Napoleons Herrschaft der Hundert Tage

Der Begriff „Comeback“ ist in der Regel Künstlern und Politikern vorbehalten. Im Zeitalter der dynastischen Herrscher kam es selten vor, dass ein gestürzter Monarch auf den Thron zurückehrte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dies ein Mann schaffte, der nicht durch Geburt einen Kaisertitel erwarb. Die Rede ist von Napoleon I.

1804 krönte er sich zum Kaiser und baute in den nächsten Jahren die Vormachtstellung Frankreichs in Europa aus. Er war der erste Soldat seiner Zeit und modernisierte sein Land. Doch der Kaiser strebte nach einer uneingeschränkten Vorherrschaft in Europa und verpasste die Chance, einen Frieden zu schließen, der ihm Gelegenheit gegeben hätte, seine Macht zu konsolidieren.

1812 scheiterte sein Versuch, Russland zu schlagen. Napoleon hatte den Höhepunkt seiner Macht überschritten und musste sich schließlich 1814 einer gegnerischen Koalition, bestehend aus England, Russland, Österreich, Preußen und einigen anderen europäischen Staaten, geschlagen geben. Er durfte seinen Kaisertitel behalten und erhielt die Insel Elba als Fürstentum zugewiesen. In Frankreich wurde die 1792 gestürzte Dynastie der Bourbonen restauriert.

Da verbreitete sich Anfang März 1815 das Gerücht, Napoleon wäre mit einigen Getreuen in Südfrankreich gelandet. Die Nachricht gelangte nach Wien, wo die europäischen Mächte, unter anderem auch Frankreich, über die Nachkriegsordnung berieten. Hatten sich bis dahin Könige, Fürsten und ihre Minister eher amüsiert und zwischen einzelnen Affären strittige Fragen geregelt, so herrschte nun Katerstimmung. Das „Ungeheuer“ (so wurde der Kaiser in Wien genannt) kehrte auf die politische Bühne zurück.

Frankreich 1814: ein gespaltenes Land

Ludwig XVIII., der im April 1814 den französischen Thron bestieg, kam 1755 zur Welt. 1791 konnte er fliehen und verbrachte 23 Jahre im Exil. Erzogen in den Traditionen des aufgeklärten Absolutismus, hatte er wenig Verständnis für die Veränderungen, die sich seit 1789 in Frankreich vollzogen hatten. Auf Druck der Siegermächte gewährte er eine gemäßigt-liberale Verfassung.

Die Chancen auf eine geglückte Restauration standen im Frühsommer 1814 denoch nicht schlecht. Die Franzosen waren der ständigen Kriege müde. Auch die nicht wenigen Anhänger Napoleons mussten einräumen, dass der Korse den Krieg zu sehr geliebt hatte.

Ludwig XVIII. zählte immerhin nicht zum ultrareaktionären Teil der Emigranten. Doch ihm fehlte die Energie, die Ultras in seiner Umgebung zu zähmen. Bei der Auswahl seiner Minister bewies er wenig Geschick. Nach und nach wurden im Militär bewährte Männer, die Napoleon gedient hatten, durch Nachfolger ersetzt, die statt einer Offizierausbildung lediglich einen Stammbaum vorweisen konnten, der bis in das 12. Jahrhundert zurückreichte. Jahrelang hatten die Zeitungen über Siege der französischen Armee berichtet. Nun konnte man in den Gazetten lesen, dass der König sich nach dem Aufstehen „glücklich entleert“ hatte, um dann die Frühmesse zu besuchen.

In Frankreich wuchs die Unzufriedenheit mit dem Regime der Bourbonen. Napoleon beobachtete die Entwicklung von Elba aus genau. Ihm wurdem auch Gerüchte zugetragen, dass man in Wien ein neues Exil für ihn suchte. Er beschloss, die Initiative zu ergreifen. Am 1. März 1815 landete er in Südfrankreich.

Die „Hundert Tage“ beginnen

Was in den nächsten Tagen geschah, wirkt noch heute unglaublich. Ein Regiment unter der Führung eines entschiedenen Kommandeurs hätte diese „Invasion“ beenden können. Ludwig XVIII. entsandte Truppen und in Paris und Wien war man davon überzeugt, dass Napoleon bald in Gefangenschaft säße.

Am 7. März 1815 standen die Einheiten den Männern Napoleons gegenüber. In dieser Situation bewies der Korse seine geniale Intuition. Er trat vor die Soldaten, öffnete seinen Mantel, als stünde er vor einem Exekutionskommando und rief den Männern zu, dass hier ihr alter Kaiser und General sähen. Wer wolle, könne auf ihn schießen.

Nach einigen Sekunden senkte die erste Reihe des Infanterieregiments die Musketen. Jubel brach aus; Soldaten verbrüderten sich. Die königlichen Offiziere waren machtlos.

Der Bann war gebrochen. Der Marsch nach Paris glich einem Triumphzug und am 20. März bezog Napoleon wieder seine Zimmer im Kaiserpalast. Ludwig XVIII. saß zu diesem Zeitpunkt in einer Kutsche und ging erneut ins Exil.

In Wien waren sich alle Mächte einig, dass man eine Rückkehr des Kaisers nicht dulden würde. Der französische Außenminister Talleyrand gab Napoleon keine Chance und unterstützte die Bemühungen Russlands, Englands, Österreichs und Preußens, möglichst schnell in Frankreich einzumarschieren.

Napoleon ergriff die Initiative. Am 24. März 1815 verkündete er die Pressefreiheit und ließ eine liberale Verfassung ausarbeiten. Sie wurde in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit gebilligt, aber die Zahl der Stimmenthaltungen war ebenfalls groß. Frankreich blieb ein gespaltenes Land – die Hinwendung zum konstitutionellen Monarchen erschien vielen Franzosen nicht glaubwürdig.

Die Innenpolitik blieb für den Kaiser vorerst Nebensache. Er wusste, dass die Entscheidung auf dem Schlachtfeld fallen würde. In kurzer Zeit konnte eine Armee von 123 000 Mann aufgestellt werden. Seine Gegner waren zahlenmäßig stärker, aber Österreicher und Russen mussten ihre Truppen erst in Marsch setzen. Dagegen standen englische und preußische Verbände in Belgien. So fiel dem Herzog von Wellington, einem englischen General, und der preußischen Armee unter Feldmarschall Blücher die Aufgabe zu, sich mit Napoleon zu messen.

Ligny und Waterloo

Arthur Wellesley, 1. Herzog von Wellington, hatte sich in Indien und Spanien als General bewährt. Gegen Napoleon war er noch nie angetreten. Der „Duke“ machte keinen Hehl daraus, dass er Napoleon als Truppenführer schätzte. Sorge bereitete ihm die Zusammensetzung seiner Armee. Sie bestand aus englischen, deutschen und niederländischen Söldnern.

Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher hatte sich schon 1806 im Krieg gegen Frankreich ausgezeichnet. Seine Soldaten nannten in „Marschall Vorwärts“. Blücher war ein mutiger Soldat, aber kein großer Taktiker. Diese Aufgabe fiel dem Chef des Generalstabes seiner Armee, Generalleutnant von Gneisenau, zu.

Napoleon überschritt am 15. Juni die Grenze zu Belgien. Mit einem Gewaltmarsch schob er sich zwischen die Armeen Wellingtons und Blüchers. Der Kaiser wollte mit dem Gros seiner Truppen die Preußen besiegen, während Marschall Ney die Engländer daran hindern sollte, Blücher zu unterstützen.

Am 16. Juni 1815 griff Napoleon die zahlenmäßig überlegenen Preußen bei Ligny an. Am späten Nachmittag schienen die Franzosen ihr Ziel erreicht zu haben. Napoleon setzte seine Garde ein, um die Entscheidung zu erzwingen. Feldmarschall Blücher befahl einen Gegenangriff der preußischen Kavallerie. Er führte seine Schwadronen persönlich an; sein Pferd wurde erschossen und Blücher verwundet.

Diese Attacke machte Napoleons Pläne zunichte. Die Preußen waren geschlagen, aber sie zogen sich nicht in Richtung Deutschland zurück. Generalleutnant von Gneisenau gab noch auf dem Schlachtfeld den Befehl, nach Norden zu marschieren, wo man die Armee des Herzogs von Wellington vermutete. Er entsandte einen General in das Hauptquartier der Verbündeten und ließ Wellington ausrichten, dass die Preußen zu den Briten aufschließen wollten.

Wellington entschied sich daher, entlang der Straße von Charleroi seine Truppen aufzustellen, um Napoleon den Weg nach Brüssel zu versperren. Taktisch geschickt wählte er einen Höhenzug, der eine defensive Kampfführung ermöglichte. Sein Ziel bestand darin, möglichst lange die Franzosen aufzuhalten, in der Hoffnung, dass die Preußen ihm rechtzeitig zur Hilfe kämen.

Am 18. Juni 1815 war es soweit. Starke Regenfälle in der Nacht hatten das Gelände aufgeweicht. Napoleon musste bis 11.30 Uhr mit dem Befehl zum Angriff warten.

Die französische Artillerie eröffnete die Schlacht. Den Franzosen fehlten die Kräfte, um durch ein Flügelmanöver die Engänder in der Flanke zu fassen. Napoleon hatte einem Korps unter Marschall Grouchy den Befehl erteilt, die Preußen daran zu hindern, das Schlachtfeld zu erreichen.

Mehrere Stunden rannten die Franzosen gegen die britischen Linien an. Wellington musste mit ansehen, wie seine Armee allmählich ausblutete. Am späten Nachmittag gab er Befehl, einen Teil seiner Stellungen zu räumen und sich 100 Schritt nach hinten abzusetzen. Die Situation war so kritisch, dass nur eine Verkürzung der eigenen Linien noch helfen konnte.

Gegen 18.00 Uhr schien das britische Heer vor einer Niederlage zu stehen. Da wurde Wellington und Napoleon gemeldet, dass sich fremde Truppen dem Schlachtfeld näherten. Nach einigen Minuten wr klar, dass es sich um die Vorhut der Preußen handelte. Napoleon gab der „Jungen Garde“ Befehl, sich Blüchers Truppen in den Weg zu stellen. Gleichzeitig setzte er noch einmall alle verfügbaren Kräfte gegen Wellingtons Zentrums ein.

Die britische Armee strauchelte; gleich einem angeschlagenen Boxer hielt sie sich verzweifelt. Dagegen erschienen immer mehr preußische Truppen auf dem Schlachtfeld und warfen den rechten Flügel der Franzosen zurück. Napoleon schickte seine Garde nach vorn, eine Elitetruppe, die als Resrve für kritische Situationen gedacht war.

Diese Elitetruppe konnte das Blatt nicht mehr wenden. Die französische Schlachtordnung brach zusammen. Vor allem die Preußen stürzten sich mit einem fanatischen Hass auf den Feind. Angeblich soll Feldmarschall Blücher seinen Soldaten verboten haben, Pardon zu geben. Wellington hingegen verhielt sich ritterlicher.

Am späten Abend des 18. Juni 1815 ritt der Herzog von Wellington als Sieger über das Schlachtfeld. Napoleon hingegen war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Paris, wo er gegenüber einem Minister einräumte, dass er militärisch am Ende sei. Vier Tage später dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Die Alliierten setzten jedoch Ludwig XVIII. wieder auf den Thron.

Napoleon – ein konstitutioneller Monarch?

Napoleon wurde nach Sankt Helena im Südatlantik verbannt, wo er 1821 starb. So blieb er der Nachwelt in Erinnerung als ein genialer Soldat, der am Schluss an seiner Überheblichkeit scheiterte. Der Napoleon, der am 18. Juni 1815 von Wellington und Blücher besiegt wurde, war nicht mehr der Napoleon, der bei Marengo oder Austerlitz über seine Feinde triumphiert hatte. Mit einer – gemessen an seinen Glanzzeiten – mittelmäßigen Leistung brachte er die englische Armee an den Rand einer Niederlage. Ohne das rechtzeitige Eintreffen der Preußen wäre Wellington nicht als Sieger von Waterloo in die Geschichte eingegangen. Der Herzog hat später immer eingeräumt, dass Napoleon der größere Soldat gewesen sei.

Aber hätte ein Sieg bei Waterloo den Krieg für Napoleon entschieden? Gegen die gewaltige Übermacht, die ihm schon 1814 die Krone gekostet hatte, wäre der Kaiser auch 1815 chancenlos gewesen. Er galt als Emporkömmling, der sich nicht an Verträge hielt. Noch 1813 hätte der Korse einen ehrenvollen Frieden haben können, aber er lehnte das Angebot des östereichischen Außenministers mit den Worten ab, dass er nur an der Macht bliebe, wenn er Kriege gewänne. Eine Dynastie wie die Habsburger könnte Niederlagen überstehen, seine Herrschaft jedoch nicht.

Geschichte hat sich an Fakten zu orientieren. Aber spinnen wir den Faden einmal weiter, unterstellen wir, die europäischen Mächte hätten 1815 einen Kaiser Napoleon hingenommen. Hätte Napoleon mit dieser Rolle leben können? Einmal im Jahr die gewählte Kammer zu eröffnen, am Nationalfeiertag die Parade der Armee abzunehmen und ab und zu darüber zu entscheiden, wer in das Oberhaus berufen wird? Hätte ihn das ausgefüllt?

Wäre ein Mann, der in seinen besten Jahren ganz Europa in Atem hielt, mit der Rolle eines konstitutionellen Monarchen zufrieden gewesen? Hätte er nicht manchmal in seinem Arbeitszimmer an die Tage von Marengo, Austerlitz, Jena und Auerstedt gedacht, an Zeiten, in denen er über Europa herrschte? Napoleon konnte nur als Sieger oder Besiegter abtreten. Und selbst in der Niederlage wird noch seine Größe deutlich: Mehrere Großmächte mussten alle Kräfte aufbieten, um diesen Mann zu schlagen. Mancher Leser wird jetzt kritisch einwenden, ich würde einen Politiker glorifizieren, der viel Leid und Elend über Frankreich und seine Nachnarn brachte. Nein, das ist nicht mein Anliegen. Aber ich räume ein, dass er eine faszinierende Herrschergestalt war und hoffe gleichzeitig, dass es in Zukunft keine Napoleons mehr geben wird.