1914: Kein Wunder an der Marne

Manche sprachen nach dem Krieg vom „Wunder an der Marne“. Doch ein Wunder entschied nicht über den Ausgang der Schlacht. Beide Kriegsparteien wollten mit einer Offensive den Krieg entscheiden. Frankreich plante die Eroberung der 1871 an Deutschland verlorenen Gebiete, während Deutschland seine strategisch ungünstige Lage in einem Mehrfrontenkrieg durch einen schnellen Erfolg im Westen ausgleichen wollte.

Doch gab es für die deutsche Seite überhaupt eine Chance auf einen entscheidenden Sieg? Oder versäumten es die Franzosen, den deutschen Truppen eine entscheidende Niederlage beizubringen?

Der Schlieffenplan

Wenn von der Schlacht an der Marne die Rede ist, fällt auch der Begriff Schlieffenplan. General Graf Schlieffen, von 1891 bis 1906 Chef des preußischen Generalstabes, hatte in seiner Amtszeit mehrere Pläne für einen Zweifrontenkrieg entworfen. Sein Konzept sah vor, im Westen eine schnelle Entscheidung zu suchen. Schlieffen wollte das Gros des deutschen Heeres gegen Frankreich aufmarschieren lassen; im Osten sollte eine Armee Ostpreußen verteidigen.

Die deutsche Offensive sollte so ablaufen, dass der rechte Flügel der Deutschen die linke Flanke der Franzosen umging, um dann den Gegner im Rücken zu fassen und die französischen Armeen in Lothringen und im Elsass zu vernichten. Der Plan kalkulierte mit ein, dass deutsche Soldaten durch das neutrale Belgien marschierten. Die politischen Folgen dieser Neutralitätsverletzung spielten in den Überlegungen Schlieffens keine Rolle. Der General meinte 1904 zu Reichskanzler von Bülow, die Belgier würden es bei einem Protest belassen.

Schlieffen wollte nördlich von Brüssel über Flandern in Nordfrankreich einmarschieren und dann nach Süden schwenken. Zwischen dem rechten deutschen Umfassungsflügel und dem linken deutschen Flügel, der defensiv in Elsass-Lothringen hinhaltenden Widerstand zu leisten hatte, wären dann die französischen Truppen in die Zange genommen werden.

Die Militärs, die auf beiden Seiten in Generalstäben und an Kriegsakademien Aufmarsch- und Operationspläne ausarbeiteten, hatten in der Regel keinen Krieg in Europa erlebt. Seit 1871 herrschte Frieden auf dem Kontinent. Im preußischen Generalstab setzte man wie 1866 oder 1870 auf eine perfekte Organisation der Mobilmachung durch ein gut ausgebautes Eisenbahnsystem. Zusätzlich wurden die Operationsziele für jeden Tag festgelegt. Noch 1870 hatte der Generalstab lediglich den Aufmarsch geplant und dann die Eröffnung der Feindseligkeiten abgewartet. Graf Schlieffen glaubte, einen Feldzug auf Wochen hinaus planen zu können.

Deutschland bricht die belgische Neutralität

Anfang August sammelten sich von Aachen bis an die deutsch-schweizerische Grenze sieben deutsche Armeen. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem rechten Flügel, der unter Verletzung der belgischen Neutralität die Franzosen überflügeln sollte. Die 1., 2., und 3. Armee bildeten den Angriffsflügel. Die 4. und 5. Armee sollten im Mittelabschnitt vorrücken und die Franzosen nicht zur Ruhe kommen lassen. Die 6. und 7. Armee hatten die deutschen Linien in Lothringen und im Elsass zu verteidigen.

Mit dem Einmarsch in Belgien am 4. August 1914 nahm die Führung des Kaiserreiches bewusst den Bruch des Völkerrechts in Kauf. Die deutsche Armee benötigte Raum, um ihren Plan verwirklichen zu können. „Unser Vorgehen in Belgien ist gewiss brutal“, schrieb Generaloberst von Moltke, der Chef des Generalstabes am 5. August, „es handelt sich aber für uns um Leben und Sterben, und wer sich uns in den Weg stellt, muss die Folgen tragen.“

Zuerst standen die Deutschen vor der Aufgabe, den Festungsgürtel von Lüttich auszuschalten, der den Weg nach Nordfrankreich blockierte. In der zweiten Augustwoche fielen die Forts. Die 1. Armee unter Generaloberst von Kluck, die 2. Armee unter Generaloberst von Bülow und die 3. Armee von Generaloberst von Hausen begannen ihren Vormarsch. Das Königreich Belgien war mittlerweile an der Seite Frankreichs in den Krieg eingetreten. Die belgische Armee zog sich nach Antwerpen zurück. Schlieffen hatte noch damit gerechnet, dass das Land sich dem militärischen Druck Deutschlands beugen würde.

In Belgien sollte sich bald zeigen, dass nicht nur an der Front Krieg herrschte. Die Deutschen glaubten, dass belgische Partisanen sie aus dem Hinterhalt angreifen würden. Deutsche Truppenkommandeure ließen, wenn sie eine Stadt besetzten, öffentlich verkünden, dass die deutschen Armeen keinen Krieg gegen die Zivilbevölkerung führen wollten. Angriffe irregulärer Freischärler würde man aber mit Gewalt gegen Zivilisten beantworten.

In den ersten Wochen kam es zu zahlreichen Geiselerschießungen. Im Vergleich zu den Repressalien, die die Briten im Burenkrieg 1902 verübten, verhielten sich die Deutschen in Belgien keineswegs besonders grausam. Aber die Ausschreitungen der Truppe wurden zu einer Trumpfkarte im Propagandakrieg der Alliierten. Für die deutsche Führung hingegen stand der reibungslose Vormarsch im Vordergrund; jede zerstörte Brücke, jede blockierte Landstraße konnte das Ziel gefährden. Der Krieg enthemmte; das Gefühl, jederzeit aus dem Hinterhalt beschossen werden zu können, ließ Grenzen überschreiten. Ca. 3700 Zivilisten fielen den deutschen Vergeltungsmaßnahmen zum Opfer.

Die französische Offensive scheitert

Auch in Frankreich hatte sich vor dem Krieg der Offensivgedanke durchgesetzt. „Angriff bis zum Äußersten“ lautete das Motto. Generäle, die für eine Defensive plädierten und mit einem deutschen Angriff aus Richtung Belgien rechneten, fanden kein Gehör. 1914 zog die französische Armee mit dem Plan XVII in den Krieg und wollte sofort die Initiative übernehmen. Fünf Armeen sollten an der Grenze zu Deutschland aufmarschieren. Das wichtigste Ziel war die Eroberung der 1871 verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen.

Mitte August überschritten die 1. und die 2. französische Armee die Grenze zu Lothringen. Moltke hatte die deutschen Truppen, die diesen Abschnitt verteidigten, unter das Kommando von Kronprinz Rupprecht von Bayern gestellt. In den ersten vier Tagen leisten die Deutschen hinhaltenden Widerstand und zogen sich zurück. Kronprinz Rupprecht von Bayern drang jedoch bei Moltke darauf, den Rückzug abzubrechen und zum Gegenangriff anzutreten. Das war ein Bruch mit den ursprünglichen Planungen, die auf Graf Schlieffen zurückgingen. Im Generalstab erwog man Mitte August 1914, auch im Süden die Entscheidung zu suchen. Moltke verwarf diesen Gedanken wieder, doch er gestattete Prinz Rupprecht eine örtliche Gegenoffensive. Die 6. und 7. Armee gingen zum Angriff über und drängten die Franzosen zurück.

Auch an anderen Abschnitten der Front mussten sie zurückweichen. Der Kommandeur der französischen 5. Armee, General Lanrezac, die den linken französischen Flügel bildete, war beunruhigt über das, was er aus Belgien hörte. Er bat das französische Oberkommando, seine Linie nach links verlängern zu können, da er einen Angriff der Deutschen auf die Flanke seiner Truppen fürchtete. Joffre hielt das für ein Gerücht. Als die Deutschen am 19. August 1914 Brüssel einnahmen und die Grenze zu Nordfrankreich erreichten, zeichnete sich das Scheitern des Plans XVII ab. In Lothringen befanden sich die Franzosen auf dem Rückzug; im Norden drohte eine Umfassung. Nun wurde Nordfrankreich in den letzten zehn Tagen des Augusts zum Schlachtfeld zwischen den hereinströmenden deutschen Truppen und der 5. Armee, die nun die Aufgabe hatte, den Vormarsch der Invasoren zu verzögern.

Am 24. August 1914 musste General Joffre das Scheitern von Plan XVII einräumen. Er suchte nach Schuldigen und enthob eine Reihe von Frontkommandeuren ihres Kommandos. In der dritten Augustwoche erlitten die französischen Truppen überall Niederlagen. Ende August 1914 schien sich das Trauma von 1870 zu wiederholen: Die Deutschen drangen in Nordfrankreich ein. Eine feldgraue Lawine überschwemmte das Land. Die englischen Expeditionsstreitkräfte unter Marschall French, die das französische Heer verstärkt hatten, konnten nicht viel für ihre Verbündeten tun. Sollte das Kaiserreich den Krieg schon vor Weihnachten gewinnen können?

Die Schlacht an der Marne

Die Lage sah für die Deutschen besser aus, als die Siegesmeldungen es vermuten ließen. In der Obersten Heeresleitung, die mittlerweile in Koblenz ihr Hauptquartier bezogen hatte, beurteilte man die Situation skeptisch. Die deutschen Truppen hatten ihre Gegner mehrmals geschlagen, aber kaum Gefangene gemacht. Generaloberst Helmuth von Moltke, der Chef des Generalstabes, leitete die Operationen. Sein Onkel hatte während der sogenannten „Einigungskriege“ gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870 dem Generalstab vorgestanden und dessen legendären Ruf begründet. Hatte der ältere Moltke noch drei Armeen zu führen, so unterstanden seinem Neffen sieben Armeen. Dabei gewährte er den deutschen Feldkommandeuren entsprechend der Tradition der Auftragstaktik viel Freiraum. Auftragstaktik bedeutet, dass das Oberkommando die Ziele vorgibt und der Armeekommandeur dann vor Ort entscheidet, wie er dieses Ziel erreicht. Im Laufe des August 1914 wurde jedoch deutlich, dass es an einer Koordination auf dem rechten Angriffsflügel fehlte. Die 1. und 2. Armee stimmten ihre Marschbewegungen nicht miteinander ab. Doch Moltke war nicht der Mann, um energisch einzugreifen. Er führte den Krieg vom Schreibtisch aus – was grundsätzlich vom Chef des Generalstabes auch erwartet wurde.

Ende August 1914 standen die Deutschen vor Paris. Die französische Regierung verlegte ihren Sitz nach Bordeaux. General Joffre, Moltkes Gegner, bewies in dieser Situation Nervenstärke. Er befahl die Aufstellung neuer Armeen, der 6. und der 9., die sich bei der Hauptstadt sammeln sollten.

Auf deutscher Seite glaubte man, in der ersten Septemberwoche dem endgültigen Sieg nahe zu sein. Am weitesten war die 1. Armee vorgedrungen, die die Aufgabe hatte, am äußersten rechten Flügel das Einkreisungsmanöver anzuführen. Die Entscheidung des Armeeoberkommandos, Paris am 27. August östlich zu passieren, wurde von Moltke gebilligt. Damit bot die 1. Armee allerdings den neu aufgestellten französischen Truppen die Gelegenheit, sie in der Flanke anzugreifen. Kluck befahl deshalb seinen Truppen am 3. September, kehrt zu machen und in Richtung der französischen Hauptstadt zu marschieren, um die französische 6. Armee zu schlagen. Da er die 2. deutsche Armee nicht informierte, entstand zwischen 1. und 2. Armee eine Lücke, die Joffre nutzte. Die Franzosen griffen mit frischen Kräften an. Auch das britische Expeditionskorps unterstützte die Offensive.

In Koblenz besaß die Oberste Heeresleitung kein klares Bild von der Lage. Die Funkverbindungen waren unsicher. Die Meldungen, die von der Front eintrafen, ließen in den Augen Moltkes Schlimmes befürchten. Der Generaloberst entsandte Oberstleutnant Hensch, einen Generalstabsoffizier, der auf das Nachrichtenwesen spezialisiert war und der Moltkes Vertrauen genoss. Bis heute gibt es widersprüchliche Aussagen über den Auftrag, den der Offizier erhielt. Sollte Hensch nur die Oberste Heeresleitung über die Lage informieren oder auch Rückzugsbewegungen koordinieren?

Der Oberstleutnant suchte zuerst die 3. Armee auf, wo die Lage noch einigermaßen gefestigt schien. Im Hauptquartier der 2. Armee traf er auf einen pessimistischen Chef des Generalstabes der Armee und erfuhr, dass keine Verbindung mehr zur Armee Kluck bestand. Als er dort am nächsten Tag eintraf, fand er einen Armeestab vor, der die Lage dagegen positiv sah. Die. 1 Armee war dabei, ihrem französischen Gegner eine Niederlage zu bereiten. Dass die Lücke in der deutschen Front zwischen der 1. und der 2. Armee immer größer geworden war, nahm der Chef des Generalstabes der 1. Armee, General von Kuhl, nicht ernst. Kuhl war der Überzeugung, die Briten würden nicht schnell genug nachstoßen und die Oberste Heeresleitung müsse die Nerven haben, um das Risiko einzugehen. Hensch konnte Kuhl davon überzeugen, dass die Engländer bereits im Rücken seiner Armee standen und ein Rückzug nicht zu vermeiden war.

Die beiden deutschen Flügelarmeen gingen zurück. Der Plan, Frankreich in vierzig Tagen zu besiegen, war gescheitert.

Welche Bedeutung hatte die Schlacht für den Ausgang des Krieges?

Wenn über die Ereignisse in der ersten Septemberhälfte 1914 gesprochen wird, dann geht es aus deutscher Sicht meistens um die Suche nach dem Schuldigen. Mal steht Oberstleutnant Hensch am Pranger; mal die beiden Oberbefehlshaber der 1. und 2. Armee, von Kluck und von Bülow. Beide machten Fehler. Neben Kluck und Bülow muss man auch Moltke in den Kreis der Verantwortlichen miteinbeziehen. Der Chef der Obersten Heeresleitung hätte selber an die Front fahren müssen, statt einen Oberstleutnant mit einer missverständlichen Weisung zu entsenden.

Gesetzt den Fall, die 1. Armee hätte ihren Gegner schlagen können; gesetzt den Fall, den Franzosen und Engländern wäre es nicht gelungen, die Lücke zu vergrößern, um den deutschen Angriffsflügel abzuschneiden: Hätte das deutsche Heer die französischen Truppen einkreisen können? Wohl kaum. Das Problem der deutschen Strategie, die auf dem Schlieffenplan beruhte, lag darin, dass von Anfang die Kräfte fehlten, um einen vernichtenden Sieg über Frankreich zu erringen. Bei aller taktischen Überlegenheit der Deutschen – die französischen Armeen gingen zurück, aber sie wurden nicht vernichtet oder lösten sich auf. Die 1. Armee scheiterte trotz ihrer fast unmenschlichen Marschleistungen an der Aufgabe, ihre Gegner zu überflügeln. Mal konnte sich General Lanrezac der Umklammerung mit knapper Not entziehen; mal traten die britischen Expeditionsstreitkräfte übereilt den Rückzug an. Die deutschen Kräfte auf dem rechten Flügel waren nicht stark genug, um ihre Gegner zu vernichten.

Eine Voraussetzung für das Gelingen des Schlieffenplans, die Zerschlagung der linken französischen Flanke, konnte also nicht erreicht werden. Die französischen Armeen, die in Elsass-Lothringen und vor Verdun kämpften, waren noch intakt. Die Deutschen hatten ihre Angriffe geworfen und im Gegenzug Gelände gewonnen – mehr nicht. Wo also bestand eine Chance, mit einem Erfolg auf dem rechten Flügel den Krieg zu beenden? Historiker beschäftigen sich häufig mit den Ereignissen vor Paris und an der Marne. Aber die Front erstreckte sich auf beiden Seiten weit nach Süden, und dort winkte keiner Seite die Chance zum Durchbruch.

Der französische „Sieg“ Anfang September bestand lediglich darin, den deutschen Vormarsch zum Stillstand gebracht zu haben. In der zweiten Augusthälfte, als seine Offensive zusammengebrochen war, bewies Joffre einen kühlen Kopf. Er musste Zeit gewinnen, um zwei neue Armeen aufzubauen, und er musste die Engländer dazu bewegen, wieder in die Kämpfe einzugreifen. Moltke hingegen sollte in 40 Tagen mit unzureichenden Kräften einen Gegner vernichtend schlagen. Auch wenn er an der Marne die Führung des rechten deutschen Armeeflügels übernommen hätte; die deutschen Truppen waren erschöpft, die Nachschubwege überdehnt. Die Franzosen erholten sich von ihren Niederlagen und schöpften Anfang September 1914 wieder Mut. Einen wichtigen Beitrag leistete dazu der Kommandeur der 5. Armee, General Lanrezac, der am 5. September 1914 als „Bauernopfer“ entlassen worden war. Seine taktisch geschickte Führung zwischen dem 21. und dem 29. August 1914 verhinderte, dass die Deutschen ihre Gegner überflügeln konnten.

Was sich als untauglich erwies, das war der Schlieffenplan. Der „ältere Moltke“, der Onkel des deutschen Generalstabschefs im Jahr 1914, hatte 1866 und 1870 seine Operationsentwürfe auch nicht wie vorgesehen bis ins Detail umsetzen können. Aber die Kriegsschauplätze waren kleiner gewesen; die Zahl der beteiligten Soldaten geringer. Kritiker haben dem „jüngeren“ Moltke vorgeworfen, er hätte dem linken Flügel, also der Heeresgruppe des bayerischen Kronprinzen, nicht die Erlaubnis geben sollen, in Lothringen zum Angriff vorzugehen. Stattdessen hätte er Soldaten von dort abziehen und auf dem rechten Flügel einsetzen sollen.

Das Grundproblem der deutschen Strategie bestand darin, dass die deutschen Kräfte zu schwach waren. Schon Schlieffen musste einräumen, dass die nötigen Kräfte fehlten, um den Plan in die Tat umzusetzen. Zwar wurde die Friedensstärke der deutschen Streitkräfte vor 1914 erhöht, aber Frankreich führte die Wehrpflicht konsequenter durch als Deutschland. Im Kaiserreich fürchtete man, dass eine starke Heeresvermehrung zu einer „Demokratisierung“ des Offizierkorps hätte werden können. Söhne von Arbeitern oder einfachen Beamten war dieser Beruf versperrt, auch wenn sie die höhere Schule absolviert hatten. Die Wehrpflichtigen rekrutierten sich überwiegend aus der Landbevölkerung, weil man glaubte, dass Rekruten aus Industriegebieten mit der Sozialdemokratie sympathisieren könnten.

Der Historiker John Keegan hat dagegen die These aufgestellt, dass selbst eine größere deutsche Armee das von Schlieffen geplante Flügelmanöver nicht hätte ausführen können, weil es in Belgien und Nordfrankreich an geeigneten Vormarschstraßen fehlte. Der berühmte Schlieffenplan sei unbrauchbar gewesen.

Andere Historiker verweisen darauf, dass Moltke, der Nachfolger von Graf Schlieffen im Amt des preußischen Generalstabschefs, den ursprünglichen Plan abgeändert hätte: Der rechte Flügel sei im August 1914 nicht so stark gewesen, wie noch 1905 geplant. Das stimmt, aber der Grundfehler der deutschen Planungen lag in meinen Augen darin, dass man für ein Heer von knapp zwei Millionen Mann einen Plan aufstellte, der vorsah, in 40 Tagen Frankreich zu schlagen. Man könnte auch von einer militärischen Planwirtschaft sprechen. Doch die Stärke des deutschen Heeres lag gerade darin, dass das Offizierkorps zu selbstständigem Handeln im Rahmen eines vorgegebenen Ziels ausgebildet worden war.

So entstand ein Widerspruch zwischen den auf den Tag beinahe genau vorgegebenen Zielen des deutschen Feldzugplans und der operativen Schulung der Armeebefehlshaber. Alexander von Kluck, der Kommandeur der 1. Armee, versuchte, seine französischen und englischen Gegner in den Rücken zu fallen und nahm dabei wenig Rücksicht auf die 2. Armee. Was aus Sicht seiner Armee richtig sein mochte, schadete dem rechten deutschen Flügel, denn bei den anderen deutschen Armeen wusste man zeitweise nicht, wo Klucks Truppen standen. In den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs führten Millionenheere auf beiden Seiten einen Krieg mit Kommunikations- und Aufklärungsmitteln, die den Anforderungen eines Massenkriegs noch nicht gewachsen waren. Auf deutscher Seite wirkte sich das gravierender aus als bei den Franzosen, die auf der inneren Linie kürzere Distanzen zu bewältigen hatten.

Auf französischer Seite gab es ebenfalls Stimmen, die mit dem Ausgang der Schlacht an der Marne nicht zufrieden waren. General Berthelot, der französische Operationschef, wollte Anfang September 1914 eine Vernichtungsschlacht schlagen. Zwischen Paris und Verdun drängten deutsche Armeen nach Süden. Für Berthelot kam es nun darauf an, Nerven zu bewahren. Er wollte die deutschen Truppen weiter in Richtung Süden vorstoßen lassen, um dann von den beiden Endpunkten her – Paris und Verdun – die Deutschen einkesseln. Dem Militärgouverneur von Paris, General Gallieni, warf er später vor, Joffre zum Angriff an der Marne gedrängt zu haben. Für einen sicheren örtlichen Sieg hätte man eine strategische Chance verpasst.

Hätte, wäre, wenn – Gedankenspiele, die nach dem Krieg die beteiligten Generäle und Hitler immer wieder beschäftigten. Gerade die Schlacht an der Marne scheint zu dazu Anlass zu geben.

Es gab kein Wunder an der Marne. Die Franzosen sind nicht mit viel Glück einer Niederlage entgangen, weil die Deutschen nie dem angestrebten Triumph nahe waren. Beide Armeen blieben sich an Tapferkeit nichts schuldig. Die Deutschen hielten in der hochsommerlichen Hitze vier Wochen lang ein Marschtempo durch, das in der Kriegsgeschichte seinesgleichen sucht. Im Gefecht bewiesen sie oft taktisches Geschick und reagierten flexible auf neue Situationen. Bei den Franzosen sticht hervor, dass sie auch nach den ersten Niederlagen nicht aufgaben.

Der Publizist Sebastian Haffner hat die Schlacht an der Marne zutreffend die „Schlacht der Generäle“ genannt. Nicht der deutsche Soldat sei an der Marne besiegt worden, sondern der deutsche Generalstab. Joffre musste zwischen Mitte August und Mitte September die Niederlage seiner Armeen verhindern, und dies gelang ihm. Damit durchkreuzte er das deutsche Konzept eines schnellen Sieges im Westen und zwang das Reich in einen verlustreichen Mehrfrontenkrieg. Vielleicht wurde auf beiden Seiten so oft vom „Wunder an der Marne“ gesprochen, um die Fehler und Versäumnisse der deutschen und französischen Generalität zu vertuschen.

In der zweiten Jahreshälfte 1914 endete der Bewegungskrieg im Westen. Die Soldaten verschanzten sich in Schützengräben. Vier Jahre Stellungskrieg sollten folgen. Wenige Kilometer Bodengewinn kosteten oft Tausenden von Menschen das Leben. Im März 1918 gelang es dem deutschen Heer, die englischen und französischen Stellungen zu durchbrechen. Deutsche Kavalleriespitzen tränkten wieder ihre Pferde in der Marne. Aber auch diesmal waren alle Erfolge vergebens: Franzosen, Engländer und Amerikaner konnten das deutsche Heer zurückdrängen; im November 1918 musste Deutschland um Waffenstillstand bitten.

Das deutsche Heer 1914 bewies in den ersten sechs Wochen des Krieges, wozu es fähig war. Doch Mut, Willensstärke und taktisches Geschick reichen nicht aus, wenn die Politik den Soldaten Aufgaben stellt, die sie nicht erfüllen können.