Deutschlands engültige Niederlage

Im April 1945 brachen die deutschen Fronten endgültig zusammen. In Westdeutschland wurde eine deutsche Heeresgruppe von den Alliierten eingekesselt. Das Ruhrgebiet fiel für die deutsche Rüstungsproduktion aus.

In Norddeutschland und Südwestdeutschland drangen Engländer und Amerikaner ebenfalls vor. An der Ostfront hatte die Rote Armee die Seelower Höhen kurz vor Berlin erreicht. In Ostpreußen und Schlesien hielten sich noch Städte, die man zu Festungen erklärt hatte. Außerhalb Deutschlands blieben Dänemark und Teile Norwegens von der Wehrmacht besetzt.

Die militärische Niederlage des Deutschen Reiches war besiegelt. In Berlin hatte Adolf Hitler Bunkerräume unterhalb der Reichskanzlei bezogen. Die führenden Offiziere des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und Generaloberst Alfred Jodl, sowie General der Infanterie Hans Krebs, mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Generalstabes des Heeres beauftragt, hielten dem Diktator jeden Tag Vortrag. Die Routine des militärischen Dienstbetriebes lief weiter, so als ob das Reich noch den Krieg gewinnen könne. Die Oberbefehlshaber hatte außerhalb Berlins sein Hauptquartier. Reichsmarschall Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, residierte auf seinem Landsitz Karinhall in der Nähe der Reichshauptstadt.

Marschall Schukow vor den Seelower Höhen

Die Seelower Höhen in der Nähe der Oder boten den Deutschen die Chance, den Ansturm der Russen auf Berlin noch einmal aufzuhalten. Der Roten Armee eröffneten sich zwei Alternativen, um vor den Engländern und Amerikanern in die Reichshauptstadt einzuziehen. Der direkte Weg führte über die Seelower Höhen; die andere Möglichkeit bestand darin, die Höhen südlich zu umgehen, wobei ein Netz kleiner Flüsse immer noch den Anmarsch verzögern konnte.

Marschall Schukow, der Befehlshaber der 1. Weißrussischen Front, lag mit seinen Truppen an der Oder und bereitete den direkten Angriff auf die Reichshauptstadt vor. Die 1. Ukrainischen Front unter Marschall Konew konnte die Seelower Höhen im Süden umgehen, um dann auf Berlin zu marschieren. Beide Feldkommandeure rivalisierten darum, die Stadt zu erobern. Stalin hatte sich für die Offensive an der Oder entschieden, deutete aber Schukow gegenüber an, dass er Konew freie Hand gäbe, wenn der mit seinen Truppen schneller vorankäme.

Auf deutscher Seite fiel Generaloberst Gotthard Heinrici die Schlüsselrolle in der bevorstehenden Schlacht um Berlin zu. Seit dem 21. März 1945 führte er den Oberbefehl über die Heeresgruppe Weichsel. Sie verteidigte das Gebiet an der Oder. Heinrici hatte sich an der Ostfront einen Namen als erfolgreicher Defensivtaktiker gemacht.

Die Heeresgruppe Weichsel setzte sich aus der 3. Panzerarmee unter General Hasso von Manteuffel und der 9. Armee unter General Theodor Busse zusammen. In diesem Beitrag geht es vor allem um die 9. Armee, die auf den Seelower Höhen stationiert war.

Im Frühjahr 1945 war die Wehrmacht nur noch eingeschränkt handlungsfähig. Die Luftwaffe flog aus Mangel an Benzin wenige Einsätze. Die Kriegsmarine versuchte, so viele Flüchtlinge wie möglich aus Ostpreußen in den Westen zu retten. In den U-Bootstützpunkten, die noch unter deutscher Kontrolle standen, bereiteten sich die ersten der sogenannten „Wunderboote“ (neu entwickelte Unterseeboote mit hoher Unterwassergeschwindigkeit, die längere Zeit tauchen konnten und den Seekrieg revolutionieren sollten) auf ihren Einsatz vor.

Luftwaffe und Marine hatten mehr als 100 000 Soldaten dem Heer zur Verfügung gestellt. Sie sollten die Heeresgruppe Weichsel verstärken. Generaloberst Heinrici betrachtete diese Entwicklung kritisch. Die Soldaten waren nicht für den Erdkampf ausgebildet worden und besaßen keine geeigneten Waffen. Heinrici und sein Stab fürchteten, dass die unerfahrenen Einheiten beim ersten russischen Angriff in Panik geraten würden. Im Heer fehlte es an Panzern, erfahrenen Soldaten, Munition und Treibstoff. Anfang April 1945 musste die Heeresgruppe Weichsel mehrere Panzerdivisionen an die Heeresgruppe Mitte abgeben, weil Hitler mit einem Angriff auf Prag rechnete. Heinrici entschloss sich daher, einen Teil seiner Heeresgruppenfront entlang der Oder künstlich fluten zu lassen und konzentrierte sich auf den Ausbau der Stellungen auf den Seelower Höhen.

In der Roten Armee wähnte man sich kurz vor dem Ziel. Im Januar hatten die russischen Soldaten die deutsche Ostfront überrollt und waren in Ostpreußen, Pommern und Schlesien eingedrungen. Im Februar kam der sowjetische Vormarsch an der Oder zum Stehen.

Bei ihrem Einmarsch in Deutschland beging die Rote Armee zahlreiche Kriegsverbrechen. Viele deutsche Frauen wurden von russischen Soldaten vergewaltigt. Die betrunkene Soldateska plünderte wahllos. Hohe Offiziere der Roten Armee konnten nur mühsam die Disziplin wiederherstellen. In der 1. Weißrussischen Front hofften die Soldaten, bald Berlin erobern zu können. Trotzdem gab es Fälle von Selbstverstümmelung und Fahnenflucht.

Auf deutscher Seite glaubte kaum noch ein Angehöriger der Wehrmacht an den Sieg. Die Angst vor der russischen Gefangenschaft und das Wissen darum, was der Zivilbevölkerung, insbesondere den Frauen, im Falle eines sowjetischen Erfolges drohte, stärkten noch einmal den Widerstandswillen. Hinzu kam die Bedrohung durch „fliegende Standgerichte“, die jeden, der sich ohne Befehl von der Truppe entfernt hatte, im Schnellverfahren aburteilten und hinrichten ließen.

Am Vorabend des 16. April 1945 gab Generaloberst Heinrici Befehl, die erste Verteidigungslinie räumen zu lassen. Er erwartete in den nächsten Stunden einen russischen Feuerschlag, der die Offensive des Gegners einleiten würde. In den frühen Morgenstunden des 16. April 1945 war es soweit: Mehrere tausend Geschütze eröffneten das Feuer. Die Rote Armee sollte mehr als eine Millionen Granaten an diesem Tag verschießen. Noch in Berlin konnte man das Donnern der Kanonen hören.

Die wenigen deutschen Soldaten in den vorderen Linien hatten keine Chance. Trotzdem musste Marschall Schukow im Laufe des Tages erkennen, dass seine Truppen die Seelower Höhen nicht sofort nehmen könnten. Schukow hatte nicht – wie sonst üblich – das Gelände selber erkundet, sondern sich auf Luftaufnahmen verlassen. Die russische Feuerwalze ging zum größten Teil ins Leere, obwohl – so der englische Historiker Anthony Beevor – es sich um die stärkste Artilleriekonzentration des bisherigen Krieges handelte.

Am frühen Nachmittag des 16. April musste der Befehlshaber der 1. Weißrussischen Front Stalin in Moskau melden, dass der Angriff der Roten Armee stockte. Der russische Diktator nahm die Nachricht am Telefon widerwillig zur Kenntnis. Schukow änderte jetzt seinen Plan und gab seinen Panzern den Befehl zum Angriff. Die von der russischen Artillerie verursachten Löcher behinderten die Panzer. Hinzu kam der unerwartet hartnäckige deutsche Widerstand. Die Truppen wehrten sich verzweifelt.

Ebenso entschieden trieben die sowjetischen Offiziere ihre Soldaten zum Angriff an. Die Versorgung der eigenen Verwundeten interessierte sie nicht. Wie auf deutscher Seite drohte man mit Kriegsgericht und Erschießung. Da die Kommunikation zwischen den Führungsstäben und der Fronttruppe nicht funktionierte, wurden die sowjetischen Angriffe teilweise unkoordiniert vorgetragen.

Bis zum 18. April 1945 konnte sich die 9. Armee auf den Seelower Höhen mit geringen Bodenverlusten behaupten. Am Mittag teilte General Busse dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel mit, dass „die Krise“ eingetreten sei. Der zahlenmäßigen Überlegenheit der Angreifer hatten seine Truppen nichts mehr entgegen zu setzen. Während die russischen Kommandeure bei der Artilleriemunition aus dem Vollen schöpfen konnten, mussten die deutschen Befehlshaber sparsam mit ihren wenigen Granaten umgehen. Erfolge verzeichneten die Verteidiger zwei Tage mit ihren durch Panzer vorgetragenen Gegenangriffen. Am 18. April waren die deutschen Reserven erschöpft. Der 9. Armee drohte das Schicksal, in mehrere Teile zerrissen zu werden.

Am 19. April 1945 hatte die 1. Weißrussische Front ihr Ziel mit hohen Verlusten erreicht: Der Weg nach Berlin war frei. 30 000 sowjetische und 12 000 deutsche Soldaten hatten in der Schlacht auf den Seelower Höhen den Tod gefunden.

Die Russen erreichen Berlin

Nachdem das letzte natürliche Verteidigungshindernis auf dem Weg nach Berlin von der Roten Armee überwunden worden war, stießen die russischen Truppen schnell vor. Teile der 9. Armee kämpften noch an der Oder. Andere Einheiten dieses Großverbandes, zum Beispiel das LVI. Armeekorps unter General Weidling, wurden in Richtung Reichshauptstadt zurückgedrängt. Nun kam es auch bei den Deutschen zu Auflösungserscheinungen. Soldaten der Wehrmacht plünderten auf ihrem Rückzug Häuser der eigenen Bevölkerung, weil es mittlerweile an Proviant fehlte. Offiziere versuchten mit vorgehaltener Waffe die Truppe zum Stehen zu bringen. Doch das Chaos war nicht mehr aufzuhalten.

Berlin stand unter dem Kommando von General Helmut Reymann. Propagandaminister Goebbels war als Gauleiter ebenfalls für die Verteidigung Berlin verantwortlich. Er hatte eine rechtzeitige Evakuierung der Zivilbevölkerung verhindert. Reymann verfügte nur über wenige Truppen, hätte aber acht bis zehn Divisionen gebraucht, um die Stadt zu schützen. Generaloberst Heinrici und General Busse wollten mit ihren Truppen nicht in den Straßen von Berlin kämpfen, sondern sich mit ihren Einheiten nach Westen durchschlagen, um gegenüber den Amerikanern die Waffen niederzulegen.

Am 20. April 1945 feierte Hitler seinen 56. Geburtstag. Am Mittag waren die Spitzen von Partei und Militär zur Gratulationscour in der Reichskanzlei erschienen. Der Diktator gab seinen Entschluss bekannt, in Berlin zu bleiben. Großspurig sprach er davon, dass die Russen an der Spree ihre historische Niederlage erleiden würden. Nach der kurzen Feier begaben sich Reichsmarschall Göring und Reichsaußenminister von Ribbentrop nach Berchtesgaden. Reichsführer SS Heinrich Himmler wollte nach Norddeutschland, wo er Gespräche mit dem Vertreter des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Bernadotte, führte. Himmler hing der Illusion an, er sei der geeignete Verhandlungspartner für die westlichen Alliierten. Göring gab vor, von Süddeutschland aus die Verteidigung des Reiches organisieren zu wollen. Die Berliner spotteten über die „Flucht der Goldfasane“ (ein Spitzname für hohe Funktionäre des NS-Regimes, die Uniformen in einer goldbraunen Farbe trugen).

In Berlin richteten sich die Menschen darauf ein, in einer Frontstadt zu leben. Kaum noch einer glaubte an eine Wende des Krieges. Die Hoffnungen auf ein Eintreffen der Amerikaner blieben gedämpft. Die Bevölkerung reagierte in den nächsten Tagen unterschiedlich auf die drohende Niederlage. Im berühmten Hotel Adlon floss der Alkohol in Strömen. In den Räumen des Reichsrundfunks kam es zu Orgien. Viele Frauen versuchten mit Hamsterkäufen einen Lebensmittelvorrat für ihre Familien anzulegen. Gleichzeitig gab es Verwaltungsbehörden, die normal weiterarbeiteten, so, als herrsche tiefer Frieden.

Hitler hatte sich in seinen Bunker unter der Reichskanzlei zurückgezogen, wo er und seine militärischen Berater mit Armeen operierten, die nur als Fähnchen auf der Lagekarte existierten. Seine ganze Hoffnung setzte der Diktator nun auf ein Panzerkorps unter Kommando des SS-Offiziers Felix Steiner. Dieser Truppenverband sollte Berlin vom Norden her entsetzen. Gleichzeitig rechnete der Diktator mit der neu aufgestellten 12. Armee unter General Walther Wenck. Wenck, einer der jüngsten und fähigsten Generäle des deutschen Heeres, hatte im April 1945 den Oberbefehl über die Truppe übernommen und sollte ursprünglich Berlin in Richtung Westen gegen Engländer und Amerikaner verteidigen. Seine Divisionen bestanden aus jungen, unerfahrenen Soldaten, die aber sehr motiviert waren. Der Kampfwert der 12. Armee konnte dennoch nicht als hoch eingestuft werden.

Am 22. April 1945 mussten Hitlers militärische Berater ihrem Obersten Befehlshaber klarmachen, dass das Panzerkorps von Obergruppenführer Steiner nicht angreifen konnte. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch und räumte zum ersten Mal ein, dass der Krieg verloren sei. Wie chaotisch die Entscheidungsprozesse in den letzten Tagen des Regimes verliefen, zeigt der Führungswechsel im Amt des Stadtkommandanten. General Reymann wurde entlassen. Seine Nachfolge trat General Weidling an, dem ein paar Stunden zuvor noch der Tod durch Erschießen angedroht worden war. Weidling begab sich daraufhin zum Führerbunker und hielt einen Lagevortrag, der Hitler so beeindruckte, dass er den Offizier zum Nachfolger Reymanns ernannte.

Ein älterer Generalstabsoffizier erinnerte sich nach dem Krieg über diese Zeit:

„Es war für mich erschütternd zu sehen, wie man in der höchsten Führung Rat- und Hilflosigkeit durch Vorgaukeln eines völlig entstellten Bildes zu übertünchen versuchte, eines Bildes, von dessen Unechtheit jeder der Anwesenden überzeugt war.“

General der Flieger Koller, Chef des Generalstabes der Luftwaffe, machte am 21. April 1945 eine ähnliche Erfahrung, die er in seinem Tagebuch festhielt:

„Mein Einwurf, dass mir die Lage um Berlin aussichtslos scheint, wird von Hitler übergangen … Ist so etwas möglich? Glaubt er wirklich noch daran?“

Der Zusammenbruch

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wurde zu General Wenck geschickt, um dem Armeeführer klarzumachen, wie ernst die Lage wäre. Am 23. April 1945 traf er auf dem Gefechtsstand der 12. Armee ein. Wenck hörte sich die Ansprache des Feldmarschalls an und tat so, als würde er auf Berlin marschieren. In Wirklichkeit planten er und sein Stab einen Angriff in Richtung Osten, um der 9. Armee zu ermöglichen, die Elbe zu überschreiten, um der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zu entkommen. Keitel wiederum berichtete Hitler, dass die 12. Armee zum Entsatz anträte, und im „Führerbunker“ keimte kurz wieder Hoffnung auf.

Doch schon bald musste der Diktator einsehen, dass die Lage aussichtslos wäre. In den Straßen Berlins kämpften sich die sowjetischen Truppen vorwärts. Im „Führerbunker“ wurde jetzt auch der Zerfall des Regimes sichtbar. Die führenden Offiziere des Oberkommandos der Wehrmacht, Keitel und Jodl, hatten die Hauptstadt verlassen. In Norddeutschland übernahm Großadmiral Karl Dönitz, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, den Oberbefehl; in Süddeutschland leitete Generalfeldmarschall Albert Kesselring die Operationen – wenn man noch von einem planmäßigen militärischen Handeln sprechen konnte. Die Fronten brachen zusammen. Im „Führerbunker“ schleppte sich Hitler zwischen betrunkenen Soldaten zu Lagebesprechungen, in denen es darum ging, dass in einem Vorort von Berlin zwei russische Panzer abgeschossen worden waren.

Reichsmarschall Göring meldete sich aus Süddeutschland und erkundigte sich danach, ob der Diktator noch handlungsfähig sei. Hitler geriet außer sich. Er ließ Göring festsetzen und zwang ihn am 25. April 1945 zum Rücktritt von seinen Ämtern. Auch die Friedenssondierungen von Himmler wurden bekannt und unterstrichen, dass selbst im inneren Zirkel der Macht niemand mehr an den „Endsieg“ glaubte. Lediglich Hitlers Geliebte Eva Braun war nach Berlin gekommen, und auch Reichspropagandaminister Goebbels wollte mit seiner Familie in der Nähe Hitlers „siegen oder sterben“.

Die militärische Situation war mittlerweile aussichtslos. Die 9. Armee wurde südöstlich von Berlin bei der Gemeinde Halbe von den sowjetischen Truppen eingekesselt. General Busse lehnte ein Kapitulationsangebot ab und versuchte, am 28. April 1945 in Richtung Westen auszubrechen. Ein kleiner Teil seiner Einheiten erreichte die 12. Armee und konnte mit ihrer Hilfe die Elbe überqueren. Die Reichskanzlei wurde nur noch von Freiwilligen der Waffen-SS verteidigt, die überwiegend aus Frankreich stammten.

In den Morgenstunden des 1. Mai 1945 nahm sich Hitler zusammen mit Eva Braun, die er am 29. April geheiratet hatte, das Leben. In seinem politischen Testament ließ er noch einmal seinem Hass auf die Juden freien Lauf. Zu seinem Nachfolger als Staatsoberhaupt bestimmte er den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz. Neuer Reichskanzler wurde Joseph Goebbels.

Goebbels versuchte als Regierungschef vergeblich, mit Stalin einen Waffenstillstand auszuhandeln. Am 1. Mai ließ er seine Kinder vergiften und beging mit seiner Ehefrau Selbstmord. Einen Tag später kapitulierte Berlin.

Dönitz erkannte, dass jeder weitere Widerstand zwecklos war. Die deutsche Führung versuchte, möglichst viele deutsche Soldaten vor der russischen Kriegsgefangenschaft zu bewahren. Der Großadmiral musste jedoch einsehen, dass die militärische Situation keinen Handlungsspielraum ließ. Am 8. Mai 1945 unterschrieb daher Generaloberst Jodl in Reims im Auftrag des „Staatsoberhauptes“ Dönitz die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte. Einen Tag später wurde die Zeremonie in Berlin gegenüber den Vertretern der Sowjetunion wiederholt. Generalfeldmarschall Keitel leistete die Unterschrift.

Gehorsam bis zum Schluss – warum?

Warum wurde in vielen Teilen Deutschlands bis zum Ende gekämpft?

Einige Gründe hatte ich schon genannt: die Angst vor der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, das Bemühen, die deutsche Zivilbevölkerung vor den Ausschreitungen der Roten Armee zu schützen und die Furcht, von der deutschen Militärpolizei hingerichtet zu werden. Den meisten Soldaten war mittlerweile bekannt, dass SS und Wehrmacht in Russland Kriegsverbrechen begangen hatten.

Hitler hatte immer wieder betont, dass eine Kapitulation für ihn nicht in Betracht kommen würde. Die politischen Funktionäre des Regimes reagierten auf diese Ankündigung unterschiedlich. Männer wie Bormann und Goebbels steigerten sich in einen Fanatismus hinein, der rational kaum zu erklären ist. Göring, Reichsaußenminister von Ribbentrop und Himmler schienen den Kontakt zur Realität verloren zu haben und hofften, mit den Westmächten verhandeln zu können. Sie setzten auf die Gegensätze zwischen der Sowjetunion und den Westmächten, ohne zu erkennen, dass gerade das NS-Regime diese Koalition zusammenhielt.

Die Militärs zogen sich auf das Prinzip von Befehl und Gehorsam zurück. Hitler duldete in seiner Nähe keine Generalstabsoffiziere, die Widerspruch wagten. In der militärischen Umgebung des „Führers“ fand nur Generaloberst Jodl den Mut, den Diktator mit abweichenden Meinungen zu konfrontieren.

Am Ende des Ersten Weltkrieges hatten die militärischen Fakten dazu geführt, dass Teile des Machtapparates, die Oberste Heeresleitung, auf eine Beendigung des Krieges drängten. Es gab einen Reichstag mit einer immer mächtiger werdenden Opposition. Es gab Gewerkschaften, die nicht mehr wussten, wie sie ihre Mitglieder von der Notwendigkeit des Krieges überzeugen sollten. Dieser Obrigkeitsstaat mit parlamentarischem Unterbau bot den Kriegsgegnern die Möglichkeit, Druck zu entfalten, was die Oberste Heeresleitung dazu nutzte, um die Gefahr einer Revolution an die Wand zu malen.

Im April 1945 war der Unterdrückungsapparat des NS-Regimes noch in Takt. Eine offene Opposition wäre selbstmörderisch gewesen. Generäle wie Heinrici oder Wenck nutzten die geringen Spielräume, die es gab. Daneben finden wir auch in den letzten Kriegstagen immer noch fanatische Militärs, die ohne Bedenken schlecht ausgebildete Jugendliche in den Kampf schickten. Und manch einer dieser jungen Soldaten oder Volkssturmleute glaubte der NS-Propaganda. Der englische Historiker John Keegan kommt zu dem Urteil:

„Es herrschte kein Mangel an Deutschen, die bereit waren, seine Befehle (gemeint ist Adolf Hitler, d. Verf.) auszuführen. Und es herrschte kein Mangel an Deutschen, die bereit waren, den Kampf für das NS-Regime fortzusetzen – egal, ob sie von den fliegenden Standgerichten, die damit begonnen hatten, Deserteure an Laternenpfählen aufzuhängen, beeindruckt waren oder nicht.“

1918 verlor das Deutsche Reich den Krieg, konnte aber als besiegte Großmacht überleben. Im Mai 1945 mussten die Deutschen den Kelch bis zur bitteren Neige leeren. Aus heutiger Sicht mag das zynisch klingen, aber vielleicht lag darin die Chance, ein demokratisches Deutschland aufzubauen. Freilich, die Opfer waren hoch: Die deutsche Teilung, der Verlust der deutschen Ostgebiete, Millionen deutsche Flüchtlinge und Heimatvertriebene, die ihre deutsche Heimat verlassen mussten, zerbombte Städte, eine zum Teil zerstörte Wirtschaft und eine Nation, die den Glauben an sich verloren hatte – und bis heute um ihre Identität ringt.