unterschätzt; ich war zu träge, ich liebte das Leben zu sehr und man machte es mir immer leicht. Sie mussten kämpfen; ich weiß, ohne Ihren Freund Engels und Ihre wunderbare Frau hätten Sie Ihr Werk nicht geschaffen. Aber Sie sehen – die Geschichte verläuft nicht nach Plan. Verzeihen Sie, ich will jetzt nicht schadenfroh sein. Sie glaubten – wie alle Philosophen – dass die Freiheit etwas Wunderbares ist, für jeden Menschen geeignet. Ich beging den Fehler, die Idee der Freiheit nicht ernst genug zu nehmen. Sie meinten, in der Wissenschaft jenen Schlüssel gefunden zu haben, der die Welt erklärt. Aber so einfach ist das nicht. Wir beide erleben jetzt hier die Folgen unseres Tuns, und dass wir uns getroffen haben – was ich mir zur Ehre anrechne, mein lieber Herr Dr. Marx – hat auch damit zu tun, dass meine Versäumnisse Sie dazu brachten, Ihr Gedankengebäude zu errichten. Die Hölle ist nichts anderes als die Ohnmacht, die wir empfinden, wenn wir uns der Folgen unseres Tuns bewusst werden. Nein, der Teufel hat keinen Schwanz und sieht unheimlich aus, den gibt es gar nicht. Die Hölle, das ist die Erinnerung an unsere Fehler und an unser Versagen. Sie haben es gerade erlebt. Aber ich verspreche Ihnen eines: Wenn Sie das, was Sie gesehen haben, akzeptieren, dann werden Sie damit leben können.“

Marx drückte ihm wortlos die Hand; er hätte zu seinen Lebzeiten nie gedacht, dass er auf das Wort eines Königs vertrauen würde. Und er tat recht daran. Mit der Zeit erkannte er, dass sein Werk nichts mit diesem Stalin zu tun hatte. Und er begriff auch, dass die Geschichte sich nicht in ein System pressen ließ. Mit Ludwig traf er sich sehr oft – wie früher mit Engels.

Eines Tages – wenn dieser Begriff überhaupt zur Hölle passt – beobachteten sie zwei Männer, die weit entfernt am Rande des magischen Auges miteinander stritten. „Ach“, lächelte Ludwig, „dass ist dieser Napoleon. Sprechen Sie ihn bloß nicht an; Sie werden ihn nicht mehr los. Immer redet er über ein Dorf in Belgien mit dem Namen Waterloo oder so – als ob eine Schlacht die Weltgeschichte entscheiden könne. Dieses andere Subjekt nehme ich nicht zur Kenntnis“, schloss der Bourbone verächtlich.

Napoleon schrie den ungehobelten Kerl, einen verhinderten Kunstmaler, an, der behauptete, dass seine Armee in Russland den Winter überstanden hätte. Warten Sie, reagierte der Korse empört, es kommt noch Stalingrad.

Ludwig und der Bourbone blickten einander wortlos an und schauten in das magische Auge.

Da standen zwei Männer zusammen: Einer trug einen Trenchcoat, der Andere die Uniform eines französischen Offiziers. Der Ort hieß Casablanca.

Die beiden Männer hatten sich getroffen wie Ludwig XV. und Marx. Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen, aus unterschiedlichen Welten, aber plötzlich sagte der Eine zum Anderen: „Vielleicht ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

„Sehen Sie, Sire“, meinte Marx, „wir sollten es wenigstens in der Hölle so halten“. „Da gebe ich Ihnen recht“, meinte Ludwig, „wenigstens in der Hölle sollte man seinen Frieden miteinander machen.“

Sie stützen einander und gingen weiter.

 

Der Artikel erschien zuerst in der Internetzeitschrift „Globkult“.