Verriet die SPD 1918 die Novemberrevolution?

1969 legte der Publizist Sebastian Haffner (1907 bis 1998) ein Buch über die Rolle der Sozialdemokraten in der Novemberrevolution 1918 vor. Schon der Titel deutete an, dass Haffner hier ein schweres Geschütz auffuhr: „Der Verrat“.

Seit 1966 saß die SPD zum ersten Mal seit 1949 als Juniorpartner von CDU/CSU in der Bundesregierung. Insofern war die Veröffentlichung nicht ohne Brisanz; in der Partei gab es eine starke Opposition gegen die Zusammenarbeit mit den Unionsparteien.

1918, so Haffners These, hätte in Deutschland eine sozialdemokratische Revolution stattgefunden, und die Mehrheitssozialdemokraten hätten sie verraten. 1920 hätte sich in der Abwehr des rechtsradikalen Kappputsches noch einmal die Chance zu einer grundlegenden Demokratisierung ergeben, aber auch die sei von der Mehrheitssozialdemokratie vertan worden.

So hätte auch ein Mitglied des SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbundes) sprechen können. Aber Haffner war kein Marxist, sondern ein meinungsbildender Journalist aus dem bürgerlichen Lager.

1907 kam Haffner in Berlin als Raimund Pretzel zur Welt. Er studierte Jura und emigrierte 1938 nach England, wo er sich auch einbürgern ließ. Pretzel wechselte zum Journalismus und publizierte fortan unter dem Namen Sebastian Haffner. In den fünfziger Jahren kehrte er nach Berlin zurück.

Auch seine politischen Einstellungen änderten sich. In den fünfziger Jahren war er noch ein überzeugter Konservativer. Die „Spiegelaffäre“ im Jahr 1962 löste bei ihm einen Wandlungsprozess aus, der ihn nach links trieb, wobei unter „links“ kein sozialistischer Standpunkt verstanden werden soll.

Der renommierte Publizist mit bürgerlichem Habitus sympathisierte aus einer zeitweilig radikaldemokratischen Haltung mit der APO und protestierte gegen die Notstandsgesetze. In der Deutschlandpolitik plädierte er wie Teile der FDP für eine Anerkennung der DDR und der Oder/Neiße-Grenze.

Neben seinen journalistischen Arbeiten schrieb Haffner auch Bücher über zeitgeschichtliche Themen, beispielsweise eine Biografie über Winston Churchill. In den siebziger Jahren landete er mit seinen „Anmerkungen zu Hitler“ nicht nur einen Publikumserfolg und veröffentlichte 1980 „Bekenntnisse eines Wechselwählers“. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Haffner wieder etwas in die Mitte bewegt.

Aber zurück zur Revolution 1918/19: Härter konnte das Urteil über Ebert und Noske nicht ausfallen. Stilistisch brillant führte Haffner aus, dass es im November 1918 eine sozialdemokratische Revolution gegeben hätte, die dann von den Mehrheitssozialdemokraten niedergeschlagen worden sei.

Ähnlich hatte schon der kommunistische Historiker Arthur Rosenberg argumentiert, aber hier stand ein linksbürgerlicher Publizist, der mit der Wortgewalt eines Radikaldemokraten der deutschen Sozialdemokratie ein vernichtendes Zeugnis ausstellte. Da sprach kein Marxist, sondern ein bürgerlicher Demokrat, der sich über die Kleinbürger Ebert und Noske mokierte, die sich allzu leichtfertig auf ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung eingelassen hätten.

Für Haffner hatte die Mehrheitssozialdemokratie im November 1918 die Möglichkeit, den wilhelminischen Obrigkeitsstaat zu überwinden, aber sie nutzte diese historische Chance nicht. Stattdessen hätte sie aus Furcht vor einer angeblichen Machtübernahme der Linksradikalen die eigene Revolution verraten. Sebastian Haffner wirft der SPD nicht vor, den Aufbau des Sozialismus versäumt zu haben; nein, er macht sie dafür verantwortlich, dass die alten Eliten an der Macht bleiben konnten, auch wenn sie nun zeitweilig vom Hinterzimmer aus agieren mussten.

Kurt Eisner, ein Mitglied der USPD, der am 8. November 1918 Ministerpräsident einer bayerischen Landesregierung wurde, die sich auf die Arbeiter- und Soldatenräte stützte, verkörperte für Haffner diese sozialdemokratische Revolution. Und was verstand Haffner inhaltlich darunter? Die Räte – so der Publizist – hätten in erster Linie die Entmachtung der Beamten und Offiziere angestrebt:

„Die Arbeiter- und Soldatenräte als staatstragende Macht wie vorher Adel und Großbürgertum, eine wieder vereinigte sozialdemokratische Partei als Staatspartei und parlamentsunabhängige Dauerregierung wie vorher die Konservativen; und daneben, wie vorher, ein vom ganzen Volke, auch den nicht mehr herrschenden Klassen, frei gewähltes Parlament als Volksvertretung, Gesetzgebungs- und Kontrollorgan, mit vielleicht sogar gegenüber dem alten Reichstag erweiterten Rechten, aber ohne Allmacht: Das war die Verfassung, die die deutsche Revolution von 1918 überall anstrebte.“

Mal unterstellt, dass Haffner hier die politischen Vorstellungen der Räte richtig wiedergibt: Ein demokratisches Programm war das nicht. Eine sozialdemokratische Staatspartei amtiert als parteiunabhängige Dauerregierung; das Parlament hat Kontroll- und Gesetzgebungsrechte – wie soll die Volksvertretung da ihr Recht auf Opposition wahrnehmen? Demokratie bedeutet, dass die Regierung von einer Mehrheit in der Bevölkerung legitimiert wird und auch wieder abberufen werden kann.

Was wäre geschehen, hätte es im Parlament eine bürgerliche Mehrheit gegeben? Wer hätte entschieden, wer regiert, wer geherrscht?

Haffner war kein Historiker und wollte auch keiner sein. Noch Ende der sechziger Jahre unterstellte er „SPD-Historikern“, sie glaubten nach wie vor an die Alternative Räterepublik oder parlamentarische Demokratie, eine Darstellung des Forschungsstandes, die – zurückhaltend formuliert – etwas zu einfach ist.

Der Publizist quälte sich nicht mit der Frage, wie es eigentlich war, sondern urteilte aus der Position eines Moralisten. Die große Freiheitschance wurde laut Haffner vertan, weil der Kleinbürger Ebert sich nicht traute, das morsche Kaiserreich niederzureißen, weil er sich geschmeichelt fühlte, dass ihn Generäle und ehemalige Staatssekretäre hofierten; vor allem aber, weil Ebert ein Kleinbürger war, der Ruhe und Ordnung liebte. Ebert hatte seine Karriere als Mann des Parteiapparates gemacht; das war seine Welt, seine Stärke und seine Schwäche.

Ebert sei kein Nazi gewesen, so bilanziert Haffner, sondern hätte gegen die Revolution einen Groll gehegt, weil diese ihn zu einem Doppelspiel gezwungen hätte. Sein Ziel wäre stets jener Zustand gewesen, der im Oktober 1918 erreicht worden war, eben eine parlamentarische Monarchie. Wobei Sebastian Haffner übersieht, dass Ebert Republikaner war und eine Monarchie nur akzeptiert hätte, weil er vermutete, dass die meisten Deutschen keine Republik wollten.

Haffners Urteil fällt wohl auch deshalb so heftig aus, weil für ihn im Scheitern der Revolution schon die Wurzeln der nationalsozialistischen Diktatur liegen. In den rechten Freikorpsmännern sieht er frühe Nazis, eine Einstellung, die man teilen kann. Indem Ebert 1918 und nach dem Kappputsch sich dieser Kräfte bediente, trugen sie für Haffner die Mitverantwortung dafür, dass ein mörderisches System sich ab 1933 in Deutschland etablieren konnte.

In der Neuauflage gestand der Publizist ein, dass seine Urteile über Ebert und die Mehrheitssozialdemokraten zu hart gewesen wären. Aber an seiner Grundthese, die SPD hätte eine sozialdemokratische Revolution verraten und damit eine einmalige Chance vergeben, hielt er fest.

Es gibt Bücher, die beeindrucken, auch wenn die Argumentation des Autors nicht überzeugt. Haffners Geschichte der deutschen Revolution gehört dazu.