Trafalgar 1805: England beherrscht fortan die Meere

1839 malte William Turner das berühmte Bild eines britischen Linienschiffes, das von einem Dampfer zum Abwracken geschleppt wird. Es ist die HMS Temeraire, die 1805 an der Seeschlacht von Trafalgar teilnahm. Der hölzerne Riese wurde von einem kleineren Dampfschiff gezogen. Die Zeit der Segelschiffe neigte sich dem Ende zu, dem Maschinenantrieb gehörte die Zukunft. Das englische Weltreich befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Die Seeschlacht von Trafalgar legte den Grundstein dazu. Am 21.Oktober 1805 besiegte die englische Flotte unter dem Kommando von Vizeadmiral Horatio Nelson ihre französischen und spanischen Gegner. Es war ein vollständiger Triumph: Frankreich und Spanien spielten als Konkurrenten auf den Weltmeeren fortan keine Rolle mehr.

Den Befehlshabern der drei Flotten wurde die Schlacht zum Verhängnis. Nelson starb noch am Nachmittag des 21. Oktober an den Folgen seiner Verwundung. Don Federico Carlos Gravina y Napoli, Vizeadmiral und Kommandeur des spanischen Geschwaders, konnte mit seinem Flaggschiff den Hafen von Cádiz erreichen. Eine britische Kugel hatte ihn schwer verletzt und im März 1806 erlag er seinen Verwundungen. Der französische Vizeadmiral Pierre de Villeneuve, der Oberbefehlshaber der französisch-spanischen Flotte, geriet am 21. Oktober 1805 in britische Gefangenschaft. Im März 1806 wurde er nach Frankreich entlassen. Villeneuve wollte Napoleon direkt über die Schlacht berichten und seinen Ruf in der Öffentlichkeit wieder herstellen. In einem Hotelzimmer in Rennes fand man ihn am 22. April 1806 tot auf. Bis heute ist nicht geklärt, ob er sich die Stichverletzungen in der Brust selbst beigebracht hatte, oder ob ein gedungener Mörder ihn aus dem Weg schaffte.

Napoleon plant eine Invasion in England

Im Jahr 1805 herrschte Krieg in Europa. Napoleon strebte die Vorherrschaft über den Kontinent an und plante eine Invasion in England. In Boulogne sammelte sich eine Armee, die zum Übersetzen bereit war.

Zu diesem Zweck sollte das Gros der britischen Marine durch ein Ablenkungsmanöver in die Karibik gelockt werden. Die französisch-spanische Flotte wäre dann wieder nach Europa zurückgekehrt, um im Kanal die Invasionsarmee an Bord zu nehmen. Der Plan war kühn und beruhte auf der Einsicht, dass die Engländer in einer offenen Seeschlacht nicht besiegt werden konnten. Deshalb kam es darauf an, ihre Streitkräfte zu teilen. Die britische Marine war die größte und schlagkräftigste ihrer Zeit; schätzungsweise 200 Linienschiffe (also Kriegsschiffe mit 64 bis 100 Kanonen und 500 bis 1000 Mann Besatzung) kreuzten auf mehreren Kriegsschauplätzen unter ihrer Flagge. Nur sie konnte England vor einer Invasion bewahren und die Verbindungswege zu den Kolonien aufrechterhalten. London versuchte deshalb, die gegnerischen Seestreitkräfte in ihren Häfen in Toulon, Cádiz, El Ferrol und Brest zu blockieren, eine Aufgabe, die neben der Konvoi-Sicherung und der Verteidigung der Stützpunkte in Übersee selbst die Kräfte der Royal Navy überstieg. Der Versuch, die feindlichen Stützpunkte abzuriegeln, wurde durch das Wetter erschwert. Nebel und Stürme begünstigten Franzosen und Spanier. Bei schwerer See mussten die britischen Schiffe größeren Abstand zur Küste halten, und wenn der Wind abgeflaut war, konnte ein entschiedener Kommandeur leicht die Gunst der Stunde nutzen und durch den Blockadering schlüpfen.

Dass Franzosen und Spanier einer Schlacht auswichen, hatte gute Gründe: Sie konnten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mit den Briten messen. Die Schiffe der Royal Navy standen ständig in See. Auch wenn sie mit zum Teil zwangsgepressten Matrosen, Landstreichern oder Gefängnisinsassen bemannt waren, so gelang es doch, kampfkräftige Besatzungen zu formen. An die Offiziere und Unteroffiziere wurden hohe Anforderungen gestellt. Seit dem 17. Jahrhundert hatte die Navy einige triumphale Siege errungen. So bildete sich eine Tradition heraus, die zu immer neuen Leistungen führte. Die „Wooden Walls of the Fleet“ waren der schärfste Trumpf im Kampf gegen Napoleon.

Bei Englands Gegnern stand die Marine nicht an oberster Stelle. Beide Nationen unterhielten große Flotten, und die Franzosen galten im 18. Jahrhundert als Angstgegner der Royal Navy. Während der Französischen Revolution quittierte ein Teil der Offiziere den Dienst und die Marine geriet in eine schwere Krise, von der sie sich nicht wieder erholte.

Desolat war auch der Zustand der spanischen Flotte. Ein strukturelles Problem bestand im Mangel an erfahrenen Seeleuten. Die gut qualifizierten Handelsschiffsmatrosen wurden teilweise für den Dienst auf den Konvois freigestellt, die den Warenverkehr zwischen den Kolonien und der Iberischen Halbinsel und damit das Überleben Spaniens sicherten. Am Ende des 18. Jahrhunderts sollte ein Übungsgeschwader für die nötige seemännische Praxis sorgen, doch aus Mangel an Geld blieben die Schiffe im Hafen. Die spanische Marine spielte deshalb die Rolle einer „fleet in being“. Sie verhielt sich defensiv und vermied Gefechte. Für die spanische Außenpolitik war sie dennoch wichtig, da sie aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke Madrid als Bündnispartner attraktiv machte.

Über den Atlantik und zurück

Am 30. März 1805 durchbrachen die Franzosen die britische Blockade vor Toulon zu. Vizeadmiral Nelson fürchtete eine größere Operation im östlichen Mittelmeer, aber sein Kontrahent Villeneuve lief durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik. Sechs spanische Linienschiffe unter dem Befehl von Vizeadmiral Gravina verstärkten die Flotte, die nun den Atlantik überquerte und Kurs auf die Karibik nahm.

Die Briten hatten mittlerweile die Verfolgung aufgenommen und trafen im Juni in Westindien ein, doch Villeneuve war schon wieder auf dem Weg nach Europa. Ein kleiner Segler der Royal Navy sollte so schnell wie möglich die Admiralität in England informieren und sichtete während der Überfahrt die französisch-spanische Flotte.

Lord Barham, der Erste Seelord, schickte aufgrund dieser Meldungen Verstärkungen für das Geschwader von Vizeadmiral Robert Calder, der die Marinebasis von El Ferrol in Spanien kontrollierte. Bei Kap Finisterre an der Westküste Galiziens im Nordwesten Spaniens kam es in den Abendstunden des 22. Juli 1805 zu einer Schlacht. Dank der geschickten Führung von Vizeadmiral Gravina konnte die britische Flotte ausmanövriert werden, aber zwei spanische Linienschiffe mussten die Segel streichen. Die hereinbrechende Nacht zwang die Gegner, das Feuer einzustellen.

Die Schlacht wurde am nächsten Tag nicht fortgesetzt. Calder ließ Villeneuve ziehen, was ihm schließlich die Karriere kosten sollte. Die französisch-spanische Flotte lief Vigo an der spanischen Atlantikküste an und segelte dann nach El Ferrol weiter. Von dort aus wollte Villeneuve auf Befehl Napoleons nach Norden, um sich mit einem französischen Geschwader im Kanal zu vereinigen. Als er von einem dänischen Kauffahrer erfuhr, dass eine große Flotte der Royal Navy in der Nähe sei (es handelte sich um eine britische Kriegslist, in Wirklichkeit waren es nur drei Schiffe), nahm er Kurs auf Cádiz an der südspanischen Atlantikküste. Die wenigen britischen Einheiten, die dort patrouillierten, wichen der Übermacht aus, und am 20. August 1805 machten die französischen und spanischen Kriegsschiffe in Cádiz fest.

Das Geschwader von Vizeadmiral Calder traf kurz darauf als Verstärkung ein, so dass Villeneuve in der Falle saß. Ende August 1805 war die Gefahr für England vorüber und die Ausgangslage vom Frühjahr wieder hergestellt: Die französisch-spanische Flotte lag im Hafen und wurde von den Briten blockiert. Beinahe wäre Napoleons Plan aufgegangen, aber die seemännische Tüchtigkeit der Royal Navy und der taktische Sieg bei Kap Finisterre machten einen Strich durch seine Pläne.

In der Falle: Die französisch-spanische Flotte in Cádiz

Vizeadmiral Nelson wollte nach zwei Jahren auf See als Befehlshaber des wichtigen Mittelmeergeschwaders einen Urlaub antreten. Sein Gesundheitszustand ließ zu wünschen übrig. Als die Nachricht eintraf, dass die französisch-spanische Flotte in Südspanien vor Anker gegangen war, verzichtete er und stach mit seinem Flaggschiff Victory von Portsmouth aus in See. Er sollte Robert Calder ablösen, den die Admiralität in England vor ein Kriegsgericht stellen wollte. Man warf Calder vor, die Schlacht von Finisterre nicht bis zur völligen Niederlage des Gegners fortgesetzt zu haben. Am 29. September traf Nelson vor Cádiz ein und übernahm das Kommando, während Calder sich auf den Weg nach England machen musste.

In Cádiz wuchsen mittlerweile die Spannungen. In den Kneipen des Hafenviertels kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den französischen und spanischen Matrosen. Lebensmittel oder Material erhielten die Franzosen nur gegen Bezahlung. Die Spanier waren empört über die Art und Weise, wie Villeneuve den Ausgang des Treffens bei Finisterre als französischen Sieg ausgab, während in Wirklichkeit nur spanische Einheiten im Kampf gestanden hatten. Den Verlust ihrer Linienschiffe führten sie auf mangelnde Unterstützung durch ihre Verbündeten zurück. Gravina wollte sein Kommando niederlegen, doch Spaniens erster Minister, Manuel Godoy, hielt den Herzog zurück. Auch Napoleon schätzte das Können des spanischen Flaggoffiziers und bedauerte, dass Villeneuve diese Fähigkeiten nicht besäße. Der Kaiser wies seinen Admiral in Südspanien an, nun ins Mittelmeer zu segeln und die österreichische Machtposition in Neapel anzugreifen. Als Villeneuve keine Anstalten machte, die Segel zu setzen, riss dem Monarchen die Geduld: Er entsandte Vizeadmiral Rosily nach Cádiz, um dort das Kommando zu übernehmen und Villeneuve abzulösen.

Die Gerüchte waren schneller als der neue kommandierende Admiral. Villeneuve, der in Cádiz miterleben musste, wie seine Autorität von Tag zu Tag schwand, zeigte nun eine Entschlusskraft, die er bis dahin hatte vermissen lassen. Am 8. Oktober 1805 verkündete er in einem Kriegsrat auf seinem Flaggschiff, dass die Flotte bald wieder die Anker lichten würde um die 9000 Soldaten, die ursprünglich in der Karibik englische Besitzungen verwüsten sollten und die immer noch an Bord waren, ins Mittelmeer zu transportieren. Villeneuve berief sich dabei auf einen Befehl Napoleons.

Die spanischen Offiziere lehnten das Vorhaben ab. Gravina machte deutlich, dass man den Briten trotz zahlenmäßiger Überlegenheit nicht gewachsen sei. Weder Franzosen noch Spanier könnten es mit den Briten aufnehmen. Die wenigen Wochen in Cádiz hätten nicht ausgereicht, um die Schäden an den Schiffen zu beseitigen. Außerdem würden die Herbststürme den Engländern auf Dauer mehr zu schaffen machen.

Über den Kriegsrat gibt es mehrere Berichte, aber in einem Punkt stimmen sie überein: Die ohnehin vorhandenen Spannungen eskalierten. Ein spanischer Kommodore konnte angeblich von Gravina nur mit Mühe davon abgehalten werden, einen französischen Konteradmiral zu fordern, der seinen Verbündeten Feigheit vorgeworfen hatte.

10 Tage später erfuhr Villeneuve, Rosily sei in Madrid angekommen und gab Befehl zum Auslaufen. Am 19. Oktober lichteten im Morgengrauen 33 Linienschiffe die Anker.

Die Schlacht

Nelson wartete mit 27 Linienschiffen auf seine Gegner. Seine Flotte operierte außer Sichtweite von Land. Als Aufklärer setzte er schnelle Fregatten ein. Sie meldeten ihm unverzüglich, dass die Franzosen und Spanier ausgelaufen wären. Zwei Tage später, am 21. Oktober 1805, kam es zur Schlacht.

Der englische Oberbefehlshaber hatte seit seiner neuen Befehlsübernahme deutlich gemacht, worum es ihm ging: Der Gegner sollte vernichtet werden. Seinen Plan hatte er schriftlich niedergelegt und seinen Kommandanten zukommen lassen:

„Ich habe mich entschlossen, dass die Anmarschformation gleichzeitig die Gefechtsformation sein soll. Die britische Flotte muss von der Absicht durchdrungen sein, die feindliche Linie niederzukämpfen, angefangen von den zwei oder drei Vorderleuten des Flaggschiffs, das wahrscheinlich in der Mitte stehen wird, bis zum Schlussschiff…“

Am Morgen des 21. Oktober 1805 hatte Villeneuve wenden lassen und versucht, wieder nach Cádiz zurückzukehren. Dadurch wurde seine Kiellinienformation durcheinander gebracht. Die schlecht ausgebildeten und unerfahrenen Besatzungen waren bei dem Manöver überfordert. Die französisch-spanische Flotte bildete einen leicht gekrümmten Bogen, auf den am Vormittag die Briten in zwei parallel laufenden Geschwadern, die von Nelson und seinem Stellvertreter Collingwood geführt wurden, in Kiellinie zuhielten. Der Aufmarsch entsprach den Plänen Nelsons und galt unter Marineoffizieren eher als theoretische Variante. Aber das seemännische Können der Briten und günstiger Wind machten es möglich. Die Royal Navy wollte in einem Winkel von 90 Grad die Formation der Franzosen und Spanier durchbrechen und dann die gegnerische Flotte in einen Kampf Schiff gegen Schiff verwickeln. Nelson war davon überzeugt, dass die Schlacht im Zentrum und der Nachhut gewonnen sei, ehe die Vorhut des Gegners wenden und in das Geschehen eingreifen könnte.

Gegen 11.30 Uhr fielen die ersten Schüsse. Franzosen und Spanier deckten zu Beginn mit ihren Breitseiten die englischen Schiffe ein, die das Feuer kaum erwidern konnten. Wären die französischen und spanischen Kanoniere besser ausgebildet gewesen, hätten sie schwere Schäden anrichten können. Nach 30 Minuten hatte die Marschkolonne unter Vizeadmiral Collingwood die gegnerischen Linien erreicht. Schiff für Schiff durchbrach die Formation der vereinigten Flotte, wobei die Angreifer nun wiederum mit einer ganzen Breitseite verheerende Treffer setzten. Der zweite Angriffskeil unter Nelson erreichte 20 Minuten später den Feind.

Die Schlacht entwickelte sich so, wie Nelson es erhofft hatte. Franzosen und Spanier wehrten sich verzweifelt, aber dem schnellen und konzentrierten Feuer der Briten konnten sie nichts entgegensetzen. Villeneuve signalisierte nun seiner Vorhut unter Konteradmiral Dumanoir, dem Zentrum zur Hilfe zu kommen, aber Dumanoir befolgte den Befehl viel zu spät.

Um 13.30 Uhr wurde Nelson von der Kugel eines französischen Scharfschützen tödlich getroffen und unter Deck gebracht. Zu diesem Zeitpunkt kämpften die meisten französischen und spanischen Schiffe gegen mehrere Gegner gleichzeitig. Die spanische „Santissima Trinidad“, damals das größte Kriegsschiff der Welt, war nur noch ein schwimmendes Wrack, und die Briten glaubten, es hätte die Flagge eingeholt. Als das Enterkommando an Bord kam, empfing sie ein spanischer Offizier und teilte den verdutzten Briten mit, das Schiff habe noch nicht kapituliert, man werde aber das Feuer einstellen, damit die Engländer sicher zurückkehren könnten. Kurz darauf waren die Verluste so hoch, dass die noch gefechtsfähigen Kanonen nicht mehr bedient werden konnten, und Konteradmiral Baltasar Hidalgo de Cisneros musste als Zeichen der Kapitulation seinen Degen überreichen. Ebenso erging es den meisten Linienschiffen der französisch-spanischen Flotte. Hohe Verluste und eine zerschossene Takelage führten dazu, dass sie hilflos in der Dünung trieben.

Als Nelson um 16.30 Uhr starb, hatten die Briten 16 Prisen gemacht (eine würde noch folgen) und einen vollständigen Sieg errungen. Zu den Gefangenen gehörte auch Vizeadmiral Villeneuve, dessen „Bucentaure“ vor der Übermacht kapitulieren musste. Don Federico Gravina hielt auf der „Príncipe de Asturias“ zeitweilig dem Feuer von vier Gegnern stand; sein Schiff hatte keine Masten mehr. Der Admiral war schwer verletzt und musste schließlich erkennen, dass die Schlacht verloren war, denn die französische Vorhut griff nicht ein. Am späten Nachmittag sammelte er einige noch verbliebene Schiffe und zog sich nach Cádiz zurück.

Gegen Abend frischte der Wind auf und entwickelte sich zum Sturm. Vizeadmiral Collingwood, der nun das Kommando führte, stand vor der Aufgabe, 17 Prisen und die eigenen, oft ebenfalls schwer getroffenen Schiffe nach Gibraltar zu bringen. Sein Flaggschiff besaß keine Masten mehr, so dass der britische Admiral auf eine Fregatte umstieg. Nelson hatte für den Fall eines Sturms angeordnet, näher an Land Anker zu werfen, aber der Zustand der Schiffe ließ dies nicht mehr zu. So blieb nur, auf See auszuweichen und das schlechte Wetter abzuwarten. Ihren Sieg konnten die Briten nicht feiern. Sie mussten alles tun, um ihre Schiffe zu retten. Die Bordwände waren durchlöchert; nur mit Notreparaturen und Pumpen konnte man die Schiffe vor dem Sinken bewahren. Oft musste eine Nottakelage angebracht werden. Die Kräfte der Sieger reichten nicht aus, um alle Prisen einzubringen. Nur vier eroberte Linienschiffe konnten gerettet werden; die übrigen gingen verloren. Gemäß der Devise Nelsons, nach einem Sieg Großmut walten zu lassen und die Besiegten menschlich zu behandeln, taten sie alles, um so viele Spanier und Franzosen wie möglich zu retten.

Sieben Tage kämpfte die Royal Navy gegen den Sturm, ehe sie in Gibraltar fest machen konnte. England hatte zur See keine Gegner mehr.

Trafalgar – ein britischer Mythos

Die Briten mussten ca. 400 Tote und 1200 Verwundete beklagen; ihre Gegner ungefähr 4500 Tote und ca. 2400 Verwundete.

Die Schlacht und sein Tod besiegelten endgültig Nelsons Ruhm. Danach wurde jeder englische Admiral an ihm gemessen. Seine Erfolge bei St. Vincent 1797, Abukir 1798, Kopenhagen 1801 und Trafalgar 1805 gelten als herausragende Siege der Seekriegsgeschichte. Schon zu Lebzeiten genoss er große Popularität. Als er im September 1805 wieder an Bord der Victory ging, waren Tausende von Menschen auf den Straßen von Portsmouth und bejubelten ihn wie einen Popstar des 20. Jahrhunderts.

Nelson revolutionierte die Seekriegstaktik im Segelschiff-Zeitalter. Im 17. und 18. Jahrhundert war es üblich, sich in Kiellinie ein Artillerieduell zu liefern. Der Admiral hielt nicht viel von den stundenlangen Kanonaden und betrachtete es als Ziel einer Seeschlacht, den Gegner entscheidend zu schlagen. Dies erforderte ein Offizierkorps, das selbständig handeln und entscheiden konnte. Für Nelson machte ein Kommandeur, der auf den Gegner zuhielt, keinen Fehler.

Admiral Gravina soll auf dem Sterbebett gemurmelt haben, er hoffe, im Himmel einen Helden wie Nelson wiederzusehen. Am 9. März 1806 verschied er. Die Briten widmeten ihm einen ehrenden Nachruf. Gravina war wohl der fähigste spanische Flaggoffizier seiner Zeit. Umfassend gebildet, hatte er auch mathematisch-astronomische Studien veröffentlicht. Die Briten lernten ihn schätzen, als ein englisch-spanisches Geschwader 1793 gemeinsam gegen die Franzosen kämpfte. 1804 vertrat er sein Land als Botschafter in Paris. Als der Krieg ausbrach, bat er wieder um ein Flottenkommando und brachte durch seine Tatkraft das spanische Geschwader schnell auf Kriegsstärke. Die strukturellen Defizite der spanischen Marine konnte auch ein militärischer Führer wie er nicht ausgleichen.

Ein bitteres Schicksal war dagegen Vizeadmiral Pierre de Villeneuve beschieden. In der französischen Öffentlichkeit wurde er für Trafalgar verantwortlich gemacht. Nach seinem Tod gab es keine Nekrologe, die seine Laufbahn würdigten.

War Villeneuve der richtige Mann, um die Flotte zu kommandieren? Schon 1798, als Nelson bei Abukir den Franzosen eine schwere Niederlage beibrachte, griff Villeneuve mit seiner Nachhut nicht in das Gefecht ein. Seine Entscheidung rettete Frankreich einige Linienschiffe und war in der Rückschau sicher richtig, denn am Ausgang der Schlacht hätte sein Eingreifen nichts geändert. Aber der Vorwurf der Unentschlossenheit und Feigheit stand seitdem im Raum. Napoleon hielt damals an ihm fest und förderte seine weitere Karriere.

Seine Führung im Juli und August 1805 ist oft kritisiert worden. Warum versuchte er nicht, in den Kanal einzudringen? Folgte er etwa Befehlen des französischen Marineministers, der von den Invasionsplänen wenig hielt? Und warum ordnete er am 18. Oktober 1805 die Ausfahrt der vereinigten Flotte an, obwohl er wusste, dass ein Nachfolger unterwegs war? Villeneuve wirkte wenig souverän in jenen Wochen. Er war ein guter ‚zweiter Mann‘ und ein tapferer Offizier, aber keine Führungspersönlichkeit wie Nelson. Ihm unterstand eine Flotte, die ihrem Gegner trotz zahlenmäßiger Übermacht kaum gefährlich werden konnte. Seine Dispositionen am 21. Oktober 1805 waren der Lage angemessen. Er hatte Nelsons Absicht erkannt und signalisierte seiner Vorhut, zu wenden und damit den Briten in den Rücken zu fallen. Was ein militärischer Führer an der Spitze einer unterlegenen Streitmacht leisten kann, das hat Villeneuve an diesem Tag getan.

Der Sieg bei Trafalgar legte den Grundstein für die Vorherrschaft der Briten zur See im 19. Jahrhundert. Als 1916 eine britische Flotte in der Nordsee auf die deutsche Marine traf, erwarteten die Engländer wieder einen überwältigenden Triumph. Doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht; Trafalgar sollte sich nicht wiederholen. Aber die Engländer zehrten fast mehr als ein Jahrhundert von jenem Nachmittag des 21. Oktober 1805.