Wozu brauchen wir Literaturkritiker?

Folgen Sie beim Bücherkauf der Empfehlung eines Literaturkritikers? Ich nicht und viele andere Menschen wohl auch nicht. Welchen Sinn hat also die Literaturkritik? Es kann ja nicht nur daran liegen, dass die Fernsehanstalten am Sonntagabend um 23.00 Uhr keine Alternativen haben. Ein Krimi aus Schweden oder ein alter „Tatort“ wird sich ja noch im Archiv befinden.

Rezensionen erschienen früher in erster Linie in Zeitungen oder wurden im Hörfunk verlesen. Seit ungefähr 25 Jahren gibt es auch im Fernsehen immer mehr Sendungen, in denen sich Literaturkritiker über Neuerscheinungen unterhalten. Manche Formate ähneln einer harmlosen Plauderei am Kamin, andere betonen den „Eventcharakter“ von Literatur.

„Druckfrisch“ und „Das literarische Quartett“

In der Sendung „Druckfrisch“ beispielsweise präsentiert ein stets korrekt gekleideter Denis Scheck mehrere Titel. Er besucht die Autoren an ihrem Wohnort und führt dann ein Gespräch mit ihnen.

Einmal begann die Vorstellung des Autors damit, dass Herr Scheck und der Schriftsteller in einer leeren Halle, die früher wahrscheinlich als Fabrik diente, einige Runden mit dem Fahrrad drehten, ehe sie sich vor dieser tristen Kulisse niederließen und sich dem Buch widmeten. Bis heute habe ich nicht begriffen, welche Bedeutung die Eingangssequenz hatte. Zwei Männer drehen in einer leeren Halle ein paar Kreise mit dem Fahrrad. Ein Sportlerroman war es jedenfalls nicht.

Der Höhepunkt der Sendung besteht darin, dass Herr Scheck die aktuelle Bestsellerliste eines Nachrichtenmagazins referiert und in wenigen Sätzen sein Urteil abgibt. Autoren, deren Ergüsse für zu leicht befunden werden, dürfen mit ansehen, wie ihr Buch „in die Tonne gekloppt wird“.

Ein Schriftsteller, der veröffentlicht, muss mit Kritik leben. Ein Buch in den Müll zu werfen zählt zu den Klamaukeffekten, die heute wohl erforderlich sind, damit die Zuschauerquote nicht völlig abstürzt. „Verrisse“ gab es schon immer, aber sie sollten wenigstens Niveau haben. So formulierte Kurt Tucholsky in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sein Missfallen über das Werk von Kasimir Edschmid in Form eines Arbeitszeugnisses für einen Friseurgehilfen: Da dieser der deutschen Sprache nicht mächtig sei, würden ihn die Damen nicht richtig verstehen; dies wäre jedoch kein Nachteil, denn leichtere Frisuren gingen ihm gut von der Hand. Vernichtender hätte ein Urteil nicht ausfallen können. Aber Tucholsky formulierte treffsicher; seine „Waffe“ war das Wort. (Mir gefallen die Bücher von Kasimir Edschmid).

Einen legendären Ruf als gehobene Unterhaltungssendung besaß das „Literarische Quartett.“ Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und ein Gastkritiker diskutierten und polemisierten in 90 Minuten über vier Bücher, die von den Mitgliedern der Runde vorgeschlagen worden waren.

Schon das Sitzmöbel für Reich-Ranicki, der als führender deutscher Literaturkritiker galt, unterstrich seine herausgehobene Rolle. Er saß lässig auf einem kleinen Sofa, während die anderen Mitglieder des Kreises mit normalen Sesseln vorliebnehmen mussten. Mich interessierten eher die verbalen Schlagabtausche zwischen Reich-Ranicki, Karasek und Frau Löffler. Manchmal konnte es Herr Reich-Ranicki nicht mehr aushalten, verzog das Gesicht, rekelte sich schon etwas gelangweilt auf dem Sofa, während Karasek immer noch lausbubenhaft seine Meinung sagte.

Eine Sendung blieb mir in Erinnerung: die öffentliche Hinrichtung des Romans „Ein weites Feld“ von Günther Grass. Der abwesende ‚Angeklagte‘ hatte keine Chance; lediglich Frau Löffler plädierte für eine differenzierte Betrachtungsweise.

Der Roman „Ein weites Feld“ mag ja schlecht gewesen sein, aber diese Demontage fand ich widerlich. Immerhin führten die verbalen Florettkämpfe dazu, dass Zuschauer einschalteten, die sich sonst keine literarische Sendung angeschaut hätten.

Ob Denis Scheck, Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek oder wer auch immer: Nach welchen Kriterien beurteilen Literaturkritiker Bücher? Als ich noch Kritiken las oder mir literarische Sendungen im Fernsehen ansah, hatte ich den Eindruck, dass hier mit einer Subjektivität geurteilt wird, die an Willkür grenzt. Mir war nicht klar, welche Maßstäbe zugrunde gelegt wurden.

Karlheinz Deschner – ein Rufer in der Wüste

Es gab einen Literaturkritiker in Deutschland, der die Sprache zum Maßstab aller Dinge machte: Karlheinz Deschner. Ihn interessiere nicht, ob der Schriftsteller gläubiger Katholik oder Mitglied der Kommunistischen Partei sei: Wer nicht schreiben konnte, dem riet Deschner, Florist zu werden und sich um Stilblüten zu kümmern.

In „Talente, Dichter und Dilettanten“ erteilte er führenden Autoren der Gegenwartsliteratur zu Beginn der sechziger Jahre mittelmäßige bis schlechte Noten. Max Frisch sei ein Talent und der erste Roman des Schweizers mit dem Titel „Die Schwierigen“ hätte Anlass zu Hoffnungen gegeben; Bölls Kurzgeschichten ließ Deschner gelten, aber die Romane des Kölners bezeichnete er als katholischen Kitsch. Gerd Gaiser, ein heute fast vergessener Autor, fand bei Deschner bis auf einige Textstellen keine Gnade. Ingeborg Bachmann, dass „Fräuleinwunder“ der deutschen Literatur (immerhin hatte der „SPIEGEL“ ihr schon eine Titelgeschichte gewidmet), erhielt den Rat: „Gib’ s auf, Bachmann“. Uwe Johnson, ebenfalls zum Wunderkind der deutschen Nachkriegsliteratur ernannt, wurde regelrecht vorgeführt: Deschner stellte in der Regel ein Buch der Autoren in den Vordergrund und sezierte dann das Manuskript. Konnte er bei Frisch oder Böll auch Positives erwähnen, so fand er bei Johnson nur hin und wieder eine gelungene Metapher. Deschner erwähnte aber auch zwei Schriftsteller, die seiner Meinung nach unterschätzt wurden: Ernst Kreuder und Emil Belzner.

Deschner sollte bald spüren, welche Nachteile sein Buch ihm einbrachte: Er fand als Literaturkritiker keinen Verlag mehr und widmete sich – dank der Unterstützung durch einen Mäzen – einem mehrbändigen Werk zur „Kriminalgeschichte des Christentums“. Böll, Gaiser, Bachmann, Frisch und Enzensberger erreichten hohe Verkaufszahlen und brachten den Verlagen Gewinne ein. Da störte ein Mann wie Deschner nur, der ein brillanter Autor und ein schlechter Diplomat war. Den beabsichtigten Verriss der „Blechtrommel“ von Günter Grass hatte der Verlag angeblich aus Platzgründen nicht in das Buch mehr aufgenommen.

Denn für seine Kritikerkollegen hatte er meistens nur Spott übrig. Kenner schätzten dagegen seine Arbeiten.

Was bleibt? Der eigene Verstand …

Was bleibt? Ich verlasse mich auf meinen Geschmack, und der ist ein wenig konservativ: Joseph Conrad, Lion Feuchtwanger, Hermann Kesten, Ricardo Fernandez de la Reguera und Kasimir Edschmid gehören zu meinen Lieblingsautoren. In den letzten Jahren faszinierten mich Andrew Miller („Friedhof der Unschuldigen“) oder David Mitchell („Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“). Ich bin optimistisch, dass es mir an Lesestoff nicht mangeln wird. Auf Literatursendungen verzichte ich – ich nutze die Zeit, um ein gutes Buch zu lesen.

PS.: Nein; ich bin keine Autorin, die gerade ein Manuskript zurückbekommen hat. Ich schreibe weder Prosa noch Lyrik, denn dazu fehlt mir das Talent. Ich bin Historikerin.